Sonntag, 31. Mai 2015

Grübeleien zur Dreifaltigkeit

Es gebe, so der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber, "kein Ich an sich, sondern nur das Ich des Grundworts Ich-Du und das Ich des Grundworts Ich-Es" - der Mensch existiere in Bezügen zu seiner Umwelt, mag man sagen. So bergen nicht zuletzt alle höheren Eigenschaften des humanum nur dann einen erfüllenden Sinn, wenn sie auf Augenhöhe einem Gegenüber begegnen: Was nützte alle Sprache, könnte man am Ende doch nur Steine bereden? Mehr noch: Wo nur taube und stumme Steine den Weg säumen, wird keine Sprache sich jemals entfalten.
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Kann Vergleichbares auch im Blick auf Gott gesagt werden, von dem wir glauben, er habe den Menschen nach seinem Bild geschaffen? Anders gefragt: Wie ist's um "Gott" bestellt und was wären all die an Gott ins Absolute gewendeten Begriffe (Geist, Größe, Macht, Liebe und so weiter - was immer an Zuschreibungen den Religionen gemeinsam scheint) ... was also wäre all das wert, was von Bedeutung, wenn sich dies alles nicht an einem Gegenüber mitteilend verdeutlichen könnte? Und woran, um weiter zu fragen, soll es sich alsdann verdeutlichen? In einer Schöpfung?
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Das würde Gott von (s)einer Schöpfung abhängig machen, das Wesen Gottes mithin ad absurdum führen: ein abhängiger Gott ist überhaupt kein Gott. Das Gegenüber, das "Du", kann nur in Gott selbst zu finden sein: In der Mehrheit der Hypostasen in einem Wesen - wir bekennen diese Mehrheit in der uns offenbar gemachten Dreizahl: Der Vater, der Sohn, das Pneuma: drei Personen in einem Wesen: ein Gott.
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Das Gegenbeispiel mag die Tragik einer zu eng geführten göttlichen Monokultur veranschaulichen: Das Gottesbild des Islam, dem gerne eine "radikale Transzendenz" zugesprochen wird, ist alles andere als radikal transzendent. Diese eine Person in einem Wesen kann als Gott nur behauptet werden in Abhängigkeit von jenem Geschöpf, das sich vor ihm in den Staub wirft. Ein ihm ur-eigenes Gegenüber besitzt es nicht: "Groß" ist er nur vor einer Schöpfung, die auf ihn reagiert - ohne sie ist er kaum mehr als ein unreflexives Etwas, verloren und einsam im Nichts.

Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

Sehr tiefe Worte. Man könnte noch viel dazu schreiben, aber ich will es mal bei einem Gedanken belassen: Warum sollte sich die Erhabenheit Gottes darin erschöpfen, dass er sich uns so gänzlich entzieht? Die vom Islam verworfene Allgegenwart des Höchsten in seiner Schöpfung lässt letztere erst zum Konkurrenten - oder zum Sklaven werden.
Und schließlich darf Transzendenz auch nicht mit simpler Transparenz verwechselt werden. Der größte Gott kann ganz klein gedacht und gemacht werden, und das scheinen wir dort häufig zu sehen. Der nahe und geheimnisvolle Gott aber bricht immer wieder all unsere Beschränktheit und Bildvorstellungen auf und führt uns dadurch gerade zum Allererhabendsten, statt weg zu einem selbstgemachten Fetisch-Gott ...

Anonym hat gesagt…

"Göttliche Monokultur" - super! :D