Sonntag, 3. Januar 2016

Und du sollst seinen Namen Jesus rufen

 IHS: Monogramm des Namens Jesu - Gündlingen, St. Michael 
Iesu, dulcis memoria
dans vera cordis gaudia:
sed super mel et omnia,
eius dulcis præsentia.
Jesus! Süßes Erinnern,
das dem Herzen wahre Freuden bereitet:
mehr als Honig und alles andere
ist süß Seine Gegenwart.
Man ahnt, was gemeint und wie es gemeint ist ... trotzdem tue ich mich etwas schwer mit diesem Text, der dem hl. Bernhard von Clairvaux zugeschrieben wird und der Vesper des heutigen Festes des Heiligsten Namens Jesu als Hymnus zugewiesen ist. "Süß" ist ein verbranntes Wort, seit mit der Industrialisierung frömmelnder Kitsch im Glauben heimisch wurde: Das kleine Paradies, welches sich die Gottesfürchtigen nur allzu gerne einer Welt einbasteln, die zunehmend als feindlich und unwirtlich empfunden wird. Die Anverwandlung und technische Reproduzierbarkeit dessen, was früher Kunst (oder Volkskunst) war, besorgte den Rest. Selbst die Rede vom "Honig", dieses Aufgreifen eines urbiblischen Bildes, will nicht recht schmecken, weil es klebrig wirkt durch die Banalisierung des Heiligen zu gemütlichem Schmonz und zu billiger Vertröstung.
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"Du wirst im Schoß empfangen und einen Sohn gebären, und du sollst seinen Namen Jesus rufen" verkündet der Engel - "von Gott her entsandt" (Lk 1, 26) und offenbart Maria den Namen des Kindes, das "Sohn des Höchsten gerufen werden" wird (Lk 1, 31 f.). Als daher das Kind "beschnitten werden sollte, wurde sein Name gerufen: Jesus - wie der Engel ihn gerufen hatte, bevor er im Leib empfangen war" (Lk 2, 21).
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Dieser Engel ist mehr als nur ein "Informant" - aus ihm spricht Gott selbst, wie er einst aus dem brennenden Dornbusch zu Moses gesprochen hatte. Die Offenbarung des Namens Jesu findet auf der gleichen Höhe statt wie die Selbstbezeugung dessen, der sich in unverzehrendem Feuer dem Volk Israel als der Ich bin der "Ich-bin-da" offenbarte (Ex 3, 14).
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Gewiß überschreitet Gott in seinem Sohn und dessen Menschwerdnung die Grenze, die ihn - den Heiligen - von der Schöpfung trennt. Er überschreitet sie aber nicht, um sich seiner Schöpfung anzupassen, sondern um sie zu erlösen: um sie in die Sphäre seiner Heiligkeit, in die Gemeinschaft mit ihm heimzuholen. So gilt, was Israel über jenen Namen betete, den es nicht auszusprechen wagte, auch vom Namen Jesu: 
Er hat seinem Volk Erlösung gesandt
und seinen Bund gesetzt für ewige Zeiten:
heilig ist und verehrungswürdig sein Name (Ps 110, 9).
Wie verhält es sich nun aber mit dem Wort vom "süßen" Namen Jesu? 
Die leiturgía lehrt darüber Verstand und Gemüt an anderer Stelle, im Hymnus zu den Metten des heutigen Festes. Dort heißt es:
Iesu, Rex admirabilis,
et triumphator nobilis,
dulcedo ineffabilis,
totus desiderabilis.
Jesus! König so staunenswürdig
und Siegesfürst so edler Art,
Süßigkeit, die unauskündbar:
in Fülle alles Sehnens wert.
Die "Süßigkeit" dieses Namens entzieht sich letztlich aller unserer Beschreibungen, aller Assoziationen - unauskündbar, unbeschreiblich.
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Im Bild: Der Name Jesu als Monogramm - Deckenbemalung im Chor der Pfarrkirche St. Michael zu Gündlingen im Breisgau.

Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

Ich-bin-da? Typisch Alte-Messe-Molche, mit ihren vorgestrig-falschen Deutungsversuchen, wo uns doch inzwischen längst offenbart wurde, dass sich der Höchste hier einen wehenden Wettergott nennt.

Ein gewisser kategorieller Unterschied scheint mir auch doch zu bestehen (und das deutest Du sicher auch an) zwischen dem unaussprechlichen Gottesnamen und dem Namen Jesu - trägt der eine womöglich von Anfang an Geheimnischarakter, gibt uns die Offenbarung ganz anders als in Exodus mit Matthäus 1,21 gleich einen Schlüssel mit ... was wiederum nicht heißen soll, dass auch dieser Name über alle Worte erhaben ist. Die Verschiedenheit der Epiphanien des Alten und des Neuen Testamentes erscheint uns also auch schon im göttlichen Namen.

Ferner sei gesagt, Du kannst es Dir vermutlich schon denken, dass mir dieses "Ich-bin-da" sehr wenig honigsüß mundet, mir so gar nicht runter geht wie ausgegossenes Öl. Muss man wirklich die schon vorchristliche Tradition ständig untergraben, die wir in der LXX, der Vulgata, der Aquila, bei Theodotion u.a. vorfinden und welche die Väter einmündig übernommen haben? Und ist das nicht auch die Lesart des Neuen Testamentes selbst, dass da spricht vom Alpha und Omega, dem ho on, dem ho en und dem ho erchomenos (Offb. 1,8; 4,8)?

Nun denn, genug vom zuweilen kritisch Wort ... ;-)

Andreas hat gesagt…

Kaum ins neue Bloggerjahr gestartet, bekommt man gleich eins über die Rübe ... ;-)

Was ist zu sagen? Zum einen: Es ging mir um die Offenbarungshöhe, und diese ist ebenbürtig im einen wie im anderen Fall. Im AT kommt sie (im singulären Bild des brennenden Dornbuschs) etwas spektakulärer daher als im NT (von Engeln und ihrer genuinen Botentätigkeit lesen wir häufiger); beides sollte uns staunen und zittern lassen. Und in der Tat: Die neutestamentliche Eröffnung ist reicher als jene, die Moses zuteil wurde - analog zur Menschwerdung Gottes.

Zum anderen - und zur nicht ganz neuen Debatte rund um die Septuaginta etc: Ich bestreite ja nicht Sinn und Wert dieser Überlieferung, behalte mir aber vor, aus ... nennen wir es mal: dem persönlichen Vollzug des Glaubens heraus, auch andere Traditionsstränge heranzuziehen. Natürlich ist mir bewußt, daß die verschiedenen Deutungshorizonte des alttestmentlichen Gottesnamens gerne gegeneinander ausgespielt werden. Aber Hand aufs Herz: Bedeutet der Name des Herrn nur das eine oder nur das andere? Bezeichnet er "nur" eine Kategorie der Gotteslehre oder "nur" einen existenziellen Selbstvollzug? Können wir nicht aus beiden Honig gewinnen? ;-)

Tarquinius hat gesagt…

Amen zum Ersten, Amen zum Zweiten! Ich sagte neulich mal jemandem, dass meinetwegen jeder die Agreda lesen mag, wenn es ihm denn frommt (wenngleich es meine inquisitorische Zensurfeder nicht bestanden hätte) ... und so sei es halt auch hier! ;-)

Andreas hat gesagt…

Warum habe ich zuweilen den Eindruck, es wünschten sich manche, Gott hätte einfach einen fertigen Denzinger vom Himmel geschmissen, anstatt jene Wege der Offenbarung zu wählen, auf denen uns sein Wort überliefert ist ...?

;-)

Imrahil hat gesagt…

In freier Anlehnung an die hl. Margareta Maria:

Dann hätte aber doch Denzinger nichts mehr zu tun gehabt.

Andreas hat gesagt…

Dem wäre sicher ein anderes Enchiridion eingefallen ...

Tarquinius hat gesagt…

Gott, so wissen wir im Gegensatz zu den Irrlehrern, erschöpft sich nicht und hätte es immer noch besser machen können ... ;-)