Sonntag, 6. März 2016

Lætare Ierusalem

 Prozessionskreuz - Freiburg, Pfarrkirche St. Joseph 
Welcher Ort steigt vor unserem inneren Auge herauf, wenn wir zum Introitus heute die Aufforderung Jesajas (66, 10) hören, Jerusalem solle sich freuen: Lætare Ierusalem ...? Wenn im Graduale und zur Communio eben jener Psalm 121, das große Wallfahrtslied Israels, erneut aufklingt, der bereits eingangs dem Prophetenwort zugesellt ist:
Voll Freude war ich, da sie mir sagten:
"Zum Hause des Herrn wollen wir ziehen" ...
Friede walte in deiner Kraft
und Fülle über Fülle in deinen Türmen ...
Jerusalem, erbaut als Stadt,
in der alles ineinander fest gefügt:
Dort hinauf steigen die Stämme,
die Stämme des Herrn,
um deinen Namen, Herr, zu preisen.
Wir sehen das Jerusalem des Alten Bundes als Vorbild, sehen das himmlische Jerusalem als Erfüllung, sehen die Ekklesia, sehen aber auch - und liturgiegeschichtlich vor allem - eine ganz bestimmte Kirche in Rom, in der sich einst die Christen am vierten Sonntag der Fastenzeit zur Eucharistia um den Papst versammelten: Die Kirche zum Heiligen Kreuz in Jerusalem ... Sanctæ Crucis in Hierusalem, oft auch nur Sancta Hierusalem geheißen, heute bekannt als Santa Croce - eine der sieben Hauptkirchen Roms. Reliquien der Passion sind dort geborgen.
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Wir können also die Freude, die uns heute verkündet wird, nicht vom Kreuz trennen; es ist allerdings eine Freude, die wir nicht trotz des Kreuzes, sondern im Kreuz erfassen sollen. Wie uns die Ekklesia am zweiten Sonntag das Bild des auf dem Tabor verklärten Kyrios vor Augen gestellt hat, ehe wir die totale Erniedrigung Christi im Kreuzesstod ertragen müssen, so zeigt sie uns heute das Kreuz als das Zeichen neuen Lebens und kommenden Sieges, ehe wir es als den Schandpfahl einer in den Abgrund gewendeten menschlichen Geschichte schauen werden. 
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Das Pascha, der Durchgang durch das Kreuz in ein neues Leben, ist dabei nicht eine in der Vergangenenheit abgeschlossene Heilstat, die wir uns nur gedenkend zu eigen machen müssten; vielmehr war und ist in diesem Pascha jedes Kreuz gegenwärtig und wird gegenwärtig sein, das Menschen getragen haben, heute tragen und künftig tragen werden - und jedes dieser Kreuze, die vergangenen, die kommenden, die gewärtigen: sie alle sind präsent in jenem Pascha des Kyrios zur Fülle der Zeit. Nicht aber sollen wir daran verzweifeln und Anstoß nehmen, sondern wir sollen wissen und glauben: All diese Kreuze bergen zugleich erlöstes Leben in sich, sofern sie Christus tragen - weil Christus sie dann trägt!
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Lætare Ierusalem - freue dich, Jerusalem, du Stadt Davids, du himmlische Gottesstadt, freue dich, Ekklesia und freut euch, ihr Seelen: Im Kreuz waltet die Kraft, in ihm liegt Fülle über Fülle des Lebens, zu ihm steigen die Stämme des Herrn hinauf, in ihm steigen sie empor, um den Namen des Herrn zu preisen!
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Bild: Prozessionskreuz in der Pfarrkirche St. Joseph zu Freiburg.

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