Dienstag, 31. März 2015

Fulget crucis mysterium! (2)

Odo Casel OSB
Zunächst ist das Kreuz ein Mysterium, weil es aus den Tiefen der Gottheit hervorleuchtet und wieder in die Tiefen der göttlichen Wesenheit hineinführt. Zwar ist jedes christliche Mysterium eine Gottesoffenbarung. In ihm enthüllt sich uns der verborgene Gott. Aber nirgends hat Gott sich uns so kundgetan wie am Kreuze. 
Nur Gott konnte sich im Kreuze offenbaren. Gottes Gedanken sind unendlich erhaben über alle Menschengedanken - wie der Himmel über die Erde. Welcher Mensch hätte je gedacht, daß Gott sich im Kreuze kundtue! Zwei Offenbarungsweisen erwartete der Mensch von Gott: entweder in Macht oder in Weisheit. Paulus schreibt an die Korinther: "Die Juden verlangen Zeichen, und die Griechen suchen Weiheit; wir hingegen predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis, den Heiden eine Torheit, den Berufenen aber, Juden und Griechen, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen, und das Schwache an Gott stärker als die Menschen" (1 Kor 1, 22 ff.).
Gott ist der Unbegreifliche, von unendlicher Größe und Tiefe. Er ist der ganz Andere, der im Mysterium Verborgene. Wenn er sich offenbart, dann erscheint etwas, was der Mensch nicht erwartet, ja etwas menschlich Absurdes, etwas, was nach Torheit aussieht. Ein von den Menschen ausgestoßener, gekreuzigter Verbrecher soll die höchste Gottesoffenbarung sein? Tod und Leid und Elend sollen uns Gott künden? Ja! Denn da offenbart sich Gott in seiner ganzen Tiefe und Fülle, da offenbart er sich als die Liebe, als die Barmherzigkeit, als die Liebe zu den Sündern, als die ewige Agape. 
Er offenbart sich aber auch in seiner Größe und seiner Heiligkeit. Wie groß ist Gottes Heiligkeit, wenn der Gottmensch um der Sünden willen am Schandpfahl hängt! Wie entsetzlich ist die Sünde, die Gottesferne, wenn Christus um ihretwillen am Kreuze stirbt! Wie wunderbar und erstrebenswert muß aber auch die Gottesnähe sein, wenn sie einen solchen Preis verlangt! Wahrlich, unergründlich tief ist das Mysterium Gottes, das sich im Kreuze offenbart.
Odo Casel in einer Ansprache am Fest Kreuzerhöhung 1927 - in: Odo Casel: Mysterium des Kreuzes. Paderborn o.J. [nach 1954]. S. 28 f.

Tagessplitter

Wenn Medienbosse das Wort "wertvoll" in den Mund nehmen, dann ahnt man bereits, daß dieser Begriff vor allem mit der Bedeutung "damit scheffeln wir Kohle" verknüpft ist. Dennoch klingt es reichlich schräg in den Ohren, von Bertelsmann-Chef Thomas Rabe den Satz zu lesen: "Wir wären schlecht beraten, wenn wir unsere wertvollen RTL-Formate ..." (hier im Gespräch mit Spiegel online).

Montag, 30. März 2015

Fulget crucis mysterium! (1)

Odo Casel OSB
Fulget crucis mysterium! Aufstrahlt das Kreuzmysterium! So singt die Kirche in der Passionszeit ... in ihrem Hymnus zur Vesper. Was dieses Wort besagt, läßt sich in etwa durch einen Vorgang im antiken Mysterium verdeutlichen. Dort gab es nämlich Höhepunkte, wo das Symbol der Gottheit dem Mysten in überreichem Licht gezeigt wurde, um die Epiphanie des Gottes symbolisch darzustellen (Es handelt sich hierbei um die sogenannte Epoptie, die Schau, in den Mysterien, wie sie etwa in den eleusinischen Mysterien oder in den Isismysterien stattfand ...). Aus der gleichen Idee heraus, die aber bei uns in einem viel höheren Sinn erfüllt wird, singt der Dichter:
Fulget crucis mysterium! Kreuz und Mysterium gehören also zusammen. Doch feiern wir das Kreuz erst dann wahrhaft als Mysterium, wenn es uns im innersten Herzen aufstrahlt. Jede Festfeier soll ja in uns die himmlische "virtus mysteriorum", die Gotteskraft, die aus dem Mysterium kommt, neu wecken und stärken. Sie soll den inneren Gehalt des Mysteriums wieder in uns Wirklichkeit werden lassen; das Mysterium soll in uns Leben werden. Wir beten oft um diese Kraft und Wirklichkeit, um die "virtus" und den "effectus" der Mysterien.
Das Kreuz hat, wenn es vor uns aufleuchtet, in Wahrheit diese "virtus mystica", diese mystische, pneumatische Kraft. Es ist ein Mysterium im vollen christlichen Sinne.
Odo Casel in einer Ansprache am Fest Kreuzerhöhung 1927 - in: Odo Casel: Mysterium des Kreuzes. Paderborn o.J. [nach 1954]. S. 28.

Sonntag, 29. März 2015

Schöner backen: Damit das Osterlamm nicht wieder stur geradeaus glotzt

Nun ja ... für meinen gestrigen Eintrag zum Todestag von Odo Casel OSB habe ich im Kommentarbereich ein wenig Haue bezogen, weil sowas heute zur Glaubensverkündigung nichts tauge. Das lasse ich jetzt erst einmal so stehen, nachdem ich sowieso schon leicht angekrätzt darauf geantwortet hatte - aber wer auf dieser Seite Sankt Odo und dessen Mysterien schilt und schändet, und das ausgerechnet noch im Kontext des Todestags, wird mit Mißmütigkeit meinerseits nicht unter dreizehn Quadragenen bedacht.
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Nehmen wir aber die Schelte zum Anlass, um auf eine höchst wichtige Frage in Theologie und Verkündigung eine Antwort zu geben: Warum müssen gebackene Osterlämmer eigentlich allzeit geradeaus glotzen?
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Das müssen die nämlich keineswegs!
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So warf ich vorher einen Blick in die Edeka-Postille mit Angeboten für die Heilige Woche. Und siehe, ich sah eine Seite und ein lämmerndes Bild darauf und erinnerte mich, wie ich einst solch ein Osterleckerlamm hier abgebildet, welches zur Seite schaute; worauf in den Kommentaren intensiv gefragt, geforscht und gefahndet wurde, woher die Backform rühre, die ein Osterlamm nicht stur geradeaus schauen lasse, wie es offenbar überwiegend die Regel ist. Leider nun war besagtes Osterlamm fertig gekauft und ich hatte daselbst keinen blassen Schimmer, wo man entsprechende Formen auftreiben könnte; schlimmer noch: bis dahin hatte ich nicht einmal ein Problembewußtsein für Osterlamm-Formen unter besonderer Berücksichtigung der Blickrichtung des Lammes ... man neigt ja leichtfertiger Weise dazu, dem Lamm folgen zu wollen, wohin immer es geht, egal, wohin es dabei schaut (vgl. Offb 14, 4). Doch nun:
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Habemus formam! Hier: Art. Nr. 658940 bei der Backformenfabrik Kaiser: Backform Lamm "Lemmi" ("antihaftbeschichtet, besonders leicht entformbar, schwarz, mit Rezept"). Ein dreiviertel Liter Lamm passt rein und bei Edeka Südwest gibts das Teil gerade im Angebot! Wer sich von der ordnungsgemäßen Blickrichtung des Osterlamms überzeugen möchte, der schaue zuvorderst hier. Eigentlich kann man fast nie essen, was ich selber backe; nichtsdestotrotz werde ich mir morgen so ein Teil zulegen.
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  Lamm-Backform: Hier schaut das Lamm zur Seite 

Das BamS (mit Brauchtum)!

Vor allem auf dem Land übt man sich hierzulande noch im Palmenbinden mit Stöcken, verschiedenen Zweigen, Draht und ordentlich Krepp - was am Palmsonntag ein recht farbenfrohes Bild ergibt. Diesen Palmstock habe bereits vor längerer Zeit in der Oberrieder Pfarrkirche Mariä Krönung entdeckt. Dahinter das wundertätige Kreuz von Oberried, zu dem selbst in unserer Zeit noch eine Wallfahrt führt. Manche Sage rankt sich um das Bild: So wüchsen die (echten) Haare des Gekreuzigten Jahr um Jahr unmerklich ein wenig mehr. Sobald sie aber zu lang gewachsen, sei das Zeitenende gekommen; freilich findet man nirgends einen Hinweis, was "zu lang" nun genau heiße ...
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 Kreuz und Palme - Oberried, Pfarrkirche Mariä Krönung 

Samstag, 28. März 2015

Zum Todestag von Odo Casel

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Heute vor 67 Jahren, am 28. März 1948, verstarb Odo Casel OSB in der Frühe des hohen Ostertags in der Abtei vom Heiligen Kreuz zu Herstelle. Aus dem Reichtum seines Erbes habe ich zu seinem Gedächtnis eine Stelle aus dessen Schrift Das christliche Kultmysterium herausgesucht, welche - wie ich denke - den Kern der caselschen Mysterientheologie recht gut zur Sprache bringt:
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Odo Casel OSB
... Das versprochene "Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Weltzeit" (Mt 28, 20) sollte sich nicht bloß moralisch oder durch geistigen Gnadenschutz erfüllen, sondern in einer der Menschennatur angepaßten konkreten und doch geisterfüllten Gegenständlichkeit. Deshalb hinterließ der Herr der Kirche nicht bloß den Glauben und sein Pneuma, sondern auch die Mysterien Christi; oder vielmehr das Glaubens- und Gnadenleben sollte in gemeinsamer Mysterienfeier der Kirche stets neuen Antrieb und Ausdruck finden. Da sollte sich das Wort: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen" (Mt 18, 20) ganz wörtlich erfüllen.
Deshalb setzte der Herr als letzte Tat seines Lebens in diesem Aion das Mysterium ein. Am Abend des Verrates, am Vorabend seines Leidens, aber auch im Vertrauen auf den Sieg gehorsamer Hingabe an den Vater übergab er seinen Jüngern die mystische Begehung seiner Erlösungstat: "tradidit discipulis corporis et sanguinis sui mysteria celebranda" ("Er übergab seinen Jüngern die Mysterienfeier seines Leibes und Blutes" - Römischer Meßkanon am Gründonnerstag). Das Brot wird zum Leibe Christi; der Weinkelch ist das Blut Christi; der Leib wird hingegeben, geopfert, das Blut fließt als Opferblut des Neuen Bundes - deutlich ist damit der Tod des Herrn symbolisch-wirklich hingestellt.
Das mystische Brot und der mystische Wein aber werden zugleich zur Speise und zum Trank des Lebens - Leben aber kann nur aus jenem Tode hervorgehen, der zur Auferstehung führt. Auch die Aufforderung "Tut dies zu meinem Gedächtnis" zeigt, daß der Herr nicht für immer stirbt, sondern weiterlebt. So mischen sich in diesem Mysterium wunderbar Tod und Leben, Leid und Seligkeit, irdischer Leidenskelch und himmlischer Wonnetrank. Durch den Tod für diesen Aion führt es hinüber zum ewigen Heil und den Gütern des kommenden Aions.
Diesen heiligen Ritus von göttlicher Inhaltsfülle aber sollen die Jünger "zum Gedächtnis tun", sie sollen so die Passion ihres Meisters mystisch immer wieder Wirklichkeit werden lassen, damit, wie die Kirche aus dem Blute ihres Herrn entsproß, so sie aus seiner Kraft immer lebe und wachse. Täglich will er, der doch im Himmel beim Vater thront, mit ihr, die noch auf Erden kämpft und leidet, in mystisch-symbolischer Feier und Gnadenwirklichkeit sich opfern, mit ihr der Welt und der Sünde sterben und so sie zu einem neuen Leben in und mit Gott auferwecken.
Er hat der Kirche sein Mysterium anvertraut; sie begeht es und vollzieht dadurch seine Tat, die nun ihre Tat wird. So werden Christus und die Ekklesia eins im selben Handeln und Leben; das Mysterium wird zum neuen, ewigen Bunde.

Odo Casel OSB: Das christliche Kultmysterium. Regensburg (2) 1935. S. 110 f.

Schöner wohnen ...

... und beten: Die Ausbeute an interessanten Büchern im Diakonie-Laden ist derzeit wieder mau. Die Wisiki-Fraktion ergraut offenkundig zunehmend und landet, hoffen wir's mal, bei der ecclesia triumphans (womit sich der ganze Kirchenreformtingeltangel, das hoffen wir nun nicht minder, endlich erledigt haben sollte). Der Gang alles Irdischen bringt es aber mit sich, daß deren Bücher mitunter bei der Diakonie aufschlagen, was beispielswegen die leichte Schwemme von Hans Küngs Ergießungen erklären könnte, derer ich aktuell zu gewahren meine. Sei es drum: Bücher gab's heute kaum, aber ein praktisches Buchpult ...
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Freitag, 27. März 2015

O fiele nur aus deinem Aug' ein Blick ...

 Vesperbild - Walterhofen, St. Peter und Paul 
Sieht für seines Volks Verschulden
Jesum bittre Marter dulden,
Geißelhieb sein Fleisch zerreißt.
Sieht den lieben Sohn erblassen,
Sieht ihn sterben trostverlassen
Und aufgeben seinen Geist.

.Vidit Iesum in tormentis - kein Gaffen, kein erschüttertes Wegschauen: Maria setzt sich dem Leiden ihres Sohnes aus, sieht hin ... der vielleicht einzig mögliche Versuch der Mutter, bei ihrem Sohn zu sein, ihm zu bedeuten: Ich bin bei dir. Du leidest nicht allein ...
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O wie trüb und traurig weihte
Tränen die gebenedeite
Mutter ihrem Sohne da.
Hilflosflehend, schmerzvergehend,
Zitterndstehend, angstvollsehend,
Daß der Tod dem Einzigen nah.
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Maria sieht Jesus in den Tagen der Passion - in leichter Abwandlung eines Mörike-Zitats möchte man bitten: "O fiele nur aus deinem Aug' ein Blick, wie er ihn traf, in unser Herz zurück" ... dazu helfe uns, Maria, heute am Gedächtnis deiner Sieben Schmerzen und allezeit ... ora pro nobis!
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Die Strophen des Stabat mater dolorosa sind in der Übersetzung von Richard Zoozmann wiedergegeben. Im Bild die Kopfpartie eines gotischen Vesperbildes in der Kirche St. Peter und Paul zu Freiburg-Waltershofen.

Donnerstag, 26. März 2015

Tagessplitter

Manchmal würde ich schon gerne wissen, welche vertieften pastoralen Rücksichten wiederholt davon Abstand nehmen lassen, Unserer Lieben Frau die Lauretanische Litanei auf lateinisch zu musizieren? Die dabei größte musikalische Herausforderung, zu 49 Malen ora pro nobis zu singen, dürfte es ja kaum sein. Nichts (noch nicht, auch wenn es mir bald aus den Ohren wurmt) gegen die Grüssauer Marienrufe oder geschüttelt Gerührtes vom Schlage Jungfrau, Mutter Gottes mein bei Andachten mit Aussetzung und Segen ... aber im weiteren Kontext der ordentlicheren Form des römischen Ritus (also nicht diese verneuerten Sachen aus den Sixties) sollte man den restlich geistlichen Reichtum nicht wegsperren.
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Meckernde Gläubige, so sie denn aufzumucken wagen, interessieren mich dabei nicht die Bohne - anstatt auf solche Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen, sollte man ihnen ein paar Infusionen sentire cum ecclesia verabreichen: für sowas gibt's schließlich Predigten und Katechesen.
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Damit wir uns recht verstehen: Ich schätze durchaus volksfromme Hinterlassenschaften und deren Pflege. Auch ich mußte (nicht zuletzt während einiger Jahre im ehemaligen Diestedder FSSPX-Gymnasium durch den damaligen Leiter der Choralschola) zuerst einmal angeleitet werden, das darüber Hinausgehende und Hinausweisende zu schätzen und zu lieben - aber heute will ich davon nicht mehr lassen und zuweilen schmerzt es geradezu, wenn auch im traditionsfrohen Lager das große Erbteil an Gesängen, Antiphonen, Responsorien und Litaneien kaum mehr Gott von den Menschen zu Ohren gebracht wird.

Mittwoch, 25. März 2015

Die Eucharistia der auserkorenen Jungfrau

 Verkündigung - Schluchsee, St. Nikolaus 
So schau auf mich: Ich bin des Herren Magd;
mir geschehe nach deinem Wort (Lk 1, 38).
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Die Hingabe Mariens an den Heilsplan Gottes ist Urbild der Eucharistia: Unter Ihrem Herzen wird Christus Mensch, nimmt Fleisch an für das Leben der Welt. Dabei ist die auserkorene Jungfrau nicht passives Gefäß, welchem Gottes Willen schier aufgezwungen wird: Sie nimmt in Freiheit daran teil und folgt ihrem Sohn bis unter das Kreuz, sucht ihn am leeren Grab und wird am Ende ihres irdischen Weges in der Fülle ihres Da-Seins - mit Leib und Seele - in die Gottesherrlichkeit des Sohnes empor gehoben. Hier vollendet sich die Eucharistia der Mutter, über welche Gott das geschehende Wort spricht: Das ist mein Leib, hingegeben für euch.
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Bild: Verkündigungsszene im Schrein des Hochaltars der Pfarrkirche St. Nikolaus zu Schluchsee im Schwarzwald.

Dienstag, 24. März 2015

Am Abend dieses Tages

Täglich sterben Menschen ... nein, nicht den behüteten, den schönen Tod, sondern durch Gewalt, durch Kriege, sterben durch Katastrophen und Unglück, sterbens Hungers und vielerlei anderer Gründe wegen - wir erfahren es vielleicht, vielleicht hören wir niemals etwas darüber; oft bleibt es hinreichend fern, wir verdrängen es und wenden das Herz davon - zuweilen aus Selbstschutz vor niederschmetternder Schwermut.
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Manchmal aber geht es uns besonders nahe, weil wir unseren Lebenskreis mit-betroffen sehen. Wir werden erschüttert; doch fragen wir nun nicht, warum Menschen anderen Menschen Bösen tun, warum keine oder nicht genug Sorge getragen wurde, die Betroffenen vor Schaden zu bewahren, oder warum Technik versagt (wir ahnen ja all die passenden Antworten) ... In manchen Augenblicken fragen wir nunmehr vor allem nach Gott, können nur noch nach ihm fragen um jener Not willen, die einzig zählt: Wo warst Du, als das Flugzeug am Berg zerschellte? Wo warst Du, als die Menschen von einem Augenblick auf den anderen starben?
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Es ist gut, daß wir fragen, selbst wenn der Zwiespalt zur Klage wird und zur Anklage. Wir überschauen weder die Zusammenhänge noch erschließt sich uns ein Sinn in dem, was geschehen ist. Aber wenn es einen Sinn gibt, wenn nicht alles vergeblich ist, wenn das Leben der Opfer mehr ist als nur die Laune einiger Jahre, wenn all die Tränen und die Klagen in einem Sinn geborgen werden können, dann kann nur einer die Antwort wissen und die Antwort sein: Gott, den wir fragen.
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Er berge die Sterbenden in seiner Liebe und in seinem Erbarmen, deren Maß wir nicht bestimmen können, und er tröste die Trauernden und stelle uns mit ihnen in jenes Licht, das uns seine Liebe über alle Fesseln der Zeitlichkeit hinweg begreifen lässt.
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Requiem æternam dona eis, Domine,
et lux perpetua luceat eis.
Requiescant in pace: Amen.

Seite eins (7)

Der Himmel heller als Azur
Durch die Hauptstraßen von Peking schallte grell aus vielen Lautsprechern das neue Volkslied, das sich durch seine aufregenden Rhythmen die Aufmerksamkeit aller Fußgänger erzwang:
"Der Himmel des neuen China erstrahlt heller als Azur! Das Volk des neuen China genießt endlich Glück und Freude!"
Auf dem Heimweg von ihren Arbeitsstätten sollten die Arbeiter, die Angestellten, die Beamten an die kommunistische Wirklichkeit erinnert werden. Zu Hause angekommen, wartete ihrer bereits die erzieherische Sorge der örtlichen Agenten, der Bezirksvorsteher und eifrigen Nachbarn, die voller Ungeduld tätig sein wollten, um ihr eigenes Guthaben an politischen Verdiensten bei der Regierung zu erhöhen:
"Die Sonne des neuen China soll niemals untergehen! Das Lied vom neuen China soll ewig nicht verstummen!"
In einer Seitenstraße stoppten zwei Polizeiwagen. An die dreißig politischen Agenten sprangen auf das Pflaster der Straße. Sie hatten den Auftrag, das Haus Koeribstraße Nr. 2 zu umzingeln. Der ganze Häuserblock wurde umstellt und alle Ausgänge bewacht. Etwa zehn Mann drangen in das Haus ein, den Finger an der Maschinenpistole, bereit, jeden Widerstand sofort zu brechen.
Ich war in diesem Augenblick in der Kapelle, wo eben die Salve-Andacht begonnen hatte. Da sah ich plötzlich einen Mann in der Türöffnung stehen, eine große Gestalt in Khaki-Uniform, auf dem Kopf das Käppi. "Ein politischer Agent", blitzte es mir durch den Kopf, "der kommt meinetwegen!"
Die Augen des Uniformierten irrten suchend durch den Raum der Kapelle, unsere Blicke begegneten sich. Er hob die Hand, durch einen Wink befahl er mir, ich sollte kommen. Mich durchrann ein Zittern: "Gott, meine Stunde ist da!".
Äußerlich ruhig nahm ich mein Brevier und meinen Rosenkranz, ging durch die Reihen der Gläubigen nach vorn zum Altar und kniete vor dem ausgestellten hochwürdigsten Gut nieder. Ich nahm Abschied von dem Heiland in der Monstranz und flehte: "Herr, nun steh mit bei! Gib mir deinen Segen!"
Ich ging hinaus. Die Schwelle der Kapellentür war auch die Grenze meiner Freiheit.
Dries van Coillie: Der begeisterte Selbstmord. Im Gefängnis unter Mao Tse-tung. Freiburg (2) 1967.

Montag, 23. März 2015

Die Herrlichkeit des christlichen Sterbens

 Requiem 
Der Tag heute brachte ein Begräbnis. Ich war an die Orgel bestellt; und derweil wurde mir wieder bewußt, mit welchem Ernst, aber auch mit welcher Liebe die Ekklesia ihre Kinder zum ewigen Leben geleitet. Mir kam ein Büchlein in den Sinn, das ich vor Jahren einmal gelesen hatte und demnächst erneut lesen möchte: Die Herrlichkeit des christlichen Sterbens - die heilige Ölung als letzte Vollendung der Taufherrlichkeit.
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Der Verstorbene ist durch ein längeres Leiden hindurch gegangen, betreut und begleitet von Priestern der Priesterbruderschaft St. Petrus. Kurz vor dem Tod empfing er die heiligen Mysterien der Buße, der Ölung und der Eucharistie; sein Leib war bei der Totenmesse in der Kirche aufgebahrt und wurde unter Gebeten und Gesängen gesegnet und begraben, die Seele der Liebe Gottes anempfohlen. Tote zu begraben zählt zu den Werken der Barmherzigkeit - zuweilen versteht man intuitiv, warum ...
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Deus,
cui proprium est miseri semper et parcere,
te supplices exoramus
pro anima famuli tui Fernandi,
quam hodie de hoc sæculo migrare iussisti:
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ut non tradas eam in manus inimici,
neque obliviscaris in finem, 
sed iubeas eam a sanctis Angelis suscipi
et ad patriam paradisi perduci;
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ut, quia in te speravit et credidit,
non pœnas inferni sustineat,
sed gaudia æterna possideat.

Sonntag, 22. März 2015

Das BamS (mit Mitbringsel)!

Während besonders geschätzte Mitblogger zum Baden und Ballern um die Welt reisen oder (nonnenbewehrte) italienische Devotionalienläden plündern, bleibt meinereiner nur, mich zuweilen zum Gebrauchtladen der Diakonie zu schleichen. Vor einigen Tagen fand sich dort ein frommes, wenngleich etwas "bauhausig" anmutendes Bild; die Kreuzigungsgruppe wird von einem Zitat aus dem wunderbaren Passionshymnus Vexilla regis prodeunt umfangen: O crux, ave, spes unica hoc passionis tempore. Da passt der Rosenkranz ganz gut mit in die Zeit, den mir P. Dieter Biffart FSSP aus dem Heiligen Land mitbrachte, gesegnet und angerührt an der Geburtsgrotte und dem Grab des auferstandenen Kyrios: Danke!
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Nunmehr noch einige Verweise zu den Themen Baden (hier), Ballern (hier) und Plündern (hier und da und dort).

Samstag, 21. März 2015

Das Ohr des Herzens neigen

 St. Benedikt - ehem, Klosterkiche St. Marien zu Gengenbach 
Wer sich einer Regel unterwirft, gibt ein Stück Selbstbestimmung ab. Das klingt zunächst wie eine Binsenweisheit - wo immer wir aber uns "Regeln" (gleich, welcher Art) unterwerfen, stellen wir rasch fest, wie schwer man sich zuweilen damit tut. Die Herausforderung wächst zudem, sobald es sich um eine Ordensregel handelt, denn in ihr wird weit mehr vorgegeben als ein Minimum gemeinschaftlicher Verpflichtungen bei weitestgehender Wahrung von Eigeninteressen. Letztlich ist auch der Glaube, nimmt man dessen Anspruch ernst, eine Art vorlaufender Ordens- im Sinne von umfassender Lebensregel: der Christ steht noch im Gefüge, aber nicht mehr in der Ordnung dieser Welt, sondern unter dem Ruf und der Verfügung Gottes in der Gemeinschaft der Ekklesia.
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Da wir keineswegs die perfekten Christen sind, geraten wir immer wieder in Konflikte und Anfechtungen: einer eher als virtuell empfundenen Verheißung steht die handfeste Realität der Welt gegenüber: gewiß auch nicht perfekt, aber einfacher zu haben. Der heilige Benedikt wußte davon und gab seinen Mönchen gleich zu Beginn seiner Regel ein Wort mit auf den Weg, das auch uns im Glaubensleben und im Ringen um den Glauben helfen kann. Da heißt es im ersten Satz:
Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters, neige das Ohr deines Herzens, nimm den Zuspruch des gütigen Vaters willig an und erfülle ihn durch die Tat!
Allem Tun geht das Hören voran und der bereite Wille, den Zuspruch anzunehmen: Indem wir das Ohr des Herzens neigen! Denn - und das meint, denke ich, hier der Begriff "Herz" - in der Tiefe unserer Existenz, in deren Fundament kann der Ruf Gottes Widerhall finden, sofern wir diesen Ruf nicht übertäuben, um vor ihm davonlaufen zu können. Die tiefste Sehnsucht des Menschen: Lieben zu können und geliebt zu werden - dort hat sie ihren Ort, und an diesem Ort gibt es nur eine Antwort, die gültig ist: Gottes Verheißung. Alles andere, weitere ergibt entweder überhaupt keinen Sinn - oder aber es ergibt sich daraus, das Leben des Christen inbegriffen, ob außerhalb oder innerhalb einer klösterlichen Gemeinschaft: De profundis clamo ad te, Domine!
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Heute an seinem Fest helfe uns der hl. Benedikt durch seine Fürsprache, daß wir nicht nur hören, sondern auch unseres Herzens Ohr dem Ruf Gottes neigen können ... ora pro nobis!
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Bild: Schrein des Benedikt-Altars in der ehemaligen Klosterkirche St. Maria zu Gengenbach in Baden.

Freitag, 20. März 2015

Mehr als nur der Rest vom Fest

Das Fest des hl. Joseph schien in hiesigen Breiten geradezu aufzublühen; so fiel mir gestern manch Baum und Strauch auf, der unübersehbar erste Farben entfaltete. Heute nun ist mir dieser Schnappschuss geraten:
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Donnerstag, 19. März 2015

Wahrhaft ein Vater

 St. Joseph - Pfarrkirche St. Barbara, Freiburg-Littenweiler 
... Man hat den heiligen Josef lange Zeit den Nährvater Jesu genannt, man hat seine Vaterwürde mit der eines Adoptiv- oder Stiefvaters verglichen. Gewiß ist Josef auch der gesetzliche Vater Jesu, gewiß ist er auch Vater als Ernährer und Erzieher des Kindes. Aber er ist mehr als das. Er ist der wahre, wenn auch nicht der natürliche Vater Christi, und es ist gewiß nicht von ungefähr, daß er sowohl von dem inspirierten Evangelisten als auch von Maria als "Vater Jesu" ohne einschränkenden Zusatz bezeichnet wird.
Der heilige Augustinus, der die Theologie des heiligen Josef begründete, hat die Vaterschaft Josefs folgendermaßen erklärt: 
"Nicht also aus dem Samen Josefs ist der Herr geboren, obgleich er dafür gehalten wurde, aber dennoch ist der Frömmigkeit und Gottesliebe Josefs von der Jungfrau Maria der als Sohn geboren, der zugleich der Sohn Gottes ist ... Hat etwa Maria den Herrn durch ein Werk ihres Fleisches geboren? Was der Heilige Geist gewirkt hat, hat er beiden gewirkt. Der Heilige Geist, der in der Gerechtigkeit beider ruhte, hat beiden den Sohn gegeben; aber in dem Geschlecht, dem das Gebären zukam, hat er das gewirkt, was auch dem Manne geboren werden sollte ... Der heiligen Liebe Josefs wurde von der Jungfrau Maria ein Sohn geschenkt, und zwar der Sohn Gottes selbst".
Dem allmächtigen Gott ist nichts unmöglich; er, der Josef zum "Vater Jesu" erhob, hatte auch die Macht, diesem das Herz und die Liebe eines Vaters zu schenken.
Aenne Bäumer: Josef der Zimmermann. München 1954. S. 17 f. Im Bild eine Mosaikdarstellung des hl. Joseph in der Pfarrkirche St. Barbara zu Freiburg-Littenweiler.

Mittwoch, 18. März 2015

Zur Einstimmung

 Jechtingen, Pfarrkirche St. Cosmas und Damian 
Nobis, summa Trias, parce precantibus,
Da Ioseph meritis sidera scandere;
Ut tandem liceat nos tibi perpetim
Gratum promere canticum.
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Schau auf uns Flehende, höchste Dreifaltigkeit,
durch die Verdienste Josephs lass empor zum Sternenzelt uns steigen,
damit dir wir zuletzt in der Ewigkeit
wohlgefallenden Preis singen können!
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Schlußstrophe des - von Papst Klemens XI. verfassten - Vesperhymnus Te, Ioseph, celebrent agmina cælitum vom Fest des hl. Joseph - im Bild eine Aufnahme aus der Pfarrkirche St. Cosmas und Damian zu Jechtingen am Kaiserstuhl.

Montag, 16. März 2015

Tagessplitter

Manchmal braucht man keine Fastenzeit, um besser Distanz zur Welt zu gewinnen, weil man aus ureigenem Antrieb schon das Weite sucht. Dazu muß man zuweilen nur am Radio drehen oder die Glotze einschalten, und das keineswegs der offenkundigen Widrigkeiten dieser Tage wegen; es reicht bereits, wenn - wie am Wochenende - Kameras und Mikrophone in Richtung Leipziger Buchmesse geschwenkt werden.
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Auf 3sat talkten Teile der in Leipzig vertretenen Kulturschickeria. Mit dabei: die Autorin und Kolumnistin Sibylle Berg. Daß ich über deren Textproben den Geist bisher nicht aufgegeben habe, ist allein jenem Trieb der Selbsterhaltung geschuldet, der einem nahelegt, auf weitere Lektüre zu verzichten. Vor wenigen Tagen erst erschien ein neues Miststück auf Spiegel online zum Thema Schwulesbigendergedönx und Kirche, gefertigt nach jenem bewährten Rezept, ungelittene Meinungen zu verkürzen und zu entstellen, um sie in nächstem Schritt und Tritt feste und wohlfeil einstampfen zu können.
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Aber eigentlich interessiert mich an dieser Stelle nicht die Berg, sondern der Moderator der Talkrunde. Der warf nämlich mit einer Beiläufigkeit und Selbstverständlichkeit ein Stalin-Zitat ("Schriftsteller seien Ingenieure der menschlichen Seele") in das Gespräch ein, als handele es sich bei dessen Urheber nicht um einen der größten Bluthunde und Massenmörder des vergangenen Jahrhunderts (was die Bilanz anderer Bluthunde und Massenmörder keineswegs schmälert), sondern um eine Art Reich-Ranicki der russischen Revolution. Nun gut, das Zitat flattert bereits im Rang eines geflügelten Wortes durch den Literaturbetrieb unserer Zeit: daran gewöhnen mag ich mich trotzdem nicht. 
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Ebensowenig wie an den Schweizer Soziologen Jean Ziegler, dem DRadio Kultur eine Werbeplattform für dessen neuestes Buch bot: Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen heißt der linke Schmöker, der treppenwitzigerweise bei Bertelsmann erschienen ist - was auf den ersten Blick so wunderlich deucht wie weiland die vom linksradikalen Frankfurter Sponti-Verlag Roter Stern besorgte textkritische Hölderlin-Gesamtausgabe. Ziegler und Bertelsmann! Das nennt man dann wohl Zweckehe, bei der man sich auf beiden Seiten einig ist, daß Geld halt doch nicht stinkt.
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Für manche von Zieglers Positionen kann man Sympathien hegen. Ich bin mir sehr sicher, daß ich mit ihm auf einer Wellenlinie liege, wenn ich es als schlicht teuflisch erachte, etwa mit Grundnahrungsmitteln zu spekulieren: In Chicago, dem wohl wichtigsten Börsenplatz für Lebensmittel, läßt sich auf Weizen spekulieren, ehe auch nur ein Halm davon gewachsen ist. Sogar Mißernten können Kassen klingeln lassen, wenn man den richtigen Riecher hat ... und nach einmal Däumchendrehen mehr Kohle auf dem Konto findet, als die Agrarwirtschaft eines halbwegs funktionierenden afrikanischen Staates in einem Jahr erwirtschaftet.
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Höre ich aber, wie Ziegler irgendeinen offenkundig wichtigen Sozialisten (keine Ahnung mehr, um wessen Leiche es genau sich handelte) samt irgendeiner offenkundig ganz zentralen Aussage rühmt und beschwärmt und als Orientierung preist, wobei dabei und darinnen jede Menge "Leichen den Weg" zum Paradies "säumen" (sowas passiert halt), dann frage ich mich, warum solche Haltungen eigentlich kaum noch hinterfragt werden - haben wir uns schon so an die linke Weltdeutung samt mitgelieferter Metapherisierung der brutalen Umsetzung gewöhnt? 
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Und als wärs nicht schon genug, schwelgte Ziegler noch lang und breit in seinen Erinnerungen an "Che" Guevara, den er einst ein paar Tage durch die Schweiz karrte und nach dessen Ansichten (von Taten und Toten ganz zu schweigen) etwa Nordkorea das revolutionäre Modell darstelle, welches Kuba anstreben solle ... also ward es Zeit, den Funk abzudrehen: Stellt man den Linken den Blutzoll in Rechnung, der noch ein jedes Mal auf dem Weg in jene bessere Welt (die sich seltsamerweise nie einstellen will) zu entrichten war, und vergleicht man ihn mit dem, was am Ende faktisch herauskam und herauskommt, dann werden einem selbst die übelsten Kapitalisten noch irgendwie sympathisch, beinahe ...

Sonntag, 15. März 2015

Durch die Fastenzeit mit Psalm 90

Auf Worte aus dem 90. Psalm griff der Teufel bei der Versuchung Jesu zurück - das Euangélion am ersten Fastensonntag rückte uns jüngst diese Szene erneut in den Blick:
Darauf führte ihn der Teufel in die Heilige Stadt und stelle ihn auf die Zinne des Tempels. Und er sprach zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, dann stürze dich hinab. Denn es steht geschrieben: Seine Engel hat er um deinetwillen befohlen, sie werden dich auf Händen tragen, damit dein Fuß ja nicht an einen Stein stoße ... (Mt 4, 6).
Es scheint geradezu, als ob es die Ekklesia nicht ertragen könne, daß sich der Teufel an dem Schriftwort vergriffen hat. Sie entringt es ihm und schöpft am ersten Fastensonntag sämtliche Eigengesänge der Messe - einmalig im Missale Romanum - aus einer einzigen Quelle: Indem sie ihre Mysterien mit Worten des 90. Psalms umkleidet, erobert sie sich den mißbrauchten Text und holt ihn in die heilige Ordnung der Leiturgía zurück.
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Der Psalm prägt aber nicht nur die Texte jenes Sonntags, mit dem ursprünglich die Fastenzeit begann - er begleitet die betende Ekklesia im Breviarium Romanum auch durch das Fastenoffizium: Ohnehin wie gewohnt am Herrentag ad Completorium, dann aber auch täglich in den Kurzversen und Wechselgesängen der Tagzeiten: in den Laudes, zu Terz, Sext und Non und nochmals im Abendlob der Vesper: Wenngleich nur in wenigen ausgewählten Versen, bleibt der Psalm dennoch dem aufmerkenden Beter präsent.
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Zur Passionszeit scheint er weitestgehend wieder zu verstummen. Das aber war nicht immer der Fall, denn nach alter römischer Ordnung klang der 90. Psalm am Karfreitag erneut auf, und zwar im Herzen der Leiturgía, unmittelbar vor der Lesung der Passionsberichtes in der Feier des Leidens und Sterbens Christi - an jener Stelle, an die später - unter fränkischen Einfluß - der heute gängige Wechselgesang Eripe me rückte, dessen schmerzhafte Geste man im frühen Mittelalter der Passionsminne womöglich zupassender fand. Unterschwellig aber sollte uns präsent bleiben, daß Psalm 90 geradezu wie eine Klammer den weitesten Teil dessen umschloß, was wir heute "österliche Bußzeit" nennen: Geöffnet sozusagen am ersten Fastensonntag, wurde sie mit einem großen Wechselgesang am Karfreitag vor der Passionslesung geschlossen.
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Was kann uns das bedeuten? Der Psalm singt vom Vertrauen, welches der Gerechte in Gott setzt und das nicht enttäuscht wird. Ältere christliche Deutungen lasen diesen Psalm aber vor allem mit Blick auf den 13. Vers in österlicher Freude und sahen in diesem Gerechten den in Tod und Auferstehung siegreichen Kyrios Christus, den ...
... Sproß Mariens, von dem der Prophet sagt: "Über die Natter und den Basilisken wirst du schreiten und zertreten den Löwen und den Drachen" (Irenäus: Gegen die Häresien 3, 23, 7).
Spätere Kirchenväter wechselten in ihrer Auslegung zunehmend die Perspektive: Christus wurde nicht mehr mit dem Gerechten identifiziert, der im Vertrauen auf den Vater erhöht wird, sondern mit Gott selbst, dem der gerechte Mensch unverbrüchliches Vertrauen entgegenbringt. Eine Reminiszenz an die ältere Deutungstradition findet sich dennoch zum Beispiel prominent bei Augustinus (der den Psalm insgesamt entlang der jüngeren Exegese auslegt) im Blick auf den 9. Vers:
"Denn Du, o Herr, bist meine Hoffnung, im Höchsten hast Du Deine Zuflucht aufgestellt". Das heißt: Darum standest Du von den Toten auf und stiegest zum Himmel, damit Du im Aufstieg "Deine Zuflucht" droben aufstellest und meine Hoffnung würdest, der ich auf Erden verzweifelte ... Denn das ist die Stimme der Kirche an ihren Herrn, Stimme des Leibes an sein Haupt (Über die Psalmen 90, 2, 4).
Unserem Beten liegt in der Regel die jüngere Deutung zugrunde: Indem wir die Worte sprechen, suchen wir immer tiefer das Vertrauen auf Gott zu einer Konstante unseres Lebens werden zu lassen (was nicht heißt, daß wir diesen Psalm nicht auch mit dem Kyrios gemeinsam beten, uns mit der vox Christi vereinen können). Wie immer wir uns nunmehr Psalm 90 aneignen mögen - die Ekklesia legt ihn uns in diesen Tagen besonders nachdrücklich auf die Lippen. Es sind vier Verse (3, 4, 5 und 11), die in den genannten Tagzeiten - vor allem in den meditativen Ruhemomenten der Wechselgesänge - immer wiederkehren:
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(3) Ipse liberavit me de laqueo venantium, *
et a verbo aspero.
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Er befreite mich aus der Schlinge des Jägers *
und von dem schroffen Wort.
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(4) Scapulis suis obumbrabit tibi: *
et sub pennis eius sperabis.
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Mit seinen Schwingen wird er dich decken, *
hoffen wirst du unter seinen Flügeln.
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(5) Scuto circumdabit te veritas eius: *
non timebis a timore nocturno.
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Einem Schild gleich wird die Wahrheit dich umbergen, *
nicht wirst Furcht du hegen vor dem Schrecken der Nacht.
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(11) Angelis suis mandavit de te: *
ut custodiant te in omnibus viis tuis.
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Seine Engel hat er über dich befohlen, *
damit sie dich beschützen auf allen deinen Wegen.
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Man mag auf das bisher Gesagte einwenden, es sei keineswegs nur ein Ruf für die Fastenzeit, sich Gottvertrauen als Grundhaltung zu gewinnen. Doch gerade auf dem Weg zum Kreuz ist es gut, sich darauf zu besinnen - ein Weg, der uns auch in jene Irritation führt, den Schrei Christi vom Kreuz in die (sich kurz vor ihrem Ende noch einmal aufblähende) Leere einer durch den Menschen Schuld und Tod ausgelieferten Schöpfung zu hören: "Eli, Eli, lama sabakthani? ... Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Mt 27, 46). Und wir glauben diesen Schrei wieder zu hören im blutigen Zeugnis so vieler unser verfolgten Schwestern und Brüder gerade auch in diesen Tagen: Mein Gott, warum läßt du deinen Kindern dies widerfahren? 
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Natürlich: Wir wissen im Licht des Glaubens, daß sich die Verheißung Gottes an ihnen herrlich erfüllen wird. Das Gottvertrauen aber, das dennoch - sagen wir: aus dem Bauch heraus - ins Wanken geraten kann oder gerät, dieses Gottvertrauen soll unsere gesamte Existenz umfassen: eben auch das "Bauchgefühl" (das durchaus Spiegel unserer Befindlichkeit ist), wenn ich so sagen darf. Jeder kann nun für sich entscheiden, wie weit die Übung der österlichen Bußzeit vielleicht auch der Not oder gar der Krise unseres Gottvertrauens abhelfen könnte, um Gott auch gegen unsere Eindrücke unser Vertrauen zu schenken aus ganzem Herzen und ganzer Seele und mit all unserem Gemüt. Oder anders gefragt: Wie wollen wir Gott, gesetzt den Fall, mit unserem eigenen Blut bezeugen, wenn unser Gottvertrauen bereits wankt, wenn das martýrion von unseren Brüdern und Schwestern in der Verfolgung gefordert wird? 
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Zuletzt noch ein weitere Gedanke, warum es gut sein mag, daß uns die Ekklesia mit beständigem Erinnerung an Psalm 90 das Gottvertrauen derzeit intensiver nahelegt: Die vierzig Tage bringen uns schließlich auch die Distanz zu Bewußtsein, in welcher der Christ zur Welt lebt: "Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, vielmehr die zukünftige suchen wir" (Hebr 13, 14). Die Fastenzeit stellt unser Leben in Frage, unseren Alltag mit all seinen Abgründen, mit seinen Sicherheiten auch: das alles gerät in den prüfenden Blick der notwendigen Umkehr; die Quadragesima entwurzelt uns zumindest ein Stück weit aus unseren Gewohnheiten und auch aus der Geborgenheit, die wir im Gewohnten zu finden glauben: echte Veränderung - worin stets auch ein Abschied vom Bisherigen liegt - kann hierbei nur im Vertrauen auf und mit Gottes Hilfe gelingen: 
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Er nämlich allein kann die Schlinge des Jägers lösen, er allein uns über die Parolen und die Propaganda dieses aión hinausheben unter dem Schild seiner Wahrheit. Wenn uns seine Flügel decken und seine Schwingen uns bergen, dann sind wir seinen Engeln befohlen und beschützt, und es wird uns jeder Weg zum Weg werden in seine gute Ewigkeit. Bitten wir ihn um die Gnade, vertrauen zu können, und beten wir darum.

Das BamS (mit Augustinus)!

"Was Großes war es für den Herrn Jesus Christus", so fragt uns der hl. Augustinus im Blick auf die Versuchung Jesu, "aus Steinen Brot zu machen, der mit fünf Broten so viele Tausende sättigte? Aus nichts machte Er Brot, ... Quellen Brotes waren in den Händen des Herrn. Es ist nicht verwunderlich, denn Der machte aus fünf Broten viel Brot, ... der tagtäglich in der Erde aus wenigen Körnern unermeßliche Ernten schafft. Das nämlich sind die Wunder des Herrn, aber sie wurden durch Gewohnheit schal" ...
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Mit diesen Worten aus den Enarrationes in Psalmos (zu Psalm 90) das Bild am Sonntag! zum Euangélion des heutigen Herrentags - ein Fenster aus der Pfarrkirche St. Gallus zu Merzhausen bei Freiburg:
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 Brotvermehrung - St. Gallus, Merzhausen 

Donnerstag, 12. März 2015

Lied in der Nacht

 der hl. Gregor der Große -
Christkönisgkirche, Titisee
Mit einige Zeilen, ehe dieser Tag, an dem die Ekklesia jenes großen Papstes gedenkt, zu Ende geht, soll der hl. Gregor der Große zu Wort kommen. Sie sind in den Homilien zu Ezechiel (1, 11 - PL 76, 1849) zu finden und beziehen sich auf ein Wort aus dem Buch Job:
"Qui dedit carmina in nocte" (Job 35, 10): "Lied in der Nacht" ist unsere Beschauung, ist unsere Freude in der Trübsal hier. Denn ob wir auch durch die Bedrängnisse dieser Zeit zu leiden haben: durch die Hoffnung haben wir schon Freude an der Ewigkeit. 
"Lieder zur Nachtzeit" riet St. Paulus an, da er sprach: Freuet euch in Hoffnung, die Ihr leidet in Trübsal! 
"Lied in der Nacht" sang David, da er betete: Du meine Zuflucht in den Bedrängnissen, die mich umgeben, Du mein Jubel, erlöse mich von den Feinden! "Nacht" nennt er die Trübsal, "Jubel" nennt der Bedrängte seinen Erlöser. Außen war "Nacht" in Trübsal, die ihn umdrängte, innen tönten die "Lieder" in fröhlichem Trost.
Denn heimkehren zur ewigen Freude können wir nicht, es sei denn durch zeitliche Widrigkeit. Und das ist der Sinn der Schrift: daß uns die Hoffnung stärke auf bleibende Freude mitten in dieser Trübsal.
Auf die Fürsprache des hl. Gregor verstumme uns niemals das "Lied in der Nacht" auf unserem Weg hin zu Gott ... ora pro nobis!
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Die deutsche Übersetzung ist entnommen aus: Otto Karrer: Der mystische Strom. Von Paulus bis Thomas von Aquin. München 1926. S. 312. Die Darstellung des hl. Papstes Gregor ist an der Kanzel der Kirche Christkönig zu Titisee im Schwarzwald zu finden.

Mittwoch, 11. März 2015

Dich tritt es nicht an!

Ein Psalm ... mehr als nur Nachklang vom ersten Fastensonntag:
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Du, der im Versteck des Höchsten sitzt,
im Schatten des Gewaltigen darf nachten, 
sprich zu IHM:
"Meine Bergung, meine Bastei,
mein Gott, an dem ich mich sichre!"
Er ists ja, der dich rettet
vor dem Sprenkel des Voglers,
vor der Pest des Verhängnisses.
Er schirmt dich mit seiner Schwinge,
du birgst dich ihm unter den Flügeln,
Schilddach, Ringmauer ist seine Treue.
Nicht mußt du vor dem Nachtgraus dich fürchten,
vor dem Pfeil, der am Tage fliegt,
vor der Pest, die umgeht im Dunkel,
vorm Fieber, das im Sonnenglast gewaltigt.
Mag ein Tausend zuseiten dir fallen,
zur Rechten dir eine Myriade,
dich tritt es nicht an.
Mit deinen Augen nur blickst du,
siehst, wie den Frevlern gezahlt wird.
Ja, du bist, DU, meine Bergung!
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- Du hast den Höchsten zum Hag dir gemacht,
Böses wird dir nicht widerfahren,
deinem Zelte ein Streich nicht nahn.
Denn seine Boten befiehlt er dir zu,
dich zu hüten auf all deinen Wegen,
auf den Händen tragen sie dich, 
an einen Stein könnte sonst stoßen dein Fuß.
Du magst schreiten über Raubwelp und Otter,
Leu und Drachen magst du niederstampfen.
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- Ja, er hat sich an mich gehangen
und so lasse ich ihn entrinnen,
steilhin entrücke ich ihn,
denn er kennt meinen Namen.
Er ruft mich und ich antworte ihm,
bei ihm bin ich in der Drangsal,
ich schnüre ihn los und ich ehre ihn.
An Länge der Tage sättige ich ihn,
ansehn lasse ich ihn mein Befreien.
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Der 90. Psalm - verdeutscht von Martin Buber.

Tagessplitter

Durch die nunmehr mit deutlicher Mehrheit durchgewunkene Annahme des Tarabella-Berichts (vordergründig wird darin der Fortschritt in der Gleichstellung von Frauen und Männern in Europa thematisiert) hat sich das EU-Parlament auch für das Recht von Frauen ausgesprochen, völlig rücksichtslos über ihren Körper zu verfügen: dahinter verbirgt sich nichts anderes als das von Links postulierte "Menschenrecht auf Abtreibung". 
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Diese (und verwandte) Haltungen (etwa bei Sterbehilfe, Designkinder etc) fressen sich immer tiefer in die "Realität von Menschen und der Welt" ein. Dem verlässlich müden Widerstand, den die Deutsche Bischofskonferenz leistet, hat Bischof Bode jüngst das passende Argument geliefert: Deus lo vult (die elende Kumpanei gute Vernetzung der Bischöfe mit Macht und Politik, auf welche die doitsche Kirche ja besonders stolz ist, inbegriffen).

Dienstag, 10. März 2015

Sententiæ LXXXVII

... Und das zitternde audemus dicere vor dem heruntergerasselten Paternoster erhält eine furchtbare Bedeutung, denn wirklich, der Mann, der solches wagt, wagt viel. Und wenn der Priester, die Hostie in den geweihten Händen, bei der Laienkommunion das Domine, non sum dignus spricht, geht das oft so: "Domine, non sum dignus ... (Schnellgemurmel), Domine, non sum dignus ... (Gemurmel), Domine, non sum dignus ... (Gemurmel)". Kommt dieser arme Mensch gar nicht auf den Gedanken, daß auch hier das non sum dignus eine furchtbare Bedeutung gewinnt?
Sigismund von Radecki: Wort und Wunder

Litanei

Tief ist die trauer     die mich umdüstert ·
Ein tret ich wieder     Herr! in dein Haus ..
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Lang war die reise ·     matt sind glieder ·
Leer sind die schreine ·     voll nur die qual.
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Durstende Zunge     darbt nach dem weine.
Hart war gestritten ·     starr ist mein arm.
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Gönne die ruhe     schwankenden Schritten ·
Hungrigem gaume     bröckle dein brot!
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Schwach ist mein atem     rufend dem traume ·
Hohl sind die hände ·     fiebernd der Mund ..
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Leih deine kühle ·     lösche die brände ·
Tilge das hoffen ·    sende das licht!
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Gluten im herzen     lodern noch offen ·
Innerst im grunde     wacht noch ein schrei ..
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Töte das sehnen ·     schliesse die wunde!
Nimm mir die liebe ·     gib mir dein glück!
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Stefan George: Der Siebente Ring

Montag, 9. März 2015

Tagessplitter

Derweil man sich auf DRadio Kultur heute auch der Frage widmete, ob an der aktuellen Medienschelte (Stichwort: Lügenpresse) etwas dran sein könnte und ob sie Substanz habe, mußte ich an die Anmoderation einer anderen Sendung auf DRadio Kultur denken, in der jüngst und rund zwei Tage, nachdem klar war, daß Dresdner Pegida-Demonstranten keinen "Angriff" auf ein Flüchtlings-Protestlager an der Semperoper gestartet hatten, frisch von der Leber weg die Behauptung eingeflochten wurde, Dresdner Pegida-Demonstranten hätten vor wenigen Tagen einen Angriff auf ein Flüchtlings-Protestlager an der Semperoper gestartet.
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Wohin die öffentlich-rechtliche Reise heute führen sollte, verriet mir mittenmang nicht zuletzt die folgende rhetorische Perle:
Überhaupt sind kleinere und größere Verfehlungen der Presse, wie sie angesichts der Vielzahl der Medien immer wieder vorkommen, ein gefundenes Fressen für Kritiker, Verschwörungstheoretiker und Skeptiker.
Solche Sätze muß man sich auf der Zunge zergehen lassen, denn für einen kurzen Moment blitzt unter dem Ornat selbstkritischer Inszenierung die Denkschablone des Verfassers auf: Werden die Fehlleistungen der Medien beschwichtigend wegentschuldigt, dürfen sich auf der Gegenseite "Kritiker" und "Skeptiker" mit "Verschwörungstheoretikern" (sprich: irgendwelchen Spinnern) in einen Topf geworfen und damit hinreichend diskreditiert sehen; sie alle eint zudem "ein gefundenes Fressen".
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Vielleicht aber ist dies "Fressen" ja nur in jenem Sinn gemeint, wie zum Beispiel die Themen "Benedikt" oder "Mißbrauch" oder "Protzbischof" ein ausdauernd gefundenes Fressen für jene waren, die sich davon (Achtung: Verschwörungstheorie!) bessere Quoten, höhere Auflagen, überlaufende Kommentarspalten und die Verbrüderung der Sender mit der Mehrheit der Empfänger in gemeinsamer Abscheu zur Front der Gutgesinnten mit wirtschaftlichem Mehrwert versprachen. Und wie sie gefressen haben! Ich meinesteils brauche keine Pegida-Spazierrunden, um Verständnis für das "Unwort des Jahres 2014" aufzubringen ...

Domberge im Vergleich?

Ja, ich weiß: Wir können den neckische Text bald auswendig nachbeten:
... Es ist spät geworden an diesem Freitag in der Fastenzeit, vom Domberg aus sieht man die Lichter schwirren. Beim Essen im Speisesaal des Kardinal-Döpfner-Hauses wird Marx familiär. Den Rotwein trinkt er in langen Zügen, vom Kalbsbraten mit Rahmschwammerl nimmt er zweimal nach, beim zweiten Mal drei Krustenstücke. Er kaut, schimpft und lacht. Aber den Nachtisch lässt er stehen, und als alle denken, jetzt geht der Abend erst richtig los, da ist der Kardinal weg.
Stellen wir uns nun zur Abwechslung einfach vor, es würde sich nicht um einen aktuellen Text des Magazins Cicero über Karneval Marx handeln, sondern um irgendein älteres Portrait irgendeiner Postille vom üblich verdächtigen Medienstrich über einen anderen deutschen Bischof. Das wäre in jenem Fall womöglich dann so aus der Presse ge(f)logen:
... Es ist wie immer alles zu spät, auch an diesem Freitag in der Fastenzeit, vom finster-überschatteten Domberg aus sieht man die Lichter umso heller schwirren. Beim Bankett im Speisesaal des Diözesanen Zentrums gibt sich Tebartz familiär. Den Rotwein kippt er in vollen Zügen, vom teuren Kalbbraten mit erlesenen Pilzen an Edelrahm nimmt er mehrfach nach, zuletzt noch mehrere Krustenstücke. Er kaut, schlingt und schmatzt. Aber den Nachtisch lässt er anstehen, und als alle denken, er sei ihm nicht gut genug, da schaufelt der Bischof richtig los: da bleibt den Gästen die Spucke weg.

Sonntag, 8. März 2015

Von der Blogger-Studie zum Mehrwert

Zumindest in jenen Bereichen der Blogozese, die ich auf dem Schirm habe, wurde die jüngst publizierte ZAP-Studie Über das missionarische Potential der deutschsprachigen katholischen Bloggerszene überwiegend durch den Fleischwolf gedreht und kurzgebraten aufgefressen. Nun halte auch ich dafür, es sei nicht gerade ein großer Wurf gelungen. Allerdings könnte ich mir vorstellen, daß der Autorin die Lust am Thema zunehmend abhanden kam, da der im Vorfeld erhobene Datenbestand nach Boykott- und Sabotageaufrufen hinter dem eigentlich Erwartbaren zurück geblieben ist, die Arbeit aber dennoch getan werden mußte. Und jeder, der sich bereits einmal an einer wissenschaftlichen Arbeit versucht hat, kennt die lustlose Not, wenn Quellen nur tropfen statt zu sprudeln. 
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Einen Mehrwert scheint die Studie auf den Weg zu bringen: Die Frage nach dem missionarischen Potential der Blogozese brachte den Mitblogger Peccator auf den Gedanken, ein Netzprojekt auf die Beine zu stellen, dessen Ziel - wenn ich die Sache recht verstanden habe - man aus den folgenden beiden Buchtiteln herauslesen könnte:
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Oder, um es in den Worten eines blog zu formulieren, der als erste Organisationsbasis ins Netz gestellt wurde: Angedacht ist ein Angebot im web, "das allen Menschen guten Willens die Fülle des katholischen Lebens und Glaubens eröffnet", zusammengestellt aus Beiträgen katholischer Blogger. Die jeweiligen Themen, so meine ich andernorts gelesen zu haben, sollten einfach, verständlich und zeitgemäß aufbereitet werden.
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Ich muß gestehen - mein erster Gedanke war: Bitte, lieber Gott, nicht noch eine Feld-, Wald- und Wiesen-Seite, auf der zur Abwechslung einmal ein paar bloggende Katholiken (ich erinnere des Stichworts "Bekloppte und Konvertiten"), die nicht wissen, wie eine Absatztaste funktioniert, ihre frommen Obsessionen in stilistisch fragwürdig formulierten Texten abfeiern. Und als wäre das nicht pessimistisch genug vorgestellt, schob sich dem geistigen Auge noch ein gruseliges layout in den Blick.
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Ich gebe zu: Das war gemein. Hätten die Apostel und Evangelisten so lange am Neuen Testament herumgeschrieben und gefeilt, bis alles edel, druckreif und gut geworden wäre, auf daß niemand - weder ob der Inhalte noch der Form wegen - die Nase rümpft, so hätte zum Beispiel (rund 300 Jahre später) ein heidnischer Rhetor das Ergebnis nicht kritisch und wenig froh beschnüffeln können. Warum? Er hätte es wahrscheinlich niemals kennengelernt, denn vor lauter Sorge um eine angemessene Verkündigung hätten die ersten Christen keinen gemeinsamen Nenner gefunden, den Glauben zu verkünden. Das Christentum wäre irgendwann nach Pfingsten von der Bildfläche verschwunden und Augustinus zu einem besonders klugen Kopf der Manichäer geworden.
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Peccator hat gebeten, das Unterfangen bekannt zu machen. Dem komme ich gerne nach und bette ein label in die Seitenleiste ein, welches auf den Planungsblog verweist. Ob und in welchem Maße meinerseits etwas beigesteuert werden kann, mag sich weisen. Da ich bei publizistischen Projekten ein wenig dazu tendiere, alleinseligmachende Anschauungen zu hegen, wie etwas beschaffen sein müßte und auszusehen habe, halte ich mich erst einmal im Interesse des Projektes eher zurück und sage nur soviel: Ein Redaktionsstatut scheint mir unabdingbar, ehe alle einfach drauf los texten, und fände sich ein Webdesigner im Kreise der Beteiligten ein, wäre es vielleicht auch kein Schaden ...
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Der Planungsblog ist hier zu finden, derweil die ZAP-Studie hier zum download bereit steht. Zu Peccators Seite gehts hier entlang.