Montag, 13. Juli 2015

Vor dem Reformationsjubilärum

Der Alte-Messe-Molch sehr gemeinen Herkommens, zuweilen als Korinthenkacker in excelsis verschrien, zählt gerne gewisse Phänomene und Fakten zusammen und macht sich einen Reim darauf. Quid sum miser tunc dicturus? Mir geht's ja kaum anders - so reime ich mir gerne den Eindruck daher, in einer Zeit zu leben, die hier im Lande in gewissen Punkten der Epoche der Reformation nicht unähnlich sein mag - mit dem kleinen Unterschied, daß wir eines morgens aufwachen und überrascht (?) feststellen, daß wir ... nein, nicht arianisch und eben auch nicht stramm lutherisch, sondern einfach nur gefühlsduselig geworden sind. 
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Mithin anfällig für den benannt-garstigen Reim, kommt ausgerechnet mir folgende Passage unter die Augen:
... So kommt es, daß die religiöse Kindererziehung am Ende unserer Epoche einem Mann wie Witzel trostlos erscheinen kann: Türken erzieht man, keine Christen! 
Eck stellt entsprechend 1540 starken Rückgang des Frömmigkeitslebens bei Laien und Geistlichen fest: die vordem in der Fastenzeit zweimal zur (Oster)beichte kamen, gehen jetzt meistenteils nur einmal. Die Fastengebote sind eine verachtete Kleinigkeit geworden. Das Zelebrieren hat abgenommen oder aufgehört wie das Breviergebet. Kurzum, die kirchlichen Vorschriften werden nicht mehr ernst genommen. Man mag keine Regel mehr leiden, hört begierig der Neuerung jener hinkenden Lehrer zu, die Katholisches mit Häretischem mischen. 
Morone meldet 1540 nach Rom, daß die Bischöfe zu allen Konzessionen bereit seien ... Ist ein Bischof treu, wie Hosius, so hat er zeitweilig nicht einmal einen einzigen Helfer in seinem Domkapitel, und man läßt ihn im Kampf mit der Neuerung direkt im Stich ... 
Cochläus klagt 1593, daß fast alle sächsischen Pfarrer, die aber noch viel besser seien als die rheinischen, im Konkubinat lebten ... Es gibt aber auch Geistliche, die so vollständig mit dem alten Glauben gebrochen haben, daß sie nur zum Scheine zelebrieren.
Frau Käsmann, übernehmen Sie ...
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 Joseph Lortz: Die Reformation in Deutschland. Zweiter Band: Ausbau der Fronten. Unionsversuche. Ergebnis. Freiburg (3) 1949. S. 114 f.

Kommentare:

Bellfrell hat gesagt…

Das läßt sich tatsächlich 1:1 in unserer Zeit anwenden, wie so vieles.
Die Menschen begehen wirklich unerschütterlich jedes Jahrhundert die gleichen Fehler und das nicht nur in Bezug auf Religion...

Andreas hat gesagt…

Zuweilen könnte man sogar meinen, es würde immer schlimmer werden wollen: früher gab es wenigstens noch keine Grünen und kein ZdK und kleine Schnittmenge von beidem ... ;-)