Freitag, 24. Juni 2016

Wege ebnen - trotz der Wüste

 der hl. Johannes der Täufer - Wallfahrtskapelle auf dem Giersberg bei Kirchzarten 
Ein Bild Jesajas wird Fleisch und Blut zu Beginn des Euangelion nach Markus: Die Stimme, die aus dem Alten Bund ruft, man solle in der Wüste eine Straße bahnen für den Herrn und "in der Steppe einen ebenen Weg für unseren Gott" (Jes 40, 3) - diese Stimme hat einen Namen: Johannes.
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Der Täufer, dessen Name nach seiner Geburt zuerst das Schweigen des zweifelnden Vaters Zacharias löste (vgl. Lk 1, 18 ff.), um dann das Schweigen des Todes über der Schöpfung zu beenden: "Stimme eines Rufenden in der Wüste: Bereitet den Weg des Kyrios; gerade macht seine Straßen!" (Mk 1, 2) - die Verheißung beginnt sich zu erfüllen, der Logos Gottes ist nahe, sein Pneuma wird in den Erdkreis niederfahren, damit die Königsherrschaft Gottes, am Kreuz besiegelt, in der Auferstehung sichtbar geworden, in der Erhöhung des Kyrios bekräftigt - damit dieses Reich Gottes nun in unseren Herzen und unter unseren Händen wachse:
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Bereitet den Weg!
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Der Ruf des Täufers hat also nichts an Aktualität verloren. Er richtete sich nicht nur an die Zeitgenossen Jesu, sondern er steht heute als (Auf-) Forderung über uns. Und wenn wir zuweilen an der Welt oder auch an unserem Glauben verzweifeln, weil wir uns der Verheißung Gottes so unsagbar fern fühlen, weil diese Welt, weil diese Zeit der Verheißung Gottes so unsagbar fern scheint, so erinnert uns die Schrift daran, an welchem Ort der Ruf ergangenen ist: In der Wüste. Im Unwirtlichen - dort lassen sich keine Prachtstraßen anlegen, in deren Glanz wir uns sonnen könnten und die Zeugnis gäben von unserem Einsatz, auf daß wir uns und unsere Mühen schon jetzt und hier bestätigt glauben könnten. Wege ebnen in der Wüste und Straßen gerade machen - so lautet die Aufforderung ... Kärrnerarbeit, schwer und oft wenig befriedigend. Mit Glanz füllen wird sie einmal derjenige, dem wir all dies bereiten sollen.
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Die Predigt des Täufers ermanne uns, wenn wir kleingläubig werden, seine Fürsprache helfe uns am Fest seiner Geburt heute: ora pro nobis!
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Bild: Der hl. Johannes der Täufer - Wallfahrtskapelle Unserer Lieben Frau auf dem Giersberg bei Kirchzarten im Dreisamtal.

Dienstag, 7. Juni 2016

Tagessplitter - Radaufrömmigkeit

Was mir zuweilen auf den Senkel geht: Eine gewisse, und nun muss man tief in die euphemistische Begriffskiste langen, "Diskussionskultur" unter Katholiken einerseits und das Gejammere darüber andererseits. Soziale Netzwerke sind nicht unbedingt ein Ruheplatz ziselierter Argumente, sondern eher Arenen, in denen man auch heute noch kraftvoll zuschlagen kann (oder es zumindest zu können glaubt): Ausfluchtsorte, Ausfalltore für all den Frust, den man anderweitig und andernorts nicht loszuwerden vermag (oder sich nicht loszuwerden traut).
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Schwierig wirds, wenn ein unter radaufrommen Katholiken aktuell sehr beliebtes Geschäft betrieben wird: dem Gegenüber abzusprechen, "katholisch" zu sein. Machen wir's kurz: Wenn es jemanden gibt, der das als "Tatbestand" mit Fug und Recht allein feststellen kann, dann ist es die Kirche, nicht aber Lieschen Müller per Fratzbuchkommentar. Daran ändert auch unablässiges posten kitschiger Heiligenbildchen als Zertifikat für fortgeschrittene Rechtgläubigkeit nichts.
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Es gibt aber einen anderen Punkt, den man sehr wohl dingfest machen kann, ohne eine Entscheidung kirchlicher Autoritäten abwarten zu müssen: Über eine katholische Geisteshaltung lässt sich sehr wohl befinden - und wie sich mitunter erschreckend rasch herausstellt, ist es gerade auch bei Theologen mit dieser Haltung oft nicht weit her ...
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Lieber träumt man sich eine Kirche zusammen, mogelt sich an manch unbequemer Zumutung an den Glauben vorbei, geht hanebüchene Kompromisse ein und höhlt Dogma und Moral aus, manchmal guten Glaubens, manchmal mit an Niedertracht grenzender Dreistigkeit, manchmal merkt man's vielleicht auch garnicht mehr, so abseits allen Mutes und Willens in Sachen sentire cum ecclesia ist man bereits gestrandet. Katholikentage sind ein gutes Anschauungsobjekt dafür - und man braucht alles andere als Phantasie, Kreativität, Achtsamkeit, Toleranz oder all den sonstigen Schwatzkram, um die Mängel und den damit verbundenen Mangel einer katholischen Geisteshaltung zu benennen. Sie liegen auf der Hand: Da berühren sich Hölle und Erde, was festzustellen weder unchristlich noch lieblos ist.

Freitag, 3. Juni 2016

De profundis: Unsere Tiefe und der Abgrund der Liebe

 Herz Jesu - Pfarrkirche St. Joseph, Bubenbach im Schwarzwald 
De profundis clamo ad te, Domine ... "aus der Tiefe rufe ich zu Dir, Herr" (Ps 129, 1) - es müsse, mahnt der hl. Augustinus in seinen Enarrationes in psalmos, jeder sehen, in welcher Tiefe er sei, aus der er zum Herrn ruft.
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Setzten wir uns dieser Tiefenschau aus, dann erkennen wir unsere Begrenztheit; wir erzittern ob der Hilflosigkeit, ein Leben in den Griff zu bekommen, das sich unserer Verfügung entzieht, das nie wirklich gut sein wird und erfüllend, weil es vorläufig ist und endlich und jeder Herzschlag dieses Lebens der letzte sein kann. Und wäre dem nicht genug, so sehen wir in der Tiefe auch noch alles, was mißraten ist an unserem Leben, sehen Versagen und Schuld: der Schmerz, den wir anderen bereitet haben, er kehrt zu uns zurück. Augustinus schreibt:
Ein Abgrund ist uns dieses sterbliche Leben. Wer immer sich im Abgrund weiß, der ruft, klagt, seufzt, bis er aus der Tiefe gerettet ist, und zu Dem gelange, der über allen Abgründen thront ... bis von Ihm selbst befreit werde Sein eigenes Bild, das der Mensch ist, das in dieser Tiefe wie von immer bewegten Wellen zerrieben ist, und auf immer in der Tiefe verbleibt, wenn es nicht von Gott erneuert ... wird ...
Gott aber holt den Menschen nicht einfach aus der Tiefe heraus - er steigt zuvor selbst in diese Tiefe herab, und auch das feiern wir heute am Fest des Heiligsten Herzens Jesu: Daß Gott sich unserer Beklommenheit ausgesetzt hat mit einem menschlichen Herzen, welches alle Eindrücke der menschlichen Existenz in sich aufgenommen und sich selbst ihnen ausgesetzt hat: der Liebe und dem Haß, dem Wollen und Nicht-Können, der Freude und der Angst, dem Leben und dem Tod. Und noch etwas sagt uns das Herz, das wir heute feiern und verehren: Daß es einen Abgrund der Liebe gibt, der tiefer ist als jede Tiefe, aus der wir um Erlösung rufen: Quia penes Dominum misericordia et copiosa penes eum redemptio ... denn bei Herrn ist Barmherzigkeit und reiche Erlösung!
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Das Augustinus-Zitat ist entnommen aus: Aurelius Augustinus: Über die Psalmen. Ausgewählt und übertragen von Hans Urs von Balthasar. Einsiedeln (2) 1983. - Bild: Herz-Jesu-Plastik in der Pfarrkirche St. Joseph zu Bubenbach im Schwarzwald.