Samstag, 23. Januar 2016

Von den zwei Zeiten - Einstimmung auf den Sonntag Septuagesima

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Die Vesper hat zwischenzeitlich den Sonntag Septuagesima eingeläutet, mithin den Beginn der sogenannten Vorfastenzeit und damit den Osterfestkreis. Septuagesima ... das meint den siebzigsten Tag vor Ostern, freilich nicht in mathematisch genauer Zählung, sondern in einem pneumatischen Sinn: die siebzig Tage erinnern an die siebzig Jahre der Gefangenschaft Israels in Babylon. Dies aber deutet auf das Leben des Christen in diesem aión, dem ein Wort der Psalmen nicht fremd ist:
An den Flüssen Babylons, da saßen wir und weinten,
da wir uns Sions erinnerten.
In die Weiden jenes Landes
hingen wir unsere Harfen hinein,
denn Lieder verlangten dort, die uns gefangen geführt,
und Freude, die uns zusetzten:
"Singt uns etwas von den Gesängen Sions!"
Wie aber sollen wir des Herren Lieder singen
in fremdem Bann? (Ps 136, 1-4).
So verstummt mit diesem Sonntag auch das Alleluia in der leiturgía über die gesamte Frist der geistlichen siebzig Tage. Dieser Zeit aber stehen die Tage der Osterfreude gegenüber. Der hl. Augustinus schreibt dazu in seiner Erklärung von Psalm 148:
Gut ist es für uns, in Sehnen durchzuharren, bis das Verheißene kommt, Klage vergeht und Lob allein folgt. Um dieser zwei Zeiten willen ... ist uns auch die Feier zweier Zeiten eingesetzt: vor Ostern und nach Ostern.
Die Zeit vor Ostern bedeutet die Trübsal, in der wir jetzt sind, was wir aber jetzt nach Ostern begehen, bedeutet die Seligkeit, in der wir einmal sein werden. Was wir also vor Ostern feiern, das tut wir auch, was wir aber nach Ostern feiern, das versinnbilden wir nur, wir besitzen es noch nicht. In unserem Haupte ist beides versinnbildet, beides vor Augen geführt:
Das Leiden des Herrn zeigt uns das Leben im gegenwärtigen Zwang: sich mühen, gequält werden und zuletzt sterben müssen, die Auferstehung aber und die Verherrlichung des Herrn zeigt uns das Leben, das wir einst erhalten sollen ... (Enarrationes in Psalmos - zu 148, 1).
In der Lesung des Sonntages Septuagesima, dem ersten Brief des hl. Paulus an die Korinther (9, 24-27; 10, 1-5) entnommen, werden wir bereits an das Pascha erinnert, das wir in der Osternacht neu feiern werden: Den - auch für uns nicht immer schmerzlosen - Auszug aus einem aión des Todes in das Land der Verheißung unter Führung des Kyrios Christus. Es ist gut, bereits jetzt die Worte aus dem Alten Bund, in denen sich das Kommende abzeichnet, zu lesen und zu hören:
Jahwe zog vor ihnen her,
bei Tag in einer Wolkensäule, um ihnen den Weg zu zeigen,
bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten.
Nicht wich die Wolkensäule bei Tag
und die Feuersäule bei Nacht
von der Spitze des Volkes (Ex 13, 21 f.).
Nun streckte Mose seine Hand über das Meer aus.
Jahwe ließ die ganze Nacht
das Meer vor einem starken Ostwind zurückweichen
und legte das Meer trocken.
Die Wasser spalteten sich
und die Israeliten zogen auf trockenem Boden
mitten durch das Meer,
während die Wasser zu ihrer Rechten und Linken
wie eine Mauer standen (Ex 14, 21 f.).
 
Da sprach Jahwe zu Mose:
"Wohlan, ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen.
Das Volk soll dann hinausgehen, aber sich nur
den täglichen Bedarf sammeln ..."
Da sprachen Mose und Aaron
zur ganzen Gemeinde der Israeliten:
"Heute abend sollt ihr erfahren,
daß Jahwe es ist,
der euch aus Ägypten herausgeführt hat.
Und morgen früh werdet ihr
die Herrlichkeit Jahwes schauen" (Ex 16, 4, 6 f.)
... und sie lagerten sich in Rephidim.
Hier gab es kein Trinkwasser für das Volk.
Da haderte das Volk mit Mose ...
Da schrie Mose zu Jahwe:
"Was soll ich mit diesem Volk machen?
Es fehlt nur wenig, und es steinigt mich".
Jahwe antwortete Mose:
"Gehe dem Volke voraus!
Nimm einige von den Ältesten Israels mit dir;
und deinen Stab, mit dem du den Nil geschlagen hast,
nimm in deine Hand und gehe!
Ich werde mich dort vor dir
auf den Felsen am Horeb stellen.
Schlage dann auf den Felsen,
es wird Wasser aus ihm hervorfließen
und das Volk kann trinken".
Mose tat so
in Gegenwart der Ältesten Israels (Ex 17, 1 ff.)
Das Augustinus-Wort ist entnommen aus: Aurelius Augustinus: Über die Psalmen. Ausgewählt und übertragen von Hans Urs von Balthasar. Einsiedeln (2) 1983. S. 348 f. - Das Bild zeigt den Zug Israels durch das Rote Meer - Glasfenster in der Pfarrkirche St. Wendelin zu Altglashütten im Schwarzwald.

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