Sonntag, 20. Dezember 2015

Advent (20): O radix Iesse

O radix Iesse,
qui stas in signum populorum,
super quem continebunt reges os suum,
quem gentes deprecabuntur;
veni
ad liberandum nos,
iam noli tardare.
O Wurzel Jesse,
du stehst als Bannerzeichen der Völker.
Könige verstummen vor dir,
die Weltstämme bitten dich flehend:
Komm
uns zu befreien!
Zögere nicht!
(Magnifikat-Antiphon zum 19. Dezember)
Sieben große Bilder ruft die betende Ekklesia beim abendlichen Stundengebet der Vesper an den letzten Tagen vor Weihnachten auf; sie rahmt damit ihren Brautgesang, das Magnificat ein, und jubelt mit Maria, von der sie dieses Lied empfangen hat, ihrem Retter. Die sieben Rufe selbst werden O-Antiphonen genannt, da sie stets mit demselben Ausdruck des Erstaunens, der Erschütterung und - hier nicht zuletzt - der Sehnsucht beginnen: "O" ... O radix Iesse klang es gestern Abend zur ersten Vesper des vierten Advents um den Erdkreis: "O Wurzel Jesse".
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Jesse finden wir im Stammbaum Jesu, "des Messias, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams" (Mt 1, 1). Und weiter bei Matthäus (1, 6): "Jesse zeugte David, den König". Jesse finden wir später auch in der christlichen Kunst, etwa an den Portalen gotischer Kirchen und Kathedralen: dort schläft er zuweilen, während aus seinem Herzen ein Spross erwächst, der sich an mannigfachen Bildern und Impressionen des Heilsgeschehens emporrankt bis zur Darstellung der erhöhten Kyrios Christus. Inspiriert wird diese Bildwelt von Worten des Propheten Jesaja - sie sind der Grund, warum Jesse mehr ist als nur ein Mensch im Stammbaum des Heils. Jesse "blüht" geradezu "auf" - nach einer Gerichtsrede des Propheten gegen ein gottverlassenes Israel, über welches die Assyrer herfallen:
... Noch heute möcht er nach Nob gelangen
und eine Faust dem Berg der Sionstochter machen,
dem Hügel von Jerusalem.
Doch seht! Da haut der Herr, der Heeresscharen Herr,
gewaltsam ab der Bäume Krone.
Die hohen Wipfel werden abgeschlagen
und was emporsteht, stürzt herab.
Gefällt wird mit der Axt des Waldes Busch;
der Libanon stürzt hin durch einen Mächtigen.
Dann sprießt hervor ein neues Reis aus Jesses Stumpf;
ein Schößling bricht hervor aus seiner Wurzel.
Auf ihn läßt sich der Geist des Herrn herab,
der Geist der Weisheit, des Verstandes,
der Geist des Rates und der Stärke,
der Geist der Kenntnis und der Furcht des Herrn ...
(Jes 10, 32 ff.; 11, 1 f.).
Danach kündet Jesaja vom Friedensreich des Messias. Wenngleich von Jesse losgelöst, so doch bedeutungsvoll, begegnet uns das Wort von der Wurzel bei Jesaja später erneut - im Lied des leidenden Gottesknechts:
Er wuchs für sich so, wie ein Reis,
so, wie aus dürrem Erdreich eine Wurzel auf,
war ohne Schönheit und Gestalt,
zog unsere Blicke nicht auf sich,
war ohne Ansehen, aller Reize für uns bar.
Er war verachtet und von aller Welt verlassen,
ein Schmerzensmann, in Krankheit wohl erfahren,
verachtet, wie er sich verhüllen muss.
Wir rechneten mir ihm nicht mehr.
Und doch trug er von uns die Leiden ...
(Jes 53, 2 ff.)
Ist all das jetzt nur Heilgeschichte auf der großen Bühne des Glaubens ... der Stammbaum Jesu, Jesse darin und David, der König? Der leidende Gottesknecht? Gewiß ist das für uns bedeutend, schlägt die Saiten unseres Glaubens an: Wir bekennen Christus als den "Messias", den "Sohn Davids", verkünden ihn als den "Gekreuzigten", hoffen auf ihn als den "Erstgeborenen aus den Toten", sehen ihn als den "Erhöhten" und erwarten ihn als den in Herrlichkeit kommenden Kyrios! Das alles ist, wenn man so will, "Wurzel Jesse".
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Aber dieses Bild einer Wurzel ... kann uns das auch noch etwas anderes sagen? Vielleicht dies: Eine Wurzel steckt in der Erde, im Dreck, ist verborgen in Niedrigkeit. Die "Wurzel Jesse" wächst nicht aus dem Himmel herunter, sondern aus der menschlichen Geschichte heraus, deren Verderbnisse alle inbegriffen. Eine Wurzel ist noch lange nicht die Blüte; was wächst, bedarf der Wandlung, und diese Wandlung ist nicht selten eine schmerzhafte Angelegenheit. So hat sich Christus unserem Leben auch "anverwandelt", hat Leiden mit und für uns durchgestanden, ehe der Morgen des Ostertages, einer neuen Schöpfung erwachte.
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Die "Wurzel Jesse" wächst nicht nur aus der menschlichen Geschichte heraus, sie rankt sich auch durch deren Höhen und Tiefen. Jesse zeugte David! David aber festigte nicht nur das Königtum Israels und überführte die Bundeslade nach Jerusalem, sondern opferte auch das Leben des Urija um der Affaire mit Bathseba willen - die Klage darob stimmt der 50. Psalm an: Miserere mei, Deus ... "Erbarme dich meiner, Gott!" Und wie oft rankt sich die Wurzel Jesse aus den Abgründen unserer von Schuld gezeichneten Seele, aus "dürrem Erdreich", durch ein Leben, in dem Gnade und Gutes, Sünde und Erbärmlichkeit eng beieinander wohnen?
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Gott begleitet dennoch dieses Leben, wenn wir ihn nicht davon jagen; läßt sein Heil wachsen, wenn wir es nicht vertrocknen lassen, sondern stets wieder zu ihm uns kehren, um unser dürres Land und die Wurzel, die es immer mehr durchdringen will, aus den Quellen des Heils, den heiligen Mysterien, den Sakramenten der Ekklesia zu tränken. Das Dunkel aber, Wurzel und Wachsen, Aufbau und Niedergang, Versagen und Vergebung: was alles wir Geschichte nennen, sei es im Weltlauf wie im Persönlichen - all das ist in das letzte Selbstzeugnis des Kyrios hinein genommen, von dem wir am Ende der Offenbarung des Johannes (22, 16) hören, und ins Licht der Ewigkeit gehoben:
Ich bin
die Wurzel
und der Stamm Davids,
der strahlende Morgenstern.
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 Bild: Spross aus der Wurzel Jesse - Glasfenster (Ausschnitt) in der Pfarrkirche St. Wendelin zu Altglashütten im Schwarzwald. Der Adventskalender der Blogozese wird morgen mit einem Beitrag auf dem Portal zur katholischen Geisteswelt (hier) fortgesetzt.

Kommentare:

Carina hat gesagt…

Solch schöne Worte am Morgen! :-) (Hoffentlich sind nun nicht die Brötchen verbrannt... :D)

Tarquinius hat gesagt…

Sehr fein!

Andreas hat gesagt…

Öhh ... heißt das jetzt, daß Tarquinius verkohlte Brötchen mag? (Natürlich hoffe ich, daß sie rechtzeitig aus dem Ofen auf den Tisch gekommen sind).

Meckiheidi hat gesagt…

Wunderschön! Das war für mich die Adventsandacht heute Abend. Zusammen mit
https://www.youtube.com/watch?v=VRzOsCF6gSw

Danke!

Carina hat gesagt…

Der isst doch sowieso alles. :-D

Danke der Nachfrage, es ist alles gut gegangen. :)