Donnerstag, 25. Juni 2015

Tagesplitter

Keine Ahnung, ob es anderen ähnlich geht - ich selbst lese gerne Tendenztexte aus der Zeit von Das Konzil ... also weniger hochgelehrtes V2-Fachchinesisch jener Tage, sondern eher die damals brühwarm servierte Anwenderplörre fürs Kirchenvolk. Den bereits erwähnten Roman Das Konzil kommt in ein Dorf zähle ich etwa zu diesen literarischen Großtaten, aber auch Zeitungsartikel von Anno und Dunnemal oder den pathosschwangeren Bildband Die Welt aber soll erkennen - also allsamt den Intellekt eher wenig überfordernder Lesekram von recht geringer Halbwertszeit; interessant all das jedoch allzumal, um einen Eindruck zu gewinnen, wie "die" damals so "tickten".
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Der Schweizer konzilsblog.ch liefert heute wieder so eine abgesoffene Perle in Form einiger Zitate von Giacomo Kardinal Lercaro (aus einem Text, der 1965 in der Scheizerischen Kirchenzeitung erschienen war). Lercaro zählte zu den vier Moderatoren in der Konzilsarena, leitete alsbald den "Rat zur Durchführung der Liturgiereform" und verbreitete zuweilen blühenden Unsinn:
In den Widerständen gegen die Liturgiereform sah Lercaro ungenügendes Wissen, "eine Unkenntnis dessen, was Kirche ist", auch eine "Unkenntnis über die Teilnahme des christlichen Laien an der priesterlichen, prophetischen und königlichen Sendung Christi". Zu diesem ungenügenden Wissen geselle sich besonders bei älteren Leuten die Macht der Überlieferung, der Gewohnheit.
Heute wissen die Laien, um das kardinaleske Blabla ein wenig zu kastrier... ähh kontrastieren, natürlich rundum Bescheid, was "Kirche" ist (nämlich irgendwas renitentes "von unten") und halten in Teilnahme ihrer priesterlichen, prophetischen und königlichen Sendung der Fronleichnamsprozession, wie jüngst in München geschehen, kirchenvölkische Protestplakate entgegen ...

Kommentare:

Nepomuk hat gesagt…

Ja, da ist was dran! Ich war vorgestern eingeladen, einen geistlichen Impuls bei einer Andacht zum Thema "Aufblühen" zu halten. Zuvor hatte der vorbereitende Gemeindereferent einige Rosen in unterschiedlichen Wachstumsstadien in die Mitte gelegt und die anwesenden 7 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten kurz ihre Gedanken dazu äußern. Das erste was kam, war: "Bei 'Aufblühen' denke ich an die Zeit des Konzils..." Und dann das Übliche, dass wir neue Formen finden müssten usw. Neben der gähnenden Langeweile die dann bei mir immer aufkommt, frage ich mich: Neue Formen? Für was denn? Warum brauchen wir Formen, wenn wir keine Inhalte mehr haben?

jos.m. betle hat gesagt…

Bin bei dem Text ganz bei Dir. Der besagte konzilsblog ist eine Zumutung für ein streng katholisches Gemüt. Aber es ist auch sehr interessant zu erfahren (oder wieder einmal zu lesen), was damals gesagt und gedacht wurde. Ich weiß ja nicht, wie alt Du bist, aber ich kann mich auch bestens daran erinnern, dass Kardinäle wie Lercaro (...) quasi zu unantastbaren Heiligen dargestellt wurden, die wüssten, wo es lang geht. Solche Leute "mussten" (im Sinne von: es wurde gefordert) wir damals lesen.

Tarquinius hat gesagt…

Ich muss gestehen, einen so guten Magen habe ich nicht, als dass ich diese trübe Brühe auch noch verdauen könnte. Dennoch: Einen Extrapunkt für die "kirchenvölkische Wortbildung"! ;-)

Andreas hat gesagt…

Danke für die Reaktionen! Der Konzilsblog hat heute noch etwas nachgelegt: Morgen mehr dazu.

:-)