Freitag, 14. August 2015

An den Quellen des heiligen Martyrers Landelin

 Am Quellbrunnen - Ettenheimmünster, St. Landelin 
Der Augenblick war glücklich gewählt, als ich vor wenigen Tagen im frühen Nachmittag vor dem Brunnenhaus stand, das der Wallfahrtskirche des heiligen Landelin zu Ettenheimmünster vorgesetzt ist: denn niemand sonst schien sich für den vierfachen Quell zu interessieren, der, so erzählt die Legende, an jenem Punkt entsprungen sei, an dem der Heilige unter den Hieben seines Mörders starb. In Kreuzesform sollen sich die Wasser nach vollendeter Marter ergossen haben: gen Osten beim abgeschlagenen Haupt Landelins, gen Westen zu Füßen des Leichnams, nach Süden und Norden dort, wo die Hände des Einsiedlers zur Erde sanken.
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Die Zeit, zu der die "Quell zum Haupt / wovon man pflegt zu trincken / nur mit einem eichenen Kasten gefaßt war  / drauß man daß Wasser heraus schöpffete", wie es ein altes Wallfahrsbüchlein beschreibt, sind vorbei; eine Cuppa aus Sandstein hütet die Quellen, die kräftig von vier Rohren aus deren Seiten sprudeln. Früher rieb man sich die Augen obendrein und die Haut mit dem Wasser, auf dessen Heilkraft die Menschen vertrauten. Unsere Zeit scheint weniger an der weiland beschworenen Hilfe interessiert. Vom Wasser aber kann sie dennoch nicht lassen - man brühe einen "wunderbaren" Tee oder Kaffee damit auf, lese ich - vielleicht ist das der Antrieb jener, die bis heute mit Wasserkisten und Kanistern das Brunnenhaus aufsuchen? Es sind derer, wie ich später sah, allemal nicht wenige. Die wenigsten finden aber den Weg durch die nahe Pforte in Landelins Gotteshaus und beugen das Knie vor dem, durch den Erde und Himmel geschaffen und die Wasser vom Land geschieden.
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Wer dennoch eintritt, dem öffnet sich ein heiliger Festsaal voll barocker Freude. Fast alles erzählt von Landelin, der zu Beginn des siebten Jahrhunderts aus dem fernen Irland in das Ettenbachtal kam. Schaut man zur Decke, so sieht man allen legendarischen Schmuck ausgebreitet und angemalt, der dem unbekannten Einsiedler Gestalt und Erscheinung gibt: Wie er seine Adelswürde niederlegt, Abschied nimmt, bald den Rhein hinauf fährt, sich eine Klause baut. Die Tiere trauen ihm, ein Hirsch sitzt neben der armen Hütte und beim frommen Mann darin: Sicut cervus desiderat fontes aquarum: Die Wasserquellen, nach denen der Hirsch lechzt, sollen und - der Mörder naht von der Höhe der heidnischen Gieseburg, wie zuvor schon Kranz und Palme in den Wolken erschienen - die Wasserquellen werden sprudeln, vierfach in alle Himmelsrichtungen. 
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Aperiatur terra et germinet Salvatorem - die Erde tut sich auf, doch die Quellen springen nicht zuerst für die dürstenden Kehlen, ob der schwielen Haut oder trüber Augen wegen, sie strömen über für die Seelen, die des Heilands bedürfen, sei es nun, daß sie dessen ahnen, sei es, daß sie alle Ahnung davon in anderen Fluten zu ersäufen suchen.
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Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

"Fünf Quellen, sagt die Legende, seien am Ort der Meintat entsprungen, zwei zu Füßen, zwei an den Händen und eine zu Häupten des Gemarterten. Und was weiter? Edulf wollte mit seiner Familie den lieben Gast von ehedem auch wieder einmal besuchen. Es fügte sich, daß er ihn tot fand, aus frischen Wunden blutend. Die blinde Tochter bestrich mit dem quellenden Blut ihre Augenlider und ward sehend. Legende? Geschichte? Gleichviel; ist die Erzählung nicht auch richtig, wenn damit gesagt sein soll, daß durch das Blut des Märtyrers jenen das Licht der Wahrheit erstrahlt, die bisher in "Finsternis und Todesschatten saßen" Und ist das nicht noch mehr, als wenn ein blindes Auge des Leibes aufgeht? Überdies verherrlicht Gott aber auch zuweilen die Reliquien seiner Heiligen durch Wunder."

So viel sagt mein Krautheimer, und bietet eine Quelle mehr. Gleichviel; mal wieder ein Kleinod in Text- und Bildesform, dankeschön!

Andreas hat gesagt…

Grazie!

Mit der Zahl der Quellen ist das so eine Sache, da kursiert offenbar noch eine weitere Zahl. Ich habe mich mal an die Angabe im Brunnenhaus gehalten ... ;-)

Eugenie Roth hat gesagt…

Vergelt's Gott für den Beitrag und den Kommentar!
Ich lese eure Texte immer wieder mit Gewinn.

Eugenie Roth