Dienstag, 7. Juni 2016

Tagessplitter - Radaufrömmigkeit

Was mir zuweilen auf den Senkel geht: Eine gewisse, und nun muss man tief in die euphemistische Begriffskiste langen, "Diskussionskultur" unter Katholiken einerseits und das Gejammere darüber andererseits. Soziale Netzwerke sind nicht unbedingt ein Ruheplatz ziselierter Argumente, sondern eher Arenen, in denen man auch heute noch kraftvoll zuschlagen kann (oder es zumindest zu können glaubt): Ausfluchtsorte, Ausfalltore für all den Frust, den man anderweitig und andernorts nicht loszuwerden vermag (oder sich nicht loszuwerden traut).
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Schwierig wirds, wenn ein unter radaufrommen Katholiken aktuell sehr beliebtes Geschäft betrieben wird: dem Gegenüber abzusprechen, "katholisch" zu sein. Machen wir's kurz: Wenn es jemanden gibt, der das als "Tatbestand" mit Fug und Recht allein feststellen kann, dann ist es die Kirche, nicht aber Lieschen Müller per Fratzbuchkommentar. Daran ändert auch unablässiges posten kitschiger Heiligenbildchen als Zertifikat für fortgeschrittene Rechtgläubigkeit nichts.
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Es gibt aber einen anderen Punkt, den man sehr wohl dingfest machen kann, ohne eine Entscheidung kirchlicher Autoritäten abwarten zu müssen: Über eine katholische Geisteshaltung lässt sich sehr wohl befinden - und wie sich mitunter erschreckend rasch herausstellt, ist es gerade auch bei Theologen mit dieser Haltung oft nicht weit her ...
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Lieber träumt man sich eine Kirche zusammen, mogelt sich an manch unbequemer Zumutung an den Glauben vorbei, geht hanebüchene Kompromisse ein und höhlt Dogma und Moral aus, manchmal guten Glaubens, manchmal mit an Niedertracht grenzender Dreistigkeit, manchmal merkt man's vielleicht auch garnicht mehr, so abseits allen Mutes und Willens in Sachen sentire cum ecclesia ist man bereits gestrandet. Katholikentage sind ein gutes Anschauungsobjekt dafür - und man braucht alles andere als Phantasie, Kreativität, Achtsamkeit, Toleranz oder all den sonstigen Schwatzkram, um die Mängel und den damit verbundenen Mangel einer katholischen Geisteshaltung zu benennen. Sie liegen auf der Hand: Da berühren sich Hölle und Erde, was festzustellen weder unchristlich noch lieblos ist.

Kommentare:

Jorge hat gesagt…

"Über eine katholische Geisteshaltung lässt sich sehr wohl befinden."

Das mag sein, aber dafür fehlt es den Befindenden meistenteils genauso an stichhaltigen Kriterien wie beim legendären "Absprechen des Katholischseins". Ich sehe da nur einen graduellen Unterschied.
Was Konservative oder Konvertiten als unverzichtbare Merkmale einer "katholischen Geisteshaltung" betrachten, ist ja sehr oft ausgedachtes oder undurchdachtes Zeug, jedenfalls kein Maßstab dafür, ob so eine Haltung wirklich vorliegt oder nicht.

"Vorbeimogeln an unbequemen Zumutungen des Glaubens", "hanebüchene Kompromisse", "Aushöhlen von Dogma und Moral" ... Das sind allesamt unscharfe Totschlagbegriffe, dehnbar wie Gummi und anwendbar auf alles und jedes, was einem nicht schmeckt.
Mit solchen schablonenhaften Begrifflichkeiten signalisiert man allenfalls Gleichgesinnten die Zugehörigkeit zur gleichen Denkschule, erklärt sich vielleicht zum Teil des sog. "glaubenstreuen" Spektrums, mehr aber auch nicht. Sprachduktus als Erkennungsmerkmal oder Ausweis der Lagerzugehörigkeit. Sachlich steckt da sonst m.E. nichts Brauchbares hinter.

Von den von dir genannten Kriterien hat nur ein einziges Bestand, das sentire cum Ecclesia. Das ist zwar auch relativ schwammig, hat aber doch wenigstens einen benennbaren und auch theologisch bestimmbaren Gehalt. Alles andere ist haltloses Geplänkel.

Wenn du dann ausgerechnet bei "Theologen" einen Mangel an katholischer Geisteshaltung annimmst und damit im Grunde einfach Elitenschelte betreibst, spricht gerade dies für mich eher für ein schwächelndes sentire cum Ecclesia. Wer engagiert sich denn mehr für Kirchlichkeit und Katholizität als Berufstheologen?

Sicher, Theologenschelte ist trendy und im "Tradi"-Lager immer gern gesehen, aber eigentlich ist sie doch der Beweis, dass man sich auch in diesem Lager die Kirche lieber zusammenträumt, wie sie einem gefällt, annstatt sich mit theologischen Fragen inhaltlich auseinanderzusetzen, was natürlich mehr Mühe macht als über "Theologen" zu schimpfen.

Was kann einen auch an "Theologen" stören? Erstens gibt es solche und solche; zweitens verstehen die Pauschalkritiker oft sowieso nur die Hälfte von dem, was sie sagen; und drittens können einem Theologen noch am ehesten sagen, worin eigentlich eine katholische Geisteshaltung bestehen soll (nimm etwa das Menke-Buch "Sakramentalität": unverzichtbar, meine ich, um bei diesem Thema mitreden zu können). Man sollte Theologen also lieber lesen als beschimpfen. Sag ich natürlich als Nichttheologe.

Andreas hat gesagt…

Hallo Jorge ...

ich denke, aus dem Splitter geht deutlich genug hervor, daß nicht alle Theologen über einen Kamm geschoren werden können.

Was die "Gummibegriffe" angeht: Gewiß kann man das an Beispielen exemplifizieren: etwa beim Mißbrauch einer Kirche und des Ehesakramentes zur Kulisse einer Promihochzeit als Event auf RTL, bei der Umdeutung des Fronleichnamsfestes zum Flüchtlingsgedenken oder bei windigen Gruppen und Initiativen, die auf Katholikentagen für Anliegen Werbung treiben können, die faktisch der katholischen Moral widersprechen. Zudem gibt es für die katholische Geisteshaltung einige Maßstäbe und Hilfmittel: Texte des Lehramtes zum Beispiel. Und da der in der Tat schätzenswerte Menke angesprochen wurde ... ergänze ich das - nur in Auswahl - um Ott, Schmaus, Diekamp, Prümmer, Hoping, Casel sowieso ... und meinethalben auch den frühen Häring.

Zuletzt ... aus dem Nähkästchen geplaudert: Der Splitter (ein offenkundig glossierend-subjektives Textformat) entstand auf der Grundlage zweier Diskussionen mit Theologen in den vergangenen Tagen. Es war ätzend.

Jorge hat gesagt…

Naja, die von dir genannten Namen repräsentieren ganz offenkundig ein ganz bestimmtes theologisches Spektrum. Wenn jetzt jmd. sagt, dieses Spektrum gefällt mir und den anderen Spektren geht die katholische Geisteshaltung ab, ist das natürlich ebenso naiv wie vermessen.

Wirklich katholisch im besten Sinn wird die Geisteshaltung eben erst, wenn sie über den Tellerrand schauen und sich auch mit den Vertretern des konträren Spektrums zumindest sachlich auseinandersetzen, wenn nicht anfreunden kann.

In diese Richtung geht ja wohl auch die zufällig heute veröffentlichte Papstäußerung zu dem Thema.
http://kreuzknappe.blogspot.de/2016/06/papst-franziskus-die-katholische-kirche.html
http://www.kath.net/news/55478

Was das Nähkästchen angeht, interessiert mich das schon, oft sind es ja auch mehr Missverständnisse oder beiderseitige Vorurteile, die für so einen "ätzenden" Nachgeschmack sorgen.
Interessant zu wissen wäre jdfs., um welches Thema es denn eigtl. ging und welche Positionen es konkret waren, die den unkatholischen Eindruck erzeugt haben. Oft reden Theologen schwurbeliges und unscharfes Zeug, damit kann man mich auch jagen, aber wie oben dargestellt passiert das im konservativen "Lager" ganz genauso und auch da sie schablonenartige und unscharfe Kampf- oder Verschleierungsbegriffe an der Tagesordnung.

Cresenzia hat gesagt…

Die größten Kritiker der Elche .....

Lehrer Lämpel hat gesagt…

Was die "Elitenschelte" angeht, die hat der Herr selbst in der Zeit seines Erdenlebens als "Zimmermannssohn" weidlich betrieben.
Die damaligen Theologen werden in den Evangelien "Schriftgelehrte" genannt und die damaligen Rechtgläubigen (Tradis) sind die "Pharisäer".
Christus scheut sich nicht, sie an ihren Taten in Bezug auf Gottes Wort zu messen und zu kritisieren, wo es ihm nötig erscheint.
Also bloß keine Scheu, dieses fundiert auch heute zu tun, wo es geboten ist.
Der Maßstab dafür ist und bleibt Gottes Wort.