Samstag, 10. Oktober 2015

Wie ein Gewand werden allsamt sie zerfasern

 Astronomie - Erzbischöfliches Ordinariat Freiburg, Treppenhaus 
Zu den Anfechtungen meines Glaubens zählt immer wieder die Frage, ob es wirklich sein könne, daß über uns ein Gott walte, der sich unser annehme, ja ... jedem einzelnen von uns absichtsvoll das Leben und ein Ziel zugedacht habe, welches darin bestehe, nach diesem Leben in einer innigen Gemeinschaft der Liebe mit und vor ihm ewig zu leben.
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Dem steht mir zuweilen das Bild gegenüber, das die Wissenschaften von einem All zeichnet, welches sich stets weiter ausdehne, unvorstellbar in der ihm innewohnenden Dynamik und in vielen Fragen unverstanden, zweifelsohne jedoch eine Sammlung unzählbarer Gestirne, Sonnen, Monde, Planeten - eine black box, ein unsere Welt und unseren Horizont in jeder Hinsicht weit übersteigendes "Welt-All". Gewiß ist vorstellbar, es könne vielleicht etwas geben, was - größer wiederum und noch gewaltiger als dieses "All" selbst - dessen Urgrund sei, der "Schöpfer" ... schon regt sich der Verdacht, so ein Schöpfer könne an dieser schier mikrobischen Lebensform "Mensch" im Irgendwo des Alls wohl kaum Interesse haben, an der "Menschheit" so wenig wie am einzelnen Menschen. 
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Dann der nächste Zweifel: Welchem Wandel, welcher Entwicklung waren jene Wesen, die wir heute "Menschen" nennen, seit frühester Zeit unterworfen! Wo war Gott in den primitivsten Augenblicken der Evolution? Etwas Erde, zwei Knetmännchen, ein Morgen, ein Abend, und alles war gut? Womöglich ist die Erzählung von Kain und Abel das mythische Gedächtnis dessen, was später als survival of the fittest einen wesentlichen Aspekt der Evolutionsgeschichte beschreibt? Wo aber ist da Platz für Gott und Vorsehung und Glaube und Liebe und Hoffnung? Nicht minder schleicht alsdann die Vermutung herauf, daß alles, was wir von fremder Macht "geschaffen" glauben, letztlich über Jahrmilliarden hin keinen anderen Sinn als in sich selbst findet: wie es war im Anfang, so auch jetzt und allezeit kotzt die Erde ihre armseligen Menschen und sich selbst immer wieder aus - und allein da möchte man meinen, so werde es auch ewig bleiben. Manchmal ist mir danach, "Amen" darauf zu sagen.
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Und doch glaube ich an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Und dieser Gott hat mir heute morgen einen Zuspruch in jene Waagschale geworfen, die dem Pfund des Zweifels entgegen gesetzt ist. Die abschließenden Verse des 101. Psalms habe ich schon oft gelesen; zumeist wanderte mir zuvor die Erniedrigung vor das Auge, in dem sich die Kirche - ihre Klage höre ich in diesem Lied - immer wieder, so auch in diesen Tagen, findet. Am Ende aber hebt der Psalmist Stimme und Auge aus aller Klage hinauf in einen sehr weiten Horizont:
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Ich spreche: 
Nimm nicht hinfort mich, Herr, in der Hälfte meiner Tage; *
deine Jahre währen durch alle Geschlechter.
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In einer ersten Ordnung hast du die Erde gegründet, *
und das Werk deiner Hände ist der Himmel.
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Beides vergeht. Du aber bleibst. *
Alles sonst veraltet wie ein Kleid.
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Wie ein Gewand wechselst du sie, und sie wandeln sich. *
Du aber bleibst derselbe; deine Jahre haben kein Ende.
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Deiner Knechte Söhne wohnen in Sicherheit,
und ihr Samen hat vor dir Bestand (Ps 101, 25-29).
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Zuerst war ich etwas irritiert durch das beschriebene Zeitgefüge: "Deine Jahre währen durch alle Geschlechter". Würde man nicht eher erwarten, daß die Geschlechter an die "Jahre" Gottes geknüpft werden und nicht die "Jahre" Gottes an die Geschlechter, wie es hier der Fall ist? Und was sind überhaupt die "Jahre" Gottes, die "Jahre" des Ewigen? Die bildhafte Sprache will ja nichts anderes sagen, als daß sich in aller Geschichte auch die Ewigkeit Gottes ("deine Jahre haben kein Ende") mitteilen möchte und mitteilt: in jeder Wendung, jedem Bruch, jeder neu aufgeschlagenen Seite der Geschichte der Menschen, in jeder Höhe und in jeder Tiefe, in jedem Augenblick, jeder Zeitspanne, selbst in jeder Dauer einer Klage oder einer jeden Träne, die aus dem Auge über das Gesicht zur Erde fließt, ist Gottes Ewigkeit, davon weiß dieser Psalm, gegenwärtig.
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Zumeist wird danach übersetzt, Gott habe die Erde "im Anfang" gegründet. Die lateinische Fassung des Psalterium Pianum bringt hier ein interessantes Wort ins Spiel: In primordiis terram fundasti. Der Begriff lässt den Hymnus der Sonntagsvesper im Ohr klingen, in welchem von den primordiis lucis novæ die Rede ist, vom Sich-Aufbrechen neuen Lichtes in der Schöpfung. Im Wort primordium begegnen sich hierbei die Begriffe primus: "der oder das Erste" und ordo: "die Ordnung" - in einer ersten Ordnung habe Gott die Erde gegründet, so betet der Psalm. Mit ausgesagt wird hier ebenfalls ein dynamisches Moment: denn die erste Ordnung, jene des Anfangs, ist numerisch offenbar von einer weiteren Entfaltung dieser Ordnung zu unterscheiden. Geht man dem Begriff primordium ein wenig nach, findet man ihn in der Biologie oder auch der Medizin aufgegriffen. Da bezeichnet er den Anfang einer Organentwicklung bei einem Embryo, dort das Pflanzengewebe, aus dem ein pflanzliches Organ, also ein Blatt oder beispielswegen eine Blüte, entwächst. Mir redet dieser Vers von der dauernden Bewegung und Entfaltung, in der sich alles Geschaffene bis heute befindet.
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Der Begriff primordium ist durch die Übersetzer des Pianum gut gewählt, denn er leitet das Bild vom Werden, vom Wechsel und vom Vergehen ein, welches die folgenden Verse prägt. Alle Geschichte seit ihrem Anfang ist nur Gewand Gottes, der sich in dieser Geschichte im wahrsten Sinn des Wortes bewegt. Wo der lateinische Text davon spricht, daß universa sicut vestis veterascent, es würde alles wie ein Kleid veralten, übersetzt Martin Buber: "Wie ein Gewand werden allsamt sie zerfasern", der Himmel und die Erde und was immer sich derweil dazwischen abspielt. Gott aber bleibt, versichert der Psalmist, welche Wendungen die Geschichte auch immer nimmt, wie irritierend ihre Phänomene auch immer auf uns einwirken, wie groß, gewaltig, unwirtlich und unüberschaubar auch alles sein mag, was unseren Geist in Beschlag nehmen möchte. Mit dem Psalm will ich rufen: "Herr, höre mein Gebet, mein Rufen dringe zu dir! Verbirg nicht dein Antlitz ..." (Ps 101, 2 f.): Lass es mir immer wieder aufleuchten, wie es mir heute aufgeleuchtet ist in den Worten deiner Schrift, in den Worten dieses Psalmes!
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Es ist versprochen: "Deiner Knechte Söhne wohnen in Sicherheit" - et semen eorum coram te durabit: Ihre Geschlechter - ihr Samen - haben Bestand vor Ihm, dem Ewigen, was immer gewesen, was ist und sein wird. Sie werden einmal allem unverstandenen Wandel und aller inneren und äußeren Not dieser und aller Zeit entrissen sein:
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So schuf die Seelenpein 
Der ausgeleerten Zeit
In mir den Edelstein
Der Ewigkeit.
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(Reinhold Schneider)
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Bild: Allegorische Darstellung der Astronomie - aus einem Bilderzyklus der Künste und Wissenschaften von Franz Schilling im Treppenhaus des Erzbischöflichen Ordinariats zu Freiburg.