Donnerstag, 10. Dezember 2015

Advent (10): Excita corda nostra

Excita, Domine,
corda nostra
ad præparandas
unigeniti tui vias ...
Reiße auf, Herr,
unsere Herzen,
damit wir deinem Eingeborenen
die Wege bahnen ...
(aus dem Tagesgebet am zweiten Sonntag im Advent)
Von den Tagesgebeten der Messformulare an den vier Adventsonntagen beginnen drei mit einem eindringlichen Appell: Excita! Ein spannendes und hoch dynamisches Wort, das aus der Vorsilbe ex ("heraus") und dem Adjektiv citus ("schnell". "rasch", "eilends") beziehungsweise dem Verb ciere ("in Bewegung setzen", "anregen") zusammengesetzt ist. Breit, aber kohärent, sind alsdann die Bedeutungsnuancen gestreut, die sich dieses Wort sprachgeschichtlich angeeignet hat - hier eine Auswahl:
aufjagen, aufscheuchen,
herausjagen, heraustreiben,
aufwecken, aufschrecken,
heraus- und herbeirufen,
aufrütteln, aufwecken, aufregen,
alarmieren, aufstören, aufrühren,
anfeuern, anfachen, entfachen,
erregen, aufwirbeln ...
... und manch andere Bedeutung. Alles das steckt in excitare - und keine deutsche Übersetzung vermag die Vielschichtigkeit dieses Wortes aufzufangen. Doch es lässt sich erahnen, mit welcher Intensität die betende Ekklesia hier die Hilfe Gottes sucht. Im oben angeführten Gebet des zweiten Adventsonntags wird dies besonders deutlich: Excita ist ein Imperativ, der hier nicht durch den üblichen Bittgestus quæsumus ("wir bitten dich") gemildert wird - eine geradezu unverfrorene Anrede des Höchsten, die uns aber auch in den Psalmen begegnet, sogar in Form des handfesten Vorwurfs eines von Feinden umringten Beters in Ps 43, 24.
.
Noch etwas fällt bei den Excita-Gebeten der Adventsonntage auf: Am ersten und am vierten Herrentag bittet die Ekklesia, Gott möge seine Macht aufbieten und kommen (Excita, quæsumus, potentiam tuam et veni) - er möge also zu unserem Heil sozusagen zuerst an sich etwas wirken. Am vergangenen Sonntag hörten wir hingegen jenen schier atemlos unverstellten Ruf, der sich, wie gesagt, geradezu als Befehl oder Beschwörung ausnimmt: Excita, Domine, corda nostra! Versetze in Aufruhr, du unser Gott, rüttle auf, stachle an, rufe raus unsere Herzen!
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Woher solch inständigste Rede? Nun denn ... womöglich sind unsere trägen Herzen weit weniger in Bewegung zu setzen als die göttliche Macht, selbst wenn es um unser Heil geht ...

1 Kommentar:

Carina hat gesagt…

Leider, leider wohl wahr...
Danke für diesen Beitrag und die kleine Latein-Lerneinheit! ;-)