Donnerstag, 6. August 2015

Auf dem Saalenberg

 Saalenbergkapelle 
Eine kleine Kuppe wölbt sich oberhalb von Sölden, der Saalenberg. Wo ehemals die Alemannen, noch ehe das Wort Christi das Land erreichte, ihre Toten - ein Grabfeld soll im 18. Jahrhundert auf der Höhe entdeckt worden sein - in die Erde senkten und zu ihren Göttern riefen, damit dem Land aus der Erde Gedeih und Segen wachse, steht heute eine kleine, der Schmerzhaften Gottesmutter geweihte Kapelle. Auch sie erinnert auf ihre Weise an die Toten, denn ehe die fromme Bäuerin Fides Franz vom Schwabenhof das kleine Gotteshaus 1875 erbauen ließ, hielt der Tod in ihrem Haus Erntetag über sieben Jahre: Zwölf Leichenzüge gingen in dieser Zeit vom zeitlichen auf den ewigen Acker, bis Fides als die letzte ihres Geschlechts alle ihre Kinder, ihre Geschwister und zuletzt ihren Mann begraben hatte.
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Wer der Hitze des Tages aus dem Weg gehen möchte, muß sich morgens auf den Weg machen. Nach sechs Uhr ging ich über den schmalen Weg durch die Weiden den Saalenberg von hinten an, wach schien nur das Vieh an den Seiten des Pfades, ein paar Schafe, Ziegen und Kühe, die sich bereits durch das trockene Gras fraßen. Eine knappe halbe Stunde hernach saß ich neben der Kapelle, die Sonne war noch nicht über die Berge in meinem Rücken gestiegen, sah das Land unterhalb der Kuppe sich streckend aus der Nacht im verhaltenen Licht neuen Morgens und den noch blassen blauen Himmel über mir, vor mir die Laudes vom Fest der Verklärung Christi, das Buch, dessen Seiten zuweilen ein Windstoß verblätterte, aufgeschlagen:
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... et duxit eos in montem excelsum ... et transfiguratus est ante eos ... Dominus regnat, maiestatem indutus est ... Firma est sedes tua ab ævo, ab æterno tu es ... potens in excelsis est Dominus ... Resplenduit facies eius sicut sol ... Te sitit anima mea, ut terra arida, sine aqua. Sic in sanctuario contemplor te, ut videam potentiam tuam et gloriam tuam - 
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... der Lobpreis, Psalmen, Hymnen, laut über das Land gesprochen, still in der Seele gesungen ... das mannigfache Benedicite der Jünglinge Anania, Azaria, Misael: Benedicite Domino im Klang mit den Himmeln, den Gestirnen, den Bergen und Hügeln, im Einklang mit allem, was aus der Erde wächst und entspringt, den Quellen und Meeren und Flüssen, den Tieren und Menschen: Benedicite, laudate et superexaltate: Benedictus es, Domine, in firmamento cæli; et laudabilis et superexaltatus in sæcula ... Domine, bonum est nos hic esse: Es ist gut, hier zu sein.
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Kommentare:

Brettenbacher hat gesagt…

Ein wirklich sehr schöner Text !

Auffällig übrigens -4. Bild von oben - wie sehr der Schirnberg (modernistisch:Schönberg)von dieser Seite her dem Fürstenberg gleichsieht.
Sind aber auch, orogenetisch gefasst, beides Zeugenberge.

Tarquinius hat gesagt…

Bellissimo!

Andreas hat gesagt…

Grazie!

Nun muß ich eingestehen, daß ich bei den Begriffen "Orogenese" und "Zeugenberge" mich ganz dunkelmännisch frömmelnd verwundert habe. Erasmus hätte ein Colloquium draus schreiben können ...

Brettenbacher hat gesagt…


könnte schon sein, daß unsereins von dem ergreifend schönen Morgengesang auf dem Saalenberg so bewegt war, daß er sich in die Geognosie flüchtete.
Ganz im Ernst: Für solch prächtiges Stück bietet jeder Blog zu spärlichen Raum.