Donnerstag, 18. August 2016

Trotz Distanz

Respice, Domine,
in testamentum tuum,
et animas pauperum tuorum
ne derelinquas in finem:
exsurge, Domine,
et iudica causam tuam,
et ne obliviscaris voces
quærentium te.
Achte, Herr,
deines Bundes,
und lass das Leben deiner Armen
nicht endgültig im Stich:
Herr, stehe auf,
schaffe Recht deiner Sache
und vergiss nicht unseres Rufens,
die wir dich suchen!
Der Gedenke, den die Antiphona ad Introitum am vergangenen 13. Sonntag nach Pfingsten vor Gott und seiner Ekklesia ausbreitet, ist (schaut man genauer hin) aus Versen des 73. Psalms komponiert, indem Auszüge aus den Versen 2o, 19, 22 und 23 zu einem bedrückenden Bild zusammengezogen werden.
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Wir sehen auf der einen Seite die Armen, die befürchten, von Gott endgültig im Stich gelassen zu werden. Auf der anderen Seite erscheint Gott - aber als einer, der nichts tut und unternimmt; ein Gott, dem man den Bund zwischen ihm und den Armen, seinen Armen (also den von ihm restlos Abhängigen) in Erinnerung rufen, und den man wachrütteln muss, um seiner Sache (dem beschworenen Bund, den auf ihn angewiesenen Armen) Recht zu verschaffen; ein Gott, der so abwesend zu sein scheint, daß man nach ihm suchen muss, und der so dauerhaft desinteressiert wirkt, daß zu befürchten steht, er könne das Rufen seiner Armen schlicht vergessen haben - womit auch eine zeitliche Perspektive in den Blick treten könnte: offenbar rufen die Armen schon zu lange, ohne Hilfe zu erfahren. Gott hat, so der Eindruck, lange nicht mehr an sie gedacht.
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Es besteht hier sozusagen eine große Distanz zwischen Gott und seinen Armen, in denen wir uns erkennen. Wir suchen Gott, haben aber oft den Eindruck, nicht so an ihn heran zu kommen, wie es unserem Glauben und unserem Vertrauen dienen würde. Manchmal wollen wir ihm aber auch nicht zu nahe kommen, weil wir uns unserer Unzulänglichkeit, unserer Schwäche bewußt sind, dem Aussatz unserer Sünde ... steterunt a longe heißt es im Euangelion (Lk 17, 11-19) des besagten Sonntages von den zehn Aussätzigen: "Sie blieben" (angesichts der Krankheit verständlich) "von weitem stehen und riefen mit lauter Stimme" - so auch wir nicht selten, wenn wir mit den leprösen Geschwüren unserer Sünden dem Herrn nicht zu nahe treten wollen, sei es, um in Anhänglichkeit an unserer Verfehlungen nicht zu sehr umkehren zu müssen, oder sei es schlicht aus falscher Scham: Doch ist "nahe denen der Herr, die zerknirschten Herzens sind" (Ps 33, 19); nur muss die Zerknirschung aufrichtig, der Wille zur Umkehr echt sein - selbst wenn wir schon oft daran scheiterten.
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Freilich ist das nicht die konkrete Situation, in die uns die eingangs erwähnte Psalmworte führen. Die Distanz ist zwar vorhanden, doch stellt sich eher das Bild ein, daß es Gott ist, der von weitem stehen bleibt und den wir mit lauter Stimme rufen müssen. Und in der Tat: Gott kann sich uns entziehen, obwohl wir ihn bitten und zu ihm rufen. Warum er es tut, liegt außerhalb unseres Blickfeldes, und es muß reichen, zu vertrauen, daß Gott zuletzt alles zum Guten und zum Heil wendet, selbst wenn wir uns unserer Sache überhaupt nicht mehr sicher sind. Dieses "zuletzt" meint aber nicht den Weg, auf den wir dabei geschickt werden, sondern das Ziel dieses Weges, der von Erschütterungen nicht frei bleibt. Unser Glaube ist ein Gang über Wasser und durch Stürme, unser Vertrauen ist - nein, nicht einfach "gefragt", sondern herausgefordert ...
Da hob Petrus an und sprach zu ihm: Herr, wenn du willst, befiehl, daß ich über die Wasser zu dir komme. Er sprach: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot, schritt über die Wasser hin und ging auf Jesus zu. Doch als er den starken Wind erblickte, befiel ihn Furcht. Und da er zu sinken begann, schrie er und sagte: Herr rette mich! Gleich streckte Jesus die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: 
Kleingläubiger! Warum hast du gezweifelt? 
Und als sie ins Boot stiegen, erlahmte der Wind. Die im Boot aber verneigten sich tief vor ihm und sagten: Wahrhaftig, Gottes Sohn bist du (Mt 14, 28-33).

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