Donnerstag, 19. November 2015

Zur Höchstform auflaufen

 Die hl. Elisabeth von Thüringen - Eschbach, Pfarrkirche St. Agnes 
Mächtig sei der Zug der Gnade in der Seele der heiligen Elisabeth gewesen, so schrieb einst die heilige Teresia Benedicta a Cruce OCD - damals noch unter ihrem bürgerlichen Namen Edith Stein - in der Benediktinischen Monatsschrift im Jahr 1931.Und ...
... hell stieg die Flamme der Gottesliebe empor, alle Hüllen und Schranken durchbrechend. Da legte sich dieses Menschenkind in die Hände des göttlichen Bildners. Ihr Wille wurde ein gefügiges Werkzeug des göttlichen Willens, und von ihm geleitet konnte er daran gehen, die eigene Natur zu zähmen und zu beschneiden, der inneren Form freie Bahn zu schaffen, konnte auch eine äußere Form finden, die der inneren gemäß war, in die sie hineinwachsen konnte, ohne ihre natürliche Richtung zu verlieren.
Zuvor hatte Edith Stein einige Gedanken an Leben und Charakter der hl. Elisabeth entfaltet, die sie zu einer Überlegung über Fragen der "inneren" und der "äußeren Form" führen; diese wiederum gelten nicht nur für die Heilige, derer die Ekklesia heute gedenkt, sondern sie sind auch für unsere eigene christliche Existenz von großem Belang - wenn es darum geht, daß wir sozusagen unsere Mitte finden: jenes In-der-Welt- und doch Nicht-von-der-Welt-Sein, welches uns als Christen im rechten Spiel von Spannung und Gelassenheit Gott entgegen gehen läßt im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe. Im Bekenntnis zur ...
... "unverbildeten menschlichen Natur" lebt der Glaube an eine formende Kraft im Menschen, die von innen heraus wirkend, ungestört durch Druck und Zug von außen, den Menschen und sein Leben zu einem harmonischen, formvollendeten Gebilde gestaltet. Aber die Erfahrung bestätigt diesen Glauben nicht. Wohl ist die Form im Inneren verborgen, aber verstrickt in wuchernde Gewebe, die eine reine Auswirkung hemmen. Wer seine Natur sich selbst überlässt, den treibt es bald dahin, bald dorthin, er kommt nicht zu klarer Formung und Gestaltung. Und Formlosigkeit ist nicht Natürlichkeit. Wer nun die eigene Natur in Zucht nimmt, wuchernde Triebe beschneidet und ihr die Form zu geben sucht, die ihm gut dünkt, vielleicht eine Form, die er draußen fertig vorgefunden hat, der mag wohl hier und da der inneren Form Raum schaffen zu freier Auswirkung, aber es kann auch sein, dass er ihr Gewalt antut, und an Stelle der frei entfalteten Natur tritt Unnatur und Machwerk. Und so reckt sich jene innere Formkraft, die in Banden liegt, einem Licht entgegen, das sicherer leitet, und einer Kraft, die sie frei macht und ihr Raum schafft. Das ist das Licht und die Kraft der göttlichen Gnade ...
Nach dieser Gnade müssen wir Ausschau halten und um sie bitten; gerade auch, wenn wir den Eindruck haben, daß uns der Glaube - nicht zuletzt auf dem Hintergrund unserer Zeit - mehr bedrückt als frei macht, mehr verbittert als froh stimmt, mehr Wunden reißt als Wunden heilt. Mit der Fürsprache der hl. Elisabeth und mit der Stimme der Ekklesia bitten wir Gott um das Licht der Gnade - auch zur Unterscheidung dessen, was unsere innere Form hemmt und was ihr zur Entfaltung frommt, damit wir unverkrümmt und gerade am Ziel im wahrsten Sinn des Wortes "zur Höchstform" auflaufen können: 
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Tuorum corda fidelium, Deus miserator, illustra ...
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Mache hell, du erbarmender Gott, die Herzen deiner Gläubigen!
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Zitate aus: Edith Stein: Lebensgestaltung im Geist der hl. Elisabeth. Hier entnommen aus: Jakobus Kaffanke OSB / Katharina Oost (Hg.): "Wie der Vorhof des Himmels" - Edith Stein und Beuron. Beuron (2) 2009. S. 74 f. Bild: Darstellung der hl. Elisabeth in der Pfarrkirche St. Agnes zu Eschbach im Markgräflerland.

Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

Dankeschön ... dafür! Sowie für das stetes neue aus dem Hut zaubern neuer (ja, sogar mal wirklich neu-neuer!) Quelltexte ...

Andreas hat gesagt…

Grazie!

Die Texte verdanken sich nicht zuletzt gerne dem diakonischen Trödelladen. Die Caritas ist da weniger prickelnd sortiert ...