Freitag, 30. Oktober 2015

Tagessplitter

Vor guter Wochenfrist habe ich nebenbildendes opus aufgetan, nachdem ich es zuvor Woche um Woche gemieden hatte. Denn Hand auf's Herz: Welcher Alte-Messe-Molch springt auf sowas schon freudensprünglich an, zumal, wenn der Autor Deckers Daniel ist, dieser alte Fazke? Doch ach! Ich fand am Samstag jüngst so partout gar nix im diakonischen Trödelaufgebot und griff, um mich nicht ganz unbebucht verkrümeln zu müssen, zu dieser Karl-Lehmann-Biographie. Die 30 Prozent Samstagsrabatt auf den Einsfuchzig-Vademecum-Preis erleichterten die Entscheidung. Und sie war nicht so schlecht, wie man meinen können mag ... schließlich behaupte ich sonst zuweilen gerne, es sei kein Schaden, sich ein Bild zu machen, wie die Gegenseite tickt (manchmal auch austickt - allerdings hat man in diesen Zeiten für alle möglichen Taktspiele und Taktiererey reichlich Anschauungsmaterial: gedruckt, ungedruckt, drauf geschissen ungelogen.
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Während der Woche habe ich gelegentlich die Rübe reingehalten. Man erfährt doch manch interessant lehrreiches Detail. So sieht man sich irgendwie in (der eigenen) Blauäugigkeit vorgeführt, an der Konservative - dieser Tage wurde man dessen ja erneut gewahr - bis heute darben: Da vertraute der Jesuit Sebastian Tromp dem jungen Germaniker Lehmann kurz vor Daskonzil an, selbige Veranstaltung werde bald vorbei sein, denn die Theologische Vorbereitungskommission habe ganze Arbeit geleistet. Lehmann selbst erinnert Tromps Prognose:
Die Herren werden in Rom nicht so lange zu tun haben. Sie werden bald sehen, daß man die Vorlagen nicht besser machen kann, werden rasch unterschreiben und wieder nach Hause fahren. Die Kirche hat ja auch nichts anderes als einen Sack voller Wahrheiten. Den wird sie von Zeit zu Zeit schütteln. Dann wird manches wieder mehr nach oben kommen. Aber es ändert sich nichts (S. 98).
Leider hat sich dann doch einiges geändert, und sei es nur unter dem Einfluß des verfluchten Konzilsgeistes. Weswegen sich, das las ich dann mit einer Portion Erstaunen, der greise Kölner Kardinal Höffner 1987 mit einem Koffer voller Moraltheologie in den Urlaub verabschiedet hatte, um das Eröffnungsreferat zur anstehenden Herbstversammlung der Deutschen Bischofskonferenz vorzubereiten. Des Kardinals Absicht: Eine Revision der unsäglichen Königsteiner Erklärung. Leider kam es dazu nicht mehr: Höffner erkranke bald und verstarb.
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Wenn heute Theologen, wie jüngst geschehen, die "gesellschaftliche Wirklichkeit" zu einer Art Offenbarungsquelle (nebst Schrift und Tradition) hochjazzen, dann finden wir beim Biographierten bereits 1969 einen Vorhall davon, wenn Professor Karl Lehmann in seiner Mainzer Antrittsvorlesung sagt, der "normative Anspruch der christlichen Botschaft" vermittle sich dann "sach- und situationsgerecht" (!), wenn ...
... der bleibend-maßgebliche Ursprung der Schrift, die Geschichte der Überlieferung und die radikal-unerbittliche Konfrontation mit dem geschichtlichen Welt- und Daseinsverständnis des Menschen sich zu (...) der fälligen konkreten Gestalt des christlichen Glaubens zusammenfinden (S. 190 f.).
Fairerweise muß bemerkt werden, daß das Zusammenspiel der genannten Faktoren "nicht in jeder Hinsicht" gleichrangig sei und die Vorlesung ohnehin auf ein ganz anderes Thema zielt, als man nun denken könnte; aber Worte bereiten zuweilen Wege - und allein die Vorstellung, das "geschichtliche Welt- und Daseinsverständnis des Menschen" könne in einem Atemzug mit Schrift und Tradition zur "fälligen ... Gestalt des ... Glaubens" gerinnen, kann einem (je nach Deutungshorizont) ein wenig den Atem verschlagen.
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Immerhin hat Lehmann seine Hörer nicht vertrieben - wie das zuweilen seinem Mentor Karl Rahner SJ gelang, was durchaus süffisant und als Reminiszenz an den knorrigen Humor Rahners zuletzt erwähnt sei. Alldieweil diesem - wie zuvor in München, wo er als Nachfolger Romano Guardinis auf dem Lehrstuhl für Christliche Weltanschauung das Auditorium zunehmend vergraulte - auch in Münster die Studenten in den Vorlesungen abhanden kamen, knarzte er dem Mainzer Bischof Volk zu:
Ich lese mit fortlaufendem Erfolg (S. 143).

Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

Ob Eminenz bei seinen Messfeiern "gegen die Wand" (O-Ton) in Jungpriesterjahren mit dem Kopf öfters mal kräftig gegen dieselbige stieß? Zumindest ließen sich so etwaige Spätfolgen erklären.

Ein Bild, dass sich mir bei der Lektüre da aufdrängte: Früher hat man die Pest mittels Katapulten in die zu erobernde Stadt geschafft. 62 holte man sich die Seuche dann ganz freiwillig ins Haus.

Andreas hat gesagt…

Wo hast Du denn das böse Bild von der Pest und den Katapulten her? Taktisch scheint mir die Methode doch etwas ... nun ja, ungeschickt?

Aber zum Thema: Vielleicht hätte Tromp den Lehmann besser zuerst in den Sack gesteckt und dann geschüttelt. ;-)

Tarquinius hat gesagt…

Man wollte ja, wie die meisten Periti, nicht dauerhaft dort wohnen. Bei einmal Plündern und Brandschatzen steckt man sich so schnell nicht an - und wenn man sie ohnehin schon hat, ist es ja auch egal. ;-)
Apropos Bild: Welche Geheimbotschaft steckt eigentlich hinter dem Wallpaper über dem Buchpaper? ;)

Und zum Thema: Schütteln allein hätte da glaube ich nicht gereicht. ;-)

Andreas hat gesagt…

Wir wissen ja aus der Verkündigung: Alles nur Metapher und irreale Projektion ...

Scriptor flammae hat gesagt…

Ist mir jetzt auch in die Hände gefallen. Sozusagen aus dem Dublettenregal. Bin ja mal gespannt drauf... ;-)

Andreas hat gesagt…

Dann mal viel Spaß bei der Lektüre ... ;-)