Dienstag, 26. Januar 2016

... der Fels aber war Christus - von den Sakramenten des Alten Bundes

 Segenshand - Deckenschmuck, Erzb. Ordinariat Freiburg, Sitzungssaal 
Ich will euch nämlich nicht
in Unkenntnis darüber lassen, Brüder,
daß unsere Väter alle unter der Wolke waren
und alle durch das Meer zogen
und alle auf Mose
in der Wolke und im Meer getauft wurden;
alle aßen dieselbe pneumatische Speise,
alle tranken denselben pneumatischen Trank.
Sie tranken nämlich aus dem pneumatischen Felsen,
der mit ihnen wanderte:
der Fels aber war Christus! (1 Kor 10, 1-4)
.
Wir neigen vielleicht dazu, das Wirken des Kyrios Christus erst mit dem Beginn seiner geschichtlichen Existenz in den Blick zu fassen; doch der Logos des Vaters ist gleich ewig wie das Pneuma, das aus beiden hervorgeht. So beginnt auch das Werk der Erlösung nicht erst mit der Menschwerdung Christi, sondern bereits in jenem Augenblick, als Gott nach dem Sündenfall die Schlange strafte, den die eigene Nacktheit gewahrenden Menschen umkleidete und sprach: "Der Mensch ist wie einer von uns geworden, so daß er Gutes und Böses erkennt ...
... darum entfernte ihn Jahwe Gott aus dem Garten Eden, damit er den Erdboden bebaue, von dem er genommen ist. Und als er den Menschen vertrieben hatte, stellte er östlich von dem Garten Eden die Cherube auf und das zuckende Flammenschwert, damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachen (Gen 3, 22 f.).
Die Strafe ist keine Schikane; sie bereitet die Heilung vor und dient damit der Heiligung: hier setzt das Werk Christi an, längst ehe der Logos selbst Mensch wurde, um in Jesus Christus an der Seite des Menschen zu vollenden, was der Mensch allein nicht vermochte und vermag. Das Heilswerk am einzelnen Menschen und an der gesamten Ekklesia führt Christus in den Sakramenten und durch sie aus. Er ist das Ursakrament.
.
Die Sakramente zählen mithin zu den Mitteln einer immer tieferen Einweihung in die Heiligkeit Gottes, dessen Urbild im Menschen als Gleichbild wiederhergestellt werden soll. Es ist Teil des Heilsplanes, daß Gott die Erlösung in Zeichen darstellt und vermittelt, die der Schöpfung entnommen sind, die sinnfällig sind, die wir schmecken können, tasten, sehen und fühlen: Die Gnade baut auch hier auf der Natur auf, sie nimmt den Menschen in seinem Lebensgefüge an, bahnt sich in und mit diesem Gefüge den Heilsweg. Denn alles Geschaffene verweist auf die erste Schöpfung, wahrt Erinnerung an die Unversehrtheit im Ursprung.
.
Auch der Alte Bund kannte daher Sakramente, wie die Kirche - etwa auf dem Konzil von Trient - klar bekennt. Freilich waren es keine Sakramente im Sinn der Definition jener siebenfältigen Gabe, welche der Ekklesia im Neuen Bund offenbar gemacht und von der Theologie durchkundet worden ist ... soweit sich menschlicher Geist überhaupt Einblick in Gestalt, Wesen und Wirken dieser heiligen Mysterien gewinnen kann.
.
Die Sakramente des Alten Bundes sind äußere Zeichen, die auf das Heilswirken Gottes allgemein verweisen und im Besonderen ein Heilsgeschenk Gottes beinhalten. Sie wirken nicht aus sich selbst, sondern aus dem Glauben und der Hoffnung der Väter auf die Befreiung durch den Messias - genauer, wie der hl. Thomas von Aquin lehrt, durch den Glauben an das Leiden Christi: die Väter nämlich "hatten den Glauben an das zukünftige Leiden Christi, welches rechtfertigen konnte, sofern es in der Erkenntnis der Seele war" (STh III, 62, 6, ad 1). Dabei gilt freilich:
Die Väter wurden durch den Glauben an das Leiden Christi gerechtfertigt so gut wie wir. Die Sakramente des Alten Bundes waren aber nur Bezeugungen dieses Glaubens, indem sie das Leiden Christi und dessen Wirkungen bezeichneten. So ist nun klar, daß die Sakramente des Alten Bundes in sich keinerlei Kraft hatten, durch welche sie die Rechtfertigungsgnade gewirkt hätten; sie bezeichneten nur den rechtfertigenden Glauben (STh III, 62, 6).
Heißt: Der Glaube als Antwort auf das dem Menschen angebotene Heil rechtfertigt gestern und heute. Die Sakramente des Alten Bundes waren also - manche mehr, andere weniger deutlich - nicht viel mehr als äußere und sinnlich fassbare Ausdrucksformen des Glaubens an die rettende Macht Gottes, jenes vollkommene Opfer herauf zu führen, welches den Menschen mit Gott endgültig aussöhnen könne. Die Gnade, die den Menschen im Rahmen der Sakramente des Alten Bundes geschenkt worden ist, entsprang nicht diesen Sakramenten selbst, sondern folgte der glaubenden Teilnahme am äußeren Zeichen: So wurde der Boden für die Gnade einerseits bereitet, andererseits diese ausgegossen. Der hl. Thomas verdeutlicht dies am Akt der Beschneidung. Vermittelt wird Gnade, ...
... sofern sie - die Beschneidung - ein Zeichen des Glaubens an das zukünftige Leiden Christi war, so daß also der Mensch, der die Beschneidung empfing, diesen Glauben anzunehmen erklärte, der Erwachsene für sich, oder der Stellvertreter für die Kinder (STh III, 70, 4).
Wie aber, so kann man noch immer fragen, konnte der Alte Bund an das Leiden Christi glauben? Es ist ein unterschwelliger Glaube, der sich etwa im Opferdienst des Tempels äußerte, im Wissen darum, daß eine Sühnung nur um den Preis einer Hingabe erwirkt werden kann, ein Wissen freilich auch, dem zunehmend deutlich wurde, daß eine andere, höhere Hingabe nötig sei als die immer wieder zu erneuernden Tier- und Speiseopfer; es ist ein Wissen, welches sich nicht zuletzt in den vier Liedern vom leidenden Gottesknecht (Teile der Kapitel Jes 42 bis Jes 53) deutlich artikuliert und dabei der geschichtlichen Ausformung kommender Erlösung in der Kraft der Prophetie sehr nahe kommt - wenn es heißt:
Er ward herausgerissen
aus dem Land der Lebendigen;
unserer Sünden wegen
ward er zum Tode getroffen.
Bei Verbrechern bestimmte man sein Grab
und bei Reichen seine Gruft,
obgleich er niemals Unrecht tat ...
wenn er sein Leben als Schuldopfer hingibt,
wird er Nachwuchs sehen und viele Lebenstage ...
Darum will ich ihm die Vielen als Anteil geben,
und die Mächtigen fallen ihm als Beute zu dafür,
daß er sein Leben in den Tod dahingegeben hat
und unter die Übeltäter gezählt ward,
während er doch die Schuld der Vielen trug
und für die Sünder eintrat (Jes 53, 8 ff.).
Letztlich gewinnt in den Sakramenten des Alten Bundes das erlösende Leiden Christi selbst Gestalt, ja: muss Gestalt gewinnen, durchscheinen. Dies enthüllt sich im Rückblick. Die eingangs zitierte Stelle aus dem ersten Korintherbrief spielt auf eine Reihe von Ereignissen an, die im Buch Exodus geschildert werden: Der Zug durch das Rote Meer, die Taufe "auf Mose" in der Wolken- und Feuersäule, die Speisung mit dem "Brot vom Himmel", das Wasser, das dem Felsen entsprungen ist: Die Bilder öffnen sich im Neuen Bund auf die heiligen Mysterien der Taufe und der Eucharistia hin - wie beides mit dem Leiden Christi verwoben ist, bedarf hier keiner Darlegung über den Verweis hinaus, daß wir in Christi Tod hinein getauft sind (vgl. Röm 6, 3), daß wir Anteil nehmen am Pascha des Kyrios, wenn wir uns zur Eucharistia versammeln unter dem Kreuz des verherrlichten Christus und das "Brot vom Himmel" empfangen.
.
So ist auch uns Christus der Fels, der mit uns wandert durch diesen Aion - der, wie er Israel "in der Seele" bereits gegenwärtig war, in Leiden und Auferstehung und Erhöhung uns offen gegenwärtig ist, ...
... die wir essen
das wahrhaft lebendig machende Brot,
die wir trinken
den geheimnisvollen Trank
aus dem Felsen, welcher Christus ist,
der - für uns getroffen von der Lanze des Soldaten -
aus der Seitenwunde das Wasser strömen ließ,
das gemischt war mit dem
Blut seines Herzens. 
(hl. Cyrill von Alexandrien)
Bild: Segenshand - Deckenmalerei im Sitzungssaal, Erzbischöfliches Ordinariat zu Freiburg.

Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

Magnifico!

Andreas hat gesagt…

Grazie! (Kaum zitiert man mal Divus Thomas ...)

Brettenbacher hat gesagt…

Schichtenkundig und darstellungskräftig!

Zurecht stößt Tarquinius ins Clairon.

Und an den Rändern flattert's poetisch( da scheint es einer nicht bleiben lassen zu können..) :

Plötzlich sind es Flüge
die uns erheben
über das mühsame Land
da wir noch weinen
um die zerschlagenen Krüge
springt uns der Quell
in die eben noch leerste Hand."

(Rilke)

Andreas hat gesagt…

Hölderlin, George, Rilke ... also traditionös betrachtet ist das ei schon ein wenig poetischer Modernismus ... ;-)

Danke für die schöne Rückmeldung!

Brettenbacher hat gesagt…

"modernistisch" nun also wirklich nicht !

Denn "liebe Kinderlein" könnte ein Religionslehrer fragen, "wo mag er denn liegen dieser Quell, der uns füllt die leereste Hand?"
Ei, da gehen die Fingerlein hoch, und wenn der Lehrer dann noch pro.spe.salutis. - gebrieft ist, dann geht's aber ab!

Andreas hat gesagt…

Nun ja, das Thema - und schon garnicht in solcher Darstellung - dürfte es kaum in ein Curriculum schaffen.

Aber die Vorstellung von lieben Kinderlein, deren Finger hochfahren, anstatt weiter auf dem Smartphone rumzutapsen, scheint mir anrührend, wenngleich auch sehr nostalgisch. Aber überhaupt: Rilke?

Rilke? Ist 'ne bitsch wie Rihanna?

;-)