Dienstag, 16. Februar 2016

Außenwirkung

 hl. Paulus - Endingen, St. Peter und Paul, Hochaltar 
Das Phänomen ist einzigartig in der Leiturgía: Alle Gesangstexte der Eucharistía am ersten Fastensonntag sind ausschließlich einer Quelle entnommen, dem 90. Psalm. Im Herzen der Verkündigung, dem Euangélion von der Versuchung Jesu (Mt 4, 1-11), wird er zitiert, von dort aus fließt er in das Lied der Ekklesia über. Das biblische Thema, der Rückzug des Kyrios in die Wüste, sein vierzig Tage währendes Fasten, die dräuende Versuchung ... all das setzt die Schwelle, über welche wir in die Fastenzeit einzutreten geladen sind. Mächtig drängt sich uns der Bericht des Matthäus ins Gemüt, gehen uns die Worte des Psalmisten über die Lippen: "Seine Engel hat Gott über dich entboten: sie sollen dich schützen auf all deinen Wegen. Auf ihren Händen werden sie dich tragen, daß niemals dein Fuß an einem Stein sich stoße" (Ps 90, 11 f. - Graduale).
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So schön das ist, so birgt sich darin auch eine Gefahr: Daß wir die Lesung, entnommen dem 2. Korintherbrief (6, 1-10) ein wenig überhören. Auf den ersten Blick steht sie ohnehin etwas isoliert neben all den anderen Texten; ihre Wahl scheint uns der Emphase der ersten Verse geschuldet, in denen Paulus ein Wort aus dem Propheten Jesaja (49, 8) aufgreift:
Empfangt die Gnade Gottes nicht ins Leere.
Sagt er doch:
Zur willkommenen Stunde habe ich dich erhört.
Am Tag der Rettung habe ich dir geholfen.
Da! Jetzt ist die Zeit, die hoch willkommene.
Da! Jetzt ist der Tag der Rettung (2 Kor 6, 1 f.).
Paulus stellt diesen Gedanken nun aber nicht in den Horizont von Buße und Fasten (diese Themen berührt er nur unter weiteren), sondern setzt einen anderen Akzent:
Keinem - in nichts - geben wir Anstoß,
damit dem Dienst nichts Übles angehängt werde.
Im Gegenteil:
In allem stellen wir uns als Diener Gottes dar
durch großes Ausharren:
in Drangsalen, in Nöten, in Ängsten;
unter Schlägen, in Kerkern, in Krawallen,
unter Mühen, in schlaflosen Nächten,
durch Fasten;
in gottgeweihter Gesinnung,
in Erkenntnis,
in Langmut, in Freundlichkeit,
in heiligem Pneuma,
in Liebe ohne Blenderei,
im Wort der Wahrheit;
in Gottes Kraft ... (2 Kor 3 ff.)
Es geht hier nicht zuletzt um Außenwirkung, freilich nicht um bloße Fassade, sondern um eine Außenwirkung, die sich aus heiligem Pneuma speist, der Kraft Gottes - eine Außenwirkung, in der sich mithin eine innere Ausrichtung authentisch manifestieren kann. Der Apostel weiß um unsere und (Paulus bringt immer wieder seine eigene Biographie ins Spiel, auch hier) seine eigene Schwäche, diesem Ideal nachzukommen - und stellt seiner Aufzählung daher eine intensive Mahnung voran:
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Wir sollen keinen Anstoß geben, niemandem Ärgernis bereiten, damit dem "Dienst" - das meint auch: den Eindruck zu unserem Glauben, den wir bei anderen hinterlassen - nichts Übles angehängt und nachgesagt werden kann. Und so eine Haltung sollen wir auch wahren, wenn es schwerfällt: "In allem stellen wir uns als Diener Gottes dar durch großes Ausharren".
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Mir scheint das ein wichtiger Aspekt auch und gerade für die Fastenzeit zu sein - womöglich bringt uns die Ekklesia gerade deshalb diese Perikope am Anfang der Quadragesima zu Gehör? Denn gewiß kann und soll man das Fasten in dieser und jener Form üben, kann und soll einen Vorsatz fassen, kann und soll Buße tun. Nicht minder tut aber Not, daß wir unsere Lebenshaltung auch in Sachen "Außenwirkung" auf den Prüfstand stellen - sofern diese unserem Nächsten den Zugang zum Glauben in einladender Freundlichkeit erleichtern oder durch abweisende Mißgunst versperren kann. Ich merke das immer wieder an mir selbst: Zu rasch fahre ich zum Beispiel irgendwelcher Lappalien wegen aus der Haut; mal frißt sich der Groll innen fest, mal schlägt er nach draußen durch - im ersten Fall vergiftet man "nur" sich selbst mit der Zeit, im anderen Fall vergiftet man seine Umwelt obendrein. Man mag einwenden: Manch einer unserer Mitmenschen findet immer ein Haar in der Suppe, um sich dem Anspruch Gottes nicht aussetzen zu müssen. Doch sollten nicht wir es sein, die zu diesem Haar noch ein ganzes Büschel hinterher werfen ...
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Wohlgemerkt, weil man das nicht genug betonen kann: Es geht um die Wirkung einer inneren Haltung, nicht um frommen Mummenschanz, sprich: Heuchelei. Es gibt auch eine falsche Außenwirkung - zu dieser wollte der Teufel, und hier kommt das Euangélion von der Versuchung Jesu wieder ins Spiel, den Kyrios verführen: Sichere Dir die Sympathien der Menge, indem du Steine in Brot verwandelst ... wecke den Glauben der Massen, indem dich Engel im Sturz auffangen ... sonne dich in der Herrlichkeit der Welt und ihrer Reiche! ... Führe (um all das auf den Punkt zu bringen) eine billige Imitation des Gottesreiches herauf, ein schein-heiliges Surrogat anstelle echter Heilsgeschichte ... Es ist also nicht das vordergründig Besondere und Außergewöhnliche, in dem wir glänzen sollen: Glaube, Liebe und Hoffnung müssen sich im Alltag bewähren, denn der Alltag ist Heilsgeschichte, zumeist ganz ohne Wunder und Zeichen. Dieser Alltag ist mir oft Herausforderung genug - Gott helfe, daß sich da erweise, was Paulus den Korinthern (6, 11 f.) gewünscht hat:
Unser Mund hat sich aufgetan für euch,
ihr Korinther;
das Herz ist uns weit geworden ...
Werdet auch ihr weitherzig!
Bild: Der hl. Apostel Paulus - Skulptur am Hochaltar in der Pfarrkirche St. Peter zu Endingen am Kaiserstuhl.

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