Dienstag, 5. Januar 2016

Verlegenheit und Schauder

Einige Fragen des protestantischen Theologen Paul Tillich, die wir uns - ob Geistliche oder Laien - vielleicht noch viel eindringlicher stellen müssten ...
Wir sind in einer Kirche. Hier sollen wir das Mysterium des Heiligen mit heiliger Scheu erleben. Aber ist es tatsächlich so? Sind unsere Gebete, die in der kirchlichen Gemeinde wie unsere stillen, persönlichen, mehr Gebrauch als Mißbrauch des göttlichen Namens? Empfinden wir hier in der Kirche die heilige Scheu, die so viele außerhalb der Kirche kennen? Werden wir von Schauder ergriffen, wenn wir als Pfarrer auf die Gegenwart des Heiligen in den Sakramenten hinweisen? Sind wir nicht unserer selbst als Theologen allzu sicher, wenn wir den anderen die Heilige Schrift deuten? 
Ist genügend heilige Verlegenheit in uns, wenn die gewohnten biblischen Zitate und die flüchtigen, auswendig gelernten Gebete uns allzu leicht von den Lippen fließen? Bewahren wir den Abstand von dem Göttlichen, wenn wir glauben, seine Wahrheit zu erkennen oder vor seinem Angesicht zu stehen oder die Statthalter seiner Macht zu sein - die "Besitzer des Christus"? Ist der ... Gottesdienst wirklich Ausdruck der Verlegenheit und des Schauders in der Nähe des Heiligen?
Aus einer Predigt Der Name Gottes; entnommen aus: Paul Tillich: Das Ewige im Jetzt. Religiöse Reden. 3. Folge. Stuttgart (3) 1980. S. 98.

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