Mittwoch, 5. August 2015

Der Schnee vom Esquilin

Das Schneewunder zu Rom - Bild von Matthias Grünewald im Augustiner Museum, Freiburg
Schnee sei in der Nacht zum 5. August auf dem Esquilin gefallen und habe die Stelle bezeichnet, an welcher der römische Patrizier Johannes und dessen Frau der Gottesmutter eine Kirche errichten sollten; dies habe Maria dem Stifter zuvor in einem Traum angekündigt. Diese Kirche ist jedem Katholiken ein Begriff - wir kennen sie heute als eine der sieben Hauptkirchen der Ewigen Stadt: Santa Maria Maggiore. Mit einem Fest gedenkt die Ekklesia heute der wundersamen Gründung dieses Gotteshauses, bei dessen goldstrahlenden Mosaikarbeiten und Paneelen sich der Kulturhistoriker und Romkenner Reinhard Raffalt an "das Gold des salomonischen Tempels" erinnert sah, an ...
... das Widerleuchten der alttestamentarischen Schätze an diesen Wänden. Wir spüren das rote Feuer aus den Schatztruhen der Heiligen Drei Könige, wir ahnen die goldgewirkte Herrlichkeit byzantinischer Kaiser und das Glühen der Goldhimmel aus tausend russischen Klöstern. Und wir werden überwältigt von dem Hauch des brennenden Dornbusches, von dem smaragdenen Goldlaub der Wurzel Jesse, wir sehen vor unsere Augen gestellt den Strahlenschein der himmlischen Städte Jerusalem und Bethlehem, die als zinnenbewehrte Burgen von den Ansätzen des Triumphbogens herunterleuchten.
Am Anfang dieser Pracht, so sagt es die Legende, liegt also Schnee. Auch morgen, am Fest der Verklärung Christi, ist von Schnee die Rede. Über den sich in Herrlichkeit offenbarenden Kyrios schreibt Matthäus: "Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne und seine Gewänder wurden weiß wie Schnee" (Mt 17, 2 Vulg.). "Bei dieser Verklärung", so betont der hl. Papst Leo der Große, "geht es in erster Linie darum, aus den Herzen der Jünger das Ärgernis zu entfernen", das die anwesenden Jünger Jesu später "an seinem Kreuz" nehmen würden (51. Predigt: Über die Verklärung).
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Alle Pracht, alle Herrlichkeit, sei sie nun gott-gewirkt oder gott-geschenkt, läßt den Blick über alle Ärgernisse hinweg emporschauen auf Gott selbst, der das Schöne im Urbild ist und sich unseren Augen zeigt: Unmittelbar in seinem verklärten Sohn, mittelbar in den Schönheiten seiner Schöpfung, treten diese nun als Natur oder als Kultur in den gläubigen Blick. 
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Der reine Schnee aber, der auf jenem Hügel niederging, der die Kirche der heiligen Jungfrau und Gottesmutter tragen sollte, ist das Zeichen, daß die Ekklesia, in Maria vorgebildet, des erhöhten Kyrios fleckenlose Braut ist - aller menschlicher Unzuträglichkeit und Sünde zum Trotz, die ihre Erscheinung, aber niemals ihr Wesen besudeln können. Mögen wir auch zuweilen Ärgernis an ihr nehmen - ihre Gründung ist licht und weiß, ihr Lebensprinzip unerreichbar aller menschlichen Niedertracht und Schande. Christus, der Kyrios, wird seine Ekklesia heimführen in Herrlichkeit, in eine Pracht, die das Gold Salomons weit überstrahlt.
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Bild: Papst Liberius gründet das Fundament von Santa Maria Maggiore an der durch Schnee bezeichneten Stelle, im Hintergrund das Stifterpaar (Ausschnitt) - gemalt von Matthias Grünewald; Augustiner Museum zu Freiburg. Das Zitat über diese Kirche ist entnommen aus: Reinhard Raffalt: Fantasia Romana. Leben mit Rom. München 1962. S. 339.

Kommentare:

martina hat gesagt…

Sehr, sehr schön!
Ich habe in Santa Maria Maggiore geheiratet und ich liebe sehr diese Geschichte. Das Gemälde von Matthias Grünewald ist wunderschön: ein Meisterwerk.

Andreas hat gesagt…

... und es muß sehr schön sein, in einer solchen Kirche zu heiraten: sozusagen an der Krippe des Herrn und unter den Augen des Gnadenbildes Unserer Lieben Frau! Danke für die Rückmeldung, Martina!