Donnerstag, 30. Juli 2015

Eine Messe in Bolivien und ein Bild unter Beschuss

Ins Fratzbuch setzte ein Priester aus Deutschland, der eine Pfarrei irgendwo im Hochland von Bolivien betreut, das Bild einer Messe, die er im Freien mit Minenarbeitern gefeiert hatte. Ja ... gewiß: die erlesene Fülle aller liturgischen Vorgaben fand sich wahrlich nicht imaginiert, aber im Vergleich zu dem, was man zuweilen zu Recht liturgischen Mißbrauch nennen mag, hätte man den Gesamteindruck beinahe noch "hochamtlich" nennen mögen. Kritik aber ließ nicht lange auf sich warten: "Es ist schon nicht mal Schlamperei, sondern eine liturgische Katastrophe" schlug als erster Kommentar ein - dahinter steckte ein der "alten" Liturgie zugetaner Zeitgenosse: also ein Alte-Messe-Molch, wie ich selbst einer bin.
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Das tut weh! Zum einen klang mir der Ton recht aggressiv in den Ohren. Wenn wir im persönlichen Umgang untereinander - und das gilt auch auf Fratzbuch - die Sensibilität für den liturgischen Akt wecken wollen, dann wird uns das kaum gelingen, wenn wir das Feuer mit großem Kaliber ("Schlamperei", "Katastrophe") eröffnen. Versetzen wir uns einfach einmal in die Lage dessen, der so "angeschossen" wird: Da macht man doch sofort dicht und läßt den Rolladen runter. Sympathiepunkte für unsere Sache sammeln wir so jedenfalls gewiß bei niemandem ...
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Zudem gilt es, die Verhältnismäßigkeit der Mittel zu beachten: Wir sehen ein Bild und bilden uns sofort ein harsches Urteil, womit wir dem Zelebranten in einer zentralen Frage des kirchlichen Selbstvollzuges - in der Feier der leiturgía - auf die Pelle rücken. Doch werden wir der Sachlage gerecht? Was wissen wir von den pastoralen Möglichkeiten und Einschränkungen in einem armen Land am anderen Ende der Erde? 
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Es besteht für mich zum Beispiel ein deutlicher Unterschied, ob hier im Lande ein Priester mit gut gefülltem Bankkonto meint, er müsse ausgerechnet zur Messe die "Armut" kultivieren und auf Strohkörbchen und Tonbecher zurückgreift ... oder ob anderswo ein Priester seinen Dienst vor Gott und für seine Herde mit jenen Mitteln bestreitet, die eben zur Verfügung stehen (Strohkörbchen und Tonbecher waren auf dem Bild übrigens nicht zu sehen, aber ein Kelch und ein - zugegeben - nicht ganz ordnungsgemäßes "Ziborium", das aber, so mein Eindruck, die Hostien davor bewahren sollte, vom Wind verweht zu werden). Doch zurück zum "Sitz im Leben" des "umstrittenen" Photos: Wer als Priester seinen Dienst in den Bergen Boliviens unter Menschen versieht, die auf 5000 Metern in Minen schuften, dem unterstelle ich eine ordentliche Portion Idealismus und, da man sich damit gewiß keine goldene Nase verdient, Einsatz für das Reich Gottes, und da mag ich diesem Priester nicht zuförderst mit Vorwürfen betreffs Schlamperei oder Katastrophen kommen.
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Alsdann hat sich eine kleine Diskussion entsponnen ... es sei, so schrieb der kritische Erstkommentator, immer ... 
... die Frage, ob die Sorge um das Allerheiligste oder die Bedürfnisse armer Leute nach einem Gottesdienst überwiegen. Was sollte einem Priester wichtiger sein: eine würdige hl. Messe oder zufriedene „Besucher“?
Mit dem Argument weiß ich, ehrlich gesagt, wenig anzufangen. Wenn wir mit den alten Griechen von leiturgía sprechen, dann haben wir es mit einem etwas schillernden Begriff zu tun, der sowohl "Dienst des Volkes" heißen kann als auch "Dienst für das Volk". Ähnlich verhält es sich, wenn wir diese leiturgía das opus Dei nennen. Auch dieser Begriff schwingt zwischen zwei Bedeutungen, ja nachdem, ob wir darin den lateinischen genitivus objektivus oder den genitivus subjektivus betonen: das opus Dei ist der Dienst, das Handeln Gottes an seinem Volk und der Dienst, das Handeln an Gott seitens des Volkes. Beides ist untrennbar in den Begriffen verwoben und kann nicht gegeneinander ausgespielt werden.
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Eine allzeitige und unhintergehbare Sorge um eine "äußerlich" würdige Feier der Heiligen Messe würde zudem bedeuten, daß keiner der Martyrerpriester in den Gulags, den Konzentrationslagern und Gefängnissen allein der jüngeren Vergangenheit die Heilige Messe hätte feiern dürfen! Pater Alfred Delp hätte niemals den Leib Christi für den Moment der höchsten Not in seinem Gewand eingenäht mit sich im Gefängnis tragen dürfen. Kardinal Mindszenty hätte in seinem Kerker nicht das wandelnde Wort der heiligen Mysterien über einen Bissen Brot sprechen dürfen, um Anteil zu erhalten am Leib des gemarteten und erhöhten Kyrios. Sie alle hatten keine Patenen, keine vergoldeten Kelche und keine Altäre mit den Reliquien der Martyrer: Sie selbst waren die Schale, der Kelch und der Altar für das heilige Opfer und die Gegenwart Christi, der sie stark machte als Zeugen im und für den Glauben. Schale, Kelch und Altar können aber auch Minenarbeiter in den Bergen Boliviens sein, die sich mit dem wenigen. was ihnen und ihrem Priester zu Verfügung steht, um den Tisch des Kyrios versammeln. Dürfen wir darüber urteilen, nur weil wir ein Bild gesehen haben, das uns nicht angemessen dünkt?

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Aha, Du bist auch "in the mood". Ich so heftig, daß ich gerade die Worte dreimal wägen muß, ein paar Posts dazu abzulassen. Sie werden kommen. Im Nahkampf bin ich grad notgedrungen etwas hemmungsloser bzgl. härterer Manschetten

Wir wissen ja, es sind nur wenige unter den Molchen mit diesem ignoranten Stinkstiefelprollgebaren, aber die sind mir einfach zu laut und zu präsent und sie schaden einfach zu sehr, als daß man sie drüberstehend ignorieren könnte.

Danke Dir jedenfalls!

Gabriele hat gesagt…

Ganz genau!! Siehe hier: http://wegkreuze.blogspot.de/2012/07/pfalzer-in-gefangenschaft-ii.html

dilettantus in interrete hat gesagt…

Danke!

Admiral hat gesagt…

Amen!