Montag, 18. April 2016

Modicum

Vor einigen Jahren, schon etwas länger her, saß ich in einer Vorstellung von Tosca an der Frankfurter Oper. Dieses "Meistermachwerk" (so Gustav Mahlers delikates Urteil über Puccinis Werk) endet im Suizid: Vor den Schergen Scarpias auf der Flucht, stürzt sich die Sängerin von der Engelsburg verzweifelt in den Tod. Einen solchen Todessprung hatte ich noch viel früher in Basel einmal inszeniert gesehen: Tosca hastete die Stufen einer die Bühne den gesamten Abend beherrschenden Pyramide empor und setzte an ... zuletzt sah man noch ihren Schleier im Abgrund verschwinden, Gänsehaut pur. Gewöhnlich wählt eine moderne Regie heute oft andere Wege, den Tod der Titelheldin sinnfällig zu machen.
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Frankfurt präsentierte damals eine interessante Lösung: Die Bühne wurde im dritten Akt von einigen Silhouetten markanter römischer Architektur geprägt, etwa der Kuppel des Petersdoms. Als Tosca zu ihrem letzten Ausruf ansetzte und - O Scarpia, avanti a Dio! - ihren Peiniger und sich selbst vor Gottes Richterspruch zitierte, kippten diese Schattenbilder weg: Das Publikum sah nicht Tosca sterben, sondern das Sterben mit Toscas Augen: das Wegbrechen dieser Welt aus der Wahrnehmung.
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Wann immer ich im Euangelion - wie gestern am dritten Sonntag nach Ostern - das Wort von der "kleinen Weile" höre, in welcher die Jünger des auferstandenen Kyrios erneut entbehren müssten (Joh 16, 16 ff.), dann befriedigt mich eine rein zeitliche Deutung nicht ganz. Zweifelsohne bringt Christus selbst diese Sicht zur Sprache, wenn er die sogenannte "kleine Weile" mit der Zeit der Wehen illustriert, welche eine Mutter in den Wehen leiden muß, bis sie ihr Kind in den Armen halten kann. Christus lässt sich hierbei auf uns Menschen ein, die wir geschichtlich zu denken gewohnt sind, die wir Abwesenheit und Gegenwart in Abläufen erfahren.
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Doch was ist die Zeit vor den Augen dessen, dem "tausend Jahre wie der Tag" sind "von gestern, der schon vergangen, wie eine Wache während der Nacht" (Ps 89, 4)? Und ... Hand aufs Herz: Fühlen wir uns bei der Rede von der "kleinen Weile" nicht zuweilen übertöppelt, derweil wir uns fragen, wie lange wir (und all die anderen Menschenkinder) diese Welt und all ihr Wehe noch ertragen, erdulden, durchleiden müssen?
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Alles scheint mir an einem vermeintlich unscheinbaren Wort zu hängen, das wir gestern mehrfach hörten - im Euangelion ohnehin, dann aber auch in der Communio-Antiphon als konzentriertem Nachhall: modicum! Während wir nun von der "kleinen Weile" hören, lesen wir eben jenes Wort modicum - beziehungsweise mikròn im Urtext: ein "Kleines", ein "Weniges" nur. Das kann eine "kleine Weile" bedeuten, muss es aber nicht zwingend. Der Begriff ist nicht auf eine bestimmte Dimension festgelegt. Man kann sich die Verhältnisse auch anders vorstellen - ich erinnerte mich darob gestern der Frankfurter Tosca mit ihren Schattenbildern.
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Der Gott, der selbst unter den armen Zeichen von Brot und Wein zugegen ist, ist näher, als wir denken, ahnen, fühlen und vielleicht auch ... glauben. Der Kyrios ist uns gegenwärtig, das Reich Gottes bereits präsent hinter den Silhouetten dieses Lebens, die uns manchmal freundlich scheinen, manchmal aber auch düster und trist und bedrohlich. Von Bestand sind sie nicht. Sie werden wegkippen wie Bühnendekorationen, sobald sich in hora mortis unser Auge jener anderen, ewigen Wirklichkeit öffnen kann.
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Diese ist jetzt so weit entfernt ... oder uns so nahe wie die Ewigkeit, die in jeden Augenblick einzubrechen vermag: modicum, mikròn, ein Weniges nur. Wir müssen nicht die Tage zählen, sondern - soweit das jetzt bereit möglich ist - die Kulissen unseres Lebens zu durchschauen suchen: Denn was immer sie uns zeigen mögen - es verweist uns auf das Größere dahinter, auf jene Größe, die letztlich zählt, den sich enthüllenden Gott.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

so ein schön ausgeführter Gedanke, und gut, dass Sie sich wieder melden...

Tarquinius hat gesagt…

Dieser modicum erinnert mich an ein anderes Weniges, das pauca im 2. Kapitel der Geheimen Offenbarung, welches die Kirche dieser Tage las. Ist es vielleicht auch das "Wenige", das pauca, was der Herr noch gegen uns vorzubringen hat ... was den modicum verlängert, hinausschiebt ... eben, bis wir uns ganz auf das Größere, den Größten eingelassen haben?

viasvitae hat gesagt…

Ein neuer Beitrag! Und dann auch noch so ein schöner!

Andreas hat gesagt…

Danke für die Rückmeldungen!

Tarquinius - ich denke, die Sünde ist beständige und aktive Sabotage am Reich Gottes und dessen Kommen - und es würde darob wohl nie kommen, gelte nicht auch dafür das Wort, es würden diese Tage abgekürzt.

Außerdem darf man nicht vergessen, daß der Kyrios bereits im Pneuma wiedergekommen ist. Aber wir erhoffen ja noch mehr ...

Carina hat gesagt…

Wenn auch etwas verspätet schließe ich mich an: Sehr schöner Beitrag :)