Donnerstag, 14. Januar 2016

Die "private" Sünde und das Reich Gottes

 Iustitia - Allegorie der Kardinaltugend, Erzbischöfliches Ordinariat Freiburg 
Wie weit subjektives, ganz auf den Menschen und dessen aktuelles Lebensgefüge bezogenes Denken im Klerus vorherrscht, ist mir heute wieder bewußt geworden, nachdem ich einige Aussagen des Jesuiten Guillermo Marcó gelesen hatte, die von katholisches.info reportiert werden. Marcó stand als Pressesprecher im Dienst von Papst Franziskus, als dieser noch Erzbischof von Buenos Aires war; vor wenigen Tagen tauchte er in jenem unsäglichen podcast auf, mit dem der Papst seine Gebetsanliegen kommuniziert. Schenkt man den Auskünften über einen Artikel Glauben, den Marcós für eine große argentinische Zeitung verfasst habe, dann unterscheidet der Jesuit offenkundig zwei Arten von Sünden: Auf der einen Seite solche, die - wohl ruchbar geworden - ein öffentliches Ärgernis darstellen, auf der anderen Seite Sünden "privater" Natur; erstere Vergehen erfordern den Gang zur Beichte, jene anderen könne der Mensch auch abseits einer Beichte mit Hilfe eines Gewissensurteils vor Gott ins Reine bringen. So jedenfalls verstehe ich Marcós' Ansatz.
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Das erinnert zuerst einmal an eine andere, traditionelle Unterscheidung - jener zwischen schwerer und lässlicher Sünde. Schwere Sünden erfordern um des ewigen Heiles willen zwingend der Beichte. Lässliche Sünden zu beichten ist ratsam, aber nicht unbedingt notwendig - sie können auch anders vergeben werden: durch Werke der Frömmigkeit und Liebe etwa, oder auch durch die verschiedenen Absolutionen in der leiturgía. Reue, Abkehr und Umkehr von der Sünde - ob schwer oder lässlich - sind selbstverständlich stets Grundvoraussetzungen: bei der Absolution im Beichtstuhl nicht weniger als zum Beispiel bei der Absolution nach dem Confiteor im kirchlichen Nachtgebet, der Komplet.
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Marcós Ansatz schlägt - um es zunächst neutral zu formulieren - einen anderen Weg ein. Auch für ihn gibt es Sünden, die eine Beichte notwendig werden lassen. Daneben existieren jene "privaten" Verfehlungen, die der Mensch mit Gott selbst direkt "abmachen" könne. Der Hinweis auf das Gewissen birgt freilich Zündstoff, seit Gewissensbildung in Teilen der Kirche nur noch partiell stattfindet - so gewinnt man hin und wieder den Eindruck, daß sich (Extreme ausgenommen) kaum jemand gegen das sechste Gebot versündigen könne, an der Umwelt hingegen versündigt sich unzweifelhaft, wer seinen Müll schlampig sortiert.
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Der eigentliche Knackpunkt liegt aber in der Unterscheidung zwischen "öffentlichen" (mithin ein entsprechendes Ärgernis nach sich ziehenden) und "privaten" Sünden. Denn es gibt überhaupt keine privaten Sünden! 
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Selbst, wenn ich allein für mich und vom Rest dieser Welt gänzlich unbemerkt im stillen Kämmerlein ... noch nicht einmal in Worten und Werken, sondern nur in Gedanken sündige, so ist das ... eine öffentliche Sünde: Vor der gesamten Ekklesia, die mehr ist als nur die streitende Kirche in diesem aión, dieser unserer Zeit; es ist Sünde eben nicht nur vor Menschen, die womöglich tatsächlich nichts davon mitbekommen, sondern vor Gott, vor den Engeln, vor den Heiligen, vor den Seelen im Feuer der Läuterung ... und auch vor den Dämonen ewigen Verderbens.
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Nehmen wir trotzdem einmal an, man könne "privat" sündigen. In der Auswirkung der Sünde ist jedenfalls alle Privatheit aufgehoben und in jedem nur denkbaren Sinn des Wortes "beim Teufel". Was nämlich ...
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... bewirkt die Sünde? Gemeinhin lautet die Antwort, sie stelle eine "Beleidigung" Gottes dar. Die anthropomorphe Formulierung finde ich nicht ganz glücklich. Der Katechismus der Katholischen Kirche verwendet die Setzung Peccatum est in Deum offensa (Nr. 1850) und führt den Gedanken weitaus weniger eng, bedenkt man, dass offensa in Richtung von offensum ("Verstoß") weist: Sünden sind ein Verstoß gegen Gott, eine "Verstoßung" seines Willens sozusagen, von dem wir doch täglich im Vaterunser bitten, er geschehe im Himmel wie auf Erden!
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Aber genau dies sabotiert die Sünde - ausnahmslos jede sabotiert Gottes Willen und dessen Verwirklichung, selbst jene Sünde, die wir im stillen Kämmerlein begehen. Wo sich Gottes Wille - der die menschliche Freiheit, sich für das Böse zu entscheiden, respektiert - aber nicht durchsetzen kann, dort kann auch das Reich Gottes nicht aufbrechen. Spätestens jetzt sehen wir uns der sozialen Auswirkung jeder Sünde gegenüber, denn das Reich Gottes ist auch eine soziale Wirklichkeit, deren Heraufführen (oder Verhindern) in unseren Händen liegt.
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Vor einigen Tagen habe ich einige Gedanken von Reinhold Schneider zu Gotthelfs Erzählung Die schwarze Spinne zitiert - einen Satz daraus möchte ich nochmals aufgreifen, denn er bringt die Sache auf den Punkt:
In keiner Seele kann etwas geschehen, das nicht alle Seelen angeht; denn Gottes Reich ist eins und besteht durch seine Einheit, die Seelen aber sind Gottes.
Der angesprochene Artikel von katholisches.info ist hier zu finden; im Bild die Allegorie der Iustitia als einer der vier Kardinaltugenden; zu sehen im Sitzungssaal des Erzbischöflichen Ordinariats Freiburg.

Kommentare:

Eugenie Roth hat gesagt…

DANKE, Vergelt's Gott!

Tarquinius hat gesagt…

Mich diesem anschließend fällt mir noch ein Wort Kardinal Scheffczyks ein, nämlich, "dass die Sünde in ihrem Wesen ernstlich nicht von der Welt oder vom Menschen her, sondern von Gott her erkannt und bestimmt werden kann." Auch das scheint vergessen worden zu sein.

viasvitae hat gesagt…

Ich schließe mich ebenfalls an! Wieder sehr klar und sehr gut ausgedrückt! Dankeschön!