Donnerstag, 31. Dezember 2015

Zur Jahreswende

 Herbolzheim, St. Alexius 
... Nur Er, des Offenbaren
sich in sich selbst begreift,
weiß, was mit Tag und Jahren
ihm still entgegenreift ...
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(Rudolf Alexander Schröder)
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Danke allen, die 
hier immer wieder vorbeischauen,
lesen, zuweilen einen Kommentar hinterlassen! 
Danke 
für Ermutigung und Zuspruch 
und für das zuweilen kritisches Wort!
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Euch allen
einen schönen Silvesterabend
und ein gesegnetes, frohes und friedliches Jahr 2016!

Mittwoch, 30. Dezember 2015

Sententiæ CV

Das Schreckliche liegt nicht in den Fremden,
die unsere Wege kreuzen, sondern
in der Begegnung mit dem eigenen Gesicht,
wenn die frei gewordene Seele
plötzlich ihm in die Augen blickt und
es nicht wiederzuerkennen imstande ist.
Georges Bernanos: Der Betrug

Samstag, 26. Dezember 2015

Bilder vom Tag - Leiturgía - Martyría

Zwei Eindrücke aus Laufenburg: Der anlässlich der natalitia des heiligen Erzmartyrers Stephanus bereitete Altar und ein Blick in den heute ausgestellten Schrein mit den Reliquien der hl. Martyrin Secunda:
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Freitag, 25. Dezember 2015

Bild vom Tag - Die Christmette ...

... in der Bruder-Klaus-Kapelle Etzgen - Confiteor vor der Kommunion.
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In Nativitate Domini: Göttliches Leben

 Die Geburt Christi - Offenburg, Kapelle St. Andreas 
Weihnachten
ist nicht nur Erinnerung
an die Geburt zu Bethlehem.
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Nicht nur ein geschichtliches Ereignis wird gefeiert,
sondern eine Heilstat;
die göttliche Tat wird begangen
in ihrer Auswirkung zum Heile der Kirche.
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Göttliches Leben
wird Wirklichkeit in der Ekklesia.
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(Odo Casel OSB)
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Gesegnete Weihnachten!
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 Maria und das neugeborene Kind - Ausschnitt aus einem Weihnachts-Relief in der Kapelle St. Andreas zu Offenburg.

Donnerstag, 24. Dezember 2015

Advent (24): Mane videbitis

Hodie scietis,
quia veniet Dominus:
Et mane videbitis
gloriam eius.
Heute wisst ihr,
daß der Herr kommen wird.
Morgen werdet ihr schauen
seine Herrlichkeit.
(Aus der Leiturgía dieses Tages frei nach Dt 16, 6 f.)
Es wäre zu kurz gesprungen, wollte man sagen, Gottes Herrlichkeit ist nur etwas fürs Auge. Andererseits kann man nun fragen, was man an Weihnachten wirklich alles zu sehen bekommt, schmeckt und hört und spürt und erlebt? Eine hübsche Krippe? Der Zauber der Heiligen Nacht? Ein gutes Essen? Geschenke? Ein frommes Erinnern und Erleben? Aber alles das ist nicht Gottes, ist nicht "seine Herrlichkeit". Wo ist die abgeblieben, da sie uns hier doch nachdrücklich in Aussicht gestellt wird und im Zentrum aller Feier stehen soll?
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Die "Herrlichkeit" Gottes, seine gloria, zeigt sich - in der Geschichte, in jener "Fülle der Zeiten" - in einem wimmernden Kind, das in einem unbequemen Futtertrog liegt inmitten einer wenig wirtlichen Höhle, in der es stinkt, weil sie als Stall dient. Die Herrlichkeit besteht nicht in äußerem Glanz, sondern in der Liebe, welche das schier Unaufhebbare aufhebt: Die eherne Grenze zwischen Gott und Mensch. Gott nimmt die Natur seines Geschöpfes an. Aber damit nicht genug! Er steigt - dies habt zum Zeichen: ein Kind, Windeln, eine Krippe - in jene Erbärmlichkeit herab, die mit der Armut einher geht. Gute drei Jahrzehnte später wird diesem Kind Leid widerfahren, Unrecht, Folter und der Tod am Kreuz. Und auch das sollen wir zum Zeichen haben: Selbst unsere bittersten Stunden wird dieses Kind mit uns durchleben, weil es selbst seine bittersten Stunden erleben wird und erlebt hat. Welche Herrlichkeit könnte größer sein, könnte uns tiefer beeindrucken (wenn wir uns nur von ihr beeindrucken ließen, sie nur erfassen könnten!) als diese Liebe?
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Und doch gibt es noch einen Ort, wo wir vielleicht auch die Herrlichkeit Gottes schauen können - die Ekklesia singt heute davon in der Mette:
Sanctificamini hodie,
et estote parati:
quia die crastina videbitis
maiestatem Dei in vobis.
Heiligt euch heute
und steht bereit:
denn morgen werdet ihr
Gottes hohe Würde in euch sehen!
Oder mit den Worten des hl. Papstes Leo: "Erkenne, Christ, deine Würde!" Das Mysterium der Geburt unseres Kyrios Jesus erneuere in seiner Feier an uns das Geschenk der Herrlichkeit Gottes!

Mittwoch, 23. Dezember 2015

Advent (23): Rorate cæli

Rorate,
cæli,
desuper,
et nubes pluant iustum.
Taut,
ihr Himmel,
aus der Höhe,
regnen sollen die Wolken den Gerechten!
(Jes 45, 8)
Das Rorate klingt uns während der Adventszeit in den Messtexten und im Stundengebet immer wieder im Ohr - es ist geradezu die Adventsbitte der betenden Ekklesia; immer wieder schlossen wir uns diesem Ruf an.
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In den Laudes am Samstag für die Buß- und Fastenzeiten stimmten wir zudem in das Canticum Moysis (Dt 32, 1-18ein, eine Rede des Moses an das Volk Israel; sie beginnt mit den Worten:
Auscultate, cæli, et loquar; *
et terra audiat verba oris mei.
Descendat ut pluvia doctrina mea; *
stillet ut ros eloquium meum,
Sicut imber super herbam, *
et sicut pluvia super gramen.
Etenim nomen Domini prædicabo: *
tribuite gloriam Deo nostro.
Merkt auf, ihr Himmel, ich will künden, *
es höre die Erde meines Mundes Wort -
wie ein Regen komme nieder meine Lehre, *
meine Rede träufle auf wie der Tau,
wie ein kräftiger Schauer auf die Trift, *
ein Regenguss über das Gras -
denn den Namen des Herrn will ich künden: *
Erweist unserem Gott die Ehre!
Nicht Moses' Worte sind es, welche eine befruchtende Feuchte über das Erdreich ergießen könnten, sondern es ist der Inhalt der Rede, der die Worte träufeln macht - sie verkündet den "Namen des Herrn": im Alten Bund eines der großen Bilder, die Gegenwart Gottes zu bezeichnen. Gott selbst ist da, wo sein Name ausgerufen wird. Doch nicht nur in seinem Namen war Gott seinem Volk gegenwärtig, sondern auch unter anderen Zeichen: In Wolke und Feuersäule, die Israel auf dem Weg aus der Fron Ägyptens begleitete ... im Säuseln des Windes, welcher am Ohr des Elias strich ... im Allerheiligsten des Tempels. Und doch sollten alle diese Zeichen übersteigert werden - durch das Zeichen überhaupt, das Zeichen einer Jungfrau, die empfangen und einen Sohn gebären wird, dessen Name Emmanuel: Gott mit uns in einem Menschenkind (vgl. Jes 7, 14).
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Das Canticum des Alten Bundes umschränkt die betende Ekklesia am letzten Samstag vor dem Weihnachtsfest deshalb mit einer besonderen Antiphon, in welcher sie ihr Rorate nochmals tiefer entfaltet:
Exspectetur, sicut pluvia,
eloquium Domini:
et descendat, sicut ros,
super nos Deus noster.
Wie auf den Regen wollen wir warten
auf den Logos des Herrn:
es komme, gleich dem Tau,
auf uns hernieder unser Gott.

Dienstag, 22. Dezember 2015

Advent (22): Ecclesia orans

Machtlos und klein sind wir -
aber wer kniet, ruft um Hilfe.
Zerbrochene Tempel sind wir -
aber wer kniet, kann wieder erbaut werden.
Staub im Staube sind wir -
aber wer kniet, zieht den Himmel herab.
Kniende Kirche:
Du hast das Geheimnis erfaßt,
daß Bitten - der Auftrag,
und Empfangen - das Wesen,
und die Liebe von oben -
das Schicksal des Menschen ist.
(aus dem Zyklus "Ekklesia" von Eulogia Wurz OSB)

Montag, 21. Dezember 2015

Advent (21): Adveniat regnum tuum

Wir leben in den Fesseln der Zeit, die doch nur die Fesseln unserer eigenen Schuld sind. Ein Schatten liegt auf der Welt, und wir wissen doch, ihre verheißungsvolle Schönheit hat sich nicht gewandelt. Auch über die Freude heiliger Feste ist ein Schatten gekommen; er sollte nicht sein; unsere Freude sollte tiefer, reiner werden; aber der Schatten ist da. Die Sorge zehrt an einer jeden Stunde; wir leben nicht mehr als Deine Kinder; der Bergsturz der Geschichte schüttet den Raum unseres Daseins zu, und dem Menschen sind alle Zeichen seiner Würde, seiner Freiheit genommen.
Wir haben das Wort verloren, das Dich bezeugt; wir haben die Freude verloren, die das Siegel der Erlösung ist; unsere Liebe wird immerfort versucht vom Haß; seit die Bilder der Gerechtigkeit alle gefallen sind, versündigen wir uns fort und fort gehen das Recht und gegen die Heiligkeit Deines unerforschlichen Waltens. Und doch ist keine Schranke, die dem herabbrausenden Geiste wehren könnte. Er kann uns frei machen für den Frieden der Kinder Gottes, für die Gerechtigkeit und die Freude Deines Reiches; an seine Macht rührt die Geschichte nicht ... (Reinhold Schneider in seiner Schrift "Das Vaterunser" im Jahr 1941).

Sonntag, 20. Dezember 2015

Advent (20): O radix Iesse

O radix Iesse,
qui stas in signum populorum,
super quem continebunt reges os suum,
quem gentes deprecabuntur;
veni
ad liberandum nos,
iam noli tardare.
O Wurzel Jesse,
du stehst als Bannerzeichen der Völker.
Könige verstummen vor dir,
die Weltstämme bitten dich flehend:
Komm
uns zu befreien!
Zögere nicht!
(Magnifikat-Antiphon zum 19. Dezember)
Sieben große Bilder ruft die betende Ekklesia beim abendlichen Stundengebet der Vesper an den letzten Tagen vor Weihnachten auf; sie rahmt damit ihren Brautgesang, das Magnificat ein, und jubelt mit Maria, von der sie dieses Lied empfangen hat, ihrem Retter. Die sieben Rufe selbst werden O-Antiphonen genannt, da sie stets mit demselben Ausdruck des Erstaunens, der Erschütterung und - hier nicht zuletzt - der Sehnsucht beginnen: "O" ... O radix Iesse klang es gestern Abend zur ersten Vesper des vierten Advents um den Erdkreis: "O Wurzel Jesse".
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Jesse finden wir im Stammbaum Jesu, "des Messias, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams" (Mt 1, 1). Und weiter bei Matthäus (1, 6): "Jesse zeugte David, den König". Jesse finden wir später auch in der christlichen Kunst, etwa an den Portalen gotischer Kirchen und Kathedralen: dort schläft er zuweilen, während aus seinem Herzen ein Spross erwächst, der sich an mannigfachen Bildern und Impressionen des Heilsgeschehens emporrankt bis zur Darstellung der erhöhten Kyrios Christus. Inspiriert wird diese Bildwelt von Worten des Propheten Jesaja - sie sind der Grund, warum Jesse mehr ist als nur ein Mensch im Stammbaum des Heils. Jesse "blüht" geradezu "auf" - nach einer Gerichtsrede des Propheten gegen ein gottverlassenes Israel, über welches die Assyrer herfallen:
... Noch heute möcht er nach Nob gelangen
und eine Faust dem Berg der Sionstochter machen,
dem Hügel von Jerusalem.
Doch seht! Da haut der Herr, der Heeresscharen Herr,
gewaltsam ab der Bäume Krone.
Die hohen Wipfel werden abgeschlagen
und was emporsteht, stürzt herab.
Gefällt wird mit der Axt des Waldes Busch;
der Libanon stürzt hin durch einen Mächtigen.
Dann sprießt hervor ein neues Reis aus Jesses Stumpf;
ein Schößling bricht hervor aus seiner Wurzel.
Auf ihn läßt sich der Geist des Herrn herab,
der Geist der Weisheit, des Verstandes,
der Geist des Rates und der Stärke,
der Geist der Kenntnis und der Furcht des Herrn ...
(Jes 10, 32 ff.; 11, 1 f.).
Danach kündet Jesaja vom Friedensreich des Messias. Wenngleich von Jesse losgelöst, so doch bedeutungsvoll, begegnet uns das Wort von der Wurzel bei Jesaja später erneut - im Lied des leidenden Gottesknechts:
Er wuchs für sich so, wie ein Reis,
so, wie aus dürrem Erdreich eine Wurzel auf,
war ohne Schönheit und Gestalt,
zog unsere Blicke nicht auf sich,
war ohne Ansehen, aller Reize für uns bar.
Er war verachtet und von aller Welt verlassen,
ein Schmerzensmann, in Krankheit wohl erfahren,
verachtet, wie er sich verhüllen muss.
Wir rechneten mir ihm nicht mehr.
Und doch trug er von uns die Leiden ...
(Jes 53, 2 ff.)
Ist all das jetzt nur Heilgeschichte auf der großen Bühne des Glaubens ... der Stammbaum Jesu, Jesse darin und David, der König? Der leidende Gottesknecht? Gewiß ist das für uns bedeutend, schlägt die Saiten unseres Glaubens an: Wir bekennen Christus als den "Messias", den "Sohn Davids", verkünden ihn als den "Gekreuzigten", hoffen auf ihn als den "Erstgeborenen aus den Toten", sehen ihn als den "Erhöhten" und erwarten ihn als den in Herrlichkeit kommenden Kyrios! Das alles ist, wenn man so will, "Wurzel Jesse".
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Aber dieses Bild einer Wurzel ... kann uns das auch noch etwas anderes sagen? Vielleicht dies: Eine Wurzel steckt in der Erde, im Dreck, ist verborgen in Niedrigkeit. Die "Wurzel Jesse" wächst nicht aus dem Himmel herunter, sondern aus der menschlichen Geschichte heraus, deren Verderbnisse alle inbegriffen. Eine Wurzel ist noch lange nicht die Blüte; was wächst, bedarf der Wandlung, und diese Wandlung ist nicht selten eine schmerzhafte Angelegenheit. So hat sich Christus unserem Leben auch "anverwandelt", hat Leiden mit und für uns durchgestanden, ehe der Morgen des Ostertages, einer neuen Schöpfung erwachte.
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Die "Wurzel Jesse" wächst nicht nur aus der menschlichen Geschichte heraus, sie rankt sich auch durch deren Höhen und Tiefen. Jesse zeugte David! David aber festigte nicht nur das Königtum Israels und überführte die Bundeslade nach Jerusalem, sondern opferte auch das Leben des Urija um der Affaire mit Bathseba willen - die Klage darob stimmt der 50. Psalm an: Miserere mei, Deus ... "Erbarme dich meiner, Gott!" Und wie oft rankt sich die Wurzel Jesse aus den Abgründen unserer von Schuld gezeichneten Seele, aus "dürrem Erdreich", durch ein Leben, in dem Gnade und Gutes, Sünde und Erbärmlichkeit eng beieinander wohnen?
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Gott begleitet dennoch dieses Leben, wenn wir ihn nicht davon jagen; läßt sein Heil wachsen, wenn wir es nicht vertrocknen lassen, sondern stets wieder zu ihm uns kehren, um unser dürres Land und die Wurzel, die es immer mehr durchdringen will, aus den Quellen des Heils, den heiligen Mysterien, den Sakramenten der Ekklesia zu tränken. Das Dunkel aber, Wurzel und Wachsen, Aufbau und Niedergang, Versagen und Vergebung: was alles wir Geschichte nennen, sei es im Weltlauf wie im Persönlichen - all das ist in das letzte Selbstzeugnis des Kyrios hinein genommen, von dem wir am Ende der Offenbarung des Johannes (22, 16) hören, und ins Licht der Ewigkeit gehoben:
Ich bin
die Wurzel
und der Stamm Davids,
der strahlende Morgenstern.
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 Bild: Spross aus der Wurzel Jesse - Glasfenster (Ausschnitt) in der Pfarrkirche St. Wendelin zu Altglashütten im Schwarzwald. Der Adventskalender der Blogozese wird morgen mit einem Beitrag auf dem Portal zur katholischen Geisteswelt (hier) fortgesetzt.

Samstag, 19. Dezember 2015

Advent (19): Hora est iam

... "Hora est iam nos de somno surgere - Jetzt ist die Stunde da, vom Schlafe aufzustehen" (Röm 13, 11) und dem Herrn entgegenzueilen, damit wir stehen können vor dem Menschensohne. Auch für die Jünger besteht also die Gefahr, in das furchtbare Weltgeschehen und Weltvergehen hineingezogen zu werden. Aber wenn sie wachen und beten und sich nicht der Welt und ihren Sorgen ausliefern, dann haben sie die Möglichkeit, durch alles ungefährdet hindurchzugehen (Odo Casel OSB).

Freitag, 18. Dezember 2015

Advent (18): O Sapientia

O Sapientia,
quæ ex ore Altissimi prodiisti,
attingens a fine usque ad finem,
fortiter suaviter disponens omnia:
veni
ad docendum nos
viam prudentiæ.
O Weisheit,
enthaucht dem Mund des Allerhöchsten,
du umfassest das All bis an die äußersten Enden
und ordnest es machtvoll und mild:
Komm,
um uns zu weisen
den Weg der Einsicht!
(Magnificat-Antiphon am gestrigen 17. Dezember)
Das Wort vom Gekreuzigten ist den ungläubigen Juden ein Ärgernis, den Heiden hingegen eine Torheit. Aber allen, die glauben, ist Christus "Gottes Kraft und Gottes Weisheit" - das schreibt Paulus in seinem ersten Brief an die Christen zu Korinth (1, 18 ff.).
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In der Tat benötigen wir "Ein-Weisung", "Ein-Sicht" in den Plan Gottes, um in das Kreuz, in seinen tiefen Grund eindringen, in seinen Abgrund hinabsteigen zu können. Wir wehren uns gegen das Kreuz: Gegen die Zumutung eines Sterbenden, gegen die Provokation, diesen Tod als Hingabe an einen liebenden Vater zu verstehen ... und wir wehren uns nicht zuletzt gegen das Kreuz, das auch unser eigenes Leben prägt. 
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Doch gibt das Kreuz Orientierung. Einmal in den Felsen von Golgatha gerammt, steht es als Wegmarke in der Geschichte. Kein Ort, keine Zeit, kein Wesen: nichts in diesem und dem kommenden Aion, was von diesem Zeichen, dessen Arme Tiefen und Höhen und Seiten ausloten, nicht eingeholt und umfangen und machtvoll und mild geordnet wird. Wir können das Kreuz, das zum Äußersten gesetzte Zeichen der kénosis, jener Selbstentäußerung Gottes, die wir in der Menschwerdung bald feiern werden, nicht erfassen. Aber wir können uns von ihm umfassen lassen - gegen alle Widerstände ...
O Weisheit ...
Komm,
um uns zu weisen
den Weg der Einsicht!

Donnerstag, 17. Dezember 2015

Advent (17): Adventus

Denn "adventus", das dem Griechischen "epiphaneia" entspricht, bedeutet "Gegenwart", oder vielmehr: ein beständiges Kommen und Gegenwärtigsein. Das Wort vereinigt in sich die süße Spannung seligen Erwartens und das Begrüßen eines ewig Neuen mit dem Genuß bleibenden Daseins. Denn Gott bleibt immer der Kommende, weil seine Gegenwart nie ausgekostet wird, und weil er der Ewige ist, ist er auch stets der Neue (Odo Casel OSB).

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Advent (16): Veni

... Denn wir können uns nicht wieder in die Zeit vor der Erlösung zurückversetzen; und so sind auch die Sehnsuchtsrufe des Advent nicht gemeint ...
Wie aber dann? hier ...

Dienstag, 15. Dezember 2015

Advent (15): Pusillanimes

Dicite:
pusillanimes,
confortamini
et nolite timere:
ecce, Deus noster veniet
et salvabit nos.
Sagt es heraus:
Ihr Kleinmütigen,
ermannt euch
und habt keine Furcht:
Da! Unser Gott wird kommen
und uns erretten.
(Jes 35, 4 - Kommuniongesang am dritten Sonntag im Advent)
Ein Widerhall auf die Zeilen, die Paulus aus dem Gefängnis schrieb. So sollen wir es also heraus sagen, heraus rufen, verkünden ... unseren Kleinmut überwinden, der ein Hinweis ist auf unser mangelndes Vertrauen bei der Erwartung des kommenden Kyrios. Dabei war er schon einmal da - aber vielleicht spüren wir ihn auch in unserem Leben als nahe auf, wenn wir nur die Zeichen richtig deuten ...

Montag, 14. Dezember 2015

Vom vollkommenen Ablass

Angesichts des Vollkommenen Ablasses, der im laufenden Heiligen Jahr gewährt wird, wurde in der Blogozese heute die Frage nach der Ablass-Praxis aufgeworfen. Ich habe das kommentiert; als der Kommentar geschrieben, war fast ein kleiner Artikel draus geworden. Nun dachte ich mir, ich könnte das - etwas ergänzt und angepasst - auch hier einstellen:
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Was also hat es mit dem "Gewinnen" von Ablässen, beim vollkommenen Ablass zumal, auf sich?
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Ein Ablass ist, auch wenn sich der Eindruck leicht einstellen mag, kein Automatismus. Die Ekklesia kann ihn aus der Fülle der ihr anvertrauten Gnadenschätze erteilen. Er ist an ein Tun des "Empfängers" gebunden. Dieses Tun sollte man nun nicht nach einer Kosten-Nutzen-Rechnung beurteilen, sondern es wächst aus einer inneren Haltung heraus. 
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Man geht nicht zur Beichte, um den vollkommenen Ablass zu gewinnen - man geht, um "vollkommen", dem Kyrios gleichförmig zu werden. Man empfängt den Heiland nicht in der Kommunion, um einen Ablass zu erhalten. Man empfängt ihn, um Christus gleichförmig zu werden. Man tut das Ablasswerk nicht, um einen Ablass zu kassieren. Man setzt damit ein (äußeres) Zeichen des Willens, Jesus immer gleichförmiger zu werden.
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So ist die Liebe zu Gott der tragende Grund, auf dem der Ablass aufbaut. Wir wollen mit einem Ablass nicht dem Purgatorium "entkommen", sondern Gott direkter entgegeneilen können. Man sieht, denke ich, die etwas andere Perspektive, die - im Gegensatz zu einer allzu menschlichen Werkgerechtigkeit - hier eingenommen ist.
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Solche Werkgerechtigkeit wird dem Wesen des Ablass nicht gerecht und läuft Gefahr, in den Bereich jener Bedingung zu gehören, welche zum Empfang eines vollkommenen Ablasses (nebst Buße und Beichte, Kommunion und Ablasswerk) zwingend notwendig ist: Das "Vermeiden jeder (!) Anhänglichkeit an die Sünde" ... denn Gott kann und darf man nichts vermessen vorrechnen, bei ihm gar etwas einklagen. Gott will unser Vertrauen, nicht einen spröden Wechsel samt Pochen auf den Erlass von Sündenstrafen. Er sieht in unser Herz - und was er da sieht, entscheidet, wie - in jeder Hinsicht - "vollkommen" der Ablass wirklich ist.
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Die Frage kam hier bei Carina auf.

Advent (14): Nihil solliciti sitis

Nihil solliciti sitis;
sed in omni oratione et obsecratione,
cum gratiarum actione,
petitiones vestræ
innotescant apud Deum.
Et pax Dei,
quæ exsuperat omnem sensum,
custodiat corda vestra
et intelligentias vestras
in Christo Iesu,
Domino nostro.
Habt keine Angst!
In allem Beten und Flehen
und unter Dank
sollen eure Bitten
zu Gott dringen.
Und der Friede Gottes,
der jedes Empfinden übersteigt,
bewahre eure Herzen
und euren Verstand
in Jesus, dem Gesalbten,
unserem Kyrios!
(Phil 4, 6 f. - Lesung am dritten Sonntag im Advent)
Manche Worte klingen anders, wenn man bedenkt, unter welchen Bedingungen sie gesagt oder geschrieben wurden. Die obigen Zeilen sind in Gefangenschaft geschrieben worden - und Paulus mußte mit der Todesstrafe rechnen. Noch ereilte sie den Apostel nicht ...

Sonntag, 13. Dezember 2015

Bild zum Tag - die heilige Ottilia

 Die hl. Ottilia - Altarbild in der Ottilien-Kapelle zu Hartheim 
Im Tagesgebet des dritten Sonntags im Advent bitten wir darum, der Kyrios mache durch die Gnade seiner Ankunft das Dunkel unseres Geistes hell. Das hat die heilige Ottilia, derer die Ekklesia heute gedenkt, in einer sehr konkreten Weise erfahren. Die Heilige, deren Klostergründung auf dem Odilienberg im Elsass bis heute fortbesteht, kam blind zur Welt - das Augenlicht wurde ihr in der Taufe geschenkt. So erzählt es die Legende. 
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Man mag dem Glauben schenken oder nicht ... wichtiger ist ohnehin die Wahrheit hinter dieser Geschichte: Das Kommen Gottes in unsere Herzen, die Eingießung seiner Gnade strahlt ein in unsere Dunkelheit - freilich dürfen wir die Augen, die des Herzens wie jene des Leibes, dafür nicht verschließen. Die hl. Ottilia helfe uns dazu ... ora pro nobis!
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Bild: Die heilige Ottilia - Altarbild in der Ottilien-Kapelle zu Hartheim.

Advent (13): Modestia vestra

Gaudete in Domino semper:
Iterum dico, gaudete.
Modestia vestra
nota sit omnibus hominibus:
Dominus enim prope est.
Freut euch im Kyrios allezeit -
und ich wiederhole es: Freut euch!
Eure Freundlichkeit
werde allen Menschen vertraut:
Der Kyrios ist nahe!
(Phil 4, 4 f. - Introitus und Lesung am dritten Sonntag im Advent)
Christ-sein ist kein Spaß. Mir fällt ein Zitat aus  Sister Act ein, einige Sätze aus einem Gespräch, das die Oberin einer Schwesterngemeinschaft mit der Nachtclub-Sängerin Deloris Van Cartier führt, nachdem diese - als Kronzeugin von der Polizei im Kloster versteckt - als "Schwester" Mary Clarence den Konvent aufgemischt hatte. Die Oberin ("und jetzt bin ich ein veraltetes Modell") misstraut dem neuen Geist:
Mary Clarence, es ist ziemlich leicht, etwas zu bewegen, wenn man in ein Milieu gerät, das nicht sein eigenes ist. Sie haben in den Schwestern große Erwartungen geweckt. Sie gehen voll Freude und Aufregung an die Arbeit und betrachten ihre Sozialarbeit als immerwährendes Straßenfest. Sie und ich wissen genau, daß die Dinge nicht so einfach liegen. Es kommt bald zu Enttäuschungen und seelischen Schocks ...
In den Worten liegt viel Wahres. Und auch der Christ weiß, daß das Leben kein "immerwährendes Straßenfest" ist. Er weiß um die Herausforderung, den Glauben in einer Welt zu leben, der er in diesem Glauben fremd ist. Er spürt die Selbstbeherrschung und Zucht, die es dabei braucht, und er muß bekennen, daß er auf dem Grat zwischen Glaube und Welt oftmals aus dem Gleichgewicht gerät, zu fallen droht und fällt, bis einem Engel befohlen wird, ihn aufzufangen und auf den Händen zu tragen.
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Und doch betont Paulus mit Nachdruck: "Freut euch!" Was aber ist das für eine Freude? Die Antwort scheint mir im folgenden Satz zu liegen: Modestia vestra nota sit omnibus hominibus. Diese modestia oder - im griechischen Urtext - tò epieikès: Was meint das? Mit "Freude" scheinen beide Begriffe zunächst einmal nur wenig gemein zu haben. 
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Das epieikès spricht uns von einer "milden Gesinnung" und der Kenntnis des Humanen samt seiner Unzulänglichkeiten - hier sind Christen also Menschen, denen vielleicht die Welt, aber gemäß eines Wortes des Dichters Terenz "nichts Menschliches fremd" ist: Sie wissen aus eigener Erfahrung, wie rasch man vom rechten Weg abkommen kann, tragen diese Erfahrung in ihre Sicht auf andere Menschen ein und gehen im je kritischen Augenblick - um einen wesentlichen Anwendungsfall zu benennen - entsprechend "milde" mit ihnen um: So kommen wir der Freude ein Stück weit auf die Spur, die Christen hegen und in dem ausdrücken sollen, was man "Freundlichkeit" nennt, ob diese erwidert werde oder auch nicht - sie werde allen Menschen vertraut!
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"Milde" zählt alsdann auch zu den Bedeutungen von modestia - dieses Wort hat mit dem lateinischen modus, dem "Maß" zu tun, und beschreibt ursprünglich eine "maßvolle" Haltung des Menschen (die zum Beispiel nicht unmäßig werden dürfe im Strafen). Wenn ein Mensch das rechte Maß in allem hält, ergeben sich von selbst "Anstand", "Wohlverhalten", "Ehrbarkeit" und "sittliches Wohlverhalten" - das alles zählt zu den (abgeleiteten) Bedeutungen von modestia. Die Alten griffen zudem auf dieses Wort zurück, um dem stoischen Begriff der eutaxía zu latinisieren: einer Sache den richtigen Platz zuweisen, das richtige Wort zur richtigen Zeit finden. Gelingt dies dem Menschen, so wird es ihm leichter fallen, mit sich selbst und seinen Mitmenschen ins Reine zu kommen - und auch das werde nun allen Menschen vertraut!
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In diesem Rahmen äußert sich also die Freude, von der Paulus spricht. Und diese Freude hat einen Grund: 
Der Kyrios ist nahe!

Samstag, 12. Dezember 2015

Advent (12): Tu conversus nos

Deus, tu conversus
vivificabis nos,
et plebs tua
lætabitur in te ...
Du - uns zugewendet, Gott,
werden wir mit Leben erfüllt,
und dein Volk
findet Freude in dir ...
(aus der Antiphon zum Offertorium am zweiten Sonntag im Advent)
Ohne hier in eine Kontroverse eintreten zu wollen, kann ich mir heute ein Wort zum Thema Gebets- und Zelebrationsrichtung nicht verkneifen. Man liest ja hin und wieder zur Verteidigung einer celebratio versus populum, der "Feier zum Volk hin", diese entspreche der Mahlsituation - dort wende sich ein Gastgeber schließlich auch nicht von den Gästen ab, sondern diesen zu - wie der Priester an einem Volksaltar es eben auch tue. Und handle der Priester nicht ohnehin in persona Christi, sei es also nicht Christus selbst, der durch den Priester das Gottesvolk um sich schart? 
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Dabei wird übersehen, dass nicht Christus der "Adressat" beim Vollzug des eucharistischen Mysteriums ist; das Opfer von Golgatha, das - dem Vater in der himmlischen leiturgía beständig dargebracht - hier für uns neu Gegenwart wird, das unsere Hingabe in sich hinein nimmt und aus dem die Früchte der Heiligung fließen, die in der Gestalt des Mahles (in leib-seelischer oder auch nur geistlicher communio) dann den Gläubigen zuteil werden, richtet sich an den Vater. Ohne dieses Opfer, in welchem Christi Hingabe für und seine Anteilnahme am Schicksal der Menschen manifest wird, wäre das Mahl tatsächlich nur eine Gedenkveranstaltung.
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Der Vater aber, Deus creator, ist jener, der in seiner "Zuwendung" das Volk belebt und mit Freude erfüllt: Ihm, dem Vater, steht auch Christus als Sohn, Gottmensch und Mittler zugewandt, der sich hingibt für das Leben der Welt und für seine Brüder und Schwestern, die sich hinter ihm sammeln, um per Christum Dominum nostrum geheiligt zu werden.

Freitag, 11. Dezember 2015

Advent (11): Tempus fugit

Die Zeit eilt - aus gegebenem Anlass heute einen Verweis auf einen Beitrag über den Adventskranz vom letzten Jahr, den es fortzusetzen gilt: ↗hier.

Donnerstag, 10. Dezember 2015

Advent (10): Excita corda nostra

Excita, Domine,
corda nostra
ad præparandas
unigeniti tui vias ...
Reiße auf, Herr,
unsere Herzen,
damit wir deinem Eingeborenen
die Wege bahnen ...
(aus dem Tagesgebet am zweiten Sonntag im Advent)
Von den Tagesgebeten der Messformulare an den vier Adventsonntagen beginnen drei mit einem eindringlichen Appell: Excita! Ein spannendes und hoch dynamisches Wort, das aus der Vorsilbe ex ("heraus") und dem Adjektiv citus ("schnell". "rasch", "eilends") beziehungsweise dem Verb ciere ("in Bewegung setzen", "anregen") zusammengesetzt ist. Breit, aber kohärent, sind alsdann die Bedeutungsnuancen gestreut, die sich dieses Wort sprachgeschichtlich angeeignet hat - hier eine Auswahl:
aufjagen, aufscheuchen,
herausjagen, heraustreiben,
aufwecken, aufschrecken,
heraus- und herbeirufen,
aufrütteln, aufwecken, aufregen,
alarmieren, aufstören, aufrühren,
anfeuern, anfachen, entfachen,
erregen, aufwirbeln ...
... und manch andere Bedeutung. Alles das steckt in excitare - und keine deutsche Übersetzung vermag die Vielschichtigkeit dieses Wortes aufzufangen. Doch es lässt sich erahnen, mit welcher Intensität die betende Ekklesia hier die Hilfe Gottes sucht. Im oben angeführten Gebet des zweiten Adventsonntags wird dies besonders deutlich: Excita ist ein Imperativ, der hier nicht durch den üblichen Bittgestus quæsumus ("wir bitten dich") gemildert wird - eine geradezu unverfrorene Anrede des Höchsten, die uns aber auch in den Psalmen begegnet, sogar in Form des handfesten Vorwurfs eines von Feinden umringten Beters in Ps 43, 24.
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Noch etwas fällt bei den Excita-Gebeten der Adventsonntage auf: Am ersten und am vierten Herrentag bittet die Ekklesia, Gott möge seine Macht aufbieten und kommen (Excita, quæsumus, potentiam tuam et veni) - er möge also zu unserem Heil sozusagen zuerst an sich etwas wirken. Am vergangenen Sonntag hörten wir hingegen jenen schier atemlos unverstellten Ruf, der sich, wie gesagt, geradezu als Befehl oder Beschwörung ausnimmt: Excita, Domine, corda nostra! Versetze in Aufruhr, du unser Gott, rüttle auf, stachle an, rufe raus unsere Herzen!
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Woher solch inständigste Rede? Nun denn ... womöglich sind unsere trägen Herzen weit weniger in Bewegung zu setzen als die göttliche Macht, selbst wenn es um unser Heil geht ...

Mittwoch, 9. Dezember 2015

Advent (9): In lætitia cordis

Populus Sion /
ecce / Dominus veniet
ad salvandas gentes;
et auditam faciet Dominus
gloriam vocis suæ
in lætitia cordis vestri.
Du Volk von Jerusalem -
Da! Es kommt der Kyrios,
um die Völker zu erretten.
Er wird die Herrlichkeit seiner Stimme hören lassen
in der Freude eures Herzen.
(Jes 30, 30 - Introitus am zweiten Sonntag im Advent)
Der zweite Teil dieser Introitus-Antiphon wird meistens etwas anders übersetzt: Gott werde seine herrliche Stimme vernehmen lassen zur Freude unserer Herzen - so verdeutscht, zumindest sinngemäß, der Schott diesen Satz. Gedanklich scheint das auch sehr eingängig und ist gewiss nicht falsch. Die Übertragung oben setzt einen etwas anderen gedanklichen Schwerpunkt ... hier ist die "Freude des Herzens" eine wesentliche Maßgabe, inwiefern die "Herrlichkeit" der Stimme Gottes vernommen werden kann. 
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Gott kommt und spricht zu verschiedenen Zeiten auf verschiedene Weisen zu den Menschen: Zu Moses sprach er aus dem brennenden Dornbusch. Elias hört Gott in einem sanften Säuseln. In der Fülle der Zeit wurde Gott in Jesus Christus Mensch und sprach zu uns - von Mensch zu Mensch sozusagen. Am Ende der Zeit wird er als der Kyrios kommen, zu richten die Lebenden und die Toten - sein Wort wird das endgültige Machtwort sein, das niemand überhören werden kann. Aber in der Zeit zwischen jenem ersten und letzten Advent kommt und spricht Gott durch die Ekklesia - auch durch die streitende Kirche: durch uns zu den Menschen.
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Um es einfach hier als Frage in den Raum zu stellen, die jeder für sich selbst klären mag ... könnte es an der Freude unserer Herzen hängen, wie "herrlich" die Menschen um uns herum die Stimme Gottes hören ...?

Dienstag, 8. Dezember 2015

Advent (8): Sitientes satias

Ave, gratia plena, quæ sitientes perennis fontis dulcedine satias.
Gruß Dir, Gnadenvolle, du tränkst die Dürstenden aus der Quelle immerwährender Wonne.
(aus einer dem Bischof Epiphanius von Salamis zugeschriebenen Predigt; einst gelesen in den Metten am Oktavtag des Festes der Unbefleckten Empfängnis Unserer Lieben Frau)
... und du selbst, Maria, so möchten wir hinzufügen, bist die Quelle, die Gott besiegelt hat: nicht nur ein Bild immerwährender Jungfräulichkeit, sondern auch einer umfassenden Reinheit - von Ewigkeit her von Gott geschaut, dann aber empfangen in der Zeit ohne jede Trübung durch jene Schuld, die sich seit der ersten Auflehnung gegen Gott von Mensch zu Mensch und von Geschlecht zu Geschlecht fortzeugt.
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Was Tertullian über das zum Taufmysterium erwählte Element des Wassers sagt (De baptismo 3), können wir auch auf Maria hin lesen:
"Im Anfang", heißt es, "schuf Gott Himmel und Erde. Die Erde aber war unsichtbar und ungeordnet, Finsternisse waren über dem Abgrund, und das Pneuma Gottes schwebte über den Wassern" (Gen 1, 2). Da hast du nun, o Mensch, vorerst das Alter des Wassers zu verehren; denn es ist eine alte Substanz; dann seine hohe Bestimmung, denn es war Aufenthalt des Pneumas und somit diesem wohlgefälliger als die übrigen Elemente. Die Finsternis nämlich war noch ganz gestaltlos und ohne den Schmuck der Gestirne, traurig der Abgrund, unfertig war die Erde und der Himmel unvollendet; das Flüssige dagegen allzeit eine vollendete Materie. Heiter, einfach und in sich rein, bot es sich Gott als ein würdiges Fahrzeug dar.

Montag, 7. Dezember 2015

Einstimmung


Ave, sanctus Dei thronus,
divinum donarium,
domus gloriæ,
perpulchrum ornamentum,
cimelium electum
et totius orbis propitiatorium,
cælumque Dei gloriam ennarans
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Sei gegrüßt, du heiliger Thron Gottes,
du göttlicher Opferaltar,
du Haus der Herrlichkeit,
du allerschönster Schmuck,
du auserwählte Kostbarkeit,
du aller Welt Gnadenthron
und Himmel, der die Herrlichkeit Gottes kündet!
(aus den Lesungen des hl. Bischofs Germanus in der dritten Mette zum anbrechenden Fest der Unbefleckten Empfängnis Unserer Lieben Frau)

Advent (7): Veni Redemptor gentium

Veni, redemptor gentium /
ostende partum virginis /
miretur omne saeculum /
talis decet partus deo.
Komm, Völkerheiland, erdenwärts,
Erscheine, den der Jungfrau Schoß
Gebar als Wunder aller Zeit;
Solch Ursprung ziemet Gott allein.
Non ex virili semine /
sed mystico spiramine
verbum dei factum est caro
fructusque ventris floruit.
Aus Mannessamen stammst du nicht,
Nein, tratst geheimnisvoll hervor
Als Gotteswort in Fleischgestalt,
Als Frucht erblüht aus Leibesschoß.
Alvus tumescit virginis /
claustrum pudoris permanet /
vexilla virtutum micant /
versatur in templo deus.
Der Jungfrau Knospenkelch erschwoll,
Doch unentblättert blieb die Scham,
Der Tugend Banner schimmert rein,
In seinen Tempel ein trat Gott.
Procedat e thalamo suo /
pudoris aula regia /
geminæ gigas substantiæ /
alacris occurat viam.
Verlassend dann sein Brautgemach,
Den Königshof der Scham, sprang er
Als Riese, doppelt-wesenhaft
Kampffreudig in des Lebens Ring.
Egressus eius a patre /
regressus eius ad patrem /
excursus usque ad inferos /
recursus ad sedem dei.
Ausgingest von dem Vater du,
Rückgingest du zum Vater dann,
Abstiegest du zur Höllenwelt,
Aufstiegest du zu Gottes Thron.
Æqualis aeterno patri /
carnis trop
æo accingere /
infirma nostri corporis
virtute firmans perpeti.
Dem ewigen Vater wesensgleich,
Errangst du ob dem Fleisch den Sieg,
Gabst unserm Leib, so kräftekrank,
Durch Tugend Stand- und Haltekraft.
Præsepe iam fulget tuum
lumenque nox spirat novum /
quod nulla nox interpolet
fideque iugi luceat.
Aus deiner Krippe funkelts schon,
Und neuer Lichtglanz blitzt durch Nacht,
Den keine Finsternis verscheucht
Und draus der Glaube ständig strahlt.
(Adventshymnus - ursprünglich ein Weihnachtshymnus - des hl. Ambrosius von Mailand)
Eine Reihe zentraler Glaubenswahrheiten besingt der hl. Ambrosius von Mailand, dessen Fest die Ekklesia heute feiert, in diesem Hymnus: Die jungfräuliche Empfängnis des uns vom Vater zugesprochenen Logos und das Wunder seiner Geburt (Strophen 1 bis 4), auch den Ausgang und die Rückkehr dieses Logos zum Vater, der diesem wesensgleich ist (Strophen 5 und 6). Daß das Licht, das einst in der Krippe aufstrahlte ... das Licht, das jene Nacht in der Fülle der Zeit hauchte und das keine Nacht mehr dunkeln kann - daß dieses Licht in unseren Herzen aufstrahle, dazu helfe uns der hl. Ambrosius mit seiner Fürsprache ... ora pro nobis!
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Und weil, was gesungen wird, auch gehört werden soll:


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Die deutsche Fassung ist entnommen aus: Richard Zoozmann: Lobet den Herren. Altchristliche Kirchenlieder und geistliche Gedichte. München 1928. S. 27 ff.

Sonntag, 6. Dezember 2015

Drei, drei, drei!

 hl. Nikolaus - Kirche St. Barbara, Freiburg-Littenweiler 
Dreieinig ist der wahre Gott,
Drei Knäblein hobst du aus dem Tod,
Drei Jungfraun hast du ausgericht
Das Hochzeitsfest, der Ehe Licht.
Drei, drei, drei!
Geh nicht an uns vorbei!
Drei güldne Bälle warfst du aus,
Drei Stürme hielt dein Nachen aus,
O heiliger Herr Nikolaus,
Drei Ritter aus den Ketten
Kamst du so mild zu retten.
Drei, drei, drei!
Auch uns geh nicht vorbei!
Drei Wünsche haben wir bereit:
Dereinst die süße Seligkeit,
Ein reines Herz in reinem Kleid
Und Gottes Lieb in unser Leid!
Und hast du dann noch Gaben,
Laß sie die Kinder haben.
Drei, drei, drei!
Du Frommer, steh uns bei!
(Ruth Schaumann)
Statt Nüssen und Mandelkern verteilt der hl. Nikolaus an Erwachsene zudem auch gerne Kalender, so mein Eindruck nach der Lektüre in der Nachbarschaft und eigener Widerfahrung vom Tage. Wie dem auch sei: Die im - wie ich finde - recht reizvollen Nikolaus-Gedicht genannten drei Wünsche erfülle der Heilige uns allen, Jung und Alt: Einen schönen Nikolaus-Abend!
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Die Verse sind entnommen aus: Johannes Cramer (Hg.): Das Jahr des Heils im deutschen Gedicht. Leipzig 1955. S. 16. Das Bild zeigt eine Darstellung des hl. Nikolaus aus der Pfarrkirche St. Barbara zu Freiburg-Littenweiler. In Sachen Kalender verweise ich nach hier - mit weiteren Informationen, wie man an zwei schöne Kalender rankommen kann.

Advent (6): Per patientiam et consolationem

Quæcumque scripta sunt, ad nostram doctrinam scripta sunt: ut per patientiam et consolationem Scriptarum spem habeamus.
Alles, was geschrieben worden ist, wurde zu unserer Unterweisung geschrieben, damit wir Hoffnung hegen durch Ausharren und durch den Trost in den Schriften.
(Röm 15, 4 - aus der Lesung am zweiten Sonntag im Advent)
Einerseits schadet es nichts, sich kurz bei der Frage aufzuhalten, welche "Schriften" hier eigentlich gemeint sind - denn rund 20 Jahre nach dem Tod und der Auferstehung des erhöhten Kyrios, als sich Paulus an die Gemeinde zu Rom wandte, gab es noch kein "Neues Testament", wie wir es kennen, war fast alles traditio: Überlieferung der Worte und Taten Christi. Paulus spricht also vor allem von der Schrift des Alten Bundes - der Thora, den Propheten, Psalmen ... und all den anderen Büchern.
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Andererseits wird man der Ansage des Apostels nicht Gewalt antun, wenn man diese nicht allein auf das bezieht, "was geschrieben worden ist", sondern auch darauf, was damals noch aufzuschreiben blieb - und so heben diese Worte die gesamte Bibel in einen Deutungshorizont, den wir beim "Ausharren" im Wort Gottes (selbst da, wo es uns widerständig ist) nie aus dem Auge verlieren sollen: es geht darum, unsere Erwartung zu stärken - und zwar unter dem Vorzeichen der "Hoffnung".
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Nicht zuletzt ist das in alle Krisensituationen unseres Lebens hinein gesprochen - bis hinein in die letzte Krise in hora mortis nostræ: Hoffnung hegen! Und selbst da, wo uns im Gericht die Welt um die Ohren fliegt, ist uns die Ankündigung als Trost und Hoffnungsgrund anheim gegeben; wir hörten von den Zeichen dieses Gerichtes am vergangenen ersten Adventssonntag - und wir hörten dabei auch:
Und dann werden sie sehen den Menschensohn - kommend in einer Wolke mit Kraft und viel Herrlichkeit. Beginnt aber das zu geschehen, richtet euch auf und hebt die Häupter! Denn es naht eure Erlösung ... erkennt, daß nahe ist das Reich Gottes! (Lk 21, 27 f., 31).

Samstag, 5. Dezember 2015

Advent (5): Virgo pariet

Ecce /
virgo concipiet et pariet filium:
et vocabitur nomen eius
Emmanuel.
Da!
Die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären.
Sein Name wird gerufen:
Emmanuel - Gott mit uns.
(aus den Lesungen des Propheten Jesaja (7, 14) in der Mette am heutigen Samstag - Communio der Rorate-Messe)
Erfüllt Gott seine Verheißungen, dann eher nicht so, wie wir es uns erwarten. In den Verheißungen Gottes steckt oft eine merkwürdige Kombination aus Mehr und Weniger, so auch hier: Der Sohn, den die Jungfrau empfängt und gebiert, ist in einem viel umfassenderen und existenzielleren Sinn "Gott mit uns", als man glauben mag. Dieser Emmanuel ist mehr als personifizierte Solidarität, mehr als besondere Gegenwärtigkeit eines ansonsten transzendenten Wesens, mehr als begleitende Hilfe "von oben" oder gar ein zum "Kameraden" umdeklinierter Gott, dessen renommée im Glanz der Koppelschlösser preußischer Armeen strahlte. Er ist auch nicht, um noch einen Blick in die Religionsgeschichte zu werfen, ein vergöttlichter, zur Gotteswürde aufgestiegener Mensch oder ein Halbgott oder ein Gott, der sich hin und wieder menschlich maskiert, wenn er auf die Erde niedersteigt.
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Emmanuel - Gott mit uns! Gott, der Mensch geworden, der Mensch ist. Voll und ganz! Gott, der die Menschheit angenommen hat, um sie nie mehr abzulegen. Gewiss, dies glauben und beten und bekennen wir hoch und runter, an Weihnachten erst recht - das Wunder, das Mehr der erfüllten Verheißung, droht dennoch in einem Bekenntnis business as usual zuweilen nicht mehr recht wahrgenommen zu werden. Dabei müsste die Botschaft, Gott sei (geradezu "total") Mensch geworden, jedes normale religiöse Empfinden erschüttern und provozieren - ein Gott ... wie wir? Spottet das nicht jeder Vorstellung, daß Gott nicht zuletzt gerade darob Gott sei, weil er menschlicher Armseligkeit und all den damit verknüpften Grenzen und Einschränkungen nicht unterworfen ist?
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Religiös "vernünftiges" oder gar "gesundes" Empfinden könnte sich allenfalls mit der Vorstellung anfreunden, dieser Gott-Mensch walte in entsprechender Würde unter seinen Mit-Menschen: ein Gottkönig vom ersten Atemzug an. Doch wie erfüllt Gott seine Verheißung weiter? Jetzt mit dem Weniger gegenüber menschlicher Erwartung und Berechnung! Der Sohn der Jungfrau ist ein schwaches Kind, das - wie alle Kinder - auf Gedeih und Verderb von elterlicher Sorge abhängig ist, ein verletzliches Kind, dessen Schlaf in einem Futtertrog seinen Ort findet, ein kleines Kind, das man wie alle kleinen Kinder in Windeln wickelt - wickeln muss.
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Ehe der Herr die Geburt des Emmanuel aus der Jungfrau verheißen hatte, forderte er Achas auf, selbst nach einem Zeichen zu verlangen: "sei es in der Tiefe unten oder oben in der Höhe" (Jes 7, 11). Achas verweigerte sich; Gott aber gab ein Zeichen, das sowohl aus der Tiefe empor- wie aus der Höhe herabstieg: das Weniger und das Mehr seiner Verheißung.
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Das Zeichen aber währt bis heute in diesen aion hinein: der Gott, der sich vor zweitausend Jahren zum Menschen entäußert hat, entäußert sich heute in einem kleinen und armseligen Stückchen Brot, das die Jungfrau Ekklesia empfängt und gebiert. Ecce!

Freitag, 4. Dezember 2015

Advent (4): Deus ædificabit

Videte, humiles, et lætamini, *
et reviviscat cor vestrum, qui quæritis Deum.
Nam Deus salvabit Sion, et ædificabit civitates Iuda: *
et habitabunt ibi et possidebunt eam.
Et semen servorum eius hereditabit eam; *
et qui diligunt nomen eius, morabuntur in ea.
Bedrückte, seht es und werdet froh;
euch, die ihr suchet nach Gott, erstarke das Herz.
Denn Gott wird Jerusalem retten,
die Städte Judas wird er wieder erbauen,
und wohnen werden die Seinen im Land, zu eigen es haben.
Die Nachfahrn seiner Knechte werden es erben,
und Heimat finden darin, die seinen Namen lieben.
(Verse aus Psalm 68 (33, 36 f.) am Ende der Mette vom Donnerstag)
Das Gegen-, oder besser: das Folgebild zu den Worten Jesajas, die vor zwei Tagen zur Sprache kamen: Gott wird Jerusalem aus den Trümmern, in die es gesunken ist, wieder heraufführen und das gestürzte Juda neu erbauen. Das gilt auch für die streitende Kirche, die kyriaké oikía, das Hauswesen des Kyrios in diesem aion. Davon ein andermal, heute nur die Verheißung: "Bedrückte, seht es und werdet froh"!
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Was nehme ich noch mit aus diesen Versen? Daß es gilt, sich die Mahnung ins Gemüt zu schreiben, daß Gott es ist, der rettet und neu aufbaut. Wir sind - unseren Kräften entsprechend - vielleicht Handlanger und eher "unnütze Knechte" (Lk 17, 10). Zu den Geboten der Stunde, inmitten manchmal verstörender Entwicklungen, zählt Gelassenheit ... ein Grundvertrauen, daß nicht wir das Werk wirken müssen, welches Gott allein wirken kann, und daß Gott es zu einem guten Ende wirken wird. 
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Tun wir unsere Schuldigkeit ... Corrigamus nos ad laudem Christi: Wir sollen uns bessern zum Lob Christi.

Donnerstag, 3. Dezember 2015

Advent (3): Ad laudem Christi

Declinant anni nostri et dies ad finem.
Quia tempus est /
corrigamus nos ad laudem Christi.
Lampades sint accensæ /
quia excelsus iudex venit
iudicare gentes. Halleluiah. Halleluiah.
 
Dem Ende neigen sich unsere Jahre und Tage.
Es ist Zeit,
daß wir uns bessern zum Lob Christi.
Entzündet seien unsere Lampen,
denn der erhabene Richter kommt,
um die Völker zu richten. Alleluja. Alleluja!
(Transitorium - Kommuniongesang - vom letzten Sonntag des Kirchenjahres im ambrosianischen Ritus)
Christus ist nicht Mensch geworden, damit wir "schöne Weihnachten" haben. Was immer wir feiern, ist sozusagen "nur" Erneuerung und Vertiefung der Mysterien und der damit verbundenen Gnadengabe, in welche wir bereits eingeweiht sind: Die Taufe, die Firmung, die Eucharistie. Das alles aber hat ein Ziel: Den Kyrios als den Kommenden und sein Reich als die kommende Gottesherrschaft zu erwarten und dafür bereit zu sein. Das Kommen dieses Reiches zu ersehnen und die Welt über die Schwelle dieses Reiches zu führen, soweit wir das vermögen.
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Und Weihnachten? Die Krippe, so könnte man sagen, weist uns auf das Kreuz, das Kreuz aber auf das Siegeszeichen des Erhöhten. Erst dann kommt das "schöne Fest", der "heilige Abend", kommen die stimmungsvollen Lichter und vertrauten Lieder. Sie geben uns Halt und Zuversicht, sind aber nicht das Wesentliche. Über allem Schönen, echt Erbaulichen und über allem Guten, wozu wir uns in diesen Tagen vielleicht ganz besonders ein Herz fassen, sollten wir daran denken, daß wir dies im allerletzten Grund nicht tun, um gute Menschen zu sein, um die Not dieser Erde zu lindern oder um die Welt ein wenig friedlicher zu machen ...  all dies ist gut, aber kein Selbstzweck.
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Was wir tun, tun wir zum Lob Christi. Das ist das brennende Licht in unseren Gott entgegen tastenden Händen, genährt vom Öl unserer Werke: Licht, damit das Reich Gottes den Menschen aufscheine ...
Sucht zuerst das Reich Gottes und dessen Gerechtigkeit;
all das andere wir euch hinzugelegt werden (Mt 6, 33).

Mittwoch, 2. Dezember 2015

Advent (2): Contra Dominum

Ruit enim Ierusalem, et Iudas concidit: quia lingua eorum et adinventiones eorum contra Dominum, ut provocarent oculos maiestatis eius. Agnitio vultus respondit eis: et peccatum suum quasi Sodoma prædicaverunt, nec absconderunt: væ animæ eorum, quoniam reddita sunt eis mala.
In Trümmer wird Jerusalem sinken, stürzen wird Juda. Denn ihr Reden und Ihre Pläne sind gegen den Herrn gerichtet, um die Augen seiner Majestät zu provozieren. Ihre Gesichtszüge verraten es! Wie in Sodom geben sie mit ihrer Sünde an und verbergen sie nicht: Wehe ihren Seelen, denn schlimm wird es ihnen vergolten!
(aus den Lesungen des Propheten Jesaja (3, 8 f.) in der Mette am Mittwoch nach dem ersten Adventssonntag)
Nein, Jesaja "sagt" nicht nur von dem "Blümlein, das ich meine", wie wir bald wieder singen werden. Jesaja ist auch nicht nur der Prophet eines messianischen Friedensreiches, von dem wir noch hören werden. Jesaja ist auch Ankläger und Künder des Gerichtes.
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Die zitierte Stelle lässt uns heute vielleicht rasch an "die anderen" denken. An jene, die im Namen künstlerischer Freiheit oder in Satiren mit Hohn und Spott alles, was heilig ist, mit Dreck überschütten. Die sich für ihr asoziales Verhalten als "Macher-Typen" feiern lassen. Die im Hochmut ihr Geld und ihren Besitz und einen Reichtum herumzeigen, den sie nie und nimmer selbst, mit rechten Dingen oder zurecht verdient haben können. Die in Talkshows ihre sexuellen Obsessionen genüsslich ausbreiten und sich ob ihrer "Freizügigkeit" feiern lassen. All die, all diese anderen ...
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Das tun "wir" natürlich nicht! Wir suhlen uns höchstens hin und wieder (und offen oder insgeheim) in der "Verkommenheit" jener anderen, über die wir uns sodann wunderbar erhaben, geradezu "erwählt" wähnen (und im schlimmsten Fall trösten wir uns mit also eingewähnter "Erwählung" irgendwie darüber hinweg, daß wir so ein durchgeknalltes Leben ja leider nicht führen können; es juckt uns nämlich selbst in den Fingerspitzen).
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Das Reich Gottes aber - um auf diese ganz andere Realität zurück zu kommen - das Reich Gottes kommt nicht dadurch, daß "die anderen" (zu unserer insgeheimen Genugtuung womöglich) einer schlimmen Strafe, gar der ewigen Verdammnis verfallen sollen; das Reich Gottes kommt durch uns - auch zu den "anderen", die nicht weniger einzutreten berufen, als wir es sind. Bereiten wir Ihm den Weg? Zu uns und zu "den anderen"?

Dienstag, 1. Dezember 2015

Advent (1): Leva oculos!

Leva / Ierusalem / oculos tuos
et vide potentiam regis:
ecce /
Salvator venit solvere te a vinculo.
Hebe deine Augen auf, Jerusalem,
schau auf die Macht des Königs:
Da!
Dein Heiland kommt, dich aus der Fessel zu lösen!
(Magnificat-Antiphon am Montag der ersten Adventswoche)
Was schwer ist, lässt sich nicht immer so einfach auf- und emporheben; manchmal muss man erst Gewicht wegnehmen - so steckt denn auch im lateinischen Wort levare ursprünglichen die Bedeutung "leicht machen".
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Leva oculos ... die Augen "leicht machen", um aufschauen zu können - das ist manchmal leichter gesagt als getan. Augen können schwer werden. Weil sie müde sind. Weil sie die Last vieler Jahre gesehen haben. Oder weil Tränen keinen klaren Blick mehr zulassen. Was immer der Grund ist: Mit schweren Augen nehmen wir die Welt, das Leben um uns herum und auch uns selbst nur partiell wahr, übermannt von Müdigkeit, überdeutet von Enttäuschungen, übernichtet von Schmerz - der Gründe gibt es viele, und zuweilen treten sie alle miteinander ins Herz.
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Wir können uns selbst nicht lösen, die Verstrickungen lösen, in denen wir gefangen sind, die Fragen lösen, denen wir begegnen, wenn wir auch nur ein wenig von der Oberfläche unserer Existenz in die Tiefe schürfen, wenn wir aus allen Betäubungen und Banalitäten unserer Tage abtauchen zum Urteil, ob wir bestehen können (eine Frage übrigens, für die man keinen Gott braucht, um sie sich zu stellen: Es reicht bereits, sich angesichts der Menschen zu fragen, die uns widerfahren und denen wir widerfahren).
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Leva oculos! Mache deine Augen leicht, zumindest ein wenig, versuche es - ein anderer ist es, dem die Macht zureicht, den Blick zu klären und allem den Sinn zu entbergen, wenn du vertraust:
Da!
Dein Heiland kommt, dich aus der Fessel zu lösen!