Sonntag, 13. Dezember 2015

Advent (13): Modestia vestra

Gaudete in Domino semper:
Iterum dico, gaudete.
Modestia vestra
nota sit omnibus hominibus:
Dominus enim prope est.
Freut euch im Kyrios allezeit -
und ich wiederhole es: Freut euch!
Eure Freundlichkeit
werde allen Menschen vertraut:
Der Kyrios ist nahe!
(Phil 4, 4 f. - Introitus und Lesung am dritten Sonntag im Advent)
Christ-sein ist kein Spaß. Mir fällt ein Zitat aus  Sister Act ein, einige Sätze aus einem Gespräch, das die Oberin einer Schwesterngemeinschaft mit der Nachtclub-Sängerin Deloris Van Cartier führt, nachdem diese - als Kronzeugin von der Polizei im Kloster versteckt - als "Schwester" Mary Clarence den Konvent aufgemischt hatte. Die Oberin ("und jetzt bin ich ein veraltetes Modell") misstraut dem neuen Geist:
Mary Clarence, es ist ziemlich leicht, etwas zu bewegen, wenn man in ein Milieu gerät, das nicht sein eigenes ist. Sie haben in den Schwestern große Erwartungen geweckt. Sie gehen voll Freude und Aufregung an die Arbeit und betrachten ihre Sozialarbeit als immerwährendes Straßenfest. Sie und ich wissen genau, daß die Dinge nicht so einfach liegen. Es kommt bald zu Enttäuschungen und seelischen Schocks ...
In den Worten liegt viel Wahres. Und auch der Christ weiß, daß das Leben kein "immerwährendes Straßenfest" ist. Er weiß um die Herausforderung, den Glauben in einer Welt zu leben, der er in diesem Glauben fremd ist. Er spürt die Selbstbeherrschung und Zucht, die es dabei braucht, und er muß bekennen, daß er auf dem Grat zwischen Glaube und Welt oftmals aus dem Gleichgewicht gerät, zu fallen droht und fällt, bis einem Engel befohlen wird, ihn aufzufangen und auf den Händen zu tragen.
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Und doch betont Paulus mit Nachdruck: "Freut euch!" Was aber ist das für eine Freude? Die Antwort scheint mir im folgenden Satz zu liegen: Modestia vestra nota sit omnibus hominibus. Diese modestia oder - im griechischen Urtext - tò epieikès: Was meint das? Mit "Freude" scheinen beide Begriffe zunächst einmal nur wenig gemein zu haben. 
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Das epieikès spricht uns von einer "milden Gesinnung" und der Kenntnis des Humanen samt seiner Unzulänglichkeiten - hier sind Christen also Menschen, denen vielleicht die Welt, aber gemäß eines Wortes des Dichters Terenz "nichts Menschliches fremd" ist: Sie wissen aus eigener Erfahrung, wie rasch man vom rechten Weg abkommen kann, tragen diese Erfahrung in ihre Sicht auf andere Menschen ein und gehen im je kritischen Augenblick - um einen wesentlichen Anwendungsfall zu benennen - entsprechend "milde" mit ihnen um: So kommen wir der Freude ein Stück weit auf die Spur, die Christen hegen und in dem ausdrücken sollen, was man "Freundlichkeit" nennt, ob diese erwidert werde oder auch nicht - sie werde allen Menschen vertraut!
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"Milde" zählt alsdann auch zu den Bedeutungen von modestia - dieses Wort hat mit dem lateinischen modus, dem "Maß" zu tun, und beschreibt ursprünglich eine "maßvolle" Haltung des Menschen (die zum Beispiel nicht unmäßig werden dürfe im Strafen). Wenn ein Mensch das rechte Maß in allem hält, ergeben sich von selbst "Anstand", "Wohlverhalten", "Ehrbarkeit" und "sittliches Wohlverhalten" - das alles zählt zu den (abgeleiteten) Bedeutungen von modestia. Die Alten griffen zudem auf dieses Wort zurück, um dem stoischen Begriff der eutaxía zu latinisieren: einer Sache den richtigen Platz zuweisen, das richtige Wort zur richtigen Zeit finden. Gelingt dies dem Menschen, so wird es ihm leichter fallen, mit sich selbst und seinen Mitmenschen ins Reine zu kommen - und auch das werde nun allen Menschen vertraut!
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In diesem Rahmen äußert sich also die Freude, von der Paulus spricht. Und diese Freude hat einen Grund: 
Der Kyrios ist nahe!

Kommentare:

viasvitae hat gesagt…

Wow! Sehr schön! Danke für diesen gehaltvollen Beitrag!

Andreas hat gesagt…

Grazie!