Freitag, 6. November 2015

Enteignung in die absolute Liebe

In einigen Erwägungen über Wesen und Wert der Tradition kommt Hans Urs von Balthasar auf die Heiligen zu sprechen; und da wir uns sozusagen noch in der Oktav von Allerheiligen befinden, möchte ich diese wenigen Zeilen, auf die ich heute stieß, hier einfach weiterreichen ...
... Kirchengeschichte ist doch wohl vor allem Geschichte der Heiligen. Der bekannten und unbekannten. Sie, die alles auf eine Karte gesetzt haben und durch ihr Wagnis zu lauteren Spiegeln wurden, haben in reichem Spektrum das Licht von innen in unser dunkles Außen geworfen. 
Sie sind die große Auslegungsgeschichte des Evangeliums, echter und beweiskräftiger als alle Exegese. Sie sind Beweis sowohl der Fülle wie der Präsenz. Man sollte sich hüten, Dinge, die sie von Jahrhundert zu Jahrhundert immer neu erfuhren, als überholt abzutun (etwa ihre Begegnung mit den Engeln Gottes und mit dem Dämon: bis hin zu Vianney und Don Bosco). Oder den reinen Spiegel Bernadettes und was er von der Wahrheit Marias aufstrahlen läßt, geringzuachten neben irgendwelchen exegetischen Fündlein.
Es wird heute viel über die Zeitbedingtheit des Weltbilds der Heiligen gesagt und geschrieben, und manches davon ist richtig. Das enthebt uns nicht der Aufgabe, uns ihrem zentralen Anliegen zu stellen: ihrem unbedingten Ernstmachen mit der Liebe zu Gott in Christus und - aus dieser Enteignung in die absoluten Liebe - ihrem Sich-übereignenlassen an die Mitmenschen. So, in dieser Reihenfolge, nicht umgekehrt. Nächstenliebe war bei ihnen nie ein Ersatz für die Gottes- und Christusliebe. Ihre Liebe entzündet sich daran, daß sie sich absolut geliebt wissen und der absoluten Liebe mit ihrer gesamten Existenz antworten möchten ...
Hans Urs von Balthasar: Klarstellungen. Zur Prüfung der Geister. Freiburg 1971. S. 79.

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