Freitag, 16. Oktober 2015

Tagessplitter

Gestern Abend, ich saß gerade auf dem Klo, rauschte mir aus dem Radio ein Name ins Ohr ... Schmidt-Salomon: das ist jener muntere Mensch, der so eifrig atheistisch ist wie andere fromm, aber das Kreuz tragen muß, Salomon zu heißen und Michael obendrein. Und weil's heute à la mode ist, alles irgendwie psychoanalytisch fleischzuverwolfen, dreht sich der Verdacht in den Napf, ob eine vornämlich-andauernde Konfrontation mit der Gottesfrage zuweilen auch Schaden anrichten könne ...?!?
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Aber darum geht's heute nicht. DRadio Kultur kam auf ein neues Buch von Schmidt-Salomon zu sprechen (und ich muß, das gebeut die fairness, einräumen, daß sich alles Folgende auf die Auskünfte der Rezensentin stützt und damit den Charakter des Hörensagen nicht überschreitet). 
Das Buch heißt Hoffnung Mensch und kommt wie eine Mischung aus Sachbuch zur Menschheitsgeschichte und Gegenentwurf zu genuin religiösen Hoffnungsszenarien und Heilsversprechen daher. Ein breites Grinsen zu verkneifen missriet mir bereits, als die Rezensentin bemängelte, Schmidt-Salomon verfalle immer wieder ins Dozieren und das klinge streckenweise wie eine Predigt von der Kanzel. Das passt irgendwie zu meinem Eindruck einer bestimmten Richtung aktueller Atheisterey: Selten gerierte sich Religionskritik so religiös wie heute.
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Spannend aber war die Frage, ob Salomon seinen Lesern einen säkularen Hoffnungshorizont zu erschließen suche - und wie dieser dann aussehe? Keine Bange: natürlich darf auch der Atheist Hoffnung hegen ... nur: worauf gründen? Was gibt dem Leben Hoffnung? Eine Kernthese lautet wohl, daß wir alle Teil eines großen Ganzes und auf dem beharrlichen Weg in eine immer schönere und großartige Zukunft seien. Der Einzelne könne sich dabei bewußt machen, daß er ein Teil dieser staunenswerten Geschichte des Menschen sei, er das Erbe der Altvorderen durch sein Leben tragen und weitergeben könne. Ein inständiger Appell an rechtes Handeln und gutes Tun fehlt dabei natürlich nicht, denn sonst wird einem das ganze humanistische Menschheitsprojekt bald um die Ohren fliegen (mancherorts und zu manchen Zeit tut es das ja auch).
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Gähn. Ich hätte da schon etwas mehr erwartet als die nächste Neuauflage dieser ausgelutschten Allerweltstheolo ... ähh ... theorie. Schließlich halten wir "ewiggestrigen" Religioten meines Dafürhaltens allein das Recht, immer wieder dieselbe Suppe anzurühren und abzulöffeln.
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Selten dämlich wurde der eben erwähnte Schnee von gestern im Radio in exemplo aufgetaut (ob das Schmidt-Salomon echt so geschrieben hat oder ob es sich nur um eine Vereinfachung seitens der Rezensentin handelt, bleibt allerdings offen): Da war nun von "Genen" die Rede, die man als Otto Durchschnittsmensch in sich tragen könnte und die Anlass geben würden, daß man sich als Teil eines wunderbaren Projektes fühlen dürfe und deshalb hoffnungsfroh gestimmt sein werden könnte - oder so. Also zum Beispiel das Jesus-Gen ... aber das lassen wir hier mal außen vor.
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Die muntere Plauderei im Radio schob mir ein anrührendes Bild ins erleichterte Gemüt: Da stirbt meinetwegen irgendwo in Königsberg der große Kant und wird zu Grab getragen. Gekehrt in Staub und Erde wächst draus ein Blümlein klein und treibt grüne Blätter aus, an denen vielleicht die Raupe nagt, welche danach von einem Vogel gefressen wird, ehe dieser wiederum einem Jäger ins Netz geht und in der Pfanne landet. Der Vogel wird goutiert samt einem Stückchen ("Gen") Kant. Der Jäger stirbt, das Spiel beginnt von neuem, und irgendwann kommen Du oder ich zur Welt - nichts ahnend, welch Erbgut wir mit uns herum tragen, schärfte uns nicht Schmidt-Salomon das Bewusstsein. Schön! Wenn ich mir vorstelle, ich trüge ein "Aquinaten"-Gen (na ja, das ist eher bei anderen gestrandet) oder ein "Casel"-Gen (vielleicht hat sich ein Vogel von der Weser an den Rhein verflattert?) in mir - davon werde ich total hoffnungsrallig! Ganz zu schweigen von der Idee, welch unerahntes Menschheitserbe ich just darauf und daran war, gleich das Klo runterzuspülen und somit dem immerwährend jungen Kreislauf des Lebens neu zu überantworten.
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Allerdings fällt mir hierzu die Mahnung ein, man solle sich auf Sachen, für die man ohnehin nichts könne, gefälligst auch nichts einbilden! Und was ist zudem mit jenen "Genen", auf deren Erbe man keinen gesteigerten Wert legt ("Führer"-Gen, "Jack-the-Ripper"-Gen etc.)? Was tun, wenn die in mir drinstecken? Alle Hoffnung begraben und den Strick nehmen?
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Ich will den Gedanken jetzt nicht überstrapazieren! Denn gewiss meint Schmidt-Salomon das alles sowieso nur irgendwie "metaphorisch". Sollte ich damit richtig liegen, dann unterscheidet es sich allerdings herzlich wenig von, sagen wir, jener unzählige Geschlechter verbindenden und geradezu mythischen Vorstellung eines "unauslöschlichen Zeichens", von dem ich glaube, es sei mir bei meiner Taufe in die Seele geprägt worden als Anwartschaft auf das Reich Gottes (den man fieser Weise so richtig auch nie wegbeweisen kann). Und ehrlich gesagt: Angesichts des seltsam herumwabernden Genetik-Geschwafels stimmt mich die Vorstellung, ein Priester habe mir in einer netten kleinen Zeremonie Wasser über den Kopf gegossen, weswegen meine Eltern alsdann ein schönes Familienfest veranstaltet haben, eindeutig und konkret hoffnungsfröhlicher.
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Während ich mit den Allerwertesten gewischt habe, zog plötzlich noch "Uriella" vor meinem geistigen Auge Kreise. Wer die Dame nicht kennt: Sie stand einer Sekte am Hochrhein vor, zu deren Credo die Vorstellung zählte, am Ende der Welt würden ihre Anhänger mit Raumschiffen ins All entrückt. Ich kam drauf, weil natürlich auch Schmidt-Salomon weiß, daß die Welt endlich ist und in der Sonne verglühen wird, wie Astrophysiker uns nahelegen. Beim Autor von Mensch Hoffnung werden die Menschen dann mit Raumschiffen neue Welten besiedeln. Wenn Sie bis dahin welche gefunden haben, die dazu taugen. Und wenn das nicht abgeht wie in Roland Emmerichs Maya-Kalender-Katastrophen-Kino 2012, wo das gros der Menschenheit absäuft oder vulkanisiert wird. Und wenn sich die Menschen nicht vorher schon gegenseitig kurz und klein gehauen haben.
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Oder wenn nicht bereits der Jüngste Tag das Urteil über die Menschen gesprochen und eine neue Welt heraufgeführt hat.

Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

Das nenn' ich mal die schönste ("köstlichste" hat da so ... einen komischen Beigemschack?!) Scheißhausgeschichte seit langem!

Andreas hat gesagt…

Was die Frage aufwirft, welche Scheißhausgeschichten zuvor rezipiert worden sein mögen ... ?!?

Tarquinius hat gesagt…

Also zumindest fördert die Suche nach "Scheiße" oder "Toilette" etwas zu Tage. Eben Besagtes, ja ... ;-)

Andreas hat gesagt…

Nach was die Leute alles googlen ... *wegduck*

Eugenie Roth hat gesagt…

... aber hat das Alles nicht auch 'was Wahres? - fragt jung und frisch Eugen(ie) Roth ...

(auch: Duck und Ganz Schnell WEG!!!)

Eugenie Roth hat gesagt…

Sollte wider Erwarten ein vorbeikommender Leser meine eben gestellte Frage für ERNST genommen haben ... nein, ich bin und bleibe katholisch - und meine Gene habe ich von meinen Eltern und die Seele hat mir Gott bei meiner Zeugung geschenkt und das unauslöschliche Merkmal "Taufe" hat ihr (der Seele) unser lieber Herr Dekan im Auftrag Gottes eingeprägt (ich hoffe, das ist theologisch korrekt).

Andreas hat gesagt…

Ich würde es mal en gros durchwinken (obschon Gott jener ist, der das Signum einprägt) ... ;-)

Eugenie Roth hat gesagt…

Also: Der Hochwürdige Herr Dekan in Persona Christi ... ???

Andreas hat gesagt…

Der primäre Spender aller Sakramente ist Christus, der sekundäre Spender der Mensch im Pilgerstand. Bei der Taufe kann das jeder sein, bei der Ehe die Brautleute einander, bei allen anderen Sakramenten ein Priester oder Bischof.