Sonntag, 1. November 2015

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Zurück vom Friedhof ... wie jedes Jahr brennen in der kleinen Kapelle zum Gedächtnis der Opfer vergangener Kriege unzählige Kerzen zu Füßen des Gekreuzigten. Was mag die Menschen umtreiben, die in diesen Tagen dort ein Licht entzünden? Wer mögen sie sein? Noch die Hinterbliebenen derer, deren Grab im Felde ungenannt geblieben? Sind es Lichter für die Seelen, deren Gedenken weiter reicht als die Frist eines Grabes? Sind wir selbst die Seelen, die sich dem im Leiden verborgenen Gott entzünden wollen, brennend anempfehlen aus dem Maß, der Not unserer Tage?
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Durch Todesschatten nähert sich die Stunde,
Da heilige Wahrheit spricht zu Schuld und Wahn
Und unterm Licht, das strahlend aufgetan,
Die Quellen brechen aus erstorbnem Grunde.
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Dann steht kein Thron mehr auf dem Erdenrunde
Als höchster Liebe lodernder Altan,
Der Dämon stürzt aus nachtverhangner Bahn
Und Friede kommt aus einem heiligen Munde.
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Und wie der Schuld entsetzensvolle Male
Noch immer in der dunklen Erde bleichen,
Daß alle schaudern, die an Gräbern knien,
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Da krönt das Leid mit unentweihtem Strahle
Des Dulders Stirn, dem unter Christi Zeichen
Des Weltversöhners heilig Amt verliehn.
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Reinhold Schneider
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Reinhold Schneider: Durch Todesschatten in: Die Sonette von Leben und Zeit, dem Glauben und der Geschichte. Köln und Olten 1954. S. 106.

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