Montag, 18. Januar 2016

Maria und die Mär von der Miterlösung

 Vesperbild am Altar der Schmerzhaften Gottesmutter - Kirche St. Georg, Ehrenstetten 
Zu den Schwächen des traditionsfrohen Katholizismus dieser Tage zählt eine öfter zu gewahrende Schwärmerei in mariologischen Fragen - zuweilen scheint es mir eine Reaktion auf die Krise, in welche die Verehrung Unserer Lieben Frau in den letzten Jahrzehnten hierzulande geraten ist: Das "Mehr" an Lob, Preis und Propaganda soll das "Weniger" ausgleichen, das sich wie Mehltau auf den Kult der Gottesmutter gelegt hat. Manche schwören dabei auf Erscheinungen und diverse Botschaften - leider auch jenseits dessen, was kirchlich anerkennt und empfohlen ist ... andere rühren für marianische Ehrentitel die Trommel, reden etwa Maria als "Miterlöserin" (Co-Redemptrix) das Wort. Der werte Denzinger-Katholik hat sich in diesem Sinne des Themas jüngst angenommen.
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Maria als "Miterlöserin" - wir haben es hier mit einem Gedanken zu tun, der bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht und während des 17. und 18. Jahrhunderts eine Weile diskutiert worden ist. Danach vorerst weitestgehend ad acta gelegt, kam er zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder zur Sprache und feierte unter manchen Theologen in der marianischen Emphase um 1950 - dem Jahr der Proklamation des Dogmas von der Aufnahme Mariens mit Leib und Seele in den Himmel - erneut Urständ, um alsbald mit dem Ausbluten des Marienkultes seit DasKonzil bei den oben genannten traditionsfrohen Zirkeln Unterschlupf zu suchen. Aus dem 20. Jahrhunderts rührt dann auch eine Einschätzung des Dogmatikers Franz Diekamp, welcher der Frage freundlich gesonnen scheint, aber dennoch die notwendige Grenze ziehen zu müssen glaubt:
Seit dem 17. oder 18. Jahrhundert sind einige Theologen für einen neuen Ehrentitel des seligsten Jungfrau: "Miterlöserin" (corredemptrix) eingetreten. Sie verbinden damit, wie sich nicht bestreiten läßt, einen guten, dogmatisch zulässigen Sinn. Aber um naheliegenden Mißverständnissen vorzubeugen, sind sie genötigt, den Ausdruck derart mit Vorbehalten zu versehen und seinen eigentlichen Sinn abzulehnen, daß es doch besser ist, von seiner Anwendung Abstand zu nehmen (Katholische Dogmatik. Zweiter Band. Münster (3-5) 1921. S. 350).
Anders gesagt: Der "dogmatisch zulässige" Sinn verdankt sich der Not, daß die Wortführer dieses Titels denselben mit einer solchen Menge an Einschränkungen und "Vorbehalten" auf den Weg schicken (müssen), bis der Begriff "Miterlösung" inhaltlich ziemlich ausgehöhlt ist; ihn retten alsdann auch diverse fromm zusammengezirkelte Versatzstücke kaum.
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Über all das könnte man ohne Not hinweggehen; man bedenke: der Satz von der "Miterlöserin" hat es noch nicht einmal zu einer theologischen Qualifikation (sententia phantasmata?) gebracht. Oder man kann fragen, welchen Sinn überhaupt ein "Ehrentitel" Mariens habe, der letztlich eine Mogelpackung ist, und ob es nicht eher eine Beleidigung Unserer Lieben Frau sei, sie mit einem Titel "ehren" zu wollen, der etwas behauptet, was er angesichts des Ernstes und der Tragweite der einzigartigen Erlösung in Christus nicht einzulösen vermag. Von den irrigen Vorstellungen, die ein solcher Titel bei theologisch weniger gebildeten Gläubigen hervorrufen kann, ganz zu schweigen. Diekamp rät zurecht ab.
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Es gibt nur einen Erlöser: Christus. Es gibt nur eine Erlösung: Christus. "Und in keinem anderen ist das Heil; denn es ist auch kein anderer Name unter dem Himmel, der gegeben wäre unter Menschen, daß wir in ihm sollten gerettet werden" - so sprach Petrus, der erste Papst, "erfüllt von Heiligem Pneuma" (Apg 4, 8; 12). Deutlicher kann man es nicht sagen: "kein anderer Name"! Da ist kein Platz für eine Miterlöserin, nicht einmal für die allerseligste Jungfrau Maria, nicht einmal für die von Schmerzen zerfurchte und sich mitopfernde Mutter unter dem Kreuz: Sed Christi passio adjutorio non eguit - "aber das Leiden Christi bedurfte keiner Mithilfe" sagt der hl. Ambrosius, als er den Blick auf Maria unter dem Kreuz wendet (De Institutione Virginis 7).
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Wie sollte Maria auch Miterlöserin sein, da sie doch die erste und vollauf Erlöste ist? Man mag fragen: Ist sie nicht die All-Heilige, die Unbefleckt Empfangene, die Makellose, Gottes Magd, unbescholten jeder Sünde? Ja, das ist sie. Aber sie ist es nur, weil all das Gnade ist, Geschenk Gottes, angefangen vom Augenblick ihrer Empfängnis, da Gott sie vor dem Makel der Ursünde bewahrte - im Blick auf das Verdienst seines Sohnes, zu dessen Mutter die Jungfrau erwählt war. Ohne Christus, "aus dem sie" ihrerseits "pneumatisch geboren ist" (Augustinus, De sancta virginitate 6), ohne Christus und die Erlösung in Christus wäre sie nichts anderes als ein weiteres der Kinder Evas, gementes et flentes in hac lacrimarum valle. Nun aber gilt der Satz: principium meriti non cadit sub eodem merito - "die Grundlage eines Verdienstes lässt sich nicht einfach dem Verdienst zurechnen"; oder (cum grano salis, aber) auf gut deutsch: Mit Schulden zahlt man keine Zeche.
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Ein letzter Aspekt sei zumindest noch kurz erwähnt: Wenn wir von der Erlösung in Christus sprechen, dann neigen wir in der Regel zu einer gewissen Engführung des Gedankens, indem wir vor allem den Aspekt der Befreiung aus Schuld und Tod betonen. Aber ist das alles? Beten wir nicht, sobald Brot und Wein zum Altar getragen sind, während wir das Tröpfchen Wasser, diese unsere Tränen und unsere Armseligkeit, in den Kelch mischen, Gott habe "den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen und noch wunderbarer neu gestaltet"? Bekennen wir damit nicht das "Mehr" der Erlösung, die innige Gotteskindschaft, zu der wir gerufen sind, und welche die Herrlichkeit der ersten Schöpfung weit übersteigt? Kein Geschöpf, nicht einmal Maria, könnte diese Herrlichkeit des Neuen Bundes, die ganz aus der Fülle Gottes strömt, mit-bewirken und diese Erlösung mit-vollbringen. Und so sind wir alle ...
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... mit ihr nur Empfänger, empfangen aus Christi Fülle Gnade um Gnade (vgl. Joh 1, 16) - doch in ihr ist offenbar, von ihr ist bereits empfangen und an ihr erfüllt worden, was uns verheißen ist. Ihre Fürsprache helfe uns, daß wir dieser Verheißung würdig werden ... ora pro nobis!
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Vesperbild am Altar der Schmerzhaften Gottesmutter in der Kirche St. Georg zu Ehrenstetten. Eine andere Sicht auf den Titel der "Miterlöserin" wird auf der Seite Denzinger-Katholik hier und hier vertreten.

Kommentare:

Carina hat gesagt…

Irgendwie fühlt man sich als Laie hier gerade ziemlich aufgeschmissen... Da ich vor den Beiträgen auf dem Nachbarblog noch nie was davon gehört habe, versuche ich besser erst gar nicht das Ganze zu verstehen... Man muss sich ja nicht mit allem gleichzeitig beschäftigen.

Tarquinius hat gesagt…

Vielen Dank für den Beitrag.
Jüssen nahm in den jüngeren Diekamp-Auflagen interessanterweise u.a. in der Mariologie einige Änderungen bzw. Einfügungen vor. Er rezipierte die Auffassung Kösters und Semmelroths, und so kommt da doch tatsächlich noch eine Sententia probabilis bei ihm heraus: [i]Maria ist Mittlerin aller Gnaden und unsere Miterlöserin auch in dem Sinne, daß sie als das Urbild der Kirche in einer unmittelbaren rezeptiven Mitwirkung beim objektiven Erlösungswerke die von Christus dem Herrn verdienten Gnadenschätze in Empfang nahm, um sie den Menschen zu vermitteln.[/i] (Brinktrine kritisiert daran mMn zurecht, dass damit der Begriff im Grunde aufgehoben und Gnade zu dinglich aufgefasst wird)

Was die Frage des Verdienstes anbelangt, scheint mir das etwas zu kurz gedacht zu sein. Man kann hier den Vergleich mit der heiligmachenden Gnade anstellen, die Gott uns schenkt und zugleich zu einem aktiven Prinzip unseres Verdienstes macht. Will man hier die Unterscheidung zwischen de congruo und de condigno nicht gelten lassen, kann man sich fragen, warum sie anderswo notwendig ist.
Was daran aber zweifelsohne richtig ist - die BMV konnte keinesfalls de congruo für sich selbst verdienen (quia principium meriti non cadit sub merito), aber sie konnte für uns de congruo verdienen, was Christus für uns de condigno verdiente, nämlich alle Gnaden, die wir empfangen.

Aber so viel zum allerletzten Mal dazu, denn letztlich bin ich der Diskussion weder theologisch noch rhetorisch gewachsen. Ich verlasse mich schlichtweg vor allem auf die Autoren und geistlichen Lehrer, die ich besonders schätze. So geht es uns vermutlich allen im größeren oder geringeren Maße in vielen Dingen.

Andreas hat gesagt…

Keine Bange, Carina ...

... erstens sind wir alle Laien und zweitens kann man auch gut und recht selig werden, wenn man Unsere Liebe Frau nicht mit diesem obskuren Titel zu beehren sucht ... ;-)

Andreas hat gesagt…

Die Frage, Tarquinius, in welchem Maß Unserer Liebe Frau "de congruo" in das Erlösungswerk einbezogen ist, habe ich absichtlich außen vor gelassen - und verweise hier nur auf die Einordnung, die Ott vorträgt und kurz, aber sinnig begründet. Auf diesem Weg kommen wir immerhin zum ehrenvollen Titel einer Mediatrix omnium gratiarum, den man gewiß weiter fassen darf als nur in Bezug auf die Gottesmutterschaft.

Eine Analogie zur heiligmachenden Gnade kann man gewiß postulieren, aber das reicht meines Dafürhaltens noch immer nicht hin, um den - und ich muß es nochmals betonen - sehr mißverständlichen Titel einer Co-Redemptrix zu rechtfertigen, selbst wenn man den Sachverhalt auf die Gnadenvorzüge Mariens hin weiterdenkt.

Ziehen wir einen Strich unter die Sache: Ich will den Traktat "De Redemptione" nicht in der Schublade verschwinden lassen, nur weil die "Co-Redemptrix" auf Besuch kommt ...

;-)

Vincentius Lerinensis hat gesagt…

Ich erlaube mir mal, auf meine (wie mir scheint) von beiden bisherigen Kontrahenten abweichende Position aufmerksam zu machen.

Im Übrigen finde ich es immer komisch, wenn Maria und Jesus in Konkurrenz gesetzt werden, als ob sie Ihm etwas wegnehmen könnte. Hat was von Eifersucht. Maria kann (als reines Geschöpf) niemals auf derselben Ebene handeln wie Jesus als wahrer Mensch und wahrer Gott. Daraus folgt die Berechtigung des "De Maria numquam satis": Da Maria alles, was sie ist und tut, der Gnade Gottes verdankt, lobt auch der Gott, der explizit nur Maria zu loben scheint.