Freitag, 18. Dezember 2015

Advent (18): O Sapientia

O Sapientia,
quæ ex ore Altissimi prodiisti,
attingens a fine usque ad finem,
fortiter suaviter disponens omnia:
veni
ad docendum nos
viam prudentiæ.
O Weisheit,
enthaucht dem Mund des Allerhöchsten,
du umfassest das All bis an die äußersten Enden
und ordnest es machtvoll und mild:
Komm,
um uns zu weisen
den Weg der Einsicht!
(Magnificat-Antiphon am gestrigen 17. Dezember)
Das Wort vom Gekreuzigten ist den ungläubigen Juden ein Ärgernis, den Heiden hingegen eine Torheit. Aber allen, die glauben, ist Christus "Gottes Kraft und Gottes Weisheit" - das schreibt Paulus in seinem ersten Brief an die Christen zu Korinth (1, 18 ff.).
.
In der Tat benötigen wir "Ein-Weisung", "Ein-Sicht" in den Plan Gottes, um in das Kreuz, in seinen tiefen Grund eindringen, in seinen Abgrund hinabsteigen zu können. Wir wehren uns gegen das Kreuz: Gegen die Zumutung eines Sterbenden, gegen die Provokation, diesen Tod als Hingabe an einen liebenden Vater zu verstehen ... und wir wehren uns nicht zuletzt gegen das Kreuz, das auch unser eigenes Leben prägt. 
.
Doch gibt das Kreuz Orientierung. Einmal in den Felsen von Golgatha gerammt, steht es als Wegmarke in der Geschichte. Kein Ort, keine Zeit, kein Wesen: nichts in diesem und dem kommenden Aion, was von diesem Zeichen, dessen Arme Tiefen und Höhen und Seiten ausloten, nicht eingeholt und umfangen und machtvoll und mild geordnet wird. Wir können das Kreuz, das zum Äußersten gesetzte Zeichen der kénosis, jener Selbstentäußerung Gottes, die wir in der Menschwerdung bald feiern werden, nicht erfassen. Aber wir können uns von ihm umfassen lassen - gegen alle Widerstände ...
O Weisheit ...
Komm,
um uns zu weisen
den Weg der Einsicht!