Samstag, 9. Mai 2015

Licht über Berlin

Ein kleines Büchlein fiel mir heute in die sammelnde Hand - es enthält Beobachtungen aus dem Alltag, Anmerkungen und Glossen, die der Berliner Großstadt-Seelsorger Carl Sonnenschein (1876 - 1929; ein nicht nur theoretischer Sachwalter der sozialen Frage) für das Berliner Katholische Kirchenblatt verfasst hatte.
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Im Lauf des Tages habe ich ein wenig darin geblättert und sah mich immer wieder überrascht, wie sehr manche Beiträge auch auf unsere Zeit hin transparent werden können: womöglich nicht das schlechteste Lob, das man dem unscheinbaren Bändchen aussprechen möchte. Zu den Texten, die mich besonders angerührt haben, zählt eine Notiz vom 21. Oktober 1928 (der Rausch an elektrischer Illumination, der totale Glaube an das vermeintlich Durchleuchtete hat auch heute Gläubige und Propheten):
Gebet im Licht
Gebet im Licht heißt Gebet um die Tiefe des Lichtes. Dies ist nicht das letzte Licht. Das ozeanhaft auf Straße und Plätze geworfen wird. Das Stein, Kalk, Asphalt umspielt und durchdringt. Berlin in Licht ist nur ein Block dieser Stadt. Hinter ihm steht, immer noch gespenstisch, Berlin im Dunkel. Moabit! Wedding! Plötzensee! Kein Lichtknäuel der AEG zerreißt diese Schatten. Hinter der Eleganz im Licht steht immer noch die Lüge des Innern. Kein "Lichtball" wandelt diese Dunkelheit zur Helle. So ist es Zeit, daß wir über des physischen Lichtes Zauber und Kraft, die wir würdigen, in die Tiefe dringen. So bete ich im Licht um das tiefere Licht. Zu dem Ewigen, der die Vulkane öffnet, der die Sonne entbrannte, der heute, aus den Gründen seiner Natur, dem Menschen den Zugang zu den Abgründen des Elektrons aufriß. Leuchte, brenne, stürme, Licht, um unser Haupt. Aber blende mich nicht gegen das Licht der Tiefe.
Carl Sonnenschein: Notizen aus den Weltstadtbetrachtungen. II. Band. Herausgegeben von Maria Grote. Frankfurt am Main 1951. S. 169.

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