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Mittwoch, 17. September 2025

Lektüre über Mond und Arche ... nach Kreuzerhöhung


Hochamt zum Fest Kreuzerhöhung 2025
St. Anton - Basel
Zuweilen schleiche ich gerne im Freihandmagazin der Unibibliothek herum. Die Bücher sind dort nicht nach Thema, sondern in der Reihenfolge ihrer Anschaffung geordnet; das weckt fromme Entdeckerlust - und so wandern Schritte und Augen zwischen den Regalen hin ... und her über die unzähligen Buchrücken. Bei diesen bibliographischen Wanderungen verschaffe ich mir zudem gerne einen Blick über all das, was zuletzt "theologisch" angeschafft wurde, drehe manches in der Hand herum, stelle manches mit Grinsen oder Grusel zurück ins Regal ... oder trage nach Hause, was mein Interesse weckt.  Vor einigen Tagen stieß ich auf die Festschrift für Kurt Kardinal Koch Einheit und Einzigkeit. Ekklesiologische Konkretionen in ökumenischer Perspektive (Hg. Augustinus Sander, Stefan Heid und Hyacinthe Destivelle, Freiburg 2025) - ein Aufsatzband, wie bei Festschriften üblich, darunter ein Beitrag der von mir sehr geschätzten Äbtissin "Schwester Christiana" Reemts OSB (siehe Blog in der blogozesanen Übersicht rechts); sie schreibt über "Realsymbolische Ekklesiologie" der Kirchenväter; diese waren überzeugt, dass "alle Dinge Christus und die Kirche im Vorausbild darstellen", Reemts zitiert hier aus dem Sechstagewerk des Anastasius Sinaita. 

Die Verfasserin geht auf zwei patristische Vergleiche näher ein: Der Mond als Symbol der Kirche, der in seinem Verschwinden und Wachsen den Druck von Verfolgung und Feinden (nicht nur von außen, sondern, so möchte ich hinzufügen, auch in den eigenen Mauern) ebenso spiegelt wie Wachstum und Erfolg, wobei Luna/Kirche im einen wie im anderen das Licht immer von der Sonne, von Christus empfängt. Das andere Bild sieht in der Arche Noachs ein Realsymbol der Kirche. Dazu schreibt Reemts:

Noach ist Typus Christi, die Arche ein Bild für die Kirche und die Sintflut ein Bild für die Welt bzw. für deren Untergang. Noach wird geschildert als der vollkommen Glaubende, der auf Gott vertraut, obwohl er keine Garantie hat, dass Gott ihn wirklich aus der Flut retten wird, ja im Grunde noch nicht einmal, dass eine Flut kommen wird ... "bevor das Wasser der Flut kam" (Gen 7,7). Sein Glaube zeigte sich darin, dass er auf Befehl Gottes etwas tat, was in den Augen seiner Umgebung sicher völlig sinnlos, ja lächerlich war: Bei normalem Wetter, möglicherweise bei Sonnenschein ... eine Arche zu bauen und auch noch in sie hineinzugehen: "... bevor das Wasser der Flut kam". Wer tut denn sowas?

Für uns ist die Arche bereits gebaut: Wie jedoch stehen wir zur Kirche, wenn wir mit unserem Glauben vor Zeit und Kritik mit all den darinnen schwärenden Meinungen und Trends nicht selten in Deckung gehen - als schämten wir uns für diese Arche, die Gott uns hingestellt hat, als hielten auch wir sie für rückständig und morsch und nicht besonders vertrauenswürdig? Sollte sie uns nicht viel mehr jene Arche für die "Hoffnung" sein, die uns "erfüllt": Hoffnung, von der wir allzeit, wenn erforderlich, "Rechenschaft" geben sollen (1 Petr 3,15) - was auch heißen mag, zum Glauben und zur den Glauben bergenden und verbürgenden Arche zu stehen, und das mit Sinn und Verstand, nicht verdruckst und wortkarg kleinlaut - und nicht zuletzt ohne irrelevante Sidekicks zu skurrilen Zerrbildern des Katholischen, zu denen manche ihre Zuflucht nehmen, weil sie nichts Besseres sagen können oder gar wissen wollen?

Reemts zitiert überdies Augustinus; dessen Wort rief mir den vergangenen Sonntag in Erinnerung, das Fest Kreuzerhöhung: 

Unter dem Symbol der Sintflut, bei der die Gerechten durch das Holz gerettet wurden, wurde die künftige Kirche angekündigt, welche von Christus, ihrem König und Gott, durch das Geheimnis seines Kreuzes emporgehoben und vor dem Versinken in dieser Welt gerettet wurde ...; er kündigte durch das Symbol des Holzes die Befreiung der Heiligen an (Vom ersten katech. Unterricht 19,32).

Die "durch das Geheimnis des Kreuzes emporgehobene" Kirche: heißt dies nicht, wenn wir dieses Bild weiterdenken: Sich ihrer zu schämen bedeutet, sich des Kreuzes Christi zu schämen?

Donnerstag, 28. August 2025

Lieblingszitate - ein Wort von Augustinus

 


Augustinus
nach einem Relief am Kanzelkorb der Pfarrkirche St. Urban in Freiburg Herdern

Zum Fest des hl. Augustinus will ich eine neue Rubrik einführen: Lieblingszitate. Das Wort vom "unruhigen Herzen" auf den ersten Seiten der Confessiones ist gewiss hinreichend bekannt. Darum ein anderes, welches für unser Verständnis der Heiligen Schrift wichtig ist. Es ist kein unmittelbares Zitat, sondern eine daraus abgeleitete Faustformel: In seinen Büchern der Quaestionum in Heptateuchum bestimmt Augustinus (nach einem ganz kurzen Exkurs zu Furcht und Liebe) das Verhältnis der beiden Testamente zueinander und schreibt: "... quamquam et in Vetere Novum lateat, et in Novo Vetus pateat" (2,73). Faktisch heißt das:

Das Neue Testament liegt im Alten verborgen, das Alte wird im Neuen offenbar.
Augustinus bringt damit das Verständnis der Alten Kirche auf den Punkt. Wir müssen das Alte Testament stets aus der Perspektive des Neuen Bundes lesen, damit sich uns "Gesetz und Propheten" erschließen. Auf diesem Hintergrund ist auch das Wort der Bergpredigt zu verstehen "Ich bin nicht gekommen, das Gesetz aufzuheben, sondern um es zu erfüllen" (Mt 5,17). Zu seiner Fülle und seinem eigentlichen Sinn gelangt das Alte Testament erst im fleischgewordenen Wort Gottes, in Christus.

Gesellen wir uns zu den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus, denen der Herr darlegte, "ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben stand" (Lk 24,17) und bitten wir mit dem hl. Augustinus (Confessiones 11,1)

O Herr, Deine Stimme ist meine Freude, Dein Wort mir köstlicher als strömende Fülle der Lüste. Gib mir, was ich liebe, denn ich liebe; und auch das hast Du gegeben. Lass die Gaben, die Dein sind, nicht verkommen, und sieh nicht hinweg über Dein durstiges Gras! Ich will Dir bekennen über alles, was ich finde in Deinen Büchern. Ich möchte darin vernehmen die Stimme des Lobpreises und Dich trinken und Wunder schauen anhand Deines Gesetzes, von dem Anfang an, in dem Du Himmel und Erde geschaffen hast, bis zu dem ewig mit Dir dauernden Reich Deiner heiligen Stadt.

Mittwoch, 13. August 2025

Schaufrömmigkeit - "Im Blick leben"

 „Seid, was ihr seht, und empfangt, was ihr seid: Christi Leib“ … dieser Tage bliebe ich bei diesem Augustinus-Wort, das am Ende des vorangegangenen Beitrags stand, an der Aufforderung „seht“ hängen. Wir sollen auf die eucharistische Gabe schauen, auf „euer Geheimnis auf dem Tisch des Herrn; euer Geheimnis empfangt ihr“ (Sermo 272). Hier soll es (zunächst) um dieses Sehen, das Hinblicken gehen.

Mir kam die Eucharistische Anbetung in den Sinn. Diese wird seit einigen Jahren wieder intensiver gepflegt, nachdem das frühere Standardangebot („Aussetzung mit sakramentalem Segen“) lange aus den Pfarrbriefen verschwunden war. Diese Renaissance freut aber nicht jeden – mir kommt's jedenfalls bei der Lektüre mancher Artikel und Standpunkte auf kirchlichen Informationsportalen so vor. Wenn nicht bereits deren Verfasser damit spürbar fremdeln, dann spätestens einige Kommentatoren.

Da ist etwa von einem mittelalterlichen Relikt die Rede, welches im Trend seiner Zeit der Individualisierung und Subjektivierung der Frömmigkeit Vorschub geleistet habe. Man verweist zudem darauf, dass die Eucharistie nicht von deren Feier getrennt werden sollte; dass der Herrenleib zur Speise und nicht zu spezieller Verehrung gegeben sei … und dergleichen mehr. In diesem Kontext wird hie und da der – nicht unbedingt positiv konnotierte – Begriff „Schaufrömmigkeit“ ins Spiel gebracht. 

Ich plädiere für mehr Schaufrömmigkeit – im Sinne von Augustinus: „Seid, was ihr seht … Christi Leib“. Der dem Auge auf dem Altar entbotene Herrenleib ist ein Bild der Kirche: Christus in der Mitte, den wir ausstrahlen sollen: Haupt und Glieder. Wir sind die ... nun ja, oft verbeulte und fleckige Monstranz, die Christus der Welt vermittelt: „Ihr werdet meine Zeugen sein“ (Apg 1,8). Der Blick auf den Herrn, die betende Versenkung in seine Gegenwart hilft uns dabei.

Von Romano Guardini sind einige Eindrücke von einer Reise nach Sizilien überliefert. Zweimal besucht er – während der Karwoche – den Dom von Monreale; er berichtet von der Messe zur Ölweihe am Gründonnerstag:

… Der weite Raum war voll Volk. Überall saßen sie auf ihren Stühlen, still, und schauten … Alle lebten im Blick. Da wurde mir klar, was echte liturgische Frömmigkeit voraussetzt: die Fähigkeit, im Bild und Vorgang das Heilige zu erfassen.

Ähnliches bei der Osternachtsfeier am Karsamstag:

... Überall durchformte Gesichter und gelöste Haltung. Kaum einer las, kaum einer betete für sich. Alle schauten. Über vier Stunden währte die heilige Handlung, und immer war lebendiges Dabeisein. Es gibt verschiedene Arten betender Anteilnahme. Die eine geschieht durch Hören, Reden, Handeln; die andere schaut. Jene ist gut, und wir kennen fast keine andere. Aber es ist uns etwas verloren gegangen, was hier noch war: die Fähigkeit, im Blick zu leben: aus Gestalt und Vorgang schauend das Heilige aufzunehmen ... 

Romano Guardini: In Spiegel und Gleichnis. Bilder und Gedanken. Mainz / Paderborn (7)1990. 158 ff.

Im Blick leben. „Seid, was ihr seht, und empfangt, was ihr seid: Christi Leib“ ...