Dienstag, 19. Januar 2016

Tagessplitter: Buchsuchentest bei Thalia

Alte-Messe-Molche lesen ja eigentlich nur frömmste Sachen zur Erbauung und zur Unterhaltung Romane nur, wenn darinnen mindestens zwei Priestergestalten stecken und die Handlung nicht von DasKonzil geweglagert wird. Und doch, der Weg führte ohnehin daran vorbei, trat ich heute bei Herder ein (woraus längstens eine Thalia-Filiale geworden) und hielt nach einem Roman von Martin Mosebach Ausschau.
.
Warum gibt es in Buchhandlungen eigentlich so tief wie breit Regalmeter nur für Krimis, wenn Mankell dann dort weglagert, wo man Mosebach zu finden hofft (Romane A-Z)?
.
Immerhin: Ein Roman war - flankiert von allerlei Belletristik in größerer Auswahl - am Orte zu greifen und so ward ich für Das Blutbuchenfest entschieden, obgleich mir nach eingehender Betrachtung von Klappe und Inhalt noch kein Licht aufging, wie man von der Häresie der Formlosigkeit in den Jugoslawienkrieg weiterrutscht. Aber die Fähigkeit zu kreativer Imagination war ja noch nie eine Stärke von Alte-Messe-Molchen. 
.
Mosebach offenkundig ausgenommen.
.
Der Buchsuchentest in Sachen Mosebach war bei Thalia damit erfolgreich beschlossen (Immerhin! Endete er doch andernorts vor einigen Wochen noch elend erfolglos) ... blieb etwas Zeit, eine Stiege weiter einen Blick in die Theologie zu werfen. Da wurde jüngst wohl wieder umgeräumt - was sich einstmals fast auf ganzer Etage großzügig verteilte, verkrümelt sich zwischenzeitlich in einer, nun ja, ganz großzügigen Ecke. 
.
Der Bereich "Religionspädagogik" nahm dennoch überraschend viel Raum ein, was die Sorge um fortschreitende Verdunstung des christlichen Glaubens aber eher nährt als zügelt. Es steht zu befürchten, daß die Schrumpfung die letzte nicht gewesen - einerseits, da es interessierter Leser mangeln wird, und andererseits der Not wegen, dem ganzen neomedialen Gedöns, an dem nichts mehr raschelt, Platz zu gewinnen.
.
Der Schwund - also nicht jener des Glaubens, sondern der Ecke - muß nicht grämen, denn offenkundig ist noch Platz genug, Kirchenkritik auszulegen: Von Arroganz bis Zölibat lautet der reizvolle Titel eines Buches, das mir nach dem Besuch bei den Romanen von A-Z in die Finger fiel. Zur Unbekümmertheit selbstverlegender Ästhethik gibt es auf der Thalia-Seite eine "Beschreibung", aus der ich hier mittels copy and paste und samt aller Eigenthümlichkeiten ein Stueckleyn zitieren mag:
... Wir schreiben das Jahr 1970. In Rom regiert der r³ckschrittliche Papst Pius VI. und verbietet jede k³nstliche Empfõngnisverh³tung. Seit 44 Jahren hat sich die Kirche keinen Schritt weiterbewegt, und 2014 wird Pius VI. seliggesprochen. Die Bef³rchtung der Theologen ist eingetreten. Helmut Weber zeigt im Buch "Von Arroganz bis Z÷libat. Wie Katholiken den Niedergang ihrer Kirche stoppen k÷nnen", wie Christen von unten her, also aus den Gemeinden heraus, das Ruder herumrei¯en k÷nnen. Viele Themen ... sprechen auch evangelische Christen an.
Nein, das Buch möchte ich keinem evangelischen Christen empfehlen, schließlich haben wir das Jahr der Barmherzigkeit! Überdies reicht es meines Dafürhaltens völlig aus, wenn sich der Autor - ein, Obacht! Studiendirektor a.D. - innerkirchlich blamiert. Mehr muß nicht sein!
.
Verweilen wir zum Ende noch beim Verdienst aller Kirchenkritik, wenden aber den Blick von Vollpfosten auf Halbfas, mithin auf jenen bekannten Religionspädagogen, der die hermeneutische Wende (das habe ich selbstverständlich aus der Wikipedia abgeschrieben) seines Faches an vorderster Front betrieb. Zu den Vorteilen einer kirchenkritischen Biographie gehört die güldene Gelegenheit, gegen Ende aller Tage die eigene Leidensgeschichte zu schreiben. Solch appellative lamentationes kennen wir bereits von anderen Theologen dieses Schlages. Legt man Thalia 28 Euro hin, kriegt man dafür das Buch So bleib doch ja nicht stehn - das habe ich mir zu Herzen genommen und bin rasch gegangen.

Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

Wenn ich mich recht entsinne, gibt's beim Blutbuchenfest nur eine Priestergestalt ... aber wie dem auch sei, zur anderen Sache: zumindest an Glauben scheint es bei den kirchenkritischen Ü-70ern nicht zu fehlen, traut man zumindest der Badischen Zeitung, wo es von Helmut Weber heißt: "Den festen Glauben an die Reformfähigkeit der globalen Organisation Kirche hat er sich bewahrt." Fortes in Fide!

viasvitae hat gesagt…

Wie immer großartig beobachtet und niedergeschrieben.

Eugenie Roth hat gesagt…

Copy and paste? :-O
Wenn, dann aber mit Autokorrektur! ;-)))
So viel "Wahrheit" in ein paar Sätzen ist kaum zu ertragen ...

Kirchfahrter Archangelus hat gesagt…

Touché!
Als weltfremder Gegenläufer zum Zeitgeist habe ich das „Kloster“ Maria Laach aufgesucht.
Ja, ich weiß: Selber schuld! Richtig. Kloster habe ich eigentlich keines gefunden, nur ein multikonfessionell/multireligiöses Begegnungszentrum. In dessen Buchladen habe ich - wie gesagt halt weltfremd - katholische Literatur gesucht... Gefunden habe ich neben zahlreichen Werbebüchern des Dalia Lama über Buddismus auch wohlmeinende Literatur zum Islam, Naturreligionen und Religion Marke Eigenbau. Auch der offensiven Werbung für Atheismus haben sich einige Bücher verschrieben. Die katholische Kirche betreffend waren leider nur in reicher Auswahl die üblichen Verdächtigen vertreten: Ranke-Heinemann, Drewermann und zahlreiche andere, deren Namen ich schon erfolgreich vergessen konnte. Deren Themen: Kritik am Zölibat, an der Glaubenslehre, an Dogmen etc. Halt: Der Wahrheit eine Gasse! Pfarrer Dr. Dykhoff war mit seinem (lesenswerten) Buch über das Ruhegebet auch vertreten, vermutlich hat man ihn fälschlicherweise für einen Esoteriker gehalten...

Übrigens: als Vater dreier Kinder bin ich bezüglich unserer Lehrerschaft ohnehin völlig desillusioniert, auch ein kirchenfeindlicher Studiendirektor schockt mich da nicht mehr...