Samstag, 18. Juli 2015

Wenn Lieder zu viel kreisen

Auf meiner timeline im Fratzbuch teilte sich mir ein NGL mit: Brot, das die Hoffnung nährt - GL 378, melodisch aus der Schmiede von Peter Janssens rührend und nicht ungefällig. Da mir das Lied nicht bekannt war, warf ich die mitgelieferte Youtube-Fassung an und griff zum Gesangbuch.
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Das Lied hat einen Haken, wie mich deucht. Textschuster Wilhelm Willms nagelt nämlich zunächst einige mehr oder minder biblisch angehauchte Bilder mit mehr oder minder sinnigen Konnotationen zusammen (eben "Brot, das die Hoffnung nährt", auch Freude, Kraft, Regen und dergleichen mehr ... was es mit der Wolke, "die die Feinde stört" auf sich hat, bleibt des Dichters Geheimnis, aber man muß in einem NGL nicht jeder apotropäischen Verschwörung auf den Grund gehen). Am Ende aber mißrät die Poeterey, da die aufgebotenen Bilder Strophe um Strophe auf ein- und dieselbe Aussage hinauslaufen, als wäre darin der allertiefste Sinn der ganzen Singerei enthalten: "Lied, das die Welt umkreist".
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Wo ist da der Wurm drin? Poetologisch kann man so einen Text auf zwei Arten sinnvoll zu Ende bringen: Entweder hält man die Bilder (Brot, Kraft, Regen, Wolke usw.) in der Schwebe und überlässt es dem Leser, sie zu Ende zu denken. Oder man löst die Bilder auf, dann aber tunlichst nicht, indem man ein weiteres Bild anschleppt, welchen den anderen nichts deutlich Übersteigendes voraus hat. Im Fall dieses Liedes könnte die Auflösung meinethalben "Gott, der die Strippen zieht, der die Strippen zieht" lauten, aber nicht "Lied, das die Welt umkreist, das die Welt umkreist". Dazu fällt mir übrigens nicht zuerst Gott ein, sondern der Tenor Joseph Schmidt mit dem Ufa-Schlager Ein Lied geht um die Welt.
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Ich hege den Verdacht, daß sich hier einmal mehr der Gefühlsdusel durchgesetzt hat, mit dem man zuweilen gerne klare Formulierungen von Glaubensinhalten umschifft: Inhalte, Satz, Sinn und Form spielen hierbei eine nachgeordnete Rolle, solange sich alles nur gut anfühlt.

Kommentare:

Eugenie Roth hat gesagt…

Wolke "die die Feinde stört", na?
Die Wolkensäule zog Tags vor ihnen her und des Nachts stellte sie sich zwischen das Lager der Israeliten und der ...???

Richtig! Ägypter!

Andreas hat gesagt…

Stimmt voll und ganz!

Hiermit hast Du Dir einen kleinen Orden verdient für die Verteidigung und Förderung des NGL!

Wobei man dennoch fragen könnte, warum die Wolke nicht in ihrer ersten und eigentlichen Funktion als Zeichen der Gegenwart und Wegleitung Gottes bei seinem wandernden Volk thematisiert wird, sondern nur im Bezug auf die Feinde Israels.

Eugenie Roth hat gesagt…

Verteidigung und Förderung des NGL? Ein Orden? Mir? Abgelehnt ...
Ich wollte nur klarstellen.

Die Melodien mag ich zum Teil, ja natürlich, angenehm und eingängig, aber die Texte sind - meist - etwas flach. Eigentlich fast schade um die schönen Melodien ...