Donnerstag, 11. Februar 2016

Die Quadragesima dieses Lebens

Odo Casel OSB
... So begann der erste Adam ein Leben in Herrlichkeit und endete in Staub und Moder. Nur eines blieb ihm: die Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit und daraus hervorgehend die Buße. Aus dem Fluche machte Adam einen Segen, indem er Leid, Schmerz und Tod in Geduld trug, als Buße in der Hoffnung auf den kommenden Heiland. So wurde sein Leben eine Quadragesima; aber das Pascha war weit in der Zukunft. Nur im Glauben leuchtete es wie eine ferne, vorerst unerreichbare Küste. Das Leben des ersten Adam endigte vorläufig in einem Grabe und im Scheol, der finsteren Unterwelt. Doch stand auf dem Grab der Anker der Hoffnung, und diese Hoffnung leuchtet selbst in das Dunkel der Unterwelt hinein.
Unsichtbar steht auf Adams Grab das Kreuz. 
Nach der alten, tiefsinnigen Legende war Adams Grab auf Golgatha; sein Schädel lag dort, wo später Christi Kreuz stehen sollte; und als das Blut des Heilandes vom Kreuze rann, floß es herab auf den kahlen Schädel Adams, wie die christliche Kunst des Ostens es oft darstellt.
Auch wir müssen in der Quadragesima dieses Lebens den Weg des ersten Adam gehen. Wir stehen unter dem Fluche der Sünde und bleiben es der irdischen Existenz nach, selbst wenn unser Pneuma schon erlöst ist. Denn wir sind Adams Kinder, des irdischen Adams Sprossen, "de peccato procreati", aus der Sünde gezeugt ... Wir müssen daher auch Adams Last tragen. Fassen wir unser Leben immer so auf, und tragen wir die Last im Sinne Adams, das heißt in Bußgesinnung! Suchen wir nicht dem Fluche durch äußere Mittel menschlicher Art zu entrinnen. Alles, was auf Erden hart und rauh ist - Leiden, Krankheit, Beschwerden, Dienstbarkeit, Verfolgung, Hunger, Blöße, Not und Tod -, ist dann für uns Bußmittel, erleuchtet durch die Hoffnung, und damit ist es Weg zu Gott, Rückweg zum Heil "Tribularer si nescirem misericordias tuas, Domine; tu dixisti: nolo mortem peccatoris, sed ut convertatur et vivat: qui vocasti Chananæam et publicanum ad pœnitentiam - Trübsal und Schmerz würden mich befallen, wenn ich nicht deine Barmherzigkeit kennte, o Herr. Du hast ja gesagt: ich will nicht den Tod des Sünders, sondern daß er sich umwandle und lebe, du, der du die Chananiterin und den Zöller zur Buße gerufen hast" (Resp. der Vigil. in der Quadragesima).
Die Quadragesima dieses Lebens ist also ein Kreuzweg und führt zum Grabe mit dem Kreuze; aber mit diesem Kreuze kommt uns der zweite, der letzte Adam entgegen, und sein Kreuz wird uns zum Anker der Hoffnung.
Odo Casel OSB: Christi Kreuz auf Adams Grab (Exerzitienvortrag des Jahres 1942). In: Mysterium des Kreuzes. Paderborn o. J. S. 180 f.

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