Montag, 22. August 2016

Da haben die Dornen Rosen getragen ...

Herz Mariä
Bild: Das Unbefleckte Herz Unserer Lieben Frau - Stickarbeit auf einer Prozessionsfahne in der Wallfahrtskirche zu St. Ulrich.

Samstag, 20. August 2016

Im Schatten der Wahrheit

 hl. Bernhard von Clairvaux - Augustiner Museum, Freiburg 
Denn wie wir bei den Alten
nur das Vorbild und den Schatten finden,
bis uns durch Christus,
der im Fleische gegenwärtig ward,
die Wahrheit selber aufgeleuchtet ist,
so leben auch wir im Vergleich zur künftigen Welt -
wir können es nicht leugnen - in
einem Schatten der Wahrheit,
in einem Vorläufigen.
Wir müßten sonst dem Apostel widersprechen,
der da sagt, daß
"Stückwerk unser Erkennen
und Stückwerk unser Weissagen"
und daß "ich nicht wähne, es ergriffen zu haben".
Denn wie sollte nicht Unterschied sein
zwischen dem, der im Glauben wandelt,
und dem, der im Schauen steht?
St. Bernhard von Clairvaux,
Predigten zum Hohelied 67, 5
Bild: Der hl. Bernhard von Clairvaux, Freiburg, Augustiner Museum.

Donnerstag, 18. August 2016

Trotz Distanz

Respice, Domine,
in testamentum tuum,
et animas pauperum tuorum
ne derelinquas in finem:
exsurge, Domine,
et iudica causam tuam,
et ne obliviscaris voces
quærentium te.
Achte, Herr,
deines Bundes,
und lass das Leben deiner Armen
nicht endgültig im Stich:
Herr, stehe auf,
schaffe Recht deiner Sache
und vergiss nicht unseres Rufens,
die wir dich suchen!
Der Gedenke, den die Antiphona ad Introitum am vergangenen 13. Sonntag nach Pfingsten vor Gott und seiner Ekklesia ausbreitet, ist (schaut man genauer hin) aus Versen des 73. Psalms komponiert, indem Auszüge aus den Versen 2o, 19, 22 und 23 zu einem bedrückenden Bild zusammengezogen werden.
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Wir sehen auf der einen Seite die Armen, die befürchten, von Gott endgültig im Stich gelassen zu werden. Auf der anderen Seite erscheint Gott - aber als einer, der nichts tut und unternimmt; ein Gott, dem man den Bund zwischen ihm und den Armen, seinen Armen (also den von ihm restlos Abhängigen) in Erinnerung rufen, und den man wachrütteln muss, um seiner Sache (dem beschworenen Bund, den auf ihn angewiesenen Armen) Recht zu verschaffen; ein Gott, der so abwesend zu sein scheint, daß man nach ihm suchen muss, und der so dauerhaft desinteressiert wirkt, daß zu befürchten steht, er könne das Rufen seiner Armen schlicht vergessen haben - womit auch eine zeitliche Perspektive in den Blick treten könnte: offenbar rufen die Armen schon zu lange, ohne Hilfe zu erfahren. Gott hat, so der Eindruck, lange nicht mehr an sie gedacht.
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Es besteht hier sozusagen eine große Distanz zwischen Gott und seinen Armen, in denen wir uns erkennen. Wir suchen Gott, haben aber oft den Eindruck, nicht so an ihn heran zu kommen, wie es unserem Glauben und unserem Vertrauen dienen würde. Manchmal wollen wir ihm aber auch nicht zu nahe kommen, weil wir uns unserer Unzulänglichkeit, unserer Schwäche bewußt sind, dem Aussatz unserer Sünde ... steterunt a longe heißt es im Euangelion (Lk 17, 11-19) des besagten Sonntages von den zehn Aussätzigen: "Sie blieben" (angesichts der Krankheit verständlich) "von weitem stehen und riefen mit lauter Stimme" - so auch wir nicht selten, wenn wir mit den leprösen Geschwüren unserer Sünden dem Herrn nicht zu nahe treten wollen, sei es, um in Anhänglichkeit an unserer Verfehlungen nicht zu sehr umkehren zu müssen, oder sei es schlicht aus falscher Scham: Doch ist "nahe denen der Herr, die zerknirschten Herzens sind" (Ps 33, 19); nur muss die Zerknirschung aufrichtig, der Wille zur Umkehr echt sein - selbst wenn wir schon oft daran scheiterten.
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Freilich ist das nicht die konkrete Situation, in die uns die eingangs erwähnte Psalmworte führen. Die Distanz ist zwar vorhanden, doch stellt sich eher das Bild ein, daß es Gott ist, der von weitem stehen bleibt und den wir mit lauter Stimme rufen müssen. Und in der Tat: Gott kann sich uns entziehen, obwohl wir ihn bitten und zu ihm rufen. Warum er es tut, liegt außerhalb unseres Blickfeldes, und es muß reichen, zu vertrauen, daß Gott zuletzt alles zum Guten und zum Heil wendet, selbst wenn wir uns unserer Sache überhaupt nicht mehr sicher sind. Dieses "zuletzt" meint aber nicht den Weg, auf den wir dabei geschickt werden, sondern das Ziel dieses Weges, der von Erschütterungen nicht frei bleibt. Unser Glaube ist ein Gang über Wasser und durch Stürme, unser Vertrauen ist - nein, nicht einfach "gefragt", sondern herausgefordert ...
Da hob Petrus an und sprach zu ihm: Herr, wenn du willst, befiehl, daß ich über die Wasser zu dir komme. Er sprach: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot, schritt über die Wasser hin und ging auf Jesus zu. Doch als er den starken Wind erblickte, befiel ihn Furcht. Und da er zu sinken begann, schrie er und sagte: Herr rette mich! Gleich streckte Jesus die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: 
Kleingläubiger! Warum hast du gezweifelt? 
Und als sie ins Boot stiegen, erlahmte der Wind. Die im Boot aber verneigten sich tief vor ihm und sagten: Wahrhaftig, Gottes Sohn bist du (Mt 14, 28-33).

Dienstag, 16. August 2016

Anstößiges

Am Rand habe ich dieser Tage mitbekommen, daß in der sogenannten "ordentlichen Form" des Römischen Ritus am vergangenen (20.) Sonntag (im Jahreskreis C) als Euangelion eine Perikope aus Lukas (12, 49 ff.) gelesen wurde:
Feuer auf die Erde zu werfen bin ich gekommen,
und wie sehr wünsche ich, es wäre schon entfacht.
Mit einer Taufe habe ich mich taufen lassen,
und wie drängt es mich, bis das ans Ziel gebracht ist.
Wähnt ihr, um Frieden auf der Erde zu stiften
sei ich aufgetreten? Mitnichten,
sage ich euch - sondern: Zwietracht.
Denn von jetzt an wird
unter fünf in einem Haus Zwietracht herrschen:
von dreien gegen zwei
und von zweien gegen drei.
Sehr anstößige Worte - sie zu deuten fällt nicht leicht, weil sie einerseits unserem Bild vom "lieben Heiland" und all den Verniedlichungen, mit denen wir Gott unserem Horizont immer wieder anzupassen suchen, harsch in die Parade fahren. Und weil jede Deutung andererseits der Gefahr unterliegt, das Wort auf einen bestimmten Aspekt zu verengen.
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Vor einigen Tagen las ich ein Wort des Jesuiten Henri du Lubac - es bezieht sich nicht spezifisch auf dieses Euangelion, bringt aber dazu eine Konsequenz zur Sprache, über die nachzudenken sich lohnt:
Gäbe es mehr Heilige in der Welt, wäre der geistliche Kampf darin intensiver. Das Reich Gottes, das sich darin mit mehr Macht offenbarte, würde eine glühendere Liebe auslösen - aber auch entsprechend eine heftigere Feindschaft. Seine zunehmende Dringlichkeit würde eine Spannung hervorrufen, die die Konflikte zum Ausbruch brächte.
Und wenn wir inmitten der Menschen relativ in Frieden leben, so wohl deshalb, weil wir lau sind.
Ich denke, es geht dabei in einem ersten Schritt nicht darum, den eigenen Glauben auf eine Krawallschiene zu setzen oder Widerspruch absichtsvoll zu provozieren. Es reichte schon, würden wir aufhören, dauernd Konzessionen an den Zeitgeist zu machen, sowie dessen Einreden und Anwürfe beständig wegzulächeln oder zu beschweigen ...
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Zitat aus: Henri du Lubac: Über die Wege Gottes. Freiburg 1958. S. 154.

Montag, 15. August 2016

Deine von Licht strahlenden Augen wende, siegreiche Königin, uns zu!

Aufnahme Mariens in den Himmel - Bad Säckingen, Fridolinsmünster
Vertraut sind uns die Worte aus dem Salve Regina:
Eia ergo, advocata nostra,
illos tuos misericordes oculos
ad nos converte.
Et Iesum,
benedictum fructum ventris tui,
nobis post hoc exsilium ostende.
Wohlan, unsere Fürbitterin,
wollest deine barmherzigen Augen
zu uns wenden
und Jesus,
deines Leibes gebenedeite Frucht,
uns weisen nach diesem Elende.
Der Gedanke begegnet uns in einer Hymnenstrophe wieder, welche die Ekklesia zur ersten Vesper am Fest der Aufnahme Unserer Lieben Frau in den Himmel anstimmt:
Ad nos, triumphans, exsules,
Regina, verte lumina,
Cæli ut beatam patriam,
Te, consequamur, auspice.
Deine von Licht strahlenden Augen wende,
siegreiche Königin, uns Elenden zu,
auf daß wir, in deinem Gefolge,
das himmlische Vaterhaus erreichen.
Der Begriff lumina ("Lichter") wird hier zuerst einmal als poetisches Synonym für das Wort oculi verwendet und bedeutet mithin schlicht "Augen": die Augen regina triumphans, der "siegreichen Königin".
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Es sind diese ebenso die Augen jener jungen Frau aus Nazareth, die des Engels gewahr wurde, der sie hochbegnadet nannte; jene Augen, die das Kind in der Krippe liegen sahen; jene Augen, in denen sich der Blick des greisen Simeon traf, der davon sprach, das Heil gesehen zu haben; jene Augen, die unter den Pilgern nach dem jungen Jesus suchten; jene Augen, denen nicht entgangen war, wie auf einer Hochzeit der Wein zu Neige ging; jene Augen, die den Sohn gefoltert und am Kreuz sterben sahen; jene Augen, in deren Blick der Auferstandene trat; jene Augen, in denen das Heilige Pneuma in Zungen wie von Feuer loderte - und nun spiegelt sich in eben diesen Augen das göttliche Licht, und wo immer fortan die Allheilige Jungfrau ihre Augen wendet, dorthin fällt ein Strahl dieses Lichtes aus ihren Augen auf diese Erde!
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So wende auch uns,
siegreiche Königin,
erhoben mit Leib und Seele in den Himmel,
deine von Licht strahlenden Augen zu,
und weise uns Jesus,
die gebenedeite Frucht deines Leibes!
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Bild: Die Aufnahme Unserer Lieben Frau in den Himmel (Ausschnitt) - Deckenfresko von Franz Joseph Spiegler im Münster St. Fridolin zu Bad Säckingen.