Sonntag, 19. Juli 2015

Begnadete Angst: Les Dialogues des Carmelites

Auf der Seite et nunc wird heute der seligen Märtyrinnen von Compiègne erinnert; die sechzehn Karmelitinnen wurden am 17. Juli 1794 auf der Guillotine ermordet, da sie während der Französischen Revolution ihrem Glauben und ihrer Berufung nicht abschwören wollten. Das Geschehen wird bei et nunc mittels eines Films illustiert; ich möchte das ergänzen um eine sehr hörens- und sehenswerte Oper jüngerer Zeit - auch wenn ich Les Dialogues des Carmélites von Francis Poulenc, 1957 an der Mailänder Scala uraufgeführt, hier schon einmal erwähnt hatte.
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Die Vorlage dieser Oper ist hierzulande unter dem Titel Die begnadete Angst bekannt - diese Erzählung des französischen Schriftstellers Georges Bernanos beruht ihrerseits auf der 1931 erschienenen Novelle Die Letzte am Schafott von Gertrud von Le Fort. Für den Musikdramaturgen Sieghard Döhring stehen Les Dialogues des Carmelites "in der Tradition der katholischen Erneuerungsbewegung, die seit den 20er Jahren immer stärker die Theater erfaßte". Döhring weiter:
Blanche, eine junge Adelige, flüchtet sich in ihrer Angst ins Kloster der Karmeliterinnen in die Obhut der ihrem Tod entgegensehenden Priorin, begibt sich, als das Kloster während der Revolution zerstört wird, in die Anonymität der Großstadt, um sich am Ende, von göttlicher Kraft beseelt und angstfrei, den das Schafott besteigenden Schwestern als "Letzte" anzuschließen. Hinter der nur als Rahmen greifbaren äußeren Handlung vollzieht sich eine existenzielle innere Handlung: 
Es geht um die Angst des Menschen, die letztlich Todesangst ist und die daher auch nur im Bewußtsein und im Angesicht des Todes durch göttliche Gnade überwunden werden kann. Die einzelnen Nonnen verkörpern unterschiedliche menschliche Existenzformen im Hinblick auf den Umgang mit dieser Angst.
Ich verlinke einen Mitschnitt vom Finale dieser Oper, über welches Döhring schreibt:
An wenigen Stellen, aber dann umso wirkungsvoller, scheut Poulenc auch vor direkter Theatralik nicht zurück ... vor allem am Schluß ... der Oper insgesamt. Die Szene, in der die Karmeliterinnen nacheinander betend zum Schafott schreiten und unter dem Fallbeil ihr Leben lassen - zuletzt auch Blanche, die sich, aus der Menge hervortretend, ihren Schwestern anschließt - enthält ausschließlich szenische Musik. Der Komponist beschränkt sich auf das "objektive" Geschehen, d.h. den nach und nach schwächer werdenden "Salve Regina"-Gesang der Nonnen, grundiert vom ausschließlich aus Vokalisen bestehenden Chor der Menge, unterbrochen vom zischenden Geräusch des niedersausenden Fallbeils. Die im Hinblick auf die vorausgegangene Handlung bedeutsame Begegnung von Constance und Blanche bleibt dem pantomimischen Spiel vorbehalten. Die Strenge der Darstellung, die der Theatralität des Vorgangs eine geistige Aussage abgewinnt, fügt sich perfekt in den Ideenkontext des Stückes.

Zitate aus: Udo Bermbach (Herausgeber): Oper im 20. Jahrhundert. Entwicklungstendenzen und Komponisten. Stuttgart / Weimar 2000. S. 296. Der Beitrag auf et nunc ist hier zu finden.

1 Kommentar:

Gertie di Sasso hat gesagt…

Ich habe hier eine Aufnahme des Finales der Oper "Dialogue des Carmelites" von 2009 gefunden. http://dashoerendeherz.blogspot.de/2012/07/carmelites-de-compiegne.html