Sonntag, 10. Januar 2016

Papst Leo XIII als Dichter - und im Gedicht

Ein geneigter Leser machte mich heute auf einen kleinen Preisgesang aufmerksam, welchen der Dichter Stefan George im Jahr 1907 auf Papst Leo XIII. anstimmte - der kleine Schatz ist zu kostbar, als daß man ihn unter den Kommentaren vergraben wisssen möchte.
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Der ganz besondere Reiz an der Sache: Leo XIII. dichtete selbst gerne und hinterließ der Welt nebst seinen Enzykliken auch diverse lateinische Carminæ und Hymnen (die zum Beispiel auch in unseren Tagen noch - wie heute am Fest der Heiligen Familie - im Stundengebet angestimmt werden); George nun übernahm in sein Gedicht zu Ehren Leos einige Verse des Papstes aus dessen 1901 entstandene Hymne In præludio natalis Jesu Christi Domini nostri - nämlich die folgenden Distichen:
Adsis, sancte Puer, sæclo succurre ruenti:
Ne pereat misere, Tu Deus una salus.
Auspice te, terris florescat mitior ætas,
Emersa e tantis integra flagitiis.
(...)
Sic optata diu terras pax alma revisat,
Pectora fraterno foedere iungat amor.
Und nun Georges Gedicht Leo XIII - des Papstes Verse überbilden weite Teile der dritten Strophe:
Heut da sich schranzen auf den thronen brüsten
Mit wechslermienen und unedlem klirren:
Dreht unser geist begierig nach verehrung
Und schauernd vor der wahren majestät
Zum ernsten väterlichen angesicht
Des Dreigekrönten wirklichen Gesalbten
Der hundertjährig von der ewigen burg
Hinabsieht: schatten schön erfüllten daseins.
Nach seinem sorgenwerk für alle welten
Freut ihn sein rebengarten: freundlich greifen
In volle trauben seine weißen hände.
Sein mahl ist brot und wein und leichte malve
Und seine schlummerlosen nächte füllt
Kein wahn der ehrsucht, denn er sinnt auf hymnen
An die holdselige Frau, der schöpfung wonne
Und an ihr strahlendes allmächtiges kind.
"Komm, heiliger knabe! hilf der welt die birst
Dass sie nicht elend falle! einziger retter!
In deinem schutze blühe mildre zeit
Die rein aus diesen freveln sich erhebe ...
Es kehre lang erwünschter friede heim
Und brüderliche bande schlinge liebe!"

So singt der dichter und der seher weiss:
Das neue heil kommt nur aus neuer liebe.
Wenn angetan mit allen würdezeichen
Getragen mit dem baldachin - ein vorbild
Erhabnen prunks und göttlicher Verwaltung -
ER eingehüllt von weihrauch und von lichtern
Dem ganzen erdball seinen segen spendet:
So sinken wir als gläubige zu boden
Verschmolzen mit der tausendköpfigen menge
Die schön wird wenn das wunder sie ergreift.
Georges Text wurde vom Projekt Gutenberg (hier) übernommen; die Verse Leos aus dem Kommentarteil der George-Ausgabe von Klett-Cotta (Sämtliche Werke. Band VI/VII: Der Siebente Ring. Stuttgart 1986. S. 205).

Kommentare:

Brettenbacher hat gesagt…

Habe mich immer über den "Ton" der dritten Strophe gewundert, ein wenig, so halb bewußt halt.
Ah, daher kommt das also !
Danke für den Hinweis und für die freundliche, produktive Annahme
meines Hinweises.

Tarquinius hat gesagt…

Mich deucht, nebst vergilischer Ekloge klingt da auch noch eine gewisse maximinische Irrung an ... aber wie dem auch sei, mal wieder sehr interessant, es sei Dir und dem Vorredner gedankt!
Wobei mir gerade noch so auffällt, dass die von George ausgelassenen Distichen ebenfalls von besonderer Relevanz und Aktualität wären ...