Dienstag, 22. März 2016

Vom Tage: Die Anschläge von Brüssel

Man spürt Wut aufgrund der heutigen Anschläge von Brüssel. Wut über den fortgesetzten Terror, Wut angesichts von Menschen, die am falschen Ort zur Unzeit waren und zerfetzt, von Trümmern erschlagen ... wie immer auch ... aus dem Leben geworfen wurden, urplötzlich, ahnungslos, nicht mehr und nicht minder schuldig am Elend dieser Welt, wie wir alle schuldig daran sind. Das verursachte Chaos ist kalkuliert von denen, die es auslösen, ein Menschenleben dabei nur ein Posten einer mitleidlosen Rechnung, zurück bleiben die Trauernden und jene, die mit dem Leben davongekommen sind. Das ist das eine, was Tage wie diese - und es gibt dieser, Gott sei es geklagt, leider immer mehr - in einem auslösen können. 
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Das andere ist die Verunsicherung ... gewiß: Man will nicht "die Muslime" kollektiv dafür in Haftung nehmen, aber die Präsenz dieser Religion im Abendland erfüllt mich aktuell mit Verdruss, mit immer mehr Verdruss; ein Verdruss, der sich auch aus Ratlosigkeit speist. Die Bomben zünden nicht nur in Flughäfen oder Bahnstationen, sie zünden auch im Gemüt.
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Dazu gesellt sich der Eindruck, nicht mehr Herr im eigenen Haus zu sein ... was auch damit zu tun hat, daß - mein Eindruck zumindest - Europa kaum mehr ein Fundament hat, das tragen kann. Wie soll man ein Haus errichten und Herr darin sein, wenn der Boden beständig schwankt? Wenn die in Brüssel und Paris und Berlin mit hohlem Blech beschworenen "Werte" Europas, bricht man sie auf ihre Quintessenz nur tief genug herunter, kaum mehr bedeuten mögen als Brot und Spiele: gefüllte Mägen und die Möglichkeit, sich dem zwergenhaften Hedonismus jedweden Blödsinns hingeben zu können? Auch daher rührt die erwähnte Wut.
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Man merkt, die Stimmung ist gerade wieder im Keller. Das sind bei mir jene Momente, die mich zu Reinhold Schneider greifen lassen: der Mann hatte eine Gabe, sich bedrückenden Fragestellungen auszusetzen und diese dichterisch zu ... nein, nicht zu bewältigen, aber sie zu verarbeiten. Natürlich ist der historische Hintergrund Schneiders ein anderer als der unsere; aber es weist die Höhe dieses Werkes aus, daß es auch unter Voraussetzungen zu uns sprechen kann, als anders bestellt sind, als jene es waren, die dem Wort einst Gestalt gegeben haben.
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In seinen Kreis zog mich heute nun das dritte von drei Sonetten, welche allesamt den Titel Die Überlebenden tragen. Schneider blickt hier nach dem Krieg auf seine geistig und materiell zerstörte Heimat und auf jene zwölf Jahre, die diesen Zustand vollendet hatten. Das versehrte Europa heute ist ein anderes, die Gründe dafür sind andere, die Verse aber können uns auch dazu etwas sagen, zumindest zu mir sprechen sie ...
Die Überlebenden · III
Die Hölle streifte uns. Wir blicken nicht
Nach Trümmern um, die Gut und Werk bedecken.
Verglühnder Richtstatt unerhörten Schrecken
Entkamen wir und eilen ins Gericht. -
Beugt euch in Gottes waltendes Gedicht!
Die Letzten sind wir, die euch schaudernd wecken.
Seht aus der Tiefe sich den Schatten recken,
Faßt euch an's Herz und glaubet an das Licht!
Die Engel und die Drachen streiten weiter. -
Uns ist die Welt versehrt, das Herz zerissen.
Und geisterhafte Lichter wirft der Tag.
Ihr Beter streitet fort und wecket Streiter!
Die Gnade faßt, daß wir vom Abgrund wissen
Und von der Liebe, die euch retten mag!
Gott erbarme sich über uns - er berge die Opfer in seiner Gnade und tröste deren Angehörige und Freunde: Oremus!
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Reinhold Schneider: Die Sonette von Leben und Zeit, dem Glauben und der Geschichte. Köln und Olten 1954. S. 226.

1 Kommentar:

Der Herr Alipius hat gesagt…

Ich stimme der Stimmung zu und danke für diesen Beitrag.