Mittwoch, 4. November 2015

Widerspenstig leben

 Der hl. Karl Borromäus - Glasfenster in der Kirche St. Gallus zu Ebringen 
Der heilige Karl Borromäus sei ein "tridentinischer" Heiliger - so schreibt es uns die einschlägige Fachliteratur weit überwiegend jüngeren Datums hier und da zu zweifelhaftem Angedenken; denn zuweilen glaubt man die Kneifzange im Hintergrund knirschen zu hören, die den Griffel dabei geführt hat. Schließlich markiert das das Konzil von Trient (also das mit dieser furchterbaren "tridentinischen Murmelmesse") für Katholiken à jour nicht nur einen kirchlichen Aufbruch aus der Luderei des sich auflösenden Mittelalters und der frühen Neuzeit ("Reform an Haupt und Gliedern"), sondern steht auch für eine radikale Konfessionalisierung der römischen Kirche, die Absicht inbegriffen, alles Katholische in ein enges römisches Korsett zu zwingen. Zweiteres klingt, übernimmt man diese Sicht, natürlich irgendwie "unsympathisch" - daß nun der Heilige, dessen Fest die Ekklesia heute feiert, daran regen Anteil hatte, steigert dann keineswegs dessen Beliebtheit.
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Ohnehin scheint dieser Bischof - Adelsspross und Kardinal - der heutigen Lebenswelt eher fern. Seine Sorgen samt Möglichkeit und durchgesetzter Strategie, sich ihrer zu entledigen, sind - schon rein geschichtlich bedingt - anders gelagert als unsere Nöte heute. Sein "Vorbild" (Selbstkasteiung eingeschlossen) kommt für die wenigsten unserer Zeitgenossen in Frage.
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So stellte denn auch - anlässlich der Vierhunderjahrfeier von Karls Heiligsprechung 2010 - Diogini Kardinal Tettamanzi, damals Nachfolger des Heiligen auf dem Bischofsstuhl zu Mailand, die Frage nach der "Aktualität" dieses Mannes. Im Blick auf den Zeitgeist - Tettamanzi spricht von "der augenblicklichen Mode entsprechend" - mag der hl. Karl Borromäus in der Tat erst einmal wenig hergeben; so gesehen sei Karl also ziemlich "inaktuell" ... aber, so der Kardinal:
Wenn man auf der anderen Seite unter „inaktuell“ das versteht, was in den grundlegenden Werten der christlichen Tradition verwurzelt ist, wenn „inaktuell“ bedeutet, noch an jenen Fels gebunden zu sein, der Jesus Christus ist und der der ge­samten Struktur des Hauses ihren wahren Halt gibt, wenn all das als „inaktuell“ eingestuft wird, nur weil es nicht zu dem passt, was heute als "politically correct" gilt, dann müssen wir uns fragen, ob die Inaktualität des hl. Karl nicht zu einem einzigartigen und dringlichen Erfordernis des Umdenkens, der Neubewertung unserer Urteilsmaßstäbe, der Umstellung der Form unseres Lebens und unseres Zusammenlebens wird.
Es gilt also, sich das Beispiel des hl. Karl Borromäus für unsere Zeit anzuverwandeln: Fest und unverzagt angesichts aller Umbrüche (auch aller Niederlagen) zu glauben und die Kirche zu lieben, aus der Feier der leiturgía zu leben und im Gebet das Gespräch mit Gott zu suchen, einander zu stärken und Kraft zu geben, in Widerspenstigkeit zum Geist der Zeit zu leben - und all das konsequent zu tun: dazu helfe uns Gott auf die Fürsprache des heiligen Karl Borromäus ... ora pro nobis!
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Bild: Der hl. Karl Borromäus - Glasfenster in der Pfarrkirche St. Gallus zu Ebringen bei Freiburg. Die Ausführungen von Kardinal Tettamenzi sind hier nachzulesen.

1 Kommentar:

Tarquinius hat gesagt…

Wieso sollte der Heilige uns nicht darin Vorbild sein, zeitgenössisch-zeitgemäße Kardinäle (selbst) zu kasteien ... ?! *undweg*