Mittwoch, 27. Mai 2015

Jesus und Mohammed

Beim Scharmützel mittels Kommentaren, von welchem zuletzt die Rede war, ging es unter anderem über den Islam, über Islamkritik und über eine mutmaßliche Affinität unter Muslimen (vielleicht nicht in der Mehrheit, aber immerhin in nennenswerter Zahl), ihren Glauben zuweilen mittels härterer Gangart zum Durchbruch zu verhelfen.
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In diesem Zusammenhang scheint mir beachtenswert, daß kein Stifter einer Weltreligion seine jeweilige Lehre mit dem Schwert in der Hand propagiert hat - mit einer Ausnahme: Mohammed. Dieser flüchtete, nachdem erste Missionsansätze in Mekka erfolglos geblieben waren und Mohammeds Leben darüber hinaus durch die herrschenden Eliten zunehmend in Gefahr geraten war, 622 ins heutige Medina. Von dort aus wurden wiederholt diverse Waffengänge unternommen, die Mohammed nicht nur in der Rolle eines Propheten zeigen, sondern zunehmend auch als politischen Führer und Feldherren. Auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung setzt sich 630 - zwei Jahre vor dem Tod Mohammeds - eine straff organisierte muslimische Armee in Richtung Mekka in Bewegung und erobert die Stadt (unblutig, wohlgemerkt, da kein Widerstand geleistet wird); Mekka wird so zum Zentrum der Religion Mohammeds.
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Soweit ein grober geschichtlicher Abriss; all das läßt sich in der Wikipedia nachlesen. Zwischen den beschriebenen Fakten scheint bereits ein deutlicher Unterschied zwischen den Verhaltensmustern Mohammeds und denen Jesu durch. Mein Widerpart in besagter Debatte - katholischer Theologe - glaubte dies mit einem Hinweis auf die "gewalttätige Tempelreinigung" (Mk 11, 15-17) relativieren zu können; was natürlich weitestgehend Humbug ist, denn dieser Akt läßt sich - auch bei psychologischer Betrachtung - wohl kaum ernsthaft mit organisiertem Kriegshandwerk vergleichen. Methodisch nicht minder fragwürdig war zudem der Versuch, die geschichtlichen Missetaten der Christen in diesen Aspekt irgendwie hineinzumengen.
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Vor allem ist verwunderlich, daß dem Theologen zu dieser Frage außer der "gewalttätigen Tempelreinigung" keine weiteren - und vor allem passenderen - Inhalte aus dem Neuen Testament in den Sinn gekommen sind. Es gibt nämlich derer mindestens drei, in denen Jesus in einem verwandten situativen Kontext (Vertreibung, Lebensbedrohung, Verweigerung der Aufnahme) ganz anders handelt als Mohammed:
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Erstens: Das Schicksal, welches Jesus in Nazareth ereilt, nachdem er der Synagogengemeinde seine Sendung enthüllt hat: "Da wurden alle in der Synagoge, die das hörten, von Zorn erfüllt, standen auf, stießen ihn zur Stadt hinaus und führten ihn bis zum Rande des Berges, an dem ihre Stadt erbaut war, um ihn hinabzustürzen. Er aber schritt mitten durch sie hindurch und ging von dannen" (Lk 4, 28-30).
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Zweitens: Die Antwort Jesu auf das Ansinnen von Jakobus und Johannes, verzehrendes Feuer vom Himmel über ein samaritanisches Dorf herab zu rufen, welches Jesus das Gastrecht verweigerte: "Er aber wandte sich um und verwies es ihnen streng und sprach: Ihr wißt nicht, wessen Geistes ihr seid. Der Menschensohn ist nicht gekommen, Menschenleben zu vernichten, sondern zu retten" (Lk 9 55 f.).
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Drittens: Die Zurückweisungen Jesu beim Versuch, seine Hinrichtung unter Einsatz von Waffen zu verhindern. Stellvertretend für diverse Belege ein weiteres Wort nach Lukas: "Als seine Gefährten sahen, was bevorstand, sagten sie: Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen? Und einer von ihnen schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das rechte Ohr ab. Jesus aber entgegnete: Laß ab! Nicht weiter! Und er berührte das Ohr und heilte ihn" (Lk 22, 52 f.).
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Diese drei Stellen mögen hier reichen, um die deutlich verschiedenen Verhaltensmuster von Jesus und Mohammed in einander verwandten Situationen aufzuzeigen: Jesus organisiert keinen Stoßtrupp, keine Miliz und erst recht keine Armee, um die Feste seiner Gegner zu erobern, seine Verächter zu bekriegen und seiner Lehre zum Durchbruch zu verhelfen, obschon es im brodelnden Palästina der Zeitenwende ein leichtes Unterfangen gewesen wäre. Doch im Gegenteil: Entsprechende Gedanken aus seinem Umfeld werden von Jesus bereits im Ansatz zurückgewiesen. Mohammed hingegen verfolgt bereits zu Lebzeiten diverse Kampftaktiken - vom anfänglichen Einsatz einer Guerilla bis später zum organisierten Heer - und nimmt dabei auch selbst das Schwert in die Hand.
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In religionssoziologischer Betrachtung hielte ich es übrigens für töricht zu glauben, die Verhaltensmuster Mohammeds blieben auf seine Anhänger ohne Wirkung. Sie scheinen sogar eindeutiger als einige Suren des Koran, die deutungsoffener bleiben mögen, aber durch das militante Verhalten Mohammeds eine Richtung im Verständnis gewiesen bekommen. Immerhin ist die gewaltsame Expansion des Islam mit dem Tod seines Stifters längst nicht zu Ende, sondern nimmt erst richtig an Fahrt auf: hundert Jahre sind seit Mohammeds Tod noch nicht verstrichen, als bereits weiteste Teile des Nahen Ostens unter islamischer Herrschaft stehen, derweil Muslime im Mittelmeer Eroberungszüge starten, Konstantinopel belagern, Spanien besetzen und in Frankreich einfallen.
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Ein Wort zuletzt ... daß später auch Christen in die Rolle von Aggressoren geschlüpft sind und zum Schwert gegriffen haben, gehört gewiß zu den traurigsten Kapiteln des Christentums - daran ist nichts zu beschönigen. Im Namen Christi und nach dessen Vorbild konnten Christen in diesem Fall aber niemals handeln. Bei aller Kritik am Islam und an diversen muslimischen Gruppen - auf ein Wort des hl. Gregors des Großen stets horchend, müssen wir uns nicht zuletzt selbst allzeit kritisch im Auge behalten, denn Corruptio optimi pessima: die Verderbnis der Besten ist das Schlimmste überhaupt.

Kommentare:

Der Herr Alipius hat gesagt…

Guter Kommentar!

Tarquinius hat gesagt…

Schließe mich Hochwürden an. Im Nachhinein hätte ich aber nun am liebsten nicht herausgefunden, wo, wie und mit wem die Disputation geführt worden ist ...

Andreas hat gesagt…

Grazie!

Und ... Tarquinius, Du warst jetzt aber nicht spionieren?

Tarquinius hat gesagt…

Spionieren hat so einen unschönen Klang. Ich bevorzuge "herausfinden". ;-) Zumal Kollegin Eugenie entsprechenden Beitrag ja auch verlinkt hat, aber der Übeltäter ist auch ohnehin kein Unbekannter ...

Andreas hat gesagt…

Manchmal frage ich mich, warum man eigentlich darum bittet, vom Übel erlöst zu werden, wenn man dann doch wieder irgendwelche Netzigkeiten beklickt ...