Mittwoch, 10. Juni 2015

Seite eins (8)

I.
Heute kam ein seltsamer Besuch zu mir. Ein großer Kerl, der sich angeblich für mich und meine Schwierigkeiten interessierte.
Ich habe den Herrn aber ziemlich von oben herab behandelt. Ich danke Ihnen sehr, lieber Herr, für Ihre freundliche Anteilnahme, aber mein Leben ist wirklich nicht so bedeutend, daß man darüber spricht.
Ja, so sagt man. Und jetzt, wo ich wieder allein bin mit meinem kahlen Zimmer, das so trostlos nach erkalteter Asche riecht, jetzt frage ich mich.
Ich möchte doch ein Tagebuch führen. Vielleicht entdecke ich so, ob mein Leben merkwürdig ist, mein so alltägliches Landleben ...
Warum habe ich den Mann so angefahren?
***
Lächerlicher Beginn für mein Tagebuch - denn es ist ein Tagebuch -. Was für einen Grund habe ich, diesen Versuch zu unternehmen? Ganze drei Wochen habe ich in meinem schönen Heft nicht eine Zeile geschrieben. Vielleicht habe ich das Lächerliche eines so unnatürlichen Unternehmens gefühlt: steckt doch nur ein eigenmächtiges Wollen, wenn nicht gar Stolz dahinter. Ich habe nicht zu wissen, ob mein Leben merkwürdig ist.
Nein. Aber vielleicht brauche ich einen Kameraden. Wie lieb wäre mir in einer meiner Pfarren ein gleichaltriger Freund, der alle meine Sorgen anhört und mir mit seinen Ratschlägen beisteht. Ein jüngerer oder junger Mensch, am liebsten ein einfacher Mensch vom Lande, mit einem freien und offenen Sinn. So kann ich mich auf niemanden verlassen; aber - wer weiß? - vielleicht zwingt mich meine Pflicht, von Einsamkeit umgeben zu sein?
Ich bin ohne den Freund mit den hellen Augen, der es nicht verschmäht hätte, die Freuden und Sorgen eines Landpfarrers zu teilen. So greife ich zu dir, kleines Heft, und erzähle dir meine eintönigen Erlebnisse, die freudigen und traurigen Begebenheiten meiner Erdenfahrt und meines Strebens. Du sollst das Fahrtenbuch meiner Pfarre sein.
Henri Queffélec: Unter leerem Himmel. Roman eines gottlosen Dorfes. [Originaltitel: Les chemins de terre]. Deutsche Übersetzung von Georg Rabuse. Graz - Wien - Köln 1953.

Kommentare:

Brettenbacher hat gesagt…

Sieht ganz danach aus, als würde unsereiner nächstens mal wieder ein Buch lesen

Andreas hat gesagt…

Wir werden doch nicht dem guten Hölderlin untreu werden wollen ...?!? ;-)

Brettenbacher hat gesagt…

Es kann der Hölderlin, was Lektüre angeht, so empfindliche Kutteln nicht gehabt haben. Sonst hät er den quolligen Heinse nicht be-odet
(aber vielleicht hat er ihn trotzdem nicht gelesen).

So, so Magister, wir sollen also, um unseres Seelenheiles willen, besser die Finger von den Dichtern lassen !? Josef Bernhard (dessen "De
Profundis" ist ein großartiges Buch, übrigens) erzählt in einer Erinnerung, es habe ihm ein väterlich-geistlicher Freund geraten, all diese "lutherischen Siechen" überhaupt und gleich garnicht zur Kenntnis zu nehmen.
Und wenn er recht gehabt hätte, der Alte ? Uns quälen die alten Fragen.

Andreas hat gesagt…

Mitnichten rief ich dazu auf! Ich halte ja selbst zuweilen die Nase in Werke, die dem gemeinen Alte-Messe-Molch nicht geheuer sind. Unter unter die Augen kamen mir heute einige Verse Hölderlins an die Madonna.

PS Bernhards "De Profundis" hatte ich auch mal in den Fingern, doch war ich damals zu tumb und törricht und vor allem zu jung, als daß es mich gefangen halten wollte.

Übrigens: Wie gesagt, ich fahre derweilen ganz gern ins Elztal!