Sonntag, 31. Januar 2016

Die Finsternis und der schweigende Gott

Removisti notos meos a me;
abominabilem fecisti me illis,
clausus sum, neque egredi possum ...
Removisti a me amicum et sodalem:
familiares mei sunt tenebræ.
Du hast genommen, die mir vertraut waren,
hast mich ihnen zum Abschaum gemacht,
gefangen bin ich und komm nicht heraus ...
Den Freund, einen Gefährten - du hast sie mir genommen,
Hausgenosse ist mir die Finsternis.
(Psalm 87, die Verse 9 und 19)
Zwei bittere Verse ... einer aus der Mitte und jener am Ende eines Psalms, dessen Worte erschüttern und verstören. Sie erinnern an den Introitus dieses Sonntags Sexagesima, wenngleich die Klage hier in ein einzelnes, persönliches Schicksal gewendet ist. Doch während Psalm 43 wenigstens von besseren Zeiten in der Vergangenheit weiß, woraus die Hoffnung Israels neu Funken schlagen kann, lasten auf diesem Psalm nur Schmerzen und Fragen nach dem Warum und dem Wozu; kein Lichtstrahl dringt in die Finsternis dieses Gebetes, nicht ein einziger.
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Psalm 87 steht an erster Stelle der Psalmodie während der Komplet am Samstag und führt uns in das vor dem Ostermorgen düstere Grab Jesu - die österliche Hoffnung, die wir diesem Psalm nun eintragen könnten, rührt allein aus Ordnung und Beten der Ekklesia, nicht aus dem Text selbst; der Psalm ruft zunächst nur das Bild eines Kranken herauf, der von Kindestagen an dem Tod entgegen siecht, verlassen, verstört - ein Mensch, dem buchstäblich alles verleidet worden ist, der während des Tages zu Gott schreit und in der Nacht vor ihm weint und klagt: Domine, Deus meus, interdiu clamo, / nocte lamentor coram te (1).
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Dieser Gott, vor dem all der Jammer ausgebreitet wird, antwortet nicht - in gewisser Weise mutet dieses Gebet geradezu nihilistisch an. Und ich glaube, es wäre kein guter Gedanke, wollte man nun raten, einfach in der Heiligen Schrift einige Seiten weiter zu blättern, um den Gott des Trostes irgendwie ins Spiel zu bringen. Für den Kranken in diesem Psalm gibt es diesen Trost nicht: "Hausgenosse ist mir die Finsternis" - und die Solidarität, die wir zunächst einmal diesem Kranken - und in ihm allen in verzweifelter Finsternis verfangenen Menschen - entgegenbringen müssen, scheint mir eine zu sein, welche diese Situation ernst nimmt.
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Eine, die sich das Problem nicht mit ein paar frommen Sprüchen vom Hals schafft: "Gott wird's schon richten" ... "Bet' fest den Rosenkranz, Jungfrau, Muttergottes mein" ... "Immer, wenn du meinst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her" und so weiter, so fort. Seien wir ehrlich: Wie oft lassen wir solche Sprüche vom Stapel, um uns in erstem Antrieb einer unangenehmen Situation möglichst elegant zu entziehen? Doch wir haben ja nur Gutes geraten und Hilfreiches, gewiß!
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Man verstehe mich recht: Natürlich will ich nicht den guten Sinn solcher Zuratungen bestreiten. Natürlich sollen wir versuchen, unserem Nächsten in der Anfechtung Wege aufzuzeigen, die helfen können. Und das Gebet ist nie ein schlechter Weg. Aber gerade dieser Psalm setzt einen sehr bitteren Kontrapunkt zu alledem; er spricht uns davon, daß da einer bitter leidet von Kindesbeinen an und betet und klagt bei Tag und bei Nacht - doch am Ende vom Lied steht das Wort von der Finsternis!
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Die "Zurückhaltung" Gottes muss über das Ende hinaus ausgehalten werden, von den Betroffenen - aber auch von uns, die wir glauben, die wir daneben stehen, die wir irritiert mit ansehen müssen, wie sich Gott in aller Gottverlassenheit verbirgt. Vielleicht werden gar wir einmal an jenen Punkt geführt, an dem uns alles finster wird im Leben und im Glauben? 
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Irgendwo bin ich ... ja: fast froh, daß dieser bedrückende Psalm in der Heiligen Schrift steht, so bar aller Illusionen und Vertröstungen, die nicht (mehr) trösten können; auch das ist Wort des lebendigen Gottes, selbst wenn es uns sprachlos und fragend zurück lässt: Sein heiliges Pneuma springe "in wortlosem Seufzen" ein, wenn wir verstummen, weil wir in unserer Schwachheit nicht wissen, wie wir noch "bitten sollen um das, was uns nottut" (Röm 8, 26): um unseres Nächsten und unser selbst willen.
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Detail eines Vesperbildes - Pfarrkirche St. Joseph, Bubenbach
Bild: Detail eines Vesperbildes - Pfarrkirche St. Joseph zu Bubenbach im Schwarzwald.

Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

Gewissermaßen wortlos steht man auch vor diesem Beitrag ... es sei für die profunden Gedanken zum Psalm gedankt! Die haben mich auch dazu bewogen, selbst mein viel zu sehr vernachlässigtes Psalterstudium wieder aufzunehmen ...

Andreas hat gesagt…

Oremus!