Donnerstag, 29. September 2016

Wann wird ein Engel kühn durch Wolken dringen?

Erzengel Michael - Straßburg, St. Pierre Vieux
DER ENGEL・ADVENT
Wann wird ein Engel kühn durch Wolken dringen,
Die auf die Erde todesträchtig hangen,
Und wird den Dämon, dessen Frist vergangen,
Vor dem gestürzten Throne niederzwingen?
Denn nur ein Engel wird das Reich erringen,
Den Abgrund schließen und das Recht erlangen.
Er wird die neue Herrlichkeit empfangen
Und sie bewachen mit erglühten Schwingen.
Wann sind die Herzen rein? Wann wird das Feuer,
In dem das Kreuz des Siegers strahlend steht,
Die Gier verbrennen, die verwirkte Macht?
Der Himmel wogt und neigt sich ungeheuer,
Ob sich ein Volk verwandle im Gebet
Und ihm zum Zeichen werde in der Nacht.
Reinhold Schneider
"Der Himmel wogt und neigt sich ungeheuer" ... als stockte dem Leser bei diesen Zeilen nicht bereits der Atem, bricht das Bild zu weiterer Steigerung auf: Im Wogen und Neigen wartet der Himmel zu, ob "sich ein Volk verwandle im Gebet" und so "zum Zeichen werde in der Nacht" - wohlgemerkt: nicht der Himmel ist das Zeichen, sondern das Volk: das im Gebet verwandelte Volk.

Und doch gilt: Nur "ein Engel wird das Reich erringen", wird "den Abgrund schließen", wird "die neue Herrlichkeit empfangen", wird also den Morgen des Gottesreiches heraufziehen sehen ... und wird dieses Gottesreich bewachen mit "erglühten Schwingen" - und das Glühen, das legen Schneiders Verse nahe, wird von jenem "Feuer" rühren, "in dem das Kreuz des Siegers strahlend steht" - das Triumphzeichen des zum Kyrios erhobenen Christus. Es ist das Feuer, welches aus der Erde zum Himmel durch das Holz dieses Kreuzes empor loht, und das bereits, wie uns der hl. Klemens von Alexandreia nahelegt, im brennenden Dornbusch und in der Feuersäule des Alten Bundes vorgebildet war.

Es ist das Feuer, das die Herzen durchglüht, damit sie rein würden. Doch kann dies nur geschehen im Volk, das, durch das Gebet verwandelt, dem Himmel zum Zeichen wird: zum Zeichen der Bereitschaft für Gottes Königtum, sein Recht, seine Gerechtigkeit. Der Kampf des Engels findet nicht sein Ziel, wenn wir in uns selbst - mit dem Engel an unserer Seite - das Böse nicht nach Kräften niederringen. Das Reich Gottes wird nicht errungen. solange wir dem Bösen in uns Raum geben und solange wir leichtfertig den Abgrund offen stehen lassen, aus dem das Böse in uns und durch uns in die Welt heraufkriechen kann.

Wann wird ein Engel, wann wird der Engel kühn durch Wolken dringen?

Sancte Michaele Archangele, defende nos in prælio - verteidige uns im Angesicht des Bösen in diesem Aion ebenso mächtig, wie im Angesicht des Bösen in den Abgründen unserer versehrten Seelen ... und laß uns zum Zeichen werden für Gottes Reich!

Reinhold Schneider: Die Sonette von Leben und Zeit, dem Glauben und der Geschichte. Köln und Olten 1954. S. 121. Bild: Der hl. Erzengel Michael. Glasfenster im Chor der Église Saint-Pierre-le-Vieux zu Straßburg.

Dienstag, 27. September 2016

Gedenkblatt

Zum 130. Geburtstag von Odo Casel OSB -
Mystagogus et Pater
 - 
Nicht die Wissenschaft und nicht die Weisheit,
nicht Sophia und Mysteriengnosis, wohl aber die Kreuzesagape
schenkt uns in Christus den vollkommenen Spiegel des Vaters
und damit das Unterpfand, daß wir schon jetzt im Glauben
den Vater schauen und einst die ewige Agape
von Angesicht zu Angesicht schauen dürfen.
Wir würden es nicht glauben,
wenn nicht Christus selbst uns Kunde davon gebracht hätte.
Da wir Spiegelbilder Gottes sind, sind wir auch dazu berufen,
Gott selbst in uns vollkommen abzuspiegeln.
Notwendig ist aber, daß unser Spiegel aus sich leer ist,
damit das wahre Bild sich uns schenke, in uns eindringe,
und daß anderseits unsere Seele nicht schon von anderen falschen Bildern,
vor allem nicht von denen des Bösen
oder des isolierten eigenen Ich, erfüllt ist.
Odo Casel OSB: Vom Spiegel als Symbol. Aus nachgelassenen Schriften zusammengestellt von Julia Platz. Maria Laach 1961. S. 43.

Montag, 26. September 2016

Vom Bruder-Klausen-Fest

Noch einige gestern im Flüeli gesammelte Eindrücke ...

Flüeli - Ranft - Wegweiser
Flüeli - Blick in den Ranft
Flüeli - Ranft - Untere Ranftkapelle
Flüeli - Ranft - Katze am Weg

Sonntag, 25. September 2016

Nachprimiz von P. Gregor Pal FSSP ...

... am Fest des hl. Bruders Klaus in der Wallfahrtskirche Melchtal - das Gnadenbild Unserer Lieben Frau stand ursprünglich in einer Kapelle, welche die Obwaldener für den Heiligen errichtet hatten:



Donnerstag, 15. September 2016

Sententiæ CXVI

... Man müßte auch einmal den 'jugendbewegten' Begriff von "Einfachheit" und "Armut" rücksichtslos unter die Lupe nehmen - als welcher mir immer komplexer und mehrdeutiger erscheinen will, seltsam gemischt aus sehr lauteren und sehr fragwürdigen Motiven:
Was steckt da nicht alles drin! Echte "franziskanische" Ergriffenheit; - pures proletarisch-marxistisches Ressentiment gegen Besitz und Genuß - der anderen; gegen einen Lebensstil, der einem selbst unerreichbar ist, also schlicht saure Trauben; echter Wille zur Einfachheit aus vornehmer Ablehnung bourgeoiser Protzigkeit und Spießigkeit; ebenso spießige, ja barbarische "Flucht ins Primitive" im Spenglerschen Sinn, weil aus Kulturfremdheit und Kleinzügigkeit die Anstrengung von Besitz und Repräsentation gescheut wird; sehr viel Puritanismus und schlechtes Gewissen; sehr viel bequeme Bohème-Pose, in welcher es leichter ist, apart, originell, revolutionär und dergleichen zu wirken als in der Anpassung an die eigenen Umwelten; katholische "Sühne"-Einstellung - und vermutlich noch einiges mehr.
Ida Friederike Görres: Nocturnen (1949)

Die auch von diesem toten Leib ihre Liebe nicht lösen konnte - Gedächtnis der Sieben Schmerzen Unserer Lieben Frau

Schmerzhafte Gottesmutter - Mater dolorosa - Glasfenster in St. Peter und Paul, Waltershofen
"Simeon segnete sie und sagte zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und zur Auferstehung vieler in Israel und zum Zeichen, dem widersprochen wird. Und auch deine Seele wird ein Schmerz durchdringen - damit aus vielen Herzen die Gedanken offenbar werden" (Lk 2, 34 f.).
Dem lichten Bild, das in herrlicher Weise die zukünftige Größe des Kindes gezeigt hat, wird hier ein dunkler Schatten eingezeichnet. Die Erlösung und ihre Annahme vollzieht sich nicht geradlinig, sondern über das Kreuz; der Glaube hat stets neben sich den Unglauben; das Heil bedingt auch die Möglichkeit des Ärgernisses, und die Gnade kann zum Gericht werden ...
Der hl. Bernhard sagt, Maria habe unter dem Kreuze noch gelitten, als ihr Sohn schon ausgelitten hatte, weil der Speer seine Seele nicht mehr erreichen konnte, da sie bereits den Leib verlassen hatte, wohl aber noch die ihre durchbohrte, die auch von diesem toten Leib ihre Liebe nicht lösen konnte. So wird man im Hinblick auf das in dieser Stunde in die Seele Mariens gesenkte Wort sagen dürfen, daß damit in ihrem Herzen auch schon das Kreuz Wurzel schlug und zu wachsen begann, noch bevor die Menschheit Christi es zu erdulden hatte. Das Wort zeigt, wie eng die Mutter mit dem Erlöserschicksal ihres Sohnes verbunden ist von Anfang an.
Eugen Walter: Maria - Mutter der Glaubenden. Freiburg (2) 1957. S. 66 f. - Bild: Schmerzensreiche Gottesmutter; Darstellung in einem Fenster der Kirche St. Peter und Paul zu Freiburg-Waltershofen.

Mittwoch, 14. September 2016

Heiliges Feuer im Holz des Kreuzes - zum Fest Kreuzerhöhung


Jenes Feuer, das 
einer Säule glich, und das Feuer, das durch den Dornstrauch schlug,
ist ein Symbol heiligen Feuers,
das aus der Erde schlägt und wieder zum Himmel emporloht
durch das Holz hindurch,
durch das uns das geistige Sehen geschenkt worden ist.

(St. Klemens von Alexandreia, Stromateis I 164, 4)



Bild: Nach romanischem Vorbild gestaltetes Triumphkreuz in der Pfarrkirche St, Gallus zu Merzhausen.

Dienstag, 13. September 2016

Tagessplitter

Die homiletisch beliebte Frage, was ein bestimmtes Fest "uns heute noch sagen kann" oder "für uns heute bedeutet" (zuweilen das Einfallstor für allerhand, sagen wir's mal nett: un-orthodoxe Um-Deutungen), stellt sich natürlich auch mit Blick auf das gestrige Fest Mariä Namen und dessen historischer Veranlassung - 333 Jahre nach der Schlacht am Kahlenberg, welche unter Anrufung Unserer Lieben Frauen Namen die Zweite Wiener Türkenbelagerung beendete ... und nein: die Antwort lautet zuerst einmal nicht, auch heute möglichst konsequent jenen Islam wieder loszuwerden, der sich in Europa zunehmend breit macht.

Gewiß, dessen Ausbreitung ist nicht zu unterschätzen! Erinnert sei in diesem Zusammenhang etwa nur an Tayyip Erdoğan, der, von der Muse des Dichters Ziya Gökalp geküsst, sich bekanntlich so vernehmen ließ: "Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten" ... ok, das war 1998 und damit schon eine Weile her; aber Hand auf's Herz: glaubt wirklich jemand, dieser zweifelsohne lupenreine Demokrat sieht das heute wesentlich anders?

Das sollte man im Hinterkopf behalten und allzeit wehrhaft sein. Im Blick auf die Frage, was uns das Mariä-Namen-Fest heute angeht, existiert aber eine all dem vorausliegende Antwort: Es gilt, sich auch die geistige und geistliche Haltung zu erobern, die den Sieg vom 12. September 1683 errungen hat: Maria hilf!

Montag, 12. September 2016

Maria heißt ihr Name

Auf ihrem Haupt trägt sie ein Kron
Von Gold und Edelsteinen,
Von Silber ist gemacht ihr Thron,
Auf dem thut sie erscheinen,
Jesus, der wahre Gottessohn
In ihren Armen wohnet,
Die Seel, die ihm und ihr thut schön,
Bleibt wohl nicht unbelohnet.
An ihr ist nichts denn Heiligkeit
Und majestätisch Leben,
Ganz englisch ist ihr Reinigkeit,
Demüthig doch darneben,
Ihr Ursprung ist sehr adelig,
Von königlichem Stamme,
Ich darf sie nennen öffentlich,
Maria heißt ihr Name.
 Verse aus Des Knaben Wunderhorn auf ein Gnadenbild Unserer Lieben Frau, Verse 3 und 4 (Procopii Mariale Festivale I, S. 9). Bild: Madonna in der Pfarrkirche St. Leodegar zu Schliengen im Markgräflerland.

 Madonna - Schliengen, Pfa

Samstag, 10. September 2016

Sententiæ CXV

... Seit den Tagen Gregors I., also seit dem 6. Jahrhundert, ist in dem Kanon der heiligen Messe auch nicht ein Wort geändert worden, und es wird auch in der Zukunft so leicht keines geändert werden. Bei der liturgisch gebildeten Persönlichkeit finden wir konservative Gesinnung und Pietät gegenüber der Überlieferung, dem von den Vätern Überkommenen. Deshalb ist die Tendenz der Liturgie aber keine reaktionäre. Im Gegenteil, sie liebt den Fortschritt; aber nicht den stoßweise arbeitenden, den sich überstürzenden, den revolutionären ...
Albert Hammenstede OSB: Die Liturgie als Erlebnis (Ecclesia Orans Band 3, 1919)

Donnerstag, 8. September 2016

Weil wie der Morgenthau heut aufgeht unsre liebe Frau

 Mariä Geburt - Glasfenster (Detail) im Rahmen der Biblia Pauperum, Münster zu Straßburg 
Gleich wie die lieb Waldvögelein
Mit ihren Stimmen groß und klein
Früh morgens lieblich singen,
Sobald anbricht die Morgenröth,
Wenn's purpurfarb am Himmel steht,
In Berg und Thal sie klingen.
Also, ihr Menschen, kommt herbei,
Laßt hören eure Melodei,
Das Kindelein zu grüßen.
Heut fröhlich sein Geburtstag fällt,
Sanct Anna bringt es auf die Welt,
Es lasset euch genießen.
Die Morgenröth so kühl und naß.
Die schönen Blumen, Laub und Gras
Sich alle freundlich neigen,
Weil dieses Kind mit Gütigkeit
Erquicket ihre Mattigkeit,
Sie ihren Dank so zeigen.
Also, weil wie der Morgenthau,
Heut aufgeht unsre liebe Frau
Zum Trost der armen Seelen,
In Demuth grüß sie jedermann,
Denn sie ist's, die uns trösten kann
In aller Trauer Quälen.
Verse aus Des Knaben Wunderhorn, Der Maria Geburt (Procopii Mariale Festivale I, S. 228). Bild: Mariä Geburt - Szene aus dem Biblia pauperum-Zyklus, Glasfenster im Münster zu Straßburg.

Montag, 5. September 2016

Gütig gegen die Kranken

 hl. Leontius - Klosterkirche Muri 
Bei einem Abstecher nach Muri in der Schweiz las ich am Wochenende vom bevorstehenden Fest des hl. Martyrers Leontius, das heute dort gefeiert wird; 1647 wurden dessen Reliquien aus den Katakomben Roms in die (zwischenzeitlich ehemalige) Abtei überführt. Leontius sei ein Arzt gewesen, "gütig gegen die Kranken" und "voll Teilnahme gegen Leidende", ein "Helfer der gesegneten Mütter" und ein "geistlicher Arzt" - so rief man ihn einst in einer alten Litanei an. Groß ist Gott in seinen Heiligen! Daran erinnert auch eine barocke Lob-Red zu Ehren des heil. Mart. Leontius, die ihm am Ende die folgenden Worte in den Mund legt:
Die größte Freud ist mir in Himmel, und auf Erden, daß zu eurem vollständigen Heyl mich allher gesendet hat jener GOTT, dessen freygebigste Hand nicht abgekürtzet, dessen Willen unveränderlich, dessen Verheissungen getreu, dessen Lieb unendlich, dessen Krafft Allmächtig, dessen Barmhertzigkeit, und Freygebigkeit allezeit bereit ist, noch andere vil hundert Jahr bis zu End der Welt euch durch meine beständige Vorbitt vollständig zu beglücken. Und das verspriche ich auch im Nahmen jenes Gottes, qui vivit & regnat in sæcula sæculorum. Amen.
Die Fürsprache des hl. Leontius schenke uns Heilung an Seele und Leib ... ora pro nobis!
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Bild: Der hl. Leontius - Fresko von Francesco Antonio Giorgioli in der Klosterkirche Muri.