Sonntag, 31. Januar 2016

Die Finsternis und der schweigende Gott

Removisti notos meos a me;
abominabilem fecisti me illis,
clausus sum, neque egredi possum ...
Removisti a me amicum et sodalem:
familiares mei sunt tenebræ.
Du hast genommen, die mir vertraut waren,
hast mich ihnen zum Abschaum gemacht,
gefangen bin ich und komm nicht heraus ...
Den Freund, einen Gefährten - du hast sie mir genommen,
Hausgenosse ist mir die Finsternis.
(Psalm 87, die Verse 9 und 19)
Zwei bittere Verse ... einer aus der Mitte und jener am Ende eines Psalms, dessen Worte erschüttern und verstören. Sie erinnern an den Introitus dieses Sonntags Sexagesima, wenngleich die Klage hier in ein einzelnes, persönliches Schicksal gewendet ist. Doch während Psalm 43 wenigstens von besseren Zeiten in der Vergangenheit weiß, woraus die Hoffnung Israels neu Funken schlagen kann, lasten auf diesem Psalm nur Schmerzen und Fragen nach dem Warum und dem Wozu; kein Lichtstrahl dringt in die Finsternis dieses Gebetes, nicht ein einziger.
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Psalm 87 steht an erster Stelle der Psalmodie während der Komplet am Samstag und führt uns in das vor dem Ostermorgen düstere Grab Jesu - die österliche Hoffnung, die wir diesem Psalm nun eintragen könnten, rührt allein aus Ordnung und Beten der Ekklesia, nicht aus dem Text selbst; der Psalm ruft zunächst nur das Bild eines Kranken herauf, der von Kindestagen an dem Tod entgegen siecht, verlassen, verstört - ein Mensch, dem buchstäblich alles verleidet worden ist, der während des Tages zu Gott schreit und in der Nacht vor ihm weint und klagt: Domine, Deus meus, interdiu clamo, / nocte lamentor coram te (1).
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Dieser Gott, vor dem all der Jammer ausgebreitet wird, antwortet nicht - in gewisser Weise mutet dieses Gebet geradezu nihilistisch an. Und ich glaube, es wäre kein guter Gedanke, wollte man nun raten, einfach in der Heiligen Schrift einige Seiten weiter zu blättern, um den Gott des Trostes irgendwie ins Spiel zu bringen. Für den Kranken in diesem Psalm gibt es diesen Trost nicht: "Hausgenosse ist mir die Finsternis" - und die Solidarität, die wir zunächst einmal diesem Kranken - und in ihm allen in verzweifelter Finsternis verfangenen Menschen - entgegenbringen müssen, scheint mir eine zu sein, welche diese Situation ernst nimmt.
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Eine, die sich das Problem nicht mit ein paar frommen Sprüchen vom Hals schafft: "Gott wird's schon richten" ... "Bet' fest den Rosenkranz, Jungfrau, Muttergottes mein" ... "Immer, wenn du meinst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her" und so weiter, so fort. Seien wir ehrlich: Wie oft lassen wir solche Sprüche vom Stapel, um uns in erstem Antrieb einer unangenehmen Situation möglichst elegant zu entziehen? Doch wir haben ja nur Gutes geraten und Hilfreiches, gewiß!
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Man verstehe mich recht: Natürlich will ich nicht den guten Sinn solcher Zuratungen bestreiten. Natürlich sollen wir versuchen, unserem Nächsten in der Anfechtung Wege aufzuzeigen, die helfen können. Und das Gebet ist nie ein schlechter Weg. Aber gerade dieser Psalm setzt einen sehr bitteren Kontrapunkt zu alledem; er spricht uns davon, daß da einer bitter leidet von Kindesbeinen an und betet und klagt bei Tag und bei Nacht - doch am Ende vom Lied steht das Wort von der Finsternis!
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Die "Zurückhaltung" Gottes muss über das Ende hinaus ausgehalten werden, von den Betroffenen - aber auch von uns, die wir glauben, die wir daneben stehen, die wir irritiert mit ansehen müssen, wie sich Gott in aller Gottverlassenheit verbirgt. Vielleicht werden gar wir einmal an jenen Punkt geführt, an dem uns alles finster wird im Leben und im Glauben? 
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Irgendwo bin ich ... ja: fast froh, daß dieser bedrückende Psalm in der Heiligen Schrift steht, so bar aller Illusionen und Vertröstungen, die nicht (mehr) trösten können; auch das ist Wort des lebendigen Gottes, selbst wenn es uns sprachlos und fragend zurück lässt: Sein heiliges Pneuma springe "in wortlosem Seufzen" ein, wenn wir verstummen, weil wir in unserer Schwachheit nicht wissen, wie wir noch "bitten sollen um das, was uns nottut" (Röm 8, 26): um unseres Nächsten und unser selbst willen.
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Detail eines Vesperbildes - Pfarrkirche St. Joseph, Bubenbach
Bild: Detail eines Vesperbildes - Pfarrkirche St. Joseph zu Bubenbach im Schwarzwald.

Samstag, 30. Januar 2016

Steh auf, Herr! - Einstimmung auf den Sonntag Sexagesima

Exsurge!
Quare obdormis, Domine?
 
Exsurge!
Et ne repellas in finem:
quare faciem tuam avertis,
oblivisceris tribulationem nostram?
Adhæsit in terra venter nostram:
 
Exsurge!
Domine, adiuva nos et libera nos!
Steh auf!
Was schläfst du, Herr?
 
Steh auf!
Verstoße uns nicht endgültig ...
warum wendest du ab deinen Blick,
denkst nicht mehr an unsere Drangsal?
Unser Leib ist in der Erde verklebt:
 
Steh auf!
Herr! Hilf uns! Befreie uns!
(Introitus am Sonntag Sexagesima - Ps 43, 23 f.)

... Das ist die Stimme der unerlösten Menschheit. Das ist Adams Stimme, der seine erste Herrlichkeit verlor. Das ist Christi Stimme, der in seinem Leiden die Last Adams trug. Denn vor der Erlösung klebte der Mensch im Staube, "er, der sich nicht erheben konnte, wenn Christus ihn nicht auf sein Kreuz erhoben hätte". Nicht der erlöste Mensch spricht so; denn "dem Boden klebt der nicht an, zu dem Jesus spricht: Folge mir!" (Ambrosius, Zu Psalm 118, 25).
Und doch ist es auch die Stimme der Kirche, die heute mit diesem Schmerzensschrei zum Vater ruft. Auch sie, die erlöste, lebt ja noch im Fleische und vermag die Not des irdischen, im Materiellen verhafteten Daseins bitter und lastend zu empfinden. Auch die Getreuen des Herrn, die ihm folgen, überkommt zuweilen nach vieler fruchtloser Mühe um das Reich Gottes jener Überdruß, der einem Elias das Wort abpreßte: "Genug, Herr! Nimm mein Leben! Ich bin nicht besser als meine Väter" (3 Kg 19, 4), und den Apostel ausrufen ließ: "Tag für Tag sterbe ich" (1 Kor 15, 31).
Das ist der Kern des wirklichen Christusleidens in den Nachfolgern des Herrn: Beladen sind sie mit der Schwäche und Sünde der ihnen Anvertrauten und mit der Sünde ihrer Widersacher, deren Seelen sie vergebens suchen. Beladen sind sie mit dem Gefühl ihrer eigenen Schwäche, ihres Unvermögens gegenüber einer Welt von Bosheit. Diese Leiden der Christusjünger sind wohl der tiefste Hintergrund des heutigen Introitus: der in seiner Kirche fort und fort für die Erlösung der Welt leidende Herr ruft zum Vater.
Aemiliana Löhr OSB: Das Herrenjahr. Das Mysterium Christi im Jahreskreis der Kirche. Erster Band. Regensburg (4) [nach 1940]. S. 172.

Freitag, 29. Januar 2016

Sententiæ CVIII

... Sprich von Gott in einer Weise,
die Gottes würdig ist,
das heißt ehrfürchtig und fromm,
nicht großsprecherisch,
selbstgefällig oder salbungsvoll,
sondern sanft, liebevoll und demütig ...
Ich sage dir das, weil ich an dir
das dumme Getue der Betschwestern
und Frömmler nicht sehen möchte,
die bei jeder Gelegenheit
ihre frommen Sprüche loslassen,
ohne darüber im Geringsten nachzudenken.
(hl. Franz von Sales, Philothea)

Donnerstag, 28. Januar 2016

Beten und Leben

Benedicam Domino omni tempore;
semper laus eius in ore meo.
In Domino glorietur anima mea;
audiant humiles, et lætentur ...
Benedeien will ich den Herrn zu aller Zeit,
immer fülle sein Lob meinen Mund -
es soll sich rühmen meine Seele im Herrn:
hören sollen es die Armen und froh daran werden ...
(Psalm 33)
Leicht gebetet, aber schon weniger leicht getan. Werden "die Armen" (die Menschen da draußen, deren Wege wir kreuzen und die mit dem Glauben fremdeln) wirklich froh an unserem Beten, an unserer Frömmigkeit, an unserem Christsein? Stoßen sich manche nicht eher - mitunter zurecht - an einer gewissen Scheinheiligkeit, welche die Nase zwar frömmelnd ins Gebetbuch versenken kann, sie aber sonst weit oben trägt? Nehmen Ärgernis an frommen Tränen, die aus sonst harten Herzen rinnen ...?

Mittwoch, 27. Januar 2016

Sententiæ CVII

... Viele kommen in die Kirche,
sagen tausend Gebete her,
gehen fort
und wissen nicht, was sie gebetet haben.
Sie bewegen die Lippen
und hören sich selbst nicht.
Du hast dein eigenes Gebet nicht gehört
und verlangst,
daß Gott dich hören soll?
(hl. Johannes Chrysostomus, Homilia de Chananæa)

Dienstag, 26. Januar 2016

... der Fels aber war Christus - von den Sakramenten des Alten Bundes

 Segenshand - Deckenschmuck, Erzb. Ordinariat Freiburg, Sitzungssaal 
Ich will euch nämlich nicht
in Unkenntnis darüber lassen, Brüder,
daß unsere Väter alle unter der Wolke waren
und alle durch das Meer zogen
und alle auf Mose
in der Wolke und im Meer getauft wurden;
alle aßen dieselbe pneumatische Speise,
alle tranken denselben pneumatischen Trank.
Sie tranken nämlich aus dem pneumatischen Felsen,
der mit ihnen wanderte:
der Fels aber war Christus! (1 Kor 10, 1-4)
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Wir neigen vielleicht dazu, das Wirken des Kyrios Christus erst mit dem Beginn seiner geschichtlichen Existenz in den Blick zu fassen; doch der Logos des Vaters ist gleich ewig wie das Pneuma, das aus beiden hervorgeht. So beginnt auch das Werk der Erlösung nicht erst mit der Menschwerdung Christi, sondern bereits in jenem Augenblick, als Gott nach dem Sündenfall die Schlange strafte, den die eigene Nacktheit gewahrenden Menschen umkleidete und sprach: "Der Mensch ist wie einer von uns geworden, so daß er Gutes und Böses erkennt ...
... darum entfernte ihn Jahwe Gott aus dem Garten Eden, damit er den Erdboden bebaue, von dem er genommen ist. Und als er den Menschen vertrieben hatte, stellte er östlich von dem Garten Eden die Cherube auf und das zuckende Flammenschwert, damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachen (Gen 3, 22 f.).
Die Strafe ist keine Schikane; sie bereitet die Heilung vor und dient damit der Heiligung: hier setzt das Werk Christi an, längst ehe der Logos selbst Mensch wurde, um in Jesus Christus an der Seite des Menschen zu vollenden, was der Mensch allein nicht vermochte und vermag. Das Heilswerk am einzelnen Menschen und an der gesamten Ekklesia führt Christus in den Sakramenten und durch sie aus. Er ist das Ursakrament.
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Die Sakramente zählen mithin zu den Mitteln einer immer tieferen Einweihung in die Heiligkeit Gottes, dessen Urbild im Menschen als Gleichbild wiederhergestellt werden soll. Es ist Teil des Heilsplanes, daß Gott die Erlösung in Zeichen darstellt und vermittelt, die der Schöpfung entnommen sind, die sinnfällig sind, die wir schmecken können, tasten, sehen und fühlen: Die Gnade baut auch hier auf der Natur auf, sie nimmt den Menschen in seinem Lebensgefüge an, bahnt sich in und mit diesem Gefüge den Heilsweg. Denn alles Geschaffene verweist auf die erste Schöpfung, wahrt Erinnerung an die Unversehrtheit im Ursprung.
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Auch der Alte Bund kannte daher Sakramente, wie die Kirche - etwa auf dem Konzil von Trient - klar bekennt. Freilich waren es keine Sakramente im Sinn der Definition jener siebenfältigen Gabe, welche der Ekklesia im Neuen Bund offenbar gemacht und von der Theologie durchkundet worden ist ... soweit sich menschlicher Geist überhaupt Einblick in Gestalt, Wesen und Wirken dieser heiligen Mysterien gewinnen kann.
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Die Sakramente des Alten Bundes sind äußere Zeichen, die auf das Heilswirken Gottes allgemein verweisen und im Besonderen ein Heilsgeschenk Gottes beinhalten. Sie wirken nicht aus sich selbst, sondern aus dem Glauben und der Hoffnung der Väter auf die Befreiung durch den Messias - genauer, wie der hl. Thomas von Aquin lehrt, durch den Glauben an das Leiden Christi: die Väter nämlich "hatten den Glauben an das zukünftige Leiden Christi, welches rechtfertigen konnte, sofern es in der Erkenntnis der Seele war" (STh III, 62, 6, ad 1). Dabei gilt freilich:
Die Väter wurden durch den Glauben an das Leiden Christi gerechtfertigt so gut wie wir. Die Sakramente des Alten Bundes waren aber nur Bezeugungen dieses Glaubens, indem sie das Leiden Christi und dessen Wirkungen bezeichneten. So ist nun klar, daß die Sakramente des Alten Bundes in sich keinerlei Kraft hatten, durch welche sie die Rechtfertigungsgnade gewirkt hätten; sie bezeichneten nur den rechtfertigenden Glauben (STh III, 62, 6).
Heißt: Der Glaube als Antwort auf das dem Menschen angebotene Heil rechtfertigt gestern und heute. Die Sakramente des Alten Bundes waren also - manche mehr, andere weniger deutlich - nicht viel mehr als äußere und sinnlich fassbare Ausdrucksformen des Glaubens an die rettende Macht Gottes, jenes vollkommene Opfer herauf zu führen, welches den Menschen mit Gott endgültig aussöhnen könne. Die Gnade, die den Menschen im Rahmen der Sakramente des Alten Bundes geschenkt worden ist, entsprang nicht diesen Sakramenten selbst, sondern folgte der glaubenden Teilnahme am äußeren Zeichen: So wurde der Boden für die Gnade einerseits bereitet, andererseits diese ausgegossen. Der hl. Thomas verdeutlicht dies am Akt der Beschneidung. Vermittelt wird Gnade, ...
... sofern sie - die Beschneidung - ein Zeichen des Glaubens an das zukünftige Leiden Christi war, so daß also der Mensch, der die Beschneidung empfing, diesen Glauben anzunehmen erklärte, der Erwachsene für sich, oder der Stellvertreter für die Kinder (STh III, 70, 4).
Wie aber, so kann man noch immer fragen, konnte der Alte Bund an das Leiden Christi glauben? Es ist ein unterschwelliger Glaube, der sich etwa im Opferdienst des Tempels äußerte, im Wissen darum, daß eine Sühnung nur um den Preis einer Hingabe erwirkt werden kann, ein Wissen freilich auch, dem zunehmend deutlich wurde, daß eine andere, höhere Hingabe nötig sei als die immer wieder zu erneuernden Tier- und Speiseopfer; es ist ein Wissen, welches sich nicht zuletzt in den vier Liedern vom leidenden Gottesknecht (Teile der Kapitel Jes 42 bis Jes 53) deutlich artikuliert und dabei der geschichtlichen Ausformung kommender Erlösung in der Kraft der Prophetie sehr nahe kommt - wenn es heißt:
Er ward herausgerissen
aus dem Land der Lebendigen;
unserer Sünden wegen
ward er zum Tode getroffen.
Bei Verbrechern bestimmte man sein Grab
und bei Reichen seine Gruft,
obgleich er niemals Unrecht tat ...
wenn er sein Leben als Schuldopfer hingibt,
wird er Nachwuchs sehen und viele Lebenstage ...
Darum will ich ihm die Vielen als Anteil geben,
und die Mächtigen fallen ihm als Beute zu dafür,
daß er sein Leben in den Tod dahingegeben hat
und unter die Übeltäter gezählt ward,
während er doch die Schuld der Vielen trug
und für die Sünder eintrat (Jes 53, 8 ff.).
Letztlich gewinnt in den Sakramenten des Alten Bundes das erlösende Leiden Christi selbst Gestalt, ja: muss Gestalt gewinnen, durchscheinen. Dies enthüllt sich im Rückblick. Die eingangs zitierte Stelle aus dem ersten Korintherbrief spielt auf eine Reihe von Ereignissen an, die im Buch Exodus geschildert werden: Der Zug durch das Rote Meer, die Taufe "auf Mose" in der Wolken- und Feuersäule, die Speisung mit dem "Brot vom Himmel", das Wasser, das dem Felsen entsprungen ist: Die Bilder öffnen sich im Neuen Bund auf die heiligen Mysterien der Taufe und der Eucharistia hin - wie beides mit dem Leiden Christi verwoben ist, bedarf hier keiner Darlegung über den Verweis hinaus, daß wir in Christi Tod hinein getauft sind (vgl. Röm 6, 3), daß wir Anteil nehmen am Pascha des Kyrios, wenn wir uns zur Eucharistia versammeln unter dem Kreuz des verherrlichten Christus und das "Brot vom Himmel" empfangen.
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So ist auch uns Christus der Fels, der mit uns wandert durch diesen Aion - der, wie er Israel "in der Seele" bereits gegenwärtig war, in Leiden und Auferstehung und Erhöhung uns offen gegenwärtig ist, ...
... die wir essen
das wahrhaft lebendig machende Brot,
die wir trinken
den geheimnisvollen Trank
aus dem Felsen, welcher Christus ist,
der - für uns getroffen von der Lanze des Soldaten -
aus der Seitenwunde das Wasser strömen ließ,
das gemischt war mit dem
Blut seines Herzens. 
(hl. Cyrill von Alexandrien)
Bild: Segenshand - Deckenmalerei im Sitzungssaal, Erzbischöfliches Ordinariat zu Freiburg.

Samstag, 23. Januar 2016

Von den zwei Zeiten - Einstimmung auf den Sonntag Septuagesima

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Die Vesper hat zwischenzeitlich den Sonntag Septuagesima eingeläutet, mithin den Beginn der sogenannten Vorfastenzeit und damit den Osterfestkreis. Septuagesima ... das meint den siebzigsten Tag vor Ostern, freilich nicht in mathematisch genauer Zählung, sondern in einem pneumatischen Sinn: die siebzig Tage erinnern an die siebzig Jahre der Gefangenschaft Israels in Babylon. Dies aber deutet auf das Leben des Christen in diesem aión, dem ein Wort der Psalmen nicht fremd ist:
An den Flüssen Babylons, da saßen wir und weinten,
da wir uns Sions erinnerten.
In die Weiden jenes Landes
hingen wir unsere Harfen hinein,
denn Lieder verlangten dort, die uns gefangen geführt,
und Freude, die uns zusetzten:
"Singt uns etwas von den Gesängen Sions!"
Wie aber sollen wir des Herren Lieder singen
in fremdem Bann? (Ps 136, 1-4).
So verstummt mit diesem Sonntag auch das Alleluia in der leiturgía über die gesamte Frist der geistlichen siebzig Tage. Dieser Zeit aber stehen die Tage der Osterfreude gegenüber. Der hl. Augustinus schreibt dazu in seiner Erklärung von Psalm 148:
Gut ist es für uns, in Sehnen durchzuharren, bis das Verheißene kommt, Klage vergeht und Lob allein folgt. Um dieser zwei Zeiten willen ... ist uns auch die Feier zweier Zeiten eingesetzt: vor Ostern und nach Ostern.
Die Zeit vor Ostern bedeutet die Trübsal, in der wir jetzt sind, was wir aber jetzt nach Ostern begehen, bedeutet die Seligkeit, in der wir einmal sein werden. Was wir also vor Ostern feiern, das tut wir auch, was wir aber nach Ostern feiern, das versinnbilden wir nur, wir besitzen es noch nicht. In unserem Haupte ist beides versinnbildet, beides vor Augen geführt:
Das Leiden des Herrn zeigt uns das Leben im gegenwärtigen Zwang: sich mühen, gequält werden und zuletzt sterben müssen, die Auferstehung aber und die Verherrlichung des Herrn zeigt uns das Leben, das wir einst erhalten sollen ... (Enarrationes in Psalmos - zu 148, 1).
In der Lesung des Sonntages Septuagesima, dem ersten Brief des hl. Paulus an die Korinther (9, 24-27; 10, 1-5) entnommen, werden wir bereits an das Pascha erinnert, das wir in der Osternacht neu feiern werden: Den - auch für uns nicht immer schmerzlosen - Auszug aus einem aión des Todes in das Land der Verheißung unter Führung des Kyrios Christus. Es ist gut, bereits jetzt die Worte aus dem Alten Bund, in denen sich das Kommende abzeichnet, zu lesen und zu hören:
Jahwe zog vor ihnen her,
bei Tag in einer Wolkensäule, um ihnen den Weg zu zeigen,
bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten.
Nicht wich die Wolkensäule bei Tag
und die Feuersäule bei Nacht
von der Spitze des Volkes (Ex 13, 21 f.).
Nun streckte Mose seine Hand über das Meer aus.
Jahwe ließ die ganze Nacht
das Meer vor einem starken Ostwind zurückweichen
und legte das Meer trocken.
Die Wasser spalteten sich
und die Israeliten zogen auf trockenem Boden
mitten durch das Meer,
während die Wasser zu ihrer Rechten und Linken
wie eine Mauer standen (Ex 14, 21 f.).
 
Da sprach Jahwe zu Mose:
"Wohlan, ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen.
Das Volk soll dann hinausgehen, aber sich nur
den täglichen Bedarf sammeln ..."
Da sprachen Mose und Aaron
zur ganzen Gemeinde der Israeliten:
"Heute abend sollt ihr erfahren,
daß Jahwe es ist,
der euch aus Ägypten herausgeführt hat.
Und morgen früh werdet ihr
die Herrlichkeit Jahwes schauen" (Ex 16, 4, 6 f.)
... und sie lagerten sich in Rephidim.
Hier gab es kein Trinkwasser für das Volk.
Da haderte das Volk mit Mose ...
Da schrie Mose zu Jahwe:
"Was soll ich mit diesem Volk machen?
Es fehlt nur wenig, und es steinigt mich".
Jahwe antwortete Mose:
"Gehe dem Volke voraus!
Nimm einige von den Ältesten Israels mit dir;
und deinen Stab, mit dem du den Nil geschlagen hast,
nimm in deine Hand und gehe!
Ich werde mich dort vor dir
auf den Felsen am Horeb stellen.
Schlage dann auf den Felsen,
es wird Wasser aus ihm hervorfließen
und das Volk kann trinken".
Mose tat so
in Gegenwart der Ältesten Israels (Ex 17, 1 ff.)
Das Augustinus-Wort ist entnommen aus: Aurelius Augustinus: Über die Psalmen. Ausgewählt und übertragen von Hans Urs von Balthasar. Einsiedeln (2) 1983. S. 348 f. - Das Bild zeigt den Zug Israels durch das Rote Meer - Glasfenster in der Pfarrkirche St. Wendelin zu Altglashütten im Schwarzwald.

Donnerstag, 21. Januar 2016

Der prophetische Name der Martyria - Agnes

 hll. Katharina und Agnes - Buchholz, Kirche St. Pankratius 
... Der Gedächtnistag der heiligen Agnes ist:
Männer mögen staunen,
Kinder nicht verzagen,
Vermählte zur Verwunderung,
Unvermählte zur Nachahmung fortgerissen werden!
Doch welch würdiges Lob könnten wir auf sie sprechen?
Entbehrte doch selbst ihr Name
nicht des glänzenden Ruhms, den er ausstrahlt.
Eine Frömmigkeit, die über das Alter,
eine Tugend, die über die Natur hinausging!
Nicht der bloße Name eines Menschen,
so kommt es mir vor, war es,
sondern ein prophetischer Name der Martyria,
der auf ihre Zukunft deutete ...
Sie steht unerschrocken
inmitten der bluttriefenden Hände der Schergen.
Sie steht unbeweglich
beim grausigen Heranzerren klirrender Ketten.
Sie bietet schon ihren ganzen Leib
der Mordwaffe des wütenden Henkers dar,
bevor sie weiß, was sterben heißt,
doch bereit hierzu.
Ob sie auch wider Willen
zu den Götzenaltären gezerrt wird:
Sie streckt inmitten der Feuerflammen
zu Christus die ausgebreiteten Hände empor
und stellt selbst noch an entweihter Opferstätte
das Siegeszeichen
des triumphierenden Kyrios dar!
Lobpreis der hl. Agnes - entnommen der Schrift De virginibus ad Marcellinam sororem des hl. Ambrosius (Auswahl aus II, 5 und 7) - der Text, leicht modernisiert, nach der BKV (hier). Bild: Die hl. Agnes (rechts) mit der hl. Katharina - Teil eines Retabels in der Pfarrkirche St. Pankratius zu Buchholz.

Mittwoch, 20. Januar 2016

Sankt Sebastian

 der hl. Sebastian - Herbolzheim, Pfarrkirche St. Alexius 
... Wer wird den letzten schmeißen?
Wer wird das Band zerreißen,
An dem er schwebt schon weit?
Die Henker sehn mit Schweigen
Ein armes Haupt sich neigen
In die Glückseligkeit.
(Albrecht Schaeffer, Sankt Sebastian)
Der heilige Sebastian - in der Pfarrkirche St. Alexius zu Herbolzheim.

Dienstag, 19. Januar 2016

Tagessplitter: Buchsuchentest bei Thalia

Alte-Messe-Molche lesen ja eigentlich nur frömmste Sachen zur Erbauung und zur Unterhaltung Romane nur, wenn darinnen mindestens zwei Priestergestalten stecken und die Handlung nicht von DasKonzil geweglagert wird. Und doch, der Weg führte ohnehin daran vorbei, trat ich heute bei Herder ein (woraus längstens eine Thalia-Filiale geworden) und hielt nach einem Roman von Martin Mosebach Ausschau.
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Warum gibt es in Buchhandlungen eigentlich so tief wie breit Regalmeter nur für Krimis, wenn Mankell dann dort weglagert, wo man Mosebach zu finden hofft (Romane A-Z)?
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Immerhin: Ein Roman war - flankiert von allerlei Belletristik in größerer Auswahl - am Orte zu greifen und so ward ich für Das Blutbuchenfest entschieden, obgleich mir nach eingehender Betrachtung von Klappe und Inhalt noch kein Licht aufging, wie man von der Häresie der Formlosigkeit in den Jugoslawienkrieg weiterrutscht. Aber die Fähigkeit zu kreativer Imagination war ja noch nie eine Stärke von Alte-Messe-Molchen. 
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Mosebach offenkundig ausgenommen.
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Der Buchsuchentest in Sachen Mosebach war bei Thalia damit erfolgreich beschlossen (Immerhin! Endete er doch andernorts vor einigen Wochen noch elend erfolglos) ... blieb etwas Zeit, eine Stiege weiter einen Blick in die Theologie zu werfen. Da wurde jüngst wohl wieder umgeräumt - was sich einstmals fast auf ganzer Etage großzügig verteilte, verkrümelt sich zwischenzeitlich in einer, nun ja, ganz großzügigen Ecke. 
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Der Bereich "Religionspädagogik" nahm dennoch überraschend viel Raum ein, was die Sorge um fortschreitende Verdunstung des christlichen Glaubens aber eher nährt als zügelt. Es steht zu befürchten, daß die Schrumpfung die letzte nicht gewesen - einerseits, da es interessierter Leser mangeln wird, und andererseits der Not wegen, dem ganzen neomedialen Gedöns, an dem nichts mehr raschelt, Platz zu gewinnen.
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Der Schwund - also nicht jener des Glaubens, sondern der Ecke - muß nicht grämen, denn offenkundig ist noch Platz genug, Kirchenkritik auszulegen: Von Arroganz bis Zölibat lautet der reizvolle Titel eines Buches, das mir nach dem Besuch bei den Romanen von A-Z in die Finger fiel. Zur Unbekümmertheit selbstverlegender Ästhethik gibt es auf der Thalia-Seite eine "Beschreibung", aus der ich hier mittels copy and paste und samt aller Eigenthümlichkeiten ein Stueckleyn zitieren mag:
... Wir schreiben das Jahr 1970. In Rom regiert der r³ckschrittliche Papst Pius VI. und verbietet jede k³nstliche Empfõngnisverh³tung. Seit 44 Jahren hat sich die Kirche keinen Schritt weiterbewegt, und 2014 wird Pius VI. seliggesprochen. Die Bef³rchtung der Theologen ist eingetreten. Helmut Weber zeigt im Buch "Von Arroganz bis Z÷libat. Wie Katholiken den Niedergang ihrer Kirche stoppen k÷nnen", wie Christen von unten her, also aus den Gemeinden heraus, das Ruder herumrei¯en k÷nnen. Viele Themen ... sprechen auch evangelische Christen an.
Nein, das Buch möchte ich keinem evangelischen Christen empfehlen, schließlich haben wir das Jahr der Barmherzigkeit! Überdies reicht es meines Dafürhaltens völlig aus, wenn sich der Autor - ein, Obacht! Studiendirektor a.D. - innerkirchlich blamiert. Mehr muß nicht sein!
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Verweilen wir zum Ende noch beim Verdienst aller Kirchenkritik, wenden aber den Blick von Vollpfosten auf Halbfas, mithin auf jenen bekannten Religionspädagogen, der die hermeneutische Wende (das habe ich selbstverständlich aus der Wikipedia abgeschrieben) seines Faches an vorderster Front betrieb. Zu den Vorteilen einer kirchenkritischen Biographie gehört die güldene Gelegenheit, gegen Ende aller Tage die eigene Leidensgeschichte zu schreiben. Solch appellative lamentationes kennen wir bereits von anderen Theologen dieses Schlages. Legt man Thalia 28 Euro hin, kriegt man dafür das Buch So bleib doch ja nicht stehn - das habe ich mir zu Herzen genommen und bin rasch gegangen.

Montag, 18. Januar 2016

Maria und die Mär von der Miterlösung

 Vesperbild am Altar der Schmerzhaften Gottesmutter - Kirche St. Georg, Ehrenstetten 
Zu den Schwächen des traditionsfrohen Katholizismus dieser Tage zählt eine öfter zu gewahrende Schwärmerei in mariologischen Fragen - zuweilen scheint es mir eine Reaktion auf die Krise, in welche die Verehrung Unserer Lieben Frau in den letzten Jahrzehnten hierzulande geraten ist: Das "Mehr" an Lob, Preis und Propaganda soll das "Weniger" ausgleichen, das sich wie Mehltau auf den Kult der Gottesmutter gelegt hat. Manche schwören dabei auf Erscheinungen und diverse Botschaften - leider auch jenseits dessen, was kirchlich anerkennt und empfohlen ist ... andere rühren für marianische Ehrentitel die Trommel, reden etwa Maria als "Miterlöserin" (Co-Redemptrix) das Wort. Der werte Denzinger-Katholik hat sich in diesem Sinne des Themas jüngst angenommen.
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Maria als "Miterlöserin" - wir haben es hier mit einem Gedanken zu tun, der bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht und während des 17. und 18. Jahrhunderts eine Weile diskutiert worden ist. Danach vorerst weitestgehend ad acta gelegt, kam er zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder zur Sprache und feierte unter manchen Theologen in der marianischen Emphase um 1950 - dem Jahr der Proklamation des Dogmas von der Aufnahme Mariens mit Leib und Seele in den Himmel - erneut Urständ, um alsbald mit dem Ausbluten des Marienkultes seit DasKonzil bei den oben genannten traditionsfrohen Zirkeln Unterschlupf zu suchen. Aus dem 20. Jahrhunderts rührt dann auch eine Einschätzung des Dogmatikers Franz Diekamp, welcher der Frage freundlich gesonnen scheint, aber dennoch die notwendige Grenze ziehen zu müssen glaubt:
Seit dem 17. oder 18. Jahrhundert sind einige Theologen für einen neuen Ehrentitel des seligsten Jungfrau: "Miterlöserin" (corredemptrix) eingetreten. Sie verbinden damit, wie sich nicht bestreiten läßt, einen guten, dogmatisch zulässigen Sinn. Aber um naheliegenden Mißverständnissen vorzubeugen, sind sie genötigt, den Ausdruck derart mit Vorbehalten zu versehen und seinen eigentlichen Sinn abzulehnen, daß es doch besser ist, von seiner Anwendung Abstand zu nehmen (Katholische Dogmatik. Zweiter Band. Münster (3-5) 1921. S. 350).
Anders gesagt: Der "dogmatisch zulässige" Sinn verdankt sich der Not, daß die Wortführer dieses Titels denselben mit einer solchen Menge an Einschränkungen und "Vorbehalten" auf den Weg schicken (müssen), bis der Begriff "Miterlösung" inhaltlich ziemlich ausgehöhlt ist; ihn retten alsdann auch diverse fromm zusammengezirkelte Versatzstücke kaum.
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Über all das könnte man ohne Not hinweggehen; man bedenke: der Satz von der "Miterlöserin" hat es noch nicht einmal zu einer theologischen Qualifikation (sententia phantasmata?) gebracht. Oder man kann fragen, welchen Sinn überhaupt ein "Ehrentitel" Mariens habe, der letztlich eine Mogelpackung ist, und ob es nicht eher eine Beleidigung Unserer Lieben Frau sei, sie mit einem Titel "ehren" zu wollen, der etwas behauptet, was er angesichts des Ernstes und der Tragweite der einzigartigen Erlösung in Christus nicht einzulösen vermag. Von den irrigen Vorstellungen, die ein solcher Titel bei theologisch weniger gebildeten Gläubigen hervorrufen kann, ganz zu schweigen. Diekamp rät zurecht ab.
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Es gibt nur einen Erlöser: Christus. Es gibt nur eine Erlösung: Christus. "Und in keinem anderen ist das Heil; denn es ist auch kein anderer Name unter dem Himmel, der gegeben wäre unter Menschen, daß wir in ihm sollten gerettet werden" - so sprach Petrus, der erste Papst, "erfüllt von Heiligem Pneuma" (Apg 4, 8; 12). Deutlicher kann man es nicht sagen: "kein anderer Name"! Da ist kein Platz für eine Miterlöserin, nicht einmal für die allerseligste Jungfrau Maria, nicht einmal für die von Schmerzen zerfurchte und sich mitopfernde Mutter unter dem Kreuz: Sed Christi passio adjutorio non eguit - "aber das Leiden Christi bedurfte keiner Mithilfe" sagt der hl. Ambrosius, als er den Blick auf Maria unter dem Kreuz wendet (De Institutione Virginis 7).
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Wie sollte Maria auch Miterlöserin sein, da sie doch die erste und vollauf Erlöste ist? Man mag fragen: Ist sie nicht die All-Heilige, die Unbefleckt Empfangene, die Makellose, Gottes Magd, unbescholten jeder Sünde? Ja, das ist sie. Aber sie ist es nur, weil all das Gnade ist, Geschenk Gottes, angefangen vom Augenblick ihrer Empfängnis, da Gott sie vor dem Makel der Ursünde bewahrte - im Blick auf das Verdienst seines Sohnes, zu dessen Mutter die Jungfrau erwählt war. Ohne Christus, "aus dem sie" ihrerseits "pneumatisch geboren ist" (Augustinus, De sancta virginitate 6), ohne Christus und die Erlösung in Christus wäre sie nichts anderes als ein weiteres der Kinder Evas, gementes et flentes in hac lacrimarum valle. Nun aber gilt der Satz: principium meriti non cadit sub eodem merito - "die Grundlage eines Verdienstes lässt sich nicht einfach dem Verdienst zurechnen"; oder (cum grano salis, aber) auf gut deutsch: Mit Schulden zahlt man keine Zeche.
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Ein letzter Aspekt sei zumindest noch kurz erwähnt: Wenn wir von der Erlösung in Christus sprechen, dann neigen wir in der Regel zu einer gewissen Engführung des Gedankens, indem wir vor allem den Aspekt der Befreiung aus Schuld und Tod betonen. Aber ist das alles? Beten wir nicht, sobald Brot und Wein zum Altar getragen sind, während wir das Tröpfchen Wasser, diese unsere Tränen und unsere Armseligkeit, in den Kelch mischen, Gott habe "den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen und noch wunderbarer neu gestaltet"? Bekennen wir damit nicht das "Mehr" der Erlösung, die innige Gotteskindschaft, zu der wir gerufen sind, und welche die Herrlichkeit der ersten Schöpfung weit übersteigt? Kein Geschöpf, nicht einmal Maria, könnte diese Herrlichkeit des Neuen Bundes, die ganz aus der Fülle Gottes strömt, mit-bewirken und diese Erlösung mit-vollbringen. Und so sind wir alle ...
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... mit ihr nur Empfänger, empfangen aus Christi Fülle Gnade um Gnade (vgl. Joh 1, 16) - doch in ihr ist offenbar, von ihr ist bereits empfangen und an ihr erfüllt worden, was uns verheißen ist. Ihre Fürsprache helfe uns, daß wir dieser Verheißung würdig werden ... ora pro nobis!
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Vesperbild am Altar der Schmerzhaften Gottesmutter in der Kirche St. Georg zu Ehrenstetten. Eine andere Sicht auf den Titel der "Miterlöserin" wird auf der Seite Denzinger-Katholik hier und hier vertreten.

Sonntag, 17. Januar 2016

Bild zum Tag - des Sohnes Spiegel

 Oberrotweil - Pfarrkirche St. Johannes Baptist 
... Aber auch als Mutter Gottes bleibt Maria immer die demütige Magd des Herrn. All ihre Glorie liegt in ihrem Sohne. Sie weist uns hin auf Christus, 
sie ist sein Spiegelbild.
(Odo Casel OSB)
Unserer Lieben Frauen Bild in der Pfarrkirche St. Johannes Baptist zu Oberrotweil am Kaiserstuhl.

Donnerstag, 14. Januar 2016

Die "private" Sünde und das Reich Gottes

 Iustitia - Allegorie der Kardinaltugend, Erzbischöfliches Ordinariat Freiburg 
Wie weit subjektives, ganz auf den Menschen und dessen aktuelles Lebensgefüge bezogenes Denken im Klerus vorherrscht, ist mir heute wieder bewußt geworden, nachdem ich einige Aussagen des Jesuiten Guillermo Marcó gelesen hatte, die von katholisches.info reportiert werden. Marcó stand als Pressesprecher im Dienst von Papst Franziskus, als dieser noch Erzbischof von Buenos Aires war; vor wenigen Tagen tauchte er in jenem unsäglichen podcast auf, mit dem der Papst seine Gebetsanliegen kommuniziert. Schenkt man den Auskünften über einen Artikel Glauben, den Marcós für eine große argentinische Zeitung verfasst habe, dann unterscheidet der Jesuit offenkundig zwei Arten von Sünden: Auf der einen Seite solche, die - wohl ruchbar geworden - ein öffentliches Ärgernis darstellen, auf der anderen Seite Sünden "privater" Natur; erstere Vergehen erfordern den Gang zur Beichte, jene anderen könne der Mensch auch abseits einer Beichte mit Hilfe eines Gewissensurteils vor Gott ins Reine bringen. So jedenfalls verstehe ich Marcós' Ansatz.
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Das erinnert zuerst einmal an eine andere, traditionelle Unterscheidung - jener zwischen schwerer und lässlicher Sünde. Schwere Sünden erfordern um des ewigen Heiles willen zwingend der Beichte. Lässliche Sünden zu beichten ist ratsam, aber nicht unbedingt notwendig - sie können auch anders vergeben werden: durch Werke der Frömmigkeit und Liebe etwa, oder auch durch die verschiedenen Absolutionen in der leiturgía. Reue, Abkehr und Umkehr von der Sünde - ob schwer oder lässlich - sind selbstverständlich stets Grundvoraussetzungen: bei der Absolution im Beichtstuhl nicht weniger als zum Beispiel bei der Absolution nach dem Confiteor im kirchlichen Nachtgebet, der Komplet.
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Marcós Ansatz schlägt - um es zunächst neutral zu formulieren - einen anderen Weg ein. Auch für ihn gibt es Sünden, die eine Beichte notwendig werden lassen. Daneben existieren jene "privaten" Verfehlungen, die der Mensch mit Gott selbst direkt "abmachen" könne. Der Hinweis auf das Gewissen birgt freilich Zündstoff, seit Gewissensbildung in Teilen der Kirche nur noch partiell stattfindet - so gewinnt man hin und wieder den Eindruck, daß sich (Extreme ausgenommen) kaum jemand gegen das sechste Gebot versündigen könne, an der Umwelt hingegen versündigt sich unzweifelhaft, wer seinen Müll schlampig sortiert.
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Der eigentliche Knackpunkt liegt aber in der Unterscheidung zwischen "öffentlichen" (mithin ein entsprechendes Ärgernis nach sich ziehenden) und "privaten" Sünden. Denn es gibt überhaupt keine privaten Sünden! 
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Selbst, wenn ich allein für mich und vom Rest dieser Welt gänzlich unbemerkt im stillen Kämmerlein ... noch nicht einmal in Worten und Werken, sondern nur in Gedanken sündige, so ist das ... eine öffentliche Sünde: Vor der gesamten Ekklesia, die mehr ist als nur die streitende Kirche in diesem aión, dieser unserer Zeit; es ist Sünde eben nicht nur vor Menschen, die womöglich tatsächlich nichts davon mitbekommen, sondern vor Gott, vor den Engeln, vor den Heiligen, vor den Seelen im Feuer der Läuterung ... und auch vor den Dämonen ewigen Verderbens.
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Nehmen wir trotzdem einmal an, man könne "privat" sündigen. In der Auswirkung der Sünde ist jedenfalls alle Privatheit aufgehoben und in jedem nur denkbaren Sinn des Wortes "beim Teufel". Was nämlich ...
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... bewirkt die Sünde? Gemeinhin lautet die Antwort, sie stelle eine "Beleidigung" Gottes dar. Die anthropomorphe Formulierung finde ich nicht ganz glücklich. Der Katechismus der Katholischen Kirche verwendet die Setzung Peccatum est in Deum offensa (Nr. 1850) und führt den Gedanken weitaus weniger eng, bedenkt man, dass offensa in Richtung von offensum ("Verstoß") weist: Sünden sind ein Verstoß gegen Gott, eine "Verstoßung" seines Willens sozusagen, von dem wir doch täglich im Vaterunser bitten, er geschehe im Himmel wie auf Erden!
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Aber genau dies sabotiert die Sünde - ausnahmslos jede sabotiert Gottes Willen und dessen Verwirklichung, selbst jene Sünde, die wir im stillen Kämmerlein begehen. Wo sich Gottes Wille - der die menschliche Freiheit, sich für das Böse zu entscheiden, respektiert - aber nicht durchsetzen kann, dort kann auch das Reich Gottes nicht aufbrechen. Spätestens jetzt sehen wir uns der sozialen Auswirkung jeder Sünde gegenüber, denn das Reich Gottes ist auch eine soziale Wirklichkeit, deren Heraufführen (oder Verhindern) in unseren Händen liegt.
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Vor einigen Tagen habe ich einige Gedanken von Reinhold Schneider zu Gotthelfs Erzählung Die schwarze Spinne zitiert - einen Satz daraus möchte ich nochmals aufgreifen, denn er bringt die Sache auf den Punkt:
In keiner Seele kann etwas geschehen, das nicht alle Seelen angeht; denn Gottes Reich ist eins und besteht durch seine Einheit, die Seelen aber sind Gottes.
Der angesprochene Artikel von katholisches.info ist hier zu finden; im Bild die Allegorie der Iustitia als einer der vier Kardinaltugenden; zu sehen im Sitzungssaal des Erzbischöflichen Ordinariats Freiburg.

Mittwoch, 13. Januar 2016

Taufe des Kyrios - Iuncta est Ecclesia

Taufe Jesu - Glasfenster, Straßburg, Saint-Pierre-le-Vieux
Hodie
cælesti sponso iuncta est Ecclesia,
quoniam in Iordane
lavit Christus eius crimina ...
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Heute
wird angetraut dem himmlischen Bräutigam die Ekklesia,
denn im Jordan
wusch Christus ab ihre Makel ...
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(aus der Benedictus-Antiphon zum Fest der Taufe des Kyrios)
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Von heiligem Schauer umwittert
sind wahrhaft die Mysterien der Ekklesia,
schauervoll der Altar.
Aus dem Paradiese stieg eine Quelle auf
und ergoß sich in Flüsse irdischen Wassers;
von diesem Altare sprudelt eine Quelle,
die Flüsse des Pneumas entsendet.
An dieser Quelle sind gepflanzt
nicht unfruchtbare Weiden,
sondern himmelragende Bäume,
die immer reife Früchte tragen,
die nicht eintrocknen.
Wenn einer unter der Hitze leidet,
komme er zu dieser Quelle
und kühle sich ab von der Hitze.
Hier hat die Dürre ein Ende,
alles Verbrannte wird hier gekühlt,
nicht was vom Himmel aus verbrannt ist,
sondern was von den feurigen Pfeilen
des bösen Feindes versengt ist.
Oben hat sie ihren Ausgang, dort ihre Wurzel;
dorther zieht sie ihre Feuchtigkeit.
Viele Rinnsale hat diese Quelle;
der Paraklet entsendet sie;
ihr Vermittler ist der Sohn;
nicht mit der Hacke zieht er ihren Weg,
sondern öffnet unser Herz.
Diese Quelle ist eine Quelle des Lichtes,
Strahlen der Wahrheit strömen von ihr.
(St. Johannes Chrysostomus)
Das Zitat aus den Predigten zum Johannes-Evangelium (46, 4) des hl. Johannes Chrysostomus ist entnommen aus: Odo Casel OSB: Mysterium der Ekklesia. Von der Gemeinschaft aller Erlösten in Christus Jesus. Mainz 1961. S. 224 f. - Bild: Die Taufe des Kyrios im Jordan - Glasfenster in der Église Saint-Pierre-le-Vieux zu Straßburg.

Sonntag, 10. Januar 2016

Papst Leo XIII als Dichter - und im Gedicht

Ein geneigter Leser machte mich heute auf einen kleinen Preisgesang aufmerksam, welchen der Dichter Stefan George im Jahr 1907 auf Papst Leo XIII. anstimmte - der kleine Schatz ist zu kostbar, als daß man ihn unter den Kommentaren vergraben wisssen möchte.
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Der ganz besondere Reiz an der Sache: Leo XIII. dichtete selbst gerne und hinterließ der Welt nebst seinen Enzykliken auch diverse lateinische Carminæ und Hymnen (die zum Beispiel auch in unseren Tagen noch - wie heute am Fest der Heiligen Familie - im Stundengebet angestimmt werden); George nun übernahm in sein Gedicht zu Ehren Leos einige Verse des Papstes aus dessen 1901 entstandene Hymne In præludio natalis Jesu Christi Domini nostri - nämlich die folgenden Distichen:
Adsis, sancte Puer, sæclo succurre ruenti:
Ne pereat misere, Tu Deus una salus.
Auspice te, terris florescat mitior ætas,
Emersa e tantis integra flagitiis.
(...)
Sic optata diu terras pax alma revisat,
Pectora fraterno foedere iungat amor.
Und nun Georges Gedicht Leo XIII - des Papstes Verse überbilden weite Teile der dritten Strophe:
Heut da sich schranzen auf den thronen brüsten
Mit wechslermienen und unedlem klirren:
Dreht unser geist begierig nach verehrung
Und schauernd vor der wahren majestät
Zum ernsten väterlichen angesicht
Des Dreigekrönten wirklichen Gesalbten
Der hundertjährig von der ewigen burg
Hinabsieht: schatten schön erfüllten daseins.
Nach seinem sorgenwerk für alle welten
Freut ihn sein rebengarten: freundlich greifen
In volle trauben seine weißen hände.
Sein mahl ist brot und wein und leichte malve
Und seine schlummerlosen nächte füllt
Kein wahn der ehrsucht, denn er sinnt auf hymnen
An die holdselige Frau, der schöpfung wonne
Und an ihr strahlendes allmächtiges kind.
"Komm, heiliger knabe! hilf der welt die birst
Dass sie nicht elend falle! einziger retter!
In deinem schutze blühe mildre zeit
Die rein aus diesen freveln sich erhebe ...
Es kehre lang erwünschter friede heim
Und brüderliche bande schlinge liebe!"

So singt der dichter und der seher weiss:
Das neue heil kommt nur aus neuer liebe.
Wenn angetan mit allen würdezeichen
Getragen mit dem baldachin - ein vorbild
Erhabnen prunks und göttlicher Verwaltung -
ER eingehüllt von weihrauch und von lichtern
Dem ganzen erdball seinen segen spendet:
So sinken wir als gläubige zu boden
Verschmolzen mit der tausendköpfigen menge
Die schön wird wenn das wunder sie ergreift.
Georges Text wurde vom Projekt Gutenberg (hier) übernommen; die Verse Leos aus dem Kommentarteil der George-Ausgabe von Klett-Cotta (Sämtliche Werke. Band VI/VII: Der Siebente Ring. Stuttgart 1986. S. 205).

Bild zum Tag: Die Heilige Familie

De stirpe Iesse nobili
nati in salutem gentium,
Audite nos, qui supplices
vestras ad aras sistimus.
Ihr, edles Reis, Jesse
entsprossen zum Heil der Völker:
Hört, die wir uns tiefgebeugt
um eure Altäre versammeln.
Strophe aus dem Vesperhymnus O lux beata Cælitum zum Fest der Heiligen Familie, gedichtet von Papst Leo XIII. / Bild: Die Heilige Familie - Pfarrkirche Christkönig zu Titisee im Schwarzwald.

Donnerstag, 7. Januar 2016

Sententiæ CVI

"Verstehen Sie mich, Herr Kanonikus", setzte er fort, seine langen, mageren Hände bewegend, "wir sind so unglücklich ... daß es vorkommt, daß unser ganzes Leben - ohne unser Wissen - gleichsam ... irgendwie von Gott zum Teufel abgelenkt wird. Ich drücke mich schlecht aus: Stellen wir uns lieber eine Quelle vor, die in dürrem, schmutzigen Erdreich versickert. Das Kostbarste, was der Herr uns auferlegt, körperliche und geistige Leiden, kann durch den Gebrauch, den wir von ihnen machen, auf die Dauer verdorben werden. Ja, der Mensch hat selbst das Wesen des göttlichen Herzens, den Schmerz, besudelt. Das Blut, das vom Kreuze rinnt, kann uns töten".
Er atmete schwer.
(Abbé Chevance zu Abbé Cénabre in Georges Bernanos' "Der Betrug")

Mittwoch, 6. Januar 2016

Epiphanie - Dein Reich komme

 Anbetung der Könige - Titisee, Pfarrkirche Christkönig 
Epiphanie des Kyrios! Wir werden aus dem Stall, aus den gemütvoll gar seligen Bildern herausgeführt, mit denen wir uns zu schnell und schön begnügen wollen, werden aus der "stillen Nacht" mit ihren Hirten und Öchslein und Eselein und Krippelein und Kindelein herausgenötigt in die Sendung des Christen: Gott als den Kommenden zu erwarten, indem wir am Kommen seines Reiches mitarbeiten; ihn anbeten, ihm die Ehre geben im Vollbringen: aurem, thus et myrrham deferentes!
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Gloria Domini super te orta est! Die Herrlichkeit des Kyrios ist über Jerusalem aufgegangen, aufgegangen über der Ekklesia, aufgegangen über unseren Seelen - doch was nützte es, wenn wir den Ruf nicht hören: Surge, illuminare, Ierusalem - Stehe auf, Jerusalem, und werde licht! Wenn wir uns im Dunkel unserer Schatten verkriechen? Gott brachte uns die Erlösung, indem er Mensch wurde - und er bringt uns sein Reich: durch uns! Gott liebt, handelt, befreit nie am Menschen vorbei, sondern durch den Menschen, durch uns, durch jeden einzelnen.
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Vor einigen Tagen las ich einen Beitrag von Reinhold Schneider über Jeremias Gotthelfs Novelle Die schwarze Spinne - ein Übel beschwört in Gotthelfs Buch das andere herauf, die Menschen verstricken sich immer tiefer in Schuld, gerade auch dann, da sie sich tückisch bis skrupellos der Schuld entledigen wollen - nur wenige haben den Mut, sich dem Bösen und der Schuld zu stellen und sie zu überwinden, indem sie aus ihren Kreisen treten. Schneider schreibt in seiner Betrachtung dazu:
In keiner Seele kann etwas geschehen, das nicht alle Seelen angeht; denn Gottes Reich ist eins und besteht durch seine Einheit, die Seelen aber sind Gottes. Fällt eine Seele mit völliger, gleichsam sichtbarer Gewißheit in die Hand des Feindes, so ist Gottes Reich zerrissen, und niemand vermag zu ermessen, was dieser Vorgang für das ewige, aber auch für das irdische Leben bedeutet.
Darum ist eine jede Neigung, Ewiges für Irdisches zu geben, nicht allein Sünde wider Gott, sondern auch Sünde an den Menschen allen; der Mensch, der sein Gewissen einer solchen Neigung bezichtigt, ist schuldig an der Gemeinde, verpflichtet zum sühnenden Bekenntnis, angewiesen auf das Gebet aller, und er darf sich auch getrösten dieses Gebets. Die einige Gebetsmacht der Gemeinde allein kann das Tal, das Land, die Welt beschützen.
Denn Gemeinde ist endlich das Volk Christi, die Menschheit; sie ist Christi verborgener Leib, in dem wir vereinigt auferstehen werden zum ewigen Leben.
Es ist vielleicht nicht der nebensächlichste Aspekt der Selbstentäußerung Gottes, die wir in seiner Menschwerdung bestaunen, daß er in diesem aión selbst noch die Ehre seines Namens und das Kommen seines Reiches in unsere schwachen und zitternden Hände gelegt hat, wissend, wie gefährdet "beides" (man kann es eigentlich nicht trennen) darin gehalten wird, welch armselige Verwalter er hierfür bestimmt hat.
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Und doch bricht - trotz aller Schwäche Anlass zuversichtlicher Hoffnung - herein, worum wir beten: Adveniat regnum tuum - Dein Reich komme! Es bricht überall dort in die Welt, wo wir uns dem Bösen und der Schuld stellen und beides überwinden. Auch hier gilt, um Schneiders Wort erneut aufzugreifen: "... niemand vermag zu ermessen, was dieser Vorgang für das ewige, aber auch für das irdische Leben bedeutet"!
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Vermag es wirklich niemand zu ermessen? Hören wir nicht im Introitus heute Worte, die künden, was das heiße für das Ewige und das Irdische?
Ecce,
advenit dominator dominus:
et regnum in manu eius
et potestas et imperium.
Schaut!
Es kommt der Kyrios, der Herrscher,
in seiner Hand königliche Gewalt,
die Macht und das Reich!
Wer aber sollte das ermessen können, wenn selbst unsere Herzen so oft blind und taub dafür sind?
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Und vergib uns unsere Schuld - Jeremias Gotthelf, Die Schwarze Spinne - in: Reinhold Schneider: Dämonie und Verklärung. Freiburg 1965. S. 222. Das Bild zeigt die Anbetung der heiligen drei Könige - Glasfenster in der Pfarrkirche Christkönig zu Titisee im Schwarzwald.

Dienstag, 5. Januar 2016

Verlegenheit und Schauder

Einige Fragen des protestantischen Theologen Paul Tillich, die wir uns - ob Geistliche oder Laien - vielleicht noch viel eindringlicher stellen müssten ...
Wir sind in einer Kirche. Hier sollen wir das Mysterium des Heiligen mit heiliger Scheu erleben. Aber ist es tatsächlich so? Sind unsere Gebete, die in der kirchlichen Gemeinde wie unsere stillen, persönlichen, mehr Gebrauch als Mißbrauch des göttlichen Namens? Empfinden wir hier in der Kirche die heilige Scheu, die so viele außerhalb der Kirche kennen? Werden wir von Schauder ergriffen, wenn wir als Pfarrer auf die Gegenwart des Heiligen in den Sakramenten hinweisen? Sind wir nicht unserer selbst als Theologen allzu sicher, wenn wir den anderen die Heilige Schrift deuten? 
Ist genügend heilige Verlegenheit in uns, wenn die gewohnten biblischen Zitate und die flüchtigen, auswendig gelernten Gebete uns allzu leicht von den Lippen fließen? Bewahren wir den Abstand von dem Göttlichen, wenn wir glauben, seine Wahrheit zu erkennen oder vor seinem Angesicht zu stehen oder die Statthalter seiner Macht zu sein - die "Besitzer des Christus"? Ist der ... Gottesdienst wirklich Ausdruck der Verlegenheit und des Schauders in der Nähe des Heiligen?
Aus einer Predigt Der Name Gottes; entnommen aus: Paul Tillich: Das Ewige im Jetzt. Religiöse Reden. 3. Folge. Stuttgart (3) 1980. S. 98.

Montag, 4. Januar 2016

Blumiges vom zweiten Tag des Jahres

Entdeckt man draußen in der Natur zum 2. Januar die ersten Blüten des Jahres, dann mag man vielleicht darob zuerst den Kopf schütteln, dann sich aber der letzten Strophe des Hymnus Iesu, decus angelicum aus den Laudes vom Fest das Allerheiligsten Namens Jesu erinnern ...
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Iesu, flos matris virginis ...
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Jesus, aus der Jungfrau und Mutter erblüht!

Sonntag, 3. Januar 2016

Und du sollst seinen Namen Jesus rufen

 IHS: Monogramm des Namens Jesu - Gündlingen, St. Michael 
Iesu, dulcis memoria
dans vera cordis gaudia:
sed super mel et omnia,
eius dulcis præsentia.
Jesus! Süßes Erinnern,
das dem Herzen wahre Freuden bereitet:
mehr als Honig und alles andere
ist süß Seine Gegenwart.
Man ahnt, was gemeint und wie es gemeint ist ... trotzdem tue ich mich etwas schwer mit diesem Text, der dem hl. Bernhard von Clairvaux zugeschrieben wird und der Vesper des heutigen Festes des Heiligsten Namens Jesu als Hymnus zugewiesen ist. "Süß" ist ein verbranntes Wort, seit mit der Industrialisierung frömmelnder Kitsch im Glauben heimisch wurde: Das kleine Paradies, welches sich die Gottesfürchtigen nur allzu gerne einer Welt einbasteln, die zunehmend als feindlich und unwirtlich empfunden wird. Die Anverwandlung und technische Reproduzierbarkeit dessen, was früher Kunst (oder Volkskunst) war, besorgte den Rest. Selbst die Rede vom "Honig", dieses Aufgreifen eines urbiblischen Bildes, will nicht recht schmecken, weil es klebrig wirkt durch die Banalisierung des Heiligen zu gemütlichem Schmonz und zu billiger Vertröstung.
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"Du wirst im Schoß empfangen und einen Sohn gebären, und du sollst seinen Namen Jesus rufen" verkündet der Engel - "von Gott her entsandt" (Lk 1, 26) und offenbart Maria den Namen des Kindes, das "Sohn des Höchsten gerufen werden" wird (Lk 1, 31 f.). Als daher das Kind "beschnitten werden sollte, wurde sein Name gerufen: Jesus - wie der Engel ihn gerufen hatte, bevor er im Leib empfangen war" (Lk 2, 21).
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Dieser Engel ist mehr als nur ein "Informant" - aus ihm spricht Gott selbst, wie er einst aus dem brennenden Dornbusch zu Moses gesprochen hatte. Die Offenbarung des Namens Jesu findet auf der gleichen Höhe statt wie die Selbstbezeugung dessen, der sich in unverzehrendem Feuer dem Volk Israel als der Ich bin der "Ich-bin-da" offenbarte (Ex 3, 14).
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Gewiß überschreitet Gott in seinem Sohn und dessen Menschwerdnung die Grenze, die ihn - den Heiligen - von der Schöpfung trennt. Er überschreitet sie aber nicht, um sich seiner Schöpfung anzupassen, sondern um sie zu erlösen: um sie in die Sphäre seiner Heiligkeit, in die Gemeinschaft mit ihm heimzuholen. So gilt, was Israel über jenen Namen betete, den es nicht auszusprechen wagte, auch vom Namen Jesu: 
Er hat seinem Volk Erlösung gesandt
und seinen Bund gesetzt für ewige Zeiten:
heilig ist und verehrungswürdig sein Name (Ps 110, 9).
Wie verhält es sich nun aber mit dem Wort vom "süßen" Namen Jesu? 
Die leiturgía lehrt darüber Verstand und Gemüt an anderer Stelle, im Hymnus zu den Metten des heutigen Festes. Dort heißt es:
Iesu, Rex admirabilis,
et triumphator nobilis,
dulcedo ineffabilis,
totus desiderabilis.
Jesus! König so staunenswürdig
und Siegesfürst so edler Art,
Süßigkeit, die unauskündbar:
in Fülle alles Sehnens wert.
Die "Süßigkeit" dieses Namens entzieht sich letztlich aller unserer Beschreibungen, aller Assoziationen - unauskündbar, unbeschreiblich.
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Im Bild: Der Name Jesu als Monogramm - Deckenbemalung im Chor der Pfarrkirche St. Michael zu Gündlingen im Breisgau.