Mittwoch, 22. Juli 2015

Sententiæ XCVIII

"... heute frage ich mich, ob in diesem Augenblick nicht Gottes Gnade den alten Mann als den einzigen unter uns erreicht hat und ihn sich opfern ließ, damit seine Seele gerettet werde. Was meinst Du wohl, Vater Las Casas?" Der Ritter wandte dem Mönch plötzlich sein zerquältes Gesicht zu. "Niemand kann wissen, antwortete dieser, "was in einer Seele vorgeht in der letzten Sekunde, die so viel wiegen kann wie die Ewigkeit, weil sie ausreicht, die Ewigkeit unter Gottes Gnade zu erkaufen. Aber was ist das Opfer ohne Reue, die Liebe ohne Erkenntnis der Sünde, der schrecklichste Tod ohne die Anklage des Gewissens?" - "Das Opfer ohne Reue", wiederholte Bernadino bitter, "als ob es so gar nichts sei, ein Opfer zu bringen" ...
Reinhold Schneider: Las Casas vor Karl V.

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