Donnerstag, 5. November 2015

Vom raubgeilen Rabentier

 Rabe zu Füßen des hl. Benedikt 
Treuere Leser erinnern vielleicht früherer lamentationis, nachdem sich aus dem Plan, ein paar Spatzen durch den Winter zu füttern, am Küchenfenster eine kleine Taubenplage entwickelt hatte - zumal sich das gurrende Gelichter übers Futter für die Singvögel hermachte und binnen kurzer Zeit in wachsender Zahl zum Wegfressen anrottete. Mithin galt es nun, angesichts eines Mansardendachs das Futter in Form und Art zu deponieren, die es den Tauben nicht erlaubt, sich drüber her zu machen; was bisher auch zu funktionieren schien. Auch vor den Katzenviechern, die unten im Hof rumschleichen, sind die Vögel hier oben behütet und sicher. 
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Meisenknödel und irgendein Nusskram im Netz fanden beim Zielpublikum rasch Anklang ... leider aber auch bei einem neuen und ungebetenen Gast. Am Samstag, vom Frühstückstisch war es nicht zu übersehen, zerrte eine Krähe hektisch am Knödel, gerade erst frisch aufgehangen, bis das Netz riss und der Inhalt über die Dachkante zum Teufel ging (und das raubgeile Rabentier hoffentlich gleich mit). Nicht von ungefähr suchte der Leibhaftige dem heiligen Vater Benedikt in Gestalt eines Raben einen ordentlichen Schrecken einzujagen (allerdings habe ihn auch ein Rabe vor dem Verzehr vergifteten Brots gewarnt).
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Was nun soll man von diesen unangenehmen Gestalten auch erwarten? Deren Ruf ist ohnehin ruiniert. Wer kennt nicht das Wort von den Rabeneltern, das auf die Vorstellung zurückgeht, Raben würden ihre Kinder nicht erkennen und sich selbst überlassen, bis diesen rabenschwarze Federn wachsen würden, derweil Gott die Brut bis dahin mit Tau ernähren müsse? Oder man denke an Noah - der entließ am Ende der Sintflut zuerst einen Raben aus der Arche, damit dieser die Lage erkunde (vgl. Gen 8, 6) - das Vieh flattere davon und ließ sich nicht mehr blicken. Da waren selbst die Tauben treuer, wie sich hernach zeigen sollte.
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Für die Kirchenväter war die Sache alsdann klar: Der Rabe sei ein Bild des Sünders, der nicht zur Ekklesia zurückkehren wolle. Im Rabenruf ("cras cras") hört der hl. Augustinus das lateinische Wort für "morgen" heraus - der Rabe wird ihm zum Symbol der Sünders, der seine Bekehrung stets vor sich herschiebt. Nun gut ... es gibt andererseits den Bericht von jenem Raben, der den Propheten Elias mit Nahrung versorgte (vgl. 1 Kg 17, 6). Auch manche Heiligenlegende trägt ein wenig zur Ehrenrettung bei - Benedikt wurde bereits erwähnt, beim hl. Meinrad verfolgte ein Rabe dessen Mörder (vielleicht gehörte er aber auch nur zur Bande?), den Leichnam des hl. Vinzenz Diakonus soll ein Rabe verteidigt haben (vielleicht wollte der Aasfresser ihn einfach nur für sich?) und beim hl. Oswald spielt der Rabe den Brautwerber mit Ring im Schnabel (vielleicht hat er nur Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen sabotiert?).
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Trotzdem: Gegen weiteres Plündern vor meinem Fenster habe ich eine neue Strategie. Da man Meisenknödel schlecht in Nato-Draht verpacken kann und die Nachbarschaft gewiß nicht begeistert wäre, würde man ungebetene Gäste einfach vom Wäschedings runterschießen, probiere ich es jetzt mit gut verdrahteten Meisenringen. Das sollte (dies nun in Gottes Ohr gezwitschert) tauben- und raben- und also narrensicher sein.
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Bild oben: Rabe zu Füßen des hl. Benedikt von Nursia - dargestellt in einem Glasfenster in der Pfarrkirche St. Stephan zu Oberwinden im Elztal.

Kommentare:

Carolina Bauer hat gesagt…

Auch Rabenvögel sind Gottes Geschöpfe und haben hin und wieder Hunger. Es sind sehr intelligente Geschöpfe und kein bißchen bösartig. Warum füttern Sie nicht beide, die Singvögel und die Raben.

http://www.tiamat.at/Rabenvogel/

Gabriele hat gesagt…

Da muss ich doch sehr deutlich für die Krähen (denn das bei dir war bestimmt eine solche und kein Rabe) Partei ergreifen! Bruder Rabe und Schwester Krähe dürfen mehr noch als andere Tiere so genannt werden, da sie uns neben den Menschenaffen bezüglich Intelligenz am nächsten sind. Und intelligente Wesen, von denen man das nicht erwartet, erscheinen uns dann halt oft als tückisch.
Würde mich nicht wundern, wenn die nächste Krähe bei dir den Knoten am Meisenring aufbekäme.
Einfach mal googlen nach Krähen oder Raben und Intelligenz, du wirst dich wundern.
Ansonsten folgt halt auch das intelligenteste Tier seiner Natur. Und wenn man was zu fressen finden kann ohne allzu große Gehirnakrobatik, dann langt man halt zu …:)

http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/intelligenz-bei-kraehen-voegel-loesen-abstrakte-aufgaben-a-1010002.html
http://www.br.de/themen/wissen/intelligenz-kraehen-raben-rabenvoegel-100.html

Andreas hat gesagt…

Himmel hülf! Ich komme mir bei soviel Rabenadvokaten nach dem Auskrächzen dieses kleinen Beitrages schon selbst vor wie so ein fieser Vogel ... ;-)