Sonntag, 27. März 2016

Alleluja - alles erfüllend, selbst unumgrenzt!

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... Stiegst du auch hernieder zum Grabe,
Unsterblicher,
so vernichtetest du doch des Hades Gewalt.
Und als Sieger erstandest du wieder,
Christus, Gott,
sagend den salbentragenden Frauen
"Freuet euch"
und deinen Aposteln gebend den Frieden,
Auferstehung den Gefallenen reichend.
Mit dem Leibe warst du im Grab,
mit der Seele im Hades als Gott,
warst im Paradies mit dem Räuber auf dem Throne,
Christus,
mit Vater und Pneuma
alles erfüllend, selbst unumgrenzt.
Als lebenbringend,
über das Paradies erhaben an Schönheit,
als in Wahrheit glänzender
als jedes Königsgemach erwies sich,
Christus,
dein Grab,
das unserer Auferstehung
Quelle ist!
(aus den Troparien der Osterwoche
im Stundengebet der östlichen Kirche)
Eine gesegnete und frohe Osterzeit!
Christus ist auferstanden!
Ja, er ist wahrhaft auferstanden!
Alleluja.
Bild: Christus, der Auferstandene - Kirchhof bei der Pfarrkirche St. Blasius zu Buchenbach im Schwarzwald.

Freitag, 25. März 2016

Umbra crucis

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... (Christus) ist in allem unser Leben.
Seine Gottheit ist Leben,
sein Fleisch ist Leben,
seine Passion ist Leben.
So hat Jeremias gesagt:
"Wir leben in seinem Schatten".
Der Schatten seiner Flügel
ist der Schatten des Kreuzes,
der Schatten seiner Passion ...
Sein Tod ist Leben,
seine Wunde ist Leben,
sein Blut ist Leben,
sein Grab ist Leben
und seine Auferstehung:
Leben ist sie für alle und alles ...
Er ist das Korn:
In seinem Leibe
ist er zerrieben worden und gestorben,
um in uns viele Frucht zu bringen.
(hl. Ambrosius, Enarratio in Psalmum xxxvi, 36)

Mysterium fidei

Sein Geschenk in der Nacht, da er verraten wurde ...
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Gründonnerstag 2016, Bruderklausen-Kapelle zu Etzgen

Donnerstag, 24. März 2016

Wir - die Kraft seiner Gedanken

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Bewahrt mein Mysterium,
ihr, die ihr durch dasselbe bewahrt seid,
bewahrt meinen Glauben,
ihr, die ihr durch denselben bewahrt seid,
begreift meine Erkenntnis,
ihr, die ihr in Wahrheit mich erkennt,
liebt mich mit Inbrunst,
ihr, die ihr liebt,
denn nicht wende ich mein Antlitz
von dem, was mein ist.
Denn ich kenne sie.
Ehe sie waren,
habe ich sie erkannt und ihr Antlitz;
ich habe sie versiegelt,
ich habe ihre Glieder gebildet
und meine Brüste für sie bereitet,
meine heilige Milch zu trinken,
auf daß sie dadurch leben mögen.
Ich habe Wohlgefallen an ihnen gefunden
und schäme mich ihrer nicht;
denn sie sind mein Werk
und die Kraft meiner Gedanken.
Worte einer frühchristlichen Schrift, aus der achten der sogenannten Oden Salomos. Was die Aussage, wir seien "die Kraft" der "Gedanken" des Kyrios, bedeute und in sich schließe, das mag nun jeder für sich selbst in den kommenden Tagen erwägen: Gottes Segen allen für diese Zeit!
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Bild: Das Herrenmahl - Glasfenster (Ausschnitt) in der Pfarrkirche St. Gallus zu Merzhausen.

Dienstag, 22. März 2016

Vom Tage: Die Anschläge von Brüssel

Man spürt Wut aufgrund der heutigen Anschläge von Brüssel. Wut über den fortgesetzten Terror, Wut angesichts von Menschen, die am falschen Ort zur Unzeit waren und zerfetzt, von Trümmern erschlagen ... wie immer auch ... aus dem Leben geworfen wurden, urplötzlich, ahnungslos, nicht mehr und nicht minder schuldig am Elend dieser Welt, wie wir alle schuldig daran sind. Das verursachte Chaos ist kalkuliert von denen, die es auslösen, ein Menschenleben dabei nur ein Posten einer mitleidlosen Rechnung, zurück bleiben die Trauernden und jene, die mit dem Leben davongekommen sind. Das ist das eine, was Tage wie diese - und es gibt dieser, Gott sei es geklagt, leider immer mehr - in einem auslösen können. 
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Das andere ist die Verunsicherung ... gewiß: Man will nicht "die Muslime" kollektiv dafür in Haftung nehmen, aber die Präsenz dieser Religion im Abendland erfüllt mich aktuell mit Verdruss, mit immer mehr Verdruss; ein Verdruss, der sich auch aus Ratlosigkeit speist. Die Bomben zünden nicht nur in Flughäfen oder Bahnstationen, sie zünden auch im Gemüt.
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Dazu gesellt sich der Eindruck, nicht mehr Herr im eigenen Haus zu sein ... was auch damit zu tun hat, daß - mein Eindruck zumindest - Europa kaum mehr ein Fundament hat, das tragen kann. Wie soll man ein Haus errichten und Herr darin sein, wenn der Boden beständig schwankt? Wenn die in Brüssel und Paris und Berlin mit hohlem Blech beschworenen "Werte" Europas, bricht man sie auf ihre Quintessenz nur tief genug herunter, kaum mehr bedeuten mögen als Brot und Spiele: gefüllte Mägen und die Möglichkeit, sich dem zwergenhaften Hedonismus jedweden Blödsinns hingeben zu können? Auch daher rührt die erwähnte Wut.
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Man merkt, die Stimmung ist gerade wieder im Keller. Das sind bei mir jene Momente, die mich zu Reinhold Schneider greifen lassen: der Mann hatte eine Gabe, sich bedrückenden Fragestellungen auszusetzen und diese dichterisch zu ... nein, nicht zu bewältigen, aber sie zu verarbeiten. Natürlich ist der historische Hintergrund Schneiders ein anderer als der unsere; aber es weist die Höhe dieses Werkes aus, daß es auch unter Voraussetzungen zu uns sprechen kann, als anders bestellt sind, als jene es waren, die dem Wort einst Gestalt gegeben haben.
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In seinen Kreis zog mich heute nun das dritte von drei Sonetten, welche allesamt den Titel Die Überlebenden tragen. Schneider blickt hier nach dem Krieg auf seine geistig und materiell zerstörte Heimat und auf jene zwölf Jahre, die diesen Zustand vollendet hatten. Das versehrte Europa heute ist ein anderes, die Gründe dafür sind andere, die Verse aber können uns auch dazu etwas sagen, zumindest zu mir sprechen sie ...
Die Überlebenden · III
Die Hölle streifte uns. Wir blicken nicht
Nach Trümmern um, die Gut und Werk bedecken.
Verglühnder Richtstatt unerhörten Schrecken
Entkamen wir und eilen ins Gericht. -
Beugt euch in Gottes waltendes Gedicht!
Die Letzten sind wir, die euch schaudernd wecken.
Seht aus der Tiefe sich den Schatten recken,
Faßt euch an's Herz und glaubet an das Licht!
Die Engel und die Drachen streiten weiter. -
Uns ist die Welt versehrt, das Herz zerissen.
Und geisterhafte Lichter wirft der Tag.
Ihr Beter streitet fort und wecket Streiter!
Die Gnade faßt, daß wir vom Abgrund wissen
Und von der Liebe, die euch retten mag!
Gott erbarme sich über uns - er berge die Opfer in seiner Gnade und tröste deren Angehörige und Freunde: Oremus!
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Reinhold Schneider: Die Sonette von Leben und Zeit, dem Glauben und der Geschichte. Köln und Olten 1954. S. 226.

Montag, 21. März 2016

An Christus zerschmettern

 Tod des hl. Benedikt - Altarblatt, St. Johannes Baptist, Friedenweiler 
Cogitationes malas
cordi suo advenientes
mox ad Christum alidere ...
Böse Gedanken,
die im Herzen aufsteigen,
sogleich an Christus zerschmettern ...
So lautet eines der "Instrumente", die der hl. Benedikt im vierten Kapitel seiner Regula empfiehlt, um gute Werke zu vollbringen. Im Hintergrund steht ein Wort, das Psalm 136 beschließt; dort heißt es im Anschluss an die Klage Israels ob der Gefangenschaft zu Babel:
Babylon, Verwüsterin du:
selig, der dir vergelten darf
das Böse, das du uns angetan.
Selig, der deine Kinder packt
und sie am Felsen zerschmettert.
Das Wort der Regel und das Wort des Psalmes erklären sich gegenseitig. Kinder Babels sind sie bösen Gedanken, die uns heimsuchen - und wenn wir sie nicht am Felsen, der Christus ist, zerschlagen, so verwüsten sie zuerst unser Denken und - nach und nach - auch unser Handeln.
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Vielgestaltig sind diese Gedanken - von purer Lust am Bösen über blanken Hass (den man, hätte das Psalmwort nicht mehr als wörtlichen Sinn, auch dem Psalmisten unterstellen könnte), von Missgunst auf Mitmenschen bis hin zu selbstgerechter Egozentrik ... für jeden ist, so steht zu befürchten, etwas dabei. Sie an Christus, dem Felsen, zu zerschmettern, heißt aber meines Dafürhaltens nicht, sie einfach zu verdrängen, sondern sie mit Gottes Hilfe und unter Anrufung seines Namens einerseits aus dem Augenblick zu bannen, andererseits aber auch geistig und geistlich dahin zu arbeiten, mit seinen Gedanken ins Reine zu kommen: durch die Erforschung des Gewissens, durch den Versuch, die Quelle und den persönlichen Grund böser Gedanken namhaft und damit (an-) greifbar zu machen - und durch Bekennen im Mysterium der Vergebung, der Beichte.
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Der heilige Benedikt, dessen Pascha in das Reich Gottes die Ekklesia heute gedenkt, helfe uns dazu mit seiner Fürsprache ... ora pro nobis!
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Bild: Der Tod des heiligen Benedikt - Altarblatt (Auschnitt) in der ehemaligen Klosterkirche St. Johannes Baptist zu Friedenweiler.

Sonntag, 20. März 2016

Im Hafen angekommen - am Beginn der Heiligen Woche

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Der heutige Tag ist Ende und Anfang.
Die Quadragesima hat ihre Zeit durchlaufen,
das Pascha beginnt.
"Das Schiff ist im Hafen angekommen", heißt es in der syrisch-jakobitischen Karwochliturgie. "Am Hafen des Lebens sind wir angelangt, die wir vom Fasten zum Leiden gekommen sind ... Das Fasten ist zu Ende, das Leiden des Eingeborenen Gottes ist gekommen".
Diese Worte der Benediktinerin und Casel-Schülerin Ämiliana Löhr OSB haben mich am Vorabend des Palmsonntags in die Heilige Woche geführt.
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Auch die römische Leiturgia kennt das Bild des Hafens in der Feier des Herrenleidens. Wir hören davon in den letzten Strophe des Hymnus Pange lingua gloriosi prælium certaminis, den der Dichter Venantius Fortunatus zur Mitte des ersten Jahrtausends anstimmte. Der Hymnus mündet in einen Preisgesang auf das heilige Kreuz, den die Ekklesia in den Laudes der Passionszeit singt und in dessen vorletzter Strophe das Kreuz als jenes Zeichen aufscheint, das einer schiffbrüchigen Welt den Port bereitet, ihr den Weg in den Hafen weist: 
Sola digna tu fuisti
ferre pretium sæculi
Atque portum præparare
nauta mundo naufrago,
Quem sacer cruor perunxit
fusus agni corpore.
Du warst wert nur, ihn zu tragen,
Draus der Schöpfung Heil entsproß.
Der dem Weltschiff, noch vorm Scheitern,
Lotsenhaft den Port erschloß,
Du, gesalbt vom heilgen Balsam,
Der des Lammes Brust entfloß.
Das Kreuz also leitet uns in den rettenden Hafen. Wir kommen an, ankern fest - konkret aus der zurückliegenden Quadragesima, in einem geweiteten Blick aus unserem hin und her wogenden Leben. Letztes Sinnbild dieses Weges, dieser Bewegung ist die Palmprozession, in der wir Christus entgegen und an seiner Seite in die Heilige Woche eingetreten, eingegangen sind. Was wir aus uns heraus tun können, ist bezeichnet in den Zweigen, die wir dabei getragen haben: portantes palmas et ramos olivarum, bonis actibus occuramus obviam Christo, wie es in einer der alten Segensbitten über die Palmzweige heißt: "indem wir Palmen und Ölzweige tragen, gehen wir mit guten Werken Christus entgegen".
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Was jetzt zu tun bleibt, kann nur Christus vollbringen: Das mysterium paschale hat begonnen, das große und einzigartige Pascha, in dem der Kyrios durch das Leiden eingeht in den Tod des Menschen, fortschreitend zu Leben und Herrlichkeit:
Christi Ehre ist das Kreuz,
sind seine Leiden,
die er unseretwegen auf sich nahm,
um uns mit Ehre zu bekleiden
(hl. Ephräm der Syrer, 37. Hymne).

Samstag, 19. März 2016

Der Gerechte

Ein Engel erscheint Joseph im Traum - Pfarrkirche Heiligkreuz, Offenburg
Ioseph autem vir eius
cum esset iustus ...
Weil aber ihr Mann Joseph
ein Gerechter war ... (Mt 1, 19)
... habe er beschlossen, Maria - die ein Kind unter ihrem Herzen trug, das er nicht gezeugt hatte - fortzuschicken. Ohne Aufhebens freilich, um sie nicht der Schande preiszugeben. Der Grund für diese Absicht verdient Aufmerksamkeit: Weil Joseph ein Gerechter war: cum esset iustus.
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Wir hören diesen Satz heute am Fest des heiligen Joseph im Euangelion verkündet. Und es steckt mehr in diesem Satz, als wir hierbei vielleicht heraus hören: Daß dieser Joseph eine Art fairer Typ gewesen sei, der zwar vor Gott und der Welt nicht als gehörnter Bräutigam dastehen, dabei Maria die Zukunft aber nicht ganz verbauen wollte, indem er ihre vermeintliche Untreue offenkundig machte. Nein, der Satz verrät tiefer greifendes, denn er birgt einen Schlüsselbegriff im Glauben Israels, wenn er von Joseph als gerechtem Mann spricht. Der Gerechte Israels - dessen Lob und Eigenschaften etwa die Weisheitsliteratur des Alten Bundes immer wieder besingt - ist Spiegel des gerechten Gottes; im Handeln des Gerechten wird Gott sichtbar: "Er strahlt auf im Dunkel als Licht allen Redlichen: Der Milde, der Barmherzige, der Gerechte" (Ps 111, 4).
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Wir erfahren im Neuen Testament wenig über Joseph. Dieses Wenige reicht aber, in ihm den Abschluss der Väter-Reihe des Alten Bundes zu sehen, so wie Johannes, die Stimme des Rufenden in der Ödnis (Mk 1, 3), die Prophetie Israels beschließt. Beide ... Väter wie Propheten hören Gott, sind Empfänger von Botschaften. Einer der Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen (die Chronologie kann man hier vernachlässigen, da alles letztlich der Vorbereitung auf Christus dient) scheint mir darin zu liegen, daß die Propheten eher Prediger sind, die Väter hingegen mehr Vollbringer jeweils ganz konkreter Aufträge. Aus dem (Mahn-) Wort der Propheten und in der Tat der Väter entfaltet sich das Schicksal Israels in Treue (oder auch Untreue) zu jenem Bund, den Gott mit seinem Volk geschlossen hat - auf den Messias hin: Christus.
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Dem "Vater" Joseph trägt Gott einiges auf: Er solle Maria nicht verstoßen, denn ihr Kind sei aus Pneuma, dem Heiligen. Bald darauf solle er Maria und dieses Kind nehmen und nach Ägypten fliehen. Dann wird ihm aufgetragen, wieder in das Land Israel zurück zu kehren; er wird geheißen, sich in Nazareth niederzulassen. Ein Engel erscheint Joseph jeweils im Traum und legt ihm offen, was zu tun ist - Joseph, der Gerechte, hört das Wort und tut, was Gott ihm sagt: "Zeige mir Herr, deiner Weisungen Weg, treulich will ich ihm folgen" betet der Gerechte in Psalm 118, der großen Besinnung auf das Gesetz des Herrn: "Dein Wort, Herr, spendet Leben".
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In Joseph, dem Träumenden und Hörenden, der den Willen Gottes vollbringt, steigen all jene wieder herauf, die vor ihm träumten und hörten und den Willen Gottes taten - die sich auf den Weg machten in das Land der Verheißung wie Abraham, die die Engel zwischen Himmel und Erde auf- und niedersteigen sahen wie Jakob, die ermattet in der Ödnis sterben wollten, bis ein Engel sie stärkte, wie es dem Elias geschah. Was ihnen widerfuhr, deutete auf Christus, den Joseph väterlich behütete, wie ihm heute die Kirche anempfohlen ist. Durch seine Fürsprache wende sich die Gefangenschaft Sions, auf daß wir werden wie Träumende - und Hörende seien und Täter von Gottes Willen ... ora pro nobis!
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Bild: Ein Engel erscheint Joseph im Traum. Motivfenster, Pfarrkirche Heiligkreuz zu Offenburg.

Freitag, 18. März 2016

Sententiæ CXI

... Ausgestreckt hat er seine Hände am Kreuz,
um den ganzen Erdkreis zu umfassen.
Denn der Mittelpunkt der Erde
ist der Golgatha hier.
Das ist nicht meine Lehre;
der Prophet hat es gesagt:
"Du hast das Heil gewirkt
in der Mitte der Erde" (Ps 73, 12).
hl. Cyrill von Jerusalem: 13. Taufkatechese

Mittwoch, 9. März 2016

Tagessplitter

In der aktuellen Flüchtlingsfrage beziehen die Kirchen halbwegs klare Positionen und reihen sich damit geschmeidig in einen sachbezogenen zivilgesellschaftlichen Diskurs ein. Zuweilen läuft "einreihen" ganz praktisch auf ein Mitlaufen bei Demos hinaus - so geschehen am letzten Samstag in Freiburg bei einer Veranstaltung des DGB Südbaden. Da marschierten das katholische und evangelische Stadtdekanat und einige kirchliche Verbände Seit' an Seit' mit Vertretern allerhand anderer Gruppen, die tendenzweise einem eher linken und teilweise einem links-antikirchlichen Spektrum zuordnen sind.

Ich gebe zu: Mir ist die Haltung der Kirchen in der Flüchtlingsfrage zu undifferenziert, zu blauäugig, zu sehr Nachplappern der Merkelschen "Wir schaffen das"-Weltformel - halt aufgehübscht mit ein paar Bibelzitaten, bei denen im Hintergrund nicht selten eine eher säkulare Hoffnung wabert, daß einem der Laden nicht irgendwann um die Ohren fliege (weil zum Beispiel so mancher Flüchtling die Bringschuld an Integration seinerseits gar nicht schaffen will und / oder die Maßnahmen zwecks Integration so laufen wie bislang immer wieder der Fall: nicht besonders dolle nämlich). Fakt aber ist: Es kommen Menschen, die unsere Hilfe brauchen und denen man sie um Gottes Willen nicht verwehren darf. Doch es kommen auch Menschen, die das Mitleid ausnutzen. Beide voneinander zu unterscheiden ist schwer; sich darob die Birne im totalen Altruismus zu umnebeln, dient und nutzt aber niemandem.

Zurück zur DGB-Demo - die lief für die Kirchen nicht ganz streßfrei. Ich selbst bin mir noch unsicher, was ich nun schmählicher finden soll: Daß sich die Kirchen in fragwürdige Koalitionen einreihen, um sich dann im Redebeitrag des schwulen Christopher-Street-Day-Teams den heftigen Vorwurf anhören zu dürfen, sie seien ja selbst zumindest teilweise homophob und zudem heuchlerisch ... oder daß gewisse Lobbygruppen selbst auf einer Demo für Flüchtlinge nicht davon ablassen können, auf Kosten des gemeinen Anliegens ihre eigene Opferrolle zu zelebrieren?

Sei's drum. Da war dann noch der Beitrag des evangelischen Stadtdekans Markus Engelhardt, der laut Badischer Zeitung sagte, wer immer meine, "das christliche Abendland mit Gewalt gegen islamische Flüchtlinge verteidigen zu müssen, habe selbst keinerlei Ahnung davon, was das christliche Abendland eigentlich bedeute". Da drängt sich mir als weitere Frage auf, inwiefern die Kirchen an der Unkenntnis dessen, was christliches Abendland eigentlich bedeute, ihren Anteil haben mögen? 

Dienstag, 8. März 2016

Sententiæ CX

... Viertens: Im Mittelpunkt des religiösen Lebens steht nicht das Wort! Sondern das Mysterium! Die Anbetung! Das Gebet! In diesen Kirchen stehen, von der römischen Basilika, bis zur nordischen Diasporakapelle, Bänke zum Knien! Nicht nur Stühle zum Sitzen! Bescheiden tritt die Predigt zurück. Vor der Andacht. An der Rede würde die Volkskirche ersticken. Am Gebet wächst sie.
Carl Sonnenschein: Die katholische Weltanschauung (Radiovortrag 1928)

Sonntag, 6. März 2016

Lætare Ierusalem

 Prozessionskreuz - Freiburg, Pfarrkirche St. Joseph 
Welcher Ort steigt vor unserem inneren Auge herauf, wenn wir zum Introitus heute die Aufforderung Jesajas (66, 10) hören, Jerusalem solle sich freuen: Lætare Ierusalem ...? Wenn im Graduale und zur Communio eben jener Psalm 121, das große Wallfahrtslied Israels, erneut aufklingt, der bereits eingangs dem Prophetenwort zugesellt ist:
Voll Freude war ich, da sie mir sagten:
"Zum Hause des Herrn wollen wir ziehen" ...
Friede walte in deiner Kraft
und Fülle über Fülle in deinen Türmen ...
Jerusalem, erbaut als Stadt,
in der alles ineinander fest gefügt:
Dort hinauf steigen die Stämme,
die Stämme des Herrn,
um deinen Namen, Herr, zu preisen.
Wir sehen das Jerusalem des Alten Bundes als Vorbild, sehen das himmlische Jerusalem als Erfüllung, sehen die Ekklesia, sehen aber auch - und liturgiegeschichtlich vor allem - eine ganz bestimmte Kirche in Rom, in der sich einst die Christen am vierten Sonntag der Fastenzeit zur Eucharistia um den Papst versammelten: Die Kirche zum Heiligen Kreuz in Jerusalem ... Sanctæ Crucis in Hierusalem, oft auch nur Sancta Hierusalem geheißen, heute bekannt als Santa Croce - eine der sieben Hauptkirchen Roms. Reliquien der Passion sind dort geborgen.
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Wir können also die Freude, die uns heute verkündet wird, nicht vom Kreuz trennen; es ist allerdings eine Freude, die wir nicht trotz des Kreuzes, sondern im Kreuz erfassen sollen. Wie uns die Ekklesia am zweiten Sonntag das Bild des auf dem Tabor verklärten Kyrios vor Augen gestellt hat, ehe wir die totale Erniedrigung Christi im Kreuzesstod ertragen müssen, so zeigt sie uns heute das Kreuz als das Zeichen neuen Lebens und kommenden Sieges, ehe wir es als den Schandpfahl einer in den Abgrund gewendeten menschlichen Geschichte schauen werden. 
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Das Pascha, der Durchgang durch das Kreuz in ein neues Leben, ist dabei nicht eine in der Vergangenenheit abgeschlossene Heilstat, die wir uns nur gedenkend zu eigen machen müssten; vielmehr war und ist in diesem Pascha jedes Kreuz gegenwärtig und wird gegenwärtig sein, das Menschen getragen haben, heute tragen und künftig tragen werden - und jedes dieser Kreuze, die vergangenen, die kommenden, die gewärtigen: sie alle sind präsent in jenem Pascha des Kyrios zur Fülle der Zeit. Nicht aber sollen wir daran verzweifeln und Anstoß nehmen, sondern wir sollen wissen und glauben: All diese Kreuze bergen zugleich erlöstes Leben in sich, sofern sie Christus tragen - weil Christus sie dann trägt!
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Lætare Ierusalem - freue dich, Jerusalem, du Stadt Davids, du himmlische Gottesstadt, freue dich, Ekklesia und freut euch, ihr Seelen: Im Kreuz waltet die Kraft, in ihm liegt Fülle über Fülle des Lebens, zu ihm steigen die Stämme des Herrn hinauf, in ihm steigen sie empor, um den Namen des Herrn zu preisen!
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Bild: Prozessionskreuz in der Pfarrkirche St. Joseph zu Freiburg.

Samstag, 5. März 2016

... führ du mich an! Behüte du den Fuß ...

 Badenweiler, Pfarrkirche St. Peter 
Da ich dieser Verse von Kardinal Newman erinnert worden bin ... ein Nachgang zum Beitrag von gestern - die Übertragung ins Deutsche stammt von Ida Friederike Görres:
Lead, Kindly Light, amidst th'encircling gloom,
Lead Thou me on!
The night is dark, and I am far from home,
Lead Thou me on!
Keep Thou my feet; I do not ask to see
The distant scene; one step enough for me.
I was not ever thus, nor prayed that Thou
Shouldst lead me on;
I loved to choose and see my path; but now
Lead Thou me on!
I loved the garish day, and, spite of fears,
Pride ruled my will. Remember not past years!
So long Thy power hath blest me, sure it still
Will lead me on.
O'er moor and fen, o'er crag and torrent, till
The night is gone,
And with the morn those angel faces smile,
Which I have loved long since, and lost awhile!
Führ liebes Licht, im Ring der Dunkelheit
führ du mich an.
Die Nacht ist tief, noch ist die Heimat weit,
führ Du mich an!
Behüte du den Fuß: der fernen Bilder Zug
begehr' ich nicht zu sehn -
ein Schritt ist mir genug. 
Ich war nicht immer so, hab' nicht gewusst
zu bitten: Du führ an!
Den Weg zu schauen, zu wählen war mir Lust -
doch nun: führ Du mich an!
Den grellen Tag hab ich geliebt und manches Jahr
regierte Stolz mein Herz,
trotz Furcht: vergiss, was war!
So lang gesegnet hat mich Deine Macht,
gewiss führst Du mich weiter an,
durch Moor und Sumpf, durch Fels und Sturzbach,
bis die Nacht verrann
und morgendlich
der Engel Lächeln glänzt am Tor,
die ich seit je geliebt, und unterwegs verlor.
Bild: Altarwand in der Pfarrkirche St. Peter zu Badenweiler.

Freitag, 4. März 2016

Beim Busfahren betrachtet

Der Bus ließ heute Morgen auf sich warten und kam ... endlich doch, wenngleich verspätet. Nun war auch das Fortkommen nicht eben rasant und rief mit fallender Zeit den Zweifel wach, ob ein bestimmter Anschluss noch zu erreichen sei ... Für solche Fälle habe ich einen Notfallplan im Kopf, der mir dennoch rechtzeitiges Aufschlagen bei der Arbeit sichern soll; dennoch saß ich in diesem viel zu langsamen Bus und ärgerte mich zunächst rum, unlustig des drohenden Umwegs. Fortkommen wollte ich, wie ich's mir gedacht hatte, wie es sich sonst und oft bewährt hat.
Gott, wir denken uns immer wieder Wege aus.
Nicht, daß diese nicht funktionierten ...
zuweilen funktionieren sie
sogar wunderbar ... fast zu gut.
Laß uns aber stets damit rechnen,
daß Deine Wege anders sein können,
daß Du uns manchmal auf Deine Wege nötigst,
auch wenn wir der Meinung sind,
die seien doch ein Umweg. 
Laß uns darauf vertrauen,
daß, wenn ein Weg zum Ziel führt,
es der Weg ist,
auf den Du uns mitnimmst.
Und hilf uns dessen vor allem zu erinnern,
wenn die Wege unwirtlich sind,
steinig und im Dunkel und
wir uns kaum trauen, sie zu gehen.

Donnerstag, 3. März 2016

Sententiæ CIX

... Nein, ich habe nicht den Glauben verloren. Der Ausdruck "den Glauben verlieren", so wie man seinen Geldbeutel verliert oder einen Schlüsselbund, ist mir übrigens immer ein wenig albern vorgekommen. Er muß zum Wortschatz der kleinbürgerlichen, tadellosen Frömmigkeit gehören, Hinterlassenschaft der ebenso trübsinningen wie schwatzhaften Priester des 18. Jahrhunderts. 
Man verliert nicht den Glauben, er hört auf, dem Leben Form zu geben, das ist alles.
Georges Bernanos: Tagebuch eines Landpfarrers

Dienstag, 1. März 2016

In der Falle

 hl. Agnes - Pfarrkirche St. Georg, Bleibach im Elztal 
Oculi mei
semper ad Dominum,
quia ipse evellet
de laqueo pedes meos ...
Meine Augen
schauen alle Zeit auf den Herrn,
denn er ist es,
der meine Füße aus der Schlinge reißen wird ...
(Ps 24, 15 - Introitus am dritten Fastensonntag)
Tut er das? Reißt er unsere Füße aus der Schlinge? All die kläglichen Verstrickungen, die unser Leben begleiten, wollen das Psalmwort Lügen strafen. Oder, auf Messers Schneide gesprochen: Nach dem Krieg - und angesichts der Soldaten, die hinein getrieben wurden - stand für Reinhold Schneider die Frage im Raum, ob man nicht zwangsläufig schuldig werden mußte, ganz gleich, zu welcher Entscheidung sich alles zugespitzt habe: Die Füße lagen in den Fesseln der Schlinge, so oder so. Und selbst wenn uns die Entscheidung bleibt, das Böse zu meiden und das Gute zu wählen, so gewahren wir, wie rasch unsereins sich in der Schlinge verheddert: daß sie sich immer wieder zuzieht, daß wir stürzen und fallen.
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Aber verspricht uns das Psalmwort die Rettung aus der Falle, ehe sie zuschnappt? Gott reißt uns heraus ... vor dem Fall oder auch erst danach, wenn wir seinen Blick - denn er schaut unablässig nach uns - erwidern: Meine Augen schauen allezeit auf den Herrn ...
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Bild: Die heilige Agnes - Beinhauskapelle bei der Pfarrkirche St. Georg zu Bleibach im Elztal.