Donnerstag, 31. Juli 2014

Nach der Zersplitterung

St. Ignatius von Loyola - Dom zu St. Blasien
Er hätte als Verteidiger von Pamplona womöglich in eine glänzende militärische Karriere starten können - aber in "einer einzigen Sekunde", so beschreibt der Dichter Reinhold Schneider den Augenblick, in dem Gottes Plan dieses Sinnen zunichte zu machen begann, in einer ...
 ... einzigen Sekunde zersplitterten die Versprechungen des Glücks: eine der ersten Kugeln zerschmetterte sein rechtes Bein; ein losgesprengtes Mauerstück zerschlug auch das linke. Noch gab er seine Hoffnungen nicht auf; und wie hätte er auf sie verzichten können? (...) So ließ er das Schienbein, das schlecht verheilt war, ein zweites Mal brechen. Als sich dennoch herausstellte, daß ein Knochen bei der Verwachsung den anderen überragte und einen häßlichen Auswuchs bildete, bat er den Arzt, das vorstehende Stück abzusägen. Bei vollem Bewußtsein, ohne sich binden zu lassen, ertrug er die Marter. Vergeblich: Das Bein blieb zu kurz. Auch die Streckversuche halfen nichts; sein ungeheurer Wille mußte das Gebrechen anerkennen.
Er hatte immer die Roman von fahrenden Rittern geliebt, auch während er langsam genas, verlangte er danach; doch auf Schloß Loyola fanden sich nur zwei Bücher. Das eine war Ludolfs von Sachen Leben Christi, das andere enthielt Heiligenbiographien. (...) Unter dem Einfluß der Bücher jedoch, die man ihm wider seinen Willen gab, und von denen er am Anfang einzig Zerstreuung und Unterhaltung erhoffte, trat die Wendung ein.
Ignatius wechselte den Feldherren. Der Schlachten, in welche dieser ihn senden wird, sind vielfältiger Art nach Innen wie nach Außen. Der Heilige wächst an Ihnen; den Kern seines Lebenswerkes fasst die Oratio zu seinem heutigen Fest zusammen:
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Deus,
qui ad maiorem tui nominis gloriam propagandam,
novo per beatum Ignatium subsidio
militantem Ecclesiam roborasti ...
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Gott,
zur Ausbreitung der höheren Ehre deines Namens
hast du durch den heiligen Ignatius die im Kampf stehende 
Ekklesia mit einem neuen Truppenverband gestärkt ...
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So manche Wege und nicht wenige Umwege führen den Heiligen zu diesem Ziel; gerade der gewonnene Elan des Bekehrten treibt, diesen Eindruck wird man nicht ganz los, bei Ignatius noch eine Weile seltsame Blüten - fast sieht es danach aus, als versuche er, die neu gewonnene Einsicht mit seinem alten Lebensentwurf auf eine allzu menschliche Weise zu verknüpfen: es scheinen die fahrenden Ritter der einst geliebten Romane vorläufig weiter durch sein Gemüt zu geistern. Vielleicht ist auch deshalb das Stück von der Unterscheidung der Geister zu einem zentralen Element der von ihm konzipierten Exerzitien geworden? Eine Unterscheidung, mit der er selbst wohl lange gerungen hat und die - wie überhaupt dieses ganze Exerzitienbuch - für uns so wertvoll sein kann, weil gerade hinter aller Spröde der Darstellung doch der lebendige Vollzug durchscheint, aus dem Ignatius schöpfen konnte.
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Seine Fürsprache helfe uns, aus den Verworrenheiten unserer Lebenskreise stets zur höheren Ehre Gottes zurückzufinden und für dessen Namen zu streiten - und sei es gegen uns selbst oder gegen diesen Aion ... ora pro nobis!
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Bild: Der hl. Ignatius von Loyola - Darstellung über dem ihm geweihten Seitenaltar im Dom zu St. Blasien im Schwarzwald. Der Text Reinhold Schneiders stammt aus dessen Werk Philipp der Zweite oder Religion und Macht. Leipzig (2) 1938. S. 120.

Mittwoch, 30. Juli 2014

In einer Reihe mit Abel

Das Opfer Abels - St. Johann, Freiburg
Einen großen Bogen heilsgeschichtlicher Kontinuität zeigen die Propria auf, welche am vergangenen siebten Sonntag nach Pfingsten die Zurüstung der Gaben umrahmten. Da ist einmal das abschließende Gebet über die Opfergaben:
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Deus,
qui legalium differentiam hostiarum 
unius sacrificii perfectione sanxisti:
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accipe sacrificium 
a devotis tibi famulis,
et pari benedictione, 
sicut munera Abel sanctifica;
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ut, quod singuli obtulerunt 
ad maiestatis tuæ honorem,
cunctis proficiat ad salutem.
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Gott,
du hast die vielen Opfer des Gesetzes
durch die Vollkommenheit des einen Opfers geheiligt.
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Nimm an die Opfergabe 
deiner dir ergebenen Diener -
und mit gleichem Segen heilige sie
wie die Gaben Abels:
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Und so gereiche, was jeder (Einzelne)
zu deiner erhabenen Ehre darbringt,
allen zum Heil.
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Diese Oratio vollendet sozusagen den Gedanken der Antiphona ad Offertorium (Dan 3, 40):
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Sicut in holocaustis arietum et taurorum,
et sicut in millibus agnorum pinguium:
sic fiat sacrificium nostrum
in conspectu tuo hodie, ut placeat tibi:
quia non est confusio confitentibus in te,
Domine.
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Wie die Brandopfer von Widdern und Stieren
und unzähliger fettsatter Lämmer:
So werde unser Opfer
heute vor deinem Angesicht, auf daß es dir gefalle:
denn nicht zu Schanden werden, die auf dich hoffen,
Herr.
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Die betende Ekklesia weiß, daß es nur ein Opfer gibt, welches vor Gott Bestand haben kann: die Hingabe seines Sohnes, des Kyrios Jesus Christus, im Tod am Kreuz. Sie weiß aber auch, daß die Opfer des Alten Bundes (wie auch das, was sie selbst in Gaben und Zeichen zum Altar trägt) in sich zwar keinen Wert haben, aber Wert gewinnen, wenn sie auf das Kreuzesopfer hin gesehen werden: denn durch dieses vollkommene Opfer wird jede Opfergabe geheiligt, sofern dargebracht in lauterem Geist der Hingabe und Liebe. Sinn und Möglichkeit solchen Opferns samt dessen Rahmen umreißt der Kyrios in der Bergpredigt:
Wenn du also deine Gabe zum Opferaltar bringst und dort dich erinnerst, daß dein Bruder etwas gegen dich hat, laß dort deine Gabe vor dem Opferaltar, und geh - erst versöhne dich mit deinem Bruder, Und dann komm, und bring deine Gabe dar (Mt 5, 23 f.).
Abel ist in zweifacher Weise Vorbild: zum einen Typos des Kyrios im Tod von Bruderhand des Opfers wegen, zugleich auch Bild des Menschen, der sein Opfer in Lauterkeit darbringt, weswegen es Gott - im Gegensatz zur dezidiert thematisierten überfinsterten Gabe Kains - annimmt:
Nun begab es sich nach Verlauf geraumer Zeit, daß Kain dem Herrn eine Opfergabe von den Früchten des Ackers darbrachte; und auch Abel opferte von den Erstgeburten seiner Herde, und zwar von ihren Fettstücken. Da schaute der Herr auf Abel und seine Opfergabe; aber Kain und seine Gabe sah er nicht an. Darüber geriet Kain in heftige Erregung, so daß sein Angesicht sich finster senkte. Da sagte der Herr zu Kain: "Warum bist du erregt geworden, und warum hat dein Angesicht sich finster gesenkt? Wird nicht, wenn du recht handelst, dein Opfer angenommen? Lauert nicht, wenn du böse handelst, die Sünde vor der Tür als ein Feind, dessen Verlangen auf dich gerichtet ist, den du aber bezwingen sollst?" Hierauf sagte Kain zu seinem Bruder Abel: "Laß uns aufs Feld gehen!" Und als sie auf dem Felde waren, fiel Kain über seinen Bruder Abel her und schlug ihn tot. (Gen 4, 3-8).
Wenn wir uns zur heiligen Eucharistia um den Altar versammeln, so stehen wir in einer Reihe mit dem opfernden Abel und den Gaben dieses "gerechten Dieners", mit - wie im Canon Missæ weiter formuliert - dem "Opfer unseres Patriarchen Abraham"; wir sehen "das heilige Opfer und die makellose Gabe", welche der "Hohepriester Melchisedech dargebracht hat". Wir vereinen uns mit den Tränen, die David seiner Sünde wegen opferte. Wir dürfen das Opfer des Propheten Elias zugegen denken, das Gott selbst entzündet hatte zur Schmach der Baals-Priester:
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... So werde unser Opfer
heute vor deinem Angesicht, auf daß es dir gefalle:
denn nicht zu Schanden werden, die auf dich hoffen,
Herr.
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All das geschieht in der Liturgie im ewigen Heute Gottes (in conspectu tuo hodie), all das ereignet sich in der Gegenwart des Kreuzesopfers neu, und in all das gaben und geben die Gerechten im ersten Advent und die Gläubigen im zweiten Advent ihre eigenen Opfergaben hinein, waren es einst Widder, Stiere und Lämmer im Alten Bund, waren es die Früchte und Essensgaben, die man in der Alten Kirche zum Altar trug für die Priesterschaft und für die Armen, sei es jetzt die prosaische Münze in der Kollekte - vor allem aber muß eines dabei sein: unser Herz und unsere lautere Hingabe - so wie es einst war, als Gott geschaut hat auf die Gaben Abels. So gehen alle Opfer letztlich ein in das Opfer der Ekklesia, das ...
... im Einklang mit dem Opfer des Logos dargebracht, zu einer wahren logikè thysía, einem Opfer im Geiste [wird]. Es ist kein bloß äußerliches Tun; es wird vielmehr tief verankert in geistiger Erkenntnis und Beschauung. Deshalb nennt der hl. Justinus Martyr die Eucharistia mit einem unübersetzbaren Worte einen euchês lógos, einen Gebetslogos; und die Väter, angefangen mit den Apologeten, ja vielleicht schon früher, erklären die christliche Eucharistie als die einzig wahre logikè thysía, als geistiges Opfer. Hier erfüllte sich das Wort des Herrn von der Anbetung im Geiste und in der Wahrheit. Denn der sich opferte, war das menschgewordene göttliche Wort; und die Kirche konnte sich dieser göttlichen Tat nur anschließen durch ein Mitleben mit Christus im Geiste und in der Wahrheit (Odo Casel OSB).
So denn bitten wir:
... Nimm an die Opfergabe
deiner dir ergebenen Diener -
und mit gleichem Segen heilige sie
wie die Gaben Abels:
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Und so gereiche, was jeder (Einzelne)
zu deiner erhabenen Ehre darbringt,
allen zum Heil.
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Bild: Das Opfer Abels - Relief in der Mensa des Hochaltars der Kirche St. Johann in Freiburg. Das Zitat von Odo Casel ist entnommen dessen Schrift Das Gedächtnis des Herrn in der altchristlichen Liturgie (Ecclesia orans Band 2) Freiburg (7-8) 1922. S. 49 f.

Dienstag, 29. Juli 2014

Land des Glaubens, deutsches Land

Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt ... auf Fratzbuch rückte sich soeben die alte DDR-Hymne in mein Blickfeld - die ich übrigens ganz gerne hören mag; durchaus ansprechend im Text, durch das leicht rabiate Wechselbad aus hymnisch breitem Pathos und zum Klassenkampf stachelnden Marschtakten zudem auch musikalisch nicht ganz uninteressant.
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Das erinnerte mich alsdann an jene Hymne an Deutschland, die womöglich in der Bundesrepublik zur Nationalhymne avanciert wäre, hätte nicht ausgerechnet Adenauer letztlich die dritte Strophe des Deutschlandliedes gegen den vom Bundespräsidenten Theodor Heuss bei Rudolf Alexander Schröder in Auftrag gegebenen Text durchgedrückt:
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Schade, daß sich Heuss mit Schröder-Reutter nicht durchgesetzt hat ...

Antonius-Tag

St. Antonius - Gengenbach, St. Marien
Immer dienstags ist Antonius-Tag - was daher rühren soll, daß der Heilige an einem Dienstag sei bestattet worden und sich dabei unzählige Wunder ereignet haben sollen. Seine Fürsprache helfe uns freilich alle Tage ... ora pro nobis!
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Bild: Der Antonius-Altar in der ehemaligen Klosterkirche St. Marien zu Gengenbach im Schwarzwald.

Montag, 28. Juli 2014

Sententiæ LXIII

Gott geht nicht nach Utopia! Aber auf diese tränenfeuchte Erde kommt er immer wieder! ... Gott liebt die Welt, weil sie unvollkommen ist. Wir sind Gottes Utopia, aber eines im Werden!
Stefan Andres, Wir sind Utopia

Sonntag, 27. Juli 2014

Das BamS!

Sieben von vierzehn Nothelfern weist dieses Tafel in der Freiburger Martinskirche (Antoniuskapelle) aus, darunter jene, deren Gedächtnis erst vor wenigen Tagen gefeiert wurde (all da sind der hl. Christophorus und die hl. Margaretha), vor allem aber den Nothelfer heutigen Tags - der hl. Arzt Pantaleon. Sie alle rufen wir an ... orate pro nobis!
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Samstag, 26. Juli 2014

Vorbildlich: Evangelisches Stift macht "Alte Messe" möglich

Über Fratzbuch stieß ich soeben auf die folgende Meldung der Gruppe Summorum Pontificum Freiburg:
Freiburg. Am 25. Juli 2014 um 15:47 Uhr erreichte uns per eMail die Nachricht, dass die Michaelskapelle auf dem Alten Friedhof, in der bisher regelmäßig die Heiligen Messen in der außerordentlichen Form des römischen Ritus gefeiert wurden, auf Grund eines Wasserschadens an der Stuckdecke des Chorraumes kurzfristig gesperrt wurde. In der kommenden Woche soll eine Firma die nötigen Reparaturen durchführen. Solange können dort keine Gottesdienste und Veranstaltungen stattfinden. 
Da trotz Rücksprache mit dem zuständigen Stadtdekanat keine andere Kirche oder Kapelle als Ausweichmöglichkeit gefunden werden konnte, bietet uns kurzfristig das Evangelische Stift in der Hermannstraße 10 in 79098 Freiburg eine Herberge. Bis auf Weiteres sind wir zur Feier der Heiligen Messe in der außerordentlichen Form des römischen Ritus in der dortigen Kapelle herzlich Willkommen. Die Kapelle ist über die Einfahrt zwischen Hermannstraße 12 und 14 zu erreichen.
Meinetwegen mag es schwierig sein, innerhalb so kurzer Frist eine andere Kirche aufzutreiben. Courargierte Pfarrer, die kurzerhand - vielleicht auch abseits seelsorge-einheitlicher "Dienstwege" mit Rätebefragung etc. - eine Kirche zur Verfügung stellen, um der Not der betreffenden Gruppe abzuhelfen, scheint es in Freiburg leider nicht zu geben. Kirchen, die um diese Zeit nicht genutzt werden, gibt es jedenfalls einige ...
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Ein großes Vergelt's Gott an die Verantwortlichen des Evangelischen Stifts für die kurzfristig möglich gemachte Gastfreudschaft!
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Gott ist hier, an heiliger Stätte.
Gott versammelt sein Volk in seinem Haus,
er schenkt ihm Stärke und Kraft.
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(Introitus vom 17. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A)

Anna und die Litanei von den heiligen Müttern

hl. Mutter Anna - Pfarrkirche St. Mansuetus, Biederbach
"Hat Gott", so ein Wort aus dem Mund von Bischof Johann Michael Sailer, des bedeutenden kirchlichen Erneuerers im 19. Jahrhundert, "einen Altar im Herzen der Mutter, so hat er einen Tempel im ganzen Haus" - passt, wie ich finde, besonders gut auf die heilige Mutter Anna, deren Fest die Ekklesia heute feiert: Anna schuf jene Atmosphäre, in welcher Unsere Liebe Frau ihrer Berufung entgegenwuchs, die Mutter Gottes zu werden: sedes sapientiæ - "Sitz der Weisheit", wie es in der Lauretanischen Litanei heißt.
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Eine andere Litanei ist mir vor einiger Zeit unter die Augen gekommen - sie passt zu diesem Tag und deswegen sei sie hier wiedergegeben: die Litanei zu den heiligen Müttern:
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Herr, erbarme dich unser -
Christus, erbarme dich unser -
Herr, erbarme dich unser!
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Christus, höre uns -
Christus, erhöre uns!
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Gott Vater vom Himmel - erbarme dich unser!
Gott Sohn, Erlöser der Welt -
Gott Heiliger Geist -
Heilige Dreifaltigkeit, ein einiger Gott -
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Heilige Maria, jungfräuliche Mutter Gottes -
bitte für uns und unsere Kinder!
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Heilige Anna, du Mutter der seligsten Jungfrau -
Heilige Elisabeth, du Mutter Johannes der Täufers -
Heilige Perpetua, du Märtyrerin für unseren Glauben -
Heilige Felizitas, du Mutter von sieben Märtyrern -
Heilige Helena, Verehrerin des heiligen Kreuzes -
Heilige Monika, du Retterin des verlorenen Sohnes -
Heilige Clothilde, du erste Heilige Germaniens -
Heilige Mathilde, du leidvolle deutsche Königin -
Heilige Adelheid, du demütige deutsche Kaiserin -
Heilige Hedwig, im Glauben und Leid große Herzogin -
Heilige Brigitta, du christusinnige Mystikerin -
Heilige Franziska, du gläubig fromme Erzieherin -
Heilige Elisabeth, Patronin und Mutter der Armen -
Heilige Kunigunde, du Beispiel der Reinheit und Treue -
Heilige Johanna, du Vorbild der Hausfrauen und Mütter -
Heilige Rita, du Kreuzträgerin in der Ehe -
Heilige Ida, du Witwe und Heldin der Buße -
Heilige Margarita, voll Nächstenliebe und Gebetsgeist -
Heilige Katharina, voll glühender göttlicher Liebe -
Alle heiligen Mütter in der Herrlichkeit Gottes -
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Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünden der Welt -
verschone uns, o Herr!
Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünden der Welt -
erhöre uns, o Herr!
Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünden der Welt -
erbarme dich unser, o Herr!
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Christus, höre uns -
Christus, erhöre uns!
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Herr, erbarme dich unser -
Christus, erbarme dich unser -
Herr, erbarme dich unser!
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Vater unser ...
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Lasset uns beten! Göttlicher Heiland, du Hirt unserer Seelen! Du hast einst die Kinder und Mütter gesegnet. Du hast dir zu allen Zeiten auch aus den Reihen der Mütter Heilige berufen. Gib uns die Gnade, daß wir in den Fußstapfen der heiligen Mütter wandeln und mit unseren Kindern von dir gesegnet werden, der du lebst und herrschest in Ewigkeit. Amen.
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Bild: Die heilige Mutter Anna - Pfarrkirche St. Mansuetus zu Biederbach im Schwarzwald. Die Litanei zu den heiligen Müttern stammt aus dem Kongregationsgebetbuch Mein Nazareth von Albert Bickel und Leonhard Grimm. Freiburg 1948. S. 32.

Freitag, 25. Juli 2014

Pilgerschaften

Der hl. Apostel Jakobus der Ältere
Eine schöne Fügung knüpft an das Fest des hl. Apostels Jakobus das Gedächtnis des hl. Christopherus - als Scharnier zwischen beiden mag der Begriff der Pilgerschaft gelten. Christopherus zog durch die Welt auf der Suche nach dem höchsten Herrn, dem allein er dienen wollte. Er fand diesen Herrn in einem Kind, das ihn bat, er möchte es durch einen Fluß tragen. Die vermeintlich "leichte" Aufgabe zwang ihn beinahe in die Knie, denn er trug den Kyrios, der das All trägt: Der Heilige aber hatte seinen Meister gefunden - und fortan hat Gott ihn getragen. 
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St. Christopherus
Auch auf dem Weg zu diesem Herrn sind Menschen, die seit Jahrhunderten zum Grab des heiligen Jakobus pilgern, früher mehr als heute ein entbehrungsreicher und zuweilen nicht ungefährlicher Gang. Wer selbst einmal eine die Kondition vielleicht etwas fordernde Fußwallfahrt unternommen hat, vielleicht zu einem naheliegenden Heiligtum Unserer Lieben Frau, vielleicht sogar ein Stück gen Santiago de Compostela, der konnte womöglich die "Last" des hl. Christopherus ein wenig nachfühlen. Am Ziel angekommen finden wir jedoch ein Stück mehr zu uns selbst, denn auch wir haben - so wir lauteren Sinnes aufgebrochen sind - Gott in unseren Herzen getragen. Nirgendwo anders können wir uns selbst näher kommen als in der Gegenwart Gottes, dessen Licht unsere gehaltenen Augen erfüllen, öffnen kann.
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Daß uns dies auf dem großen Pilgergang unseres Lebens ebenso gelinge, dazu helfe uns die Fürsprache des hl. Jakobus und des hl. Christopherus ... orate pro nobis!
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Bilder: Oben der hl. Apostel Jakobus der Ältere - in der Pfarrkirche St. Wendelin zu Altglashütten im Schwarzwald; darunter ein Mosaik des hl. Christopherus an einer Außenwand der Pfarrkirche St. Blasius im Glottertal.

Donnerstag, 24. Juli 2014

Von der Weihe der Sprache

Odo Casel OSB
Auch die Form, in der die Liturgie gefeiert wird und die ja aus ihrem Mysteriencharakter hervorwächst, nimmt teil an dieser zugleich schützenden und verherrlichenden Kraft. Die Symbole zeigen an und verhüllen. Hier liegt auch der tiefste Grund, weshalb die Liturgie nicht in der Sprache des Alltags, sondern in altehrwürdiger Kultsprache gehalten wird.  Zeiten rationalistischer Aufklärung, die den Hauptwert des Gottesdienstes in sittlicher Belehrung und Erziehung zu guten Staatsbürgern fand, nahmen immer wieder daran Anstoß. Demgegenüber wiesen erleuchtete Geistesmänner auf die tiefe Bedeutung einer altgeheiligten, erhabenen Sprache für den Kult hin (1).
Aus der Fülle der Gründe, die dafür sprechen, heben wir unserem Thema entsprechend nur einen hervor: Die Liturgie will in erster Linie Verehrung Gottes sein. Deshalb muß ein Schimmer von der Heiligkeit und Majestät Gottes auf sie fallen. Würde sie aber in der Sprache des alltäglichen Verkehrs gehalten, so würde der zarte Duft einer höheren Weihe von ihr abgewischt. Der feingewirkte Schleier der fremden Sprache, der auch für den der Sprache Kundigen den heiligen Text in eine höhere Sphäre erhebt und mit geheimnisvoller Würde umwittert, gibt der Liturgie ein größeres Ansehen und einen überirdischen Glanz. Auch der zweite Zweck der Liturgie, die Heiligung der Seelen, wird durch die alte Sprache nicht gehemmt, sondern eher gefördert. Denn nicht Belehrung des Verstandes und Erziehung des Willens ist das, was die Mysterien zunächst anstreben, sondern ein innerliches Erfahren des göttlichen, übernatürlichen Lebens. Das Heilige aber wirkt in erster Linie nicht auf den Verstand oder den rationellen Willen, sondern auf die Seele. Das geheimnisvolle Schweigen, das schließlich auch in der Anwendung einer fremden Sprache liegt, redet aber lauter von der Heiligkeit Gottes als die eindringlichste Belehrung.
Der Mensch strebt zudem gerade im Gottesdienst über sein gewöhnliches Dasein hinaus; unwillkürlich greift er, wenn er von Gott oder zu Gott spricht, zu erhabenen Worten, die sonst nicht in seinen Mund kommen. Gerade die antiken Sprachen aber haben schon aus sich und jetzt auch noch durch ihre objektive, feierliche Unveränderlichkeit eine Kraft und Würde, die von keiner lebenden Sprache erreicht werden. So eignen sie sich besonders zu einer sakralen Sprache, ein Abglanz zeitloser Ewigkeit fällt durch sie auf die gottesdienstliche Handlung.
Die Geschichte bestätigt diese Anschauung. Der Kult hat in allen Zeiten, sowohl in den Gewändern der Priester wie im Bau der Tempel, in den Gebärden wie in der Sprache, das durch hohes Alter Geheiligte bevorzugt; er war immer konservativ und hat, zumal bei den antiken Völkern, dadurch oft sogar unverstandene Riten bewahrt. Wörter eines fremden Volkes blieben, wenn der Kult zu einem anderen Volke überging, bestehen, weil ihr voller, bedeutender Klang nicht zu ersetzen war. So übernahmen die griechischen und lateinischen Christen das Alleluja, Amen, Marana tha aus der Liturgie der palästinensisch-syrischen Urkirche ...
(1) Aus der reichen Literatur über den Gebrauch der lateinischen Sprache in der römischen Liturgie heben wir nur zwei tiefgehende Abhandlungen hervor: J. M. Sailer in den "Neuen Beiträgen zur Bildung der Geistlichen" II (München 1811) 250 ff. und Fr. Hettinger, Die Liturgie der Kirche und die lateinische Sprache (Würzburg 1856).
Odo Casel OSB: Die Liturgie als Mysterienfeier (Ecclesia Orans Band 9) Freiburg (3-5) 1923. S. 143 ff.

Mittwoch, 23. Juli 2014

Sententiæ LXII

Der Schöpfer aller Dinge, der sein Geschöpf besser zu heilen versteht als jeder andere, hat nicht befohlen, die Gesellschaft der Menschen, vor allem jener, die sich von uns gekränkt oder von denen wir uns beleidigt glauben, zu meiden; er will, daß wir gerade diese besänftigend für uns gewinnen. Denn er weiß, daß man die Reife des Herzens nicht durch Absonderung von den Menschen, sondern durch die Tugend der Geduld erlangt.
St. Johannes Cassianus, De institutis coenibiorum IX, 7

Dienstag, 22. Juli 2014

Rabbuni!

... Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, schaute sie in das Grab und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten. Die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, daß es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen? Sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen. Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni - das heißt: Meister ... (Joh 20, 11-16)
Tränen können den Blick trüben. Wie oft stehen wir mit Maria von Magdala vor einem der Gräber unseres Alltags und weinen in uns hinein, weil wir mit der Situation überfordert sind? Weil wieder, weil nochmal alles anders gekommen, womöglich viel schlimmer, als wir es uns erwartet haben? Vielleicht wollten wir sogar alles richtig machen und stellen fest, daß wir trotzdem das Ziel verfehlt haben ... und doch waren wir uns unserer Sache so sicher, gingen mit guter Absicht ans Werk.
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Gott seine Sache richten zu lassen und zu wissen, daß er sie richten wird - ihm zu vertrauen und die Hoffnung in jenen Weg zu setzen, den er vor uns auftut, auch wenn wir diesen Gottesweg nicht überblicken können und der Ansicht sind, ein zielführender Weg müsste doch ganz anders verlaufen: Auch das klingt vielleicht mit im Wort, das der auferstandene Kyrios an Maria von Magdala richtet: "Halte mich nicht" (Joh 20, 17) - nicht mit deinen Erwartungen, deinen Vorstellungen, deinen Plänen, deinen Wünschen, deiner menschlichen Einschätzung. Würden wir wirklich unsere Augen öffnen und aus ganzem Herzen alles, was Gott in der großen Geschichte (und in unserem kleinen Leben darin) plant und auf den Weg bringt, könnten wir das wirklich im Vertrauen auf ihn annehmen und im Glauben erkennen, so wie Maria das - nach der Katastrophe der Passion - Unvorstellbare erkannt hat, den lebendigen Christus am Ostermorgen ... wie neu und echt könnten wir dann mit Maria sprechen: Rabbuni! Meister!
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Die heilige Maria Magdalena, erste Zeugin des Auferstandenen, deren Fest die Ekklesia heute feiert, Zeugin eines Lebens jenseits unserer Vorstellungkraft: Sie helfe uns mit ihrer Fürsprache, wenn Gott uns in der Tiefe der Nacht bei unserem Namen ruft ... ora pro nobis!
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Bild: Die hl. Maria Magdalena begegnet dem Kyrios am Morgen der Auferstehung. Glasfenster aus dem Chorumgang des Freiburger Münsters (Original zwischenzeitlich im Augustiner Museum Freiburg).

Montag, 21. Juli 2014

Klosterneuburger Alipialien

Obacht! Der Erzblogger ist immer für eine Überraschung gut ...
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Kanonstille - Vom Schweigen im Hochgebet

Odo Casel OSB
Zu Beginn des eucharistischen Hochgebetes, des heiligsten Aktes der Liturgie, fordert der Priester in der "Vorrede" - præfatio - die Gläubigen auf: "Aufwärts richtet die Herzen"!" Reinigt sie von allen irdischen Sorgen und Gedanken und richtet sie ganz auf das Göttliche hin! 
Wessen Herz aber bei Gott ist, der sinnt und spricht nichts Irdisches mehr. Der altchristliche Dichter Kommodian sagt daher ausdrücklich vom Sursum corda, der Priester des Herrn spreche es, "damit Stillschweigen werde" (Instruct. lib II 35, 14 f.). 
Die griechische Liturgie hat dem Gedankeninhalt des Sursum corda (Áno tàs kardías) noch eine zweite, ergreifende Form gegeben. In dem Cherubhymnos, der auf den Opferakt vorbereiten soll und bei der Übertragung des Brotes und Weines von der Prothesis zum Altar gesungen wird, werden die Gläubigen aufgefordert, in dieser hochheiligen Stunde alle menschlichen Sorgen abzulegen: "Die Cherubim mystisch darstellend und der lebenspendenden Dreieinigkeit das Dreimalheilig singend, laßt uns alles irdische Sinnen ablegen; laßt uns entgegen gehen dem König des Alls, der sich naht mit dem unsichtbaren Gefolge der Engel" (...).
Das Sursum Corda wie der Cherubhymnos fordert die Stimme und die Seele zum Schweigen während der folgenden Opferfeier auf. "Wenn der Priester vor dem heiligen Tische steht", sagt der heilige Johannes Chrysostomos (sermo 34), "die Hände zum Himmel erhebt und den heiligen Geist anruft, daß er erscheine und die auf dem Altar liegenden Gaben berühre, dann ist große Ruhe; großes Schweigen herrscht, wenn der Geist die Gnade verleiht, wenn er herabkommt, wenn er die Gaben berührt". Heiliges Schweigen zeichnet den erhabensten Augenblick der Liturgie aus; es ist, als ob kein menschlicher Laut die Stille Gottes stören dürfte; auch der Priester dämpft seine Stimme und betet leise. In der griechischen Kirche erhebt er sie nur zur Vorrede, zum Dreimalheilig, zu den Wandlungsworten und zu dem einen oder anderen Gebetsruf. 
Einfacher und vielleicht noch großartiger wirkt das Schweigen der römischen Kirche. Sie singt nach der Vorrede den Teil des Kanons, den wir jetzt Präfation nennen und der mit dem Sanktus abschließt. Die Engel, denen sich die Menschen einen, können vor der unendlichen Majestät nichts anderes sagen als immer wieder: Heilig, heilig, heilig. Aber als ob selbst das noch zuviel sei, schweigt die Kirche, wenn der Engelsgesang verklungen ist, vollständig.
In der Papstmesse verneigen sich, wie es uns die älteren Ordines Romani schildern, nach dem Sanctus die umstehenden Bischöfe, Diakone, Subdiakone und Presbyter und verharren tiefgebeugt bis zum Schlusse des Kanons. Nur die Subdiakone erheben sich beim "Nobis quoque peccatoribus", der Archidiakon am Schlusse und hilft dem Papste bei der Erhebung der Oblaten und des Kelches. Dann erst singen alle aufrecht ihr Amen. Ein feierliches Bild! Die ganze Basilika angefüllt mit der tiefverneigten Schar des Volkes und der Kleriker; der Papst allein aufrecht in stillem Gebet; darüber lautlose Stille gebreitet - man fühlte das Mysterium, man spürte den Atem Gottes, der sich auf den Altar herabließ und das Opfer vollzog und annahm.
Das Schweigen ist eine Vorbereitung auf den göttlichen Logos, der sich in die Brust des Menschen senkt und ihn zur Rede von Gott, zur "Theologia" begeistert. In diesem Sinne ist die ganze Liturgie ein Logos, der aus mystischem Schweigen hervorgeht; denn aus tiefer, stiller Beschauung der Mysterien Christi ist sie geboren und führt wiederum in die Tiefen des Reichtums Gottes ein.
Odo Casel OSB: Die Liturgie als Mysterienfeier (Ecclesia Orans Band 9) Freiburg (3-5) 1923. S. 148-151, 156 f.

Sonntag, 20. Juli 2014

Orpheus - der Erlöser

Gestern Abend sendete 3sat eine reizvolle Aufführung der Oper Orfeo ed Euridice von Christoph Willibald Gluck - dem Werk liegt der Mythos des thrakischen Sängers Orpheus zugrunde, von dem gesagt ist, sein Gesang hätte selbst Steine erweichen lassen. Nach dem Tod seiner Gattin wird ihm gestattet, in das Totenreich herabzusteigen und seine geliebte Euridike wieder ins Leben empor zu führen. Ein Gebot muß er allerdings achten: Während er mit Euridike das Totenreich durchwandert, darf er sich nicht nach ihr umdrehen. Orpheus jedoch kann nicht an sich halten und wendet sich der Geliebten zu - Euridike aber sinkt in die Schattenwelt zurück: für immer im Mythos, derweil bei Gluck der göttliche Amor eingreift, Euridike erneut erweckt und die Liebenden vereint.
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Zu Beginn des zweiten Akts trifft Orpheus, bereits in die Schattenwelt eingetreten, aber noch nicht bei Euridike angekommen, auf die dort hausenden Furien und Geister, die sich alles andere als freundlich zeigen:
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Chi mai dell'Erebo
fra le caligini,
sull'orme d'Ercole
e di Piritoo conduce il piè?
...
D'orror l'ingombrino
la fiere Eumenidi
e lo spaventino
gli urli di Cerbero,
se un dio non è.
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Wer lenkt
durch die Nebel des Erebus,
auf den Spuren von Herkules und Pyritus,
seinen Schritt?
...
Mit Schauder mögen ihn
die wilden Eumeniden erfüllen,
und die Schreie von Zerberus
mögen ihn erschrecken,
wenn er kein Gott ist.
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Orpheus' Bitten und Flehen, Nachsicht walten zu lassen, wird zuerst rundweg angeschmettert: No! Der Sänger aber weiß um die Qualen dieser Geister und stimmt sie mit Gesang versöhnlich ...
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Mille pene, ombre moleste,
come voi sopporto anch'io;
ho con me l'inferno mio,
me lo sento in mezzo al cor.
...
Men tiranne ah, voi sareste
al mio pianto, al mio lamento,
se provaste un sol momento
cosa si languir d'amore.
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Wie ihr, verächtliche Schatten,
erleide ich tausend Qualen;
meine Hölle trage ich in mir,
ich spüre sie tief in meinem Herzen.
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Weniger tyrannisch wäret ihr
gegen meine Tränen, meinen Schmerz,
wenn ihr nur einen einzigen Moment fühltet,
was Liebesleid ist.
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Am Ende geben die Furien und Geister den Weg zu Euridike frei. Warum nun schildere ich das lang und breit? 
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Als ich mir das gestern so angehört und angeschaut hatte, kam mir der Gedanke, Orpheus könne Christus sein (und ich bin mir sicher, daß der ein oder andere Kirchenvater den Orpheus-Mythos ähnlich gedeutet haben wird, auch wenn ich gerade keine Belege zur Hand habe). Das Gefüge der folgenden Analogie mag an einigen Ecken ächzen und knirschen, aber so ganz abwegig finde ich den Vergleich nicht:
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Wie Orpheus möchte Christus unsere Seele, seine Braut, zu neuem Leben erwecken - jene Seele, mit der nicht zuletzt das Bild Gottes in uns gesenkt ist: Euridike im Mythos, Gottes lebloses Bild in uns jetzt und hier - dieses Bild, mit dem er sich doch vereinen möchte, gebettet im Schattenreich eines von der Sünde getroffenen Lebens. Auf seinem Weg trifft Christus auf die Furien, unsere fehlgeleiteten Affekte, die aber nicht gänzlich verderbt sind - denn man mag überlegen, ob es sich nicht um eigentlich gute, aber durch die Sünde zuweilen bis ins Grauenvolle entstellte Entäußerungen handele? Zorn und Wut etwa - sind das nicht allzu oft Zerrbilder eines ursprünglichen Eifers zum Guten (eine Ahnung davon vermittelt vielleicht die Erfahrung, daß wir zumeist auch ein paar gute, quasi "rechtfertigende" Gründe für diese Affekte beibringen können). Christus-Orpheus aber spricht uns: 
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Meine Hölle trage ich in mir,
ich spüre sie tief in meinem Herzen.
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Die tiefste Entäußerung Gottes in das der Sünde anheim gefallene Menschliche: "Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht mit unserer Schwachheit Mitleid haben kann, sondern der in allen Stücken versucht wurde in ähnlicher Weise, aber ohne Sünde", um es mit den Worten des hl. Paulus zu sagen (Hebr 4, 15).
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Öffnen wir uns diesem Orpheus, hören wir die Stimme Christi, lassen wir uns rühren von seinem Gesang - all unseren widerstreitenden Empfindungen zum Trotz und zu deren Ruhe, Friede und Lichtung ...
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Mit Schauder mögen ihn
die wilden Eumeniden erfüllen,
und die Schreie von Zerberus
mögen ihn erschrecken, ...
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... freilich nur, ...
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wenn er kein Gott ist.
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Die auf 3sat gezeigte Produktion von Glucks Orfeo ed Euridice ist hier noch einige Tage in der Mediathek abrufbar; der zweite Akt beginnt ungefähr bei 28:15.

Das BamS!

Das Bild am Sonntag hängt sich an das heutige Gedächtnis der heiligen Martyrin und Nothelferin Margaretha von Antiochia an und stammt aus der ehemaligen Stiftskirche St. Margarethen zu Waldkirch im Elztal. Der aus Tirol stammende Maler Franz Bernhard Altenburger (+1736) hielt die Werbung des Stadtpräfekten Olybrius um Margarethens Hand fest:

Samstag, 19. Juli 2014

Ein gemalter Christ trinkt seinen Kaffee

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Vor einigen Tagen saß ich nach der Arbeit draußen vor einer Bäckerei und schlürfte an einem Kaffee herum - die wenigen Tische waren weiter nicht besetzt und das war mir ganz recht: Ich schätze diese Augenblicke, in denen sich das Leben der anderen von einem fernhält. 
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In dieser "Beschaulichkeit" kam plötzlich eine Frau auf mich zu - sie saß in einem Rollstuhl, und der erste Eindruck, der sich meiner bemächtigte, war wenig christlich: "Hoffentlich fährt die vorbei". Das tat sie nicht; vielmehr sprach sie mich an, ihrer Behinderung wegen mit schwerer Zunge und nicht laut genug, als daß ich es verstanden hätte. Ich fürchte, mein "Wie bitte?" wird bereits irgendwie nach "Machen Sie bloß, daß Sie weiterkommen" geklungen haben. Der Rollstuhl blieb stehen; die Frau sprach nochmals kurz vom Wetter, ich antwortete mit irgendeiner Belanglosigkeit. Sie verweilte noch kurz, dann setzte sie ihren Rollstuhl wieder in Bewegung und fuhr davon ...
Gibt es einen Kranken, mit dem ich nicht krank wäre? Und wie wäre ich imstande, seine Krankheit mitzufühlen, wären wir nicht in unserem Herrn und Haupt einander teilhaftig? Alle Menschen bilden zusammen einen mystischen Leib, wir sind alle Glieder. Ich habe noch nie von einem Glied gehört, nicht einmal bei Tieren, das dem Schmerz eines anderen Gliedes gegenüber fühllos ist. 
Ist ein Teil des Menschen zerschlagen, verwundet, vergewaltigt, dann fühlen es alle anderen Teile. Alle Glieder verbindet ein wechselseitiges Mitgefühl, das Leid des einen ist das Leid des anderen. Umso mehr Ursache haben die Christen, Glieder des gleichen Leibes und Glieder untereinander zu sein, sich gegenseitig Mitleiden zu zeigen. Christ sein und seinen seinen Bruder leiden sehen, ohne mit ihm zu weinen, ohne mit ihm krank zu sein, das hieße ohne Liebe sein, ein gemalter Christ ...
In gleicher Weise bedeutet es einen Akt der Liebe, sich mit den Frohen zu freuen und am Gegenstand ihrer Freude teilzunehmen.
Das sind große, fordernde Worte des hl. Vinzenz von Paul, gesprochen gut ein Jahr vor dessen Tod und Frucht eines reichen apostolischen Lebens. Wie wenig werden wir diesen Ansprüchen gerecht ... vor allem aber ... Wie viel unternehmen wir, um ihnen zumindest ein wenig gerechter werden zu können? 
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Weil die Ekklesia heute das Fest des hl. Vinzenz feiert, blätterte ich vorher in einem Buch mit Auszügen aus seinen Schriften, Briefen und Konferenzen, stieß dabei auf diese Passage und entsann mich der Begegnung mit jener Frau im Rollstuhl und meiner Reaktion. Mit ein paar Worten, ein wenig Zeit, die ich ihr hätte schenken können, wäre unser beider Leben vielleicht ein Stück reicher geworden. So aber blieb nur ein "gemalter Christ" zurück und schlürfte - mit einem schlechten Gewissen - weiter seinen Kaffee: Heiliger Vinzenz von Paul ... ora pro nobis!
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Das Bild zeigt den hl. Vinzenz von Paul als Führer zu Christus; gefunden in der Kirche St. Johann in Freiburg. Das Zitat stammt aus einer Conférence des hl. Vinzenz vom 30. Mai 1659; in: Hans Kühner (Hrsg.): Vinzenz von Paul als Gestalt des Grand Siècle. Köln (2) 1963. S. 265.

Donnerstag, 17. Juli 2014

Zurücktreten können

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Die Ekklesia feiert ja gerne mehrfach - heute zum Beispiel einerseits das Fest des hl. Bekenners Alexius, der sich Christus so sehr in frei gewählter Armut zugesellte, daß er zuletzt - unerkannt - als Bettler unter einer Treppe seines eigenen Vaterhauses lebte, andererseits verzeichnet dieser Tag auch das Gedenken an die Demut Unserer Lieben Frau; ein zentrales Motiv verknüpft mithin beide Anlässe: besagte Demut.
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Was die wahre christliche Demut sei, darüber gehen die Meinungen auseinander; dies Faß will ich hier nicht aufmachen. In einigen Fällen scheint es mir ohnehin nicht hilfreich, den Begriff der Demut nach allen Seiten möglichst abschließend zu erörtern, um daraus so etwas wie ein verbindliches Leitbild zu entwickeln, da dies gerne zu sehr konkreten Verhaltensnormen führt, die es einzuhalten gelte - derweil ich meinerseits den Verdacht nicht los werde, daß sich die Demut des Einzelnen im Spannungsfeld verschiedener Faktoren (Talente, Berufung, Stellung, Aufgaben usw.) jeweils ganz unterschiedlich, womöglich ganz anders gestalte könnte als bei einem Zeitgenossen.
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Eine Herausforderung aber scheint mir allen individuellen Entfaltungsmöglichkeiten gemeinsam: Die Kunst, sich im konkreten Lebensmoment immer wieder zurücknehmen zu können, so es denn unserem geistlichen Fortkommen (und oft dann auch der Sache, für die wir einstehen) dient. Ehe wir noch überlegen, was denn christliche Demut sei, wartet diese Herausforderung bereits Tag um Tag auf uns, und wenn ich von mir auf andere schließen darf, dann würde ich sagen, daß wir uns in der Regel eher schwer damit tun, beispielswegen einfach einmal in die zweite Reihe zurückzutreten und nicht die erste Geige spielen zu wollen. Das kann schon im Supermarkt anfangen, wenn wir uns an den Kassen taktisch günstig einreihen wollen und uns ärgern, weil vor uns jemand noch schneller war (und das ist noch ein eher harmloses Beispiel).
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Unsere Liebe Frau, auf deren Niedrigkeit Gott in Gnaden geschaut hat, und der heilige Alexius mögen uns mit ihrer Fürsprache hierbei zur Hilfe kommen ... orate pro nobis!
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Bild: Unsere Liebe Frau und die Heiligen Alexius und Dominikus als Fürbitter vor Christus als dem göttlichen Richter - Deckenbild in der Pfarrkirche St. Alexius zu Herbolzheim.

Mittwoch, 16. Juli 2014

Dem Berg Karmel gleich



Caput tuum ut Carmelus
et comæ capitis tui sicut purpura
Regis vincta canalibus.
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Dem Berg Karmel gleich dein Haupt:
wie königlicher Purpur die Stränge
Deines Hauptes, zu Flechten gebunden.
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Benedictus-Antiphon aus den Laudes zum Gedächtnis Unserer Lieben Frau vom Berg Karmel (Skapulierfest); das Bild zeigt eine volkstümliche Madonna aus der Kapelle St. Ursula zu St. Peter im Schwarzwald.

Zwischendurch ...

... ein Fratzbuch-Kommentar (ehe dieser dort womöglich gerupft wird):
Es ist keine Barmherzigkeit, Menschen zu einem Verhalten zu ermutigen, das einer klaren Ansage des Herrn entgegen steht. Barmherzigkeit ist, diese Menschen auf dem gewiß nicht leichten Weg, der sich aus einer Scheidung ergibt, liebevoll zu begleiten und sie gerade dann zu stärken und für sie da zu sein, wenn das Leben als schwierig erfahren wird. Zu verstehen, warum uns der Herr Jesus dies so vorgeben hat, ist für uns - auch jene, die nicht Betroffene sind - gewiß nicht einfach, so wie die Heilökonomie Gottes für uns generell oft undurchschaubar bleibt. Sie aber anzufechten oder nach unserem Gefühl und Ermessen abzuändern steht uns nicht zu.

Dienstag, 15. Juli 2014

Avodath Hakodesh

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Vor Jahren habe ich in einem Chor das Oratorium Avodath Hakodesh des schweizerischen Komponisten Ernest Bloch gesungen, dessen Todestag sich heute zum 55. Mal jährt: eine Vertonung jüdischer Liturgie, des Gottesdienstes der Synagoge in spätromantischem Klangbild, 1933 uraufgeführt. Das Werk fasziniert mich bis heute - auch angesichts der Lage in Israel sei daran und an das Wort des 121. Psalms erinnert, der uns von der Ekklesia spricht, aber dessen Wurzeln wir niemals vergessen - Anfang und Ende liegen beschlossen im Heilsplan Gottes: 
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Erfleht, was Jerusalem Frieden bringt!
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In Blochs Oratorium kann man hier hineinhören. Das Bild zeigt Moses beim Empfang des Zehnwortes - Ausschnitt aus den Glasmalereien in der Pfarrkirche St. Gallus, Merzhausen bei Freiburg.

Montag, 14. Juli 2014

Sententiæ LXI

Freilich soll der Schmerz des Gemütes eine doppelte Begleitung haben, damit er fähig sei, die Seele zu reinigen und Gott zu besänftigen, nämlich die Furcht vor dem göttlichen Gericht und die Glut im inneren Verlangen, damit du in der Furcht das demütige Herz, im Verlangen das ergebene Herz und im Schmerz das reine Herz wieder gewinnst.
St. Bonaventura, De regimine animæ Nr. 5

Sonntag, 13. Juli 2014

Das BamS!

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"Ich werde ausgießen meinen Geist" - Gotteswort aus der Heilsschau des Prophet Joel (2, 28 bzw. 3, 1), dessen die Ekklesia zusammen mit Esra (Esdras) heute gedenkt. Die Darstellung des Propheten befindet sich im Gewölbe der Pfarrkirche St. Georg in Ehrenkirchen-Ehrenstetten.

Samstag, 12. Juli 2014

Veronika

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Vielen Werken, die der Breisacher Künstler Helmut Lutz für Kirchen hier in der Region entworfen hat, stehe ich eher skeptisch gegenüber. Der Kreuzweg aber, für die Pfarrkirche St. Nikolaus in Schluchsee geschaffen, beeindruckt mich. Der, wenn man so will, "rote Faden" dieses Weges ist eine Kugel, in der sich die einzelnen Stationsbilder befinden und die sich immer mehr und beklemmender verschließt, je näher der Betrachter auf den Kreuzestod des Kyrios zuschreitet. Der Tod Jesu sprengt diese Kugel für den Augenblick plastisch auf, das unerhörte Geschehen kann von ihr nicht erfasst, nicht umschlossen werden. Erst in der Grablegung ist die Kugel beinahe ganz abgeschlossen, wird sie sozusagen zum Samenkorn, das in die Erde gefallen und gestorben ist, ehe sie in einer fünfzehnten Station weit offen und leer steht.
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Die Ekklesia gedenkt heute der hl. Veronika. Bei Lutzens Kreuzwegstation ist die Begegnung zwischen Christus und der frommen Frau mit ihrem Schweißtuch kein beschaulicher Moment, sondern voller Dramatik. Man hat den Eindruck, als ob Veronika kaum zu Christus vordringen konnte. Er scheint schon vorüber, wankt dem Fels von Golgatha entgegen, da bricht sie durch und hält ihm von hinten ihr Tuch vor das Gesicht, damit es zumindest für einen Augenblick Schweiß und Blut und Schmerz aus dem geschundenen Antlitz des Erlösers wasche. Christus stürzt geradezu in das Tuch hinein, das ihn auffängt, wenngleich die Dornen um sein Haupt es zerreißen - seine Züge aber prägen sich dem Linnen ein. 
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Das Tuch zerreißt. Es kann den Herrn nicht fassen. Gott aber nimmt auch unsere hilflosen Gesten zum Zeichen unseres Willens, ihm zu folgen - und er schenkt Veronika und uns sein Bild, prägt es in das Tuch, prägt es in unsere Herzen, die wir ihm entgegenhalten. Heilige Veronika, hilf uns, daß wir das Bild Christi dort bewahren ... ora pro nobis!